Wirtschaft & Entwicklung

Seit Anfang der 90er Jahre befindet sich die Wirtschaft Vietnams in einem Übergangsprozess von einer Plan- zu einer „Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung“. Diese Erneuerungspolitik (Doi Moi) hat in den letzten 20 Jahren bemerkenswerte wirtschaftliche und soziale Erfolge erzielt: Mobilisierung der Privatinitiative, kontinuierlich hohe Wachstumsraten, enorme Exportsteigerungen sowie Reduzierung der Armut. Durch diese Erfolge (konstante Wachstumsrate von über 5%), niedrige Lohnkosten und ein stabiles politisches Umfeld erwarb sich Vietnam in den vergangenen Jahren einen herausragenden Ruf als attraktiver Wirtschaftsstandort, der mit China und Indien verglichen wird.

Geprägt von den Auswirkungen der Finanzkrise und den volatilen Preisen war die Wirtschaftspolitik Vietnams ab 2008 mit neuen Herausforderungen konfrontiert: eine ausufernde Inflation, eine übermäßige Nachfrage nach Importgütern sowie überbewertete Immobilienpreise.

Die Problematik des Handelsdefizits ist aufgrund der unmittelbaren Auslandsabhängigkeit Vietnams nicht leicht zu bewältigen. Weitere Schwierigkeiten betreffen die hohe und immer stärker steigende Staatsverschuldung (durchschnittlich ca. 70% gemessen am BIP) sowie der Druck auf den Vietnamesischen Dong, der mehrmals gegenüber dem Dollar abgewertet wurde. Nach den investitionsschwachen Jahren 2000 bis 2004 stiegen die jährlichen ausländischen Direktinvestitionen 2008 auf 9,6 Mrd. USD an. Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise ging dieser Wert in den Jahren 2009 und 2010 wieder zurück. Die drei Hauptinvestoren sind Südkorea, Japan und Singapur.

2016 betrug das BIP-Wachstum ca. 6,21%. 2017 wurde zwar noch nicht das angestrebte Wachstum von 6,7% erreicht, jedoch hat sich die Lage aufgrund steigender Exporte und zunehmender Investitionen seit dem ersten Quartal wieder verbessert.

Vietnam hat 2010 den Sprung in die Reihe der „middle-income countries“ geschafft (mehr als 1.000 USD Einkommen pro Kopf im Jahr). Die Strukturen sind jedoch immer noch stark landwirtschaftlich geprägt, da diese nur ca. 20% des BIP ausmachen, aber ca. 70% der Bevölkerung noch außerhalb der Städte leben.

Nach wie vor bilden die Staatsunternehmen einen substantiellen Teil der Wirtschaft: Obwohl mindestens ein Viertel dieser Unternehmen rote Zahlen schreibt, erbringen sie 40% des industriellen Outputs und 35% der gesamten Exporte. Inzwischen wurden ca. 3.000 (von insgesamt ca. 6.000) staatseigene Betriebe „equitisiert“ (teilprivatisiert). Betriebe, die in sensitiven Bereichen tätig sind (Verteidigung, Verlagswesen, Eisenbahn u.a.), sollen nach den Plänen der Regierung auch weiterhin zu 100% unter staatlicher Kontrolle sein. Einige Staatsbetriebe, wie das Schiffsbauunternehmens Vinashin, standen in den letzten Jahren vor dem finanziellen Ruin. Staatsbetriebe beanspruchen 70% der nationalen Produktionsmittel, 60% der kommerziellen Bankkredite, 50% des Staatsbudgets und 70% der Mittel aus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Sie bieten jedoch nach Schätzungen nur 5%-9% der Arbeitsplätze in Vietnam. Mittelfristig sind hier Reformen unbedingt notwendig.

In der Land-, Forst und Fischwirtschaft sind 41,9% der Arbeitskräfte beschäftigt; ca. drei Viertel sind davon in der Landwirtschaft tätig. Die Landwirtschaft trug 2016 lediglich 17% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Der Dienstleistungssektor hingegen machte 39% aus, der wachsende Industriesektor war für 44% des BIP verantwortlich. Die Industrie ist in den Sektoren Textilien, Schuhwaren, Stahl, Zement und Automobilmontage stark ausgeprägt. Im Dienstleistungssektor nimmt insbesondere der Tourismus rasch an Bedeutung zu. Dienstleistungen werden vielfach auch von der offiziell nicht erfassten Schattenwirtschaft (informeller Sektor) erbracht.

Trotz des WTO-Beitritts und Reformen in der öffentlichen Verwaltung sehen sich ausländische Geschäftstreibende in Vietnam auch weiterhin mit vielen bürokratischen Hürden konfrontiert: zeitraubende Prozeduren bei Betriebsgründungen, die mangelnde Exekution von Gesetzen auf lokaler und regionaler Ebene, Schwierigkeiten bei Neueinstellungen und Entlassungen von Personal und mangelnde Information und Kenntnis über Kreditmöglichkeiten. 2007 lancierte Vietnam das nationale „Projekt 30“ zur Verwaltungsreform. In dessen Rahmen sollen Verwaltungsvorschriften und -verfahren, die die wirtschaftliche Dynamik hemmen, um 30% reduziert werden. Ein weiterer Schritt in Richtung Liberalisierung der Handelsgesetze erfolgte am 01.01.2009: Ausländischen Unternehmen ist es seitdem erlaubt ihre Ware selbstständig, ohne Heranziehung eines vietnamesischen Partners, zu vertreiben.

Wirtschaftsbeziehungen mit Österreich

2011 durchbrachen die österreichischen Exporte nach Vietnam die 100 Mio. EUR – Marke. Insgesamt konnten die Ausfuhren um 11,1% auf 103,2 Mio. EUR gesteigert werden. Auffällig ist dabei, dass dieses positive Ergebnis hauptsächlich den ersten zwei Quartalen zuzuschreiben ist (1. Q.: +63,5%, 2. Q.: +76,6%), während das dritte und das vierte Quartal Stagnation bzw. Rückgänge im Vergleich zu den Vorjahresquartalen verzeichnen (3 Q.: 0,2%, 4.Q.: -25,6%). Einer der Gründe dafür liegt in den unregelmäßigen Lieferungen im Projektbereich, in dem einige Projektlieferungen über Drittländer erfolgen und daher nicht in die offiziellen bilateralen Handelszahlen einfließen. Daher ist der de-facto Umfang der österreichischen Exporte um einiges höher anzusetzen.

Österreich unterstützt Vietnam mit geförderten Krediten (Soft Loans)

1998 erklärte Österreich nach einem Treffen zwischen Vertretern des österreichischen Bundesministeriums für Finanzen und des vietnamesischen Ministeriums für Planung und Investitionen seine Bereitschaft, Vietnam geförderte Kredite („soft loans“) zur Durchführung von Wirtschaftsprojekten in Vietnam unter Beteiligung österreichischer Firmen zu gewähren. Das Förderelement im Rahmen dieser Kredite ergibt sich durch niedrige Zinsen oder den gänzlichen Verzicht auf Zinsen, lange Laufzeiten sowie in der Variante „mixed credit“ zusätzlich dadurch, dass 15% des zu finanzierenden Projektwertes bzw. maximal 1,5 Mio. EUR als nicht rückzahlbare Schenkung gewährt werden. Der Schenkungsanteil dieser Kredite beträgt 35% und gilt nach OECD-Kriterien als Entwicklungshilfeleistung (Official Development Assistance, ODA). Soft Loans Projekte können nach OECD-Kriterien in Wirtschaftssektoren durchgeführt werden, die für die gesamtwirtschaftliche und soziale Entwicklung des Empfängerlandes von besonderer Bedeutung sind wie Verkehr und Infrastruktur, Medizintechnik und Gesundheitswesen, Feuerwehrtechnik, Ausbildung und Umwelttechnik.

Vietnam zählt zu einem der Hauptempfänger für Soft-Loan- Auszahlungen (2015 wurden EUR 21,3 Mio. für Projekte ausbezahlt). Seit 2000 wurden Soft-Loan Geschäfte im Umfang von 217 Mio. Euro erfolgreich abgewickelt. Die ODA-Komponente dieser Projekte betrug für dieselbe Periode 76 Mio. EUR. Seit 2010 kam es zu einer Verlangsamung hinsichtlich der Bereitschaft zum Abschluss neuer Projekte durch die vietnamesische Seite. Grund war offenbar die Besorgnis auf vietnamesischer Seite, über Inflation, Staatsverschuldung und allgemeines Handelsbilanzdefizit, das sie zu Drosselungsmaßnahmen bei neuen Staatsausgaben veranlasst. Siehe auch unter EZA.

Besondere Exportchancen

Die vietnamesische Regierung ist gegenwärtig bestrebt, die lokale Infrastruktur in allen Bereichen zu verbessern und nutzt dabei das Know-how und die Leistungen ausländischer Investoren. So sollen der Bau neuer See- und Flughäfen sowie der Ausbau und die Modernisierung des Straßen- und Eisenbahnnetzes bis 2020 die Infrastruktur erheblich stärken, um den Aufschwung Vietnams weiterhin zu fördern. Auch die Versorgungsinfrastruktur soll weiter ausgebaut werden. Damit verbunden steht die Errichtung zahlreicher Kraftwerke, Stahlfabriken und petrochemischer Anlagen ebenso auf dem Plan wie die Entwicklung ganzer Stadtviertel. Im Verkehrssektor sollen in den kommenden Jahren neben Hoch- bzw. U-Bahnen in Ho Chi Minh City und Hanoi auch die bestehenden Eisenbahnstrecken sowie das Straßennetz massiv ausgebaut werden. Zusätzlich werden die Kommunikationsinfrastruktur, insbesondere im Bereich der öffentlichen Sicherheit und die Gesundheitsinfrastruktur, laufend verbessert. Für österreichische Unternehmen im Infrastruktur-, Gesundheits- und Kommunikationsbereich ergeben sich dadurch ausgezeichnete Geschäftschancen. Großes Interesse besteht von vietnamesischer Seite außerdem an österreichischen Projekten im Ausbildungssektor. Auch im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes ergeben sich vor allem für österreichische Anlagenbauer Geschäftschancen. Zudem zeigt Vietnam im Energiewirtschaftssektor ein großes Potential für den Ausbau v. a. von Hydroenergie, andererseits auch einen Bedarf an Effizienzsteigerung seines Energieverbrauchs.

Bilaterale Kontakte im Wirtschaftsbereich

Von 6. März 2017 bis 9. März 2017 fand die 9. Tagung der Gemischten Kommission Österreich-Vietnam über Handel und Wirtschaftszusammenarbeit in Hanoi und in der Provinz Quang Ninh statt. Die Leitung der Delegation übernahm Vizeministerin Bernadette Marianne Gierlinger.

Der ehemalige Bundespräsident Dr. Heinz Fischer reiste vom 29.-31. Mai 2012 zu einem Staatsbesuch nach Vietnam. Teil der österreichischen Delegation war auch eine Gruppe österreichischer Firmenvertreter unter der Leitung von Wirtschaftskammerpräsident Dr. Christoph Leitl. Sowohl in Hanoi als auch in Ho Chi Minh City wurden dabei Kontakte zwischen den österreichischen Firmen und vietnamesischen Geschäftspartnern geknüpft. In Ho Chi Minh City fand zu diesem Zweck auch ein hochrangiges Wirtschaftsforum statt.

Außerdem sind österreichische Unternehmen regelmäßig über spezielle Präsentationsveranstaltungen und Messebeteiligungen, welche vom zuständigen AußenwirtschaftsCenter Bangkok der Außenwirtschaft Österreich (Wirtschaftskammer Österreich) realisiert werden, präsent.

Weitere Auskünfte über wirtschaftliche Chancen für österreichische Wirtschaftstreibende in Vietnam erteilt:

Das AußenwirtschaftsCenter Bangkok, zuständig für Thailand, Vietnam, Myanmar, Kambodscha und Laos.

Das AußenwirtschaftsCenter hat zwei Marketingbüros in Vietnam, eines in Hanoi und ein weiteres in Ho Chi Minh City.

 

AußenwirtschaftsCenter Bangkok

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