Äthiopien - Historischer Überblick
Das Reich von Aksum
Äthiopien kann ohne Zweifel als eine der Wiegen der Menschheit bezeichnet werden: Fossile Funde menschlicher Überreste, die im Awash-Tal entdeckt wurden, werden auf ein Alter von ungefähr drei Millionen Jahren datiert. 1994 gefundene Fossilien werden sogar auf über vier Millionen Jahre geschätzt. Weitere Funde belegen, dass das Land seitdem ununterbrochen bewohnt war.
Während des 1. Jahrtausends v. Chr. überquerten Semitenstämme aus Saba das Rote Meer und unterwarfen das Volk der Hamiten an der Küste jenes Gebiets, das später das Äthiopische Reich werden sollte. Im 2. Jahrhundert v. Chr. gründeten die siegreichen Semiten das Königreich von Aksum, das von der Dynastie der Solomoniden regiert wurde, die für sich in Anspruch nahmen, direkte Nachfahren der Königin von Saba und des biblischen Königs Salomon zu sein. Die Könige von Aksum erklärten im 4. Jahrhundert das Christentum zur Staatsreligion, doch im 7. Jahrhundert begann ein langsamer Niedergang, als sassanidische Perser den Jemen und das byzantinische Ägypten eroberten, wodurch die traditionellen Handelsrouten der Aksumiden im Roten Meer unterbrochen wurden. In der Folge wurden die Solomoniden im 10. Jahrhundert von der Sagwe-Dynastie, der herrschenden Familie in der Region Last im zentralen Hochland, vorübergehend abgelöst. Ab etwa 1260 gelang es den Solomoniden, ihre Herrschaft über einen Großteil Äthiopiens wieder zurückzuerobern, obwohl muslimische Volksgruppen die Kontrolle über die Küstenregion und den Südosten behielten.
Der Schwerpunkt des Reiches wurde nach Gondar verlagert, heilige Stadt und Krönungsort blieb aber Aksum. In den Jahren 1434 bis 1468 wurde die Verwaltung der äthiopischen Kirche reformiert, die durch verschiedene innerkirchliche Gruppierungen zersplittert worden war, und religiöse Doktrinen wurden schriftlich festgehalten. Etwa zur selben Zeit entstand ein politisches System, das bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts andauerte. Es war durch die absolutistische Herrschaft eines Monarchen mit dem Titel Negusse Negest (König der Könige) gekennzeichnet, der den Dienst im Militär und den Zehnten der Ernte dafür verlangte, dass er den Menschen Landbesitz gewährte.
Als muslimische Truppen aus Harar ab 1527 in Äthiopien einfielen, bat der Kaiser, wie der Herrscher inzwischen genannt wurde, die Portugiesen um Unterstützung. Mit ihrer Hilfe besiegten die Äthiopier die Eindringlinge 1543. Jesuitische Missionare kamen 1557 nach Äthiopien, aber ihre beharrlichen Versuche, die äthiopischen Kaiser von der orthodoxen Kirche zum römisch-katholischen Glauben zu bekehren, führten zu einem Kampf der Anhänger der Orthodoxen und den teilweise zum Katholizismus übergetretenen Kaisern. 1632 bestieg Fasiladas den Kaiserthron und verfügte die Vetreibung aller Jesuiten und katholischen Missionare, um dem Land weiteres Blutvergießen zu ersparen. Für die nächsten 200 Jahre folgte Äthiopien einem selbstgewählten Isolationismus.
Gondar und Zemene Mesafint
Es folgte eine kulturelle Blütezeit, nach der damaligen Hauptstadt auch Gondar-Periode genannt. Politisch gesehen konnten die Kaiser aber die reale Macht, die der Adel im Kampf gegen die aus dem Süden heranströmenden Oromo an sich gerissen hatte, nicht mehr für sich zurückgewinnen. Nach 1769 exisitierte das Kaiserreich nur mehr formell, es folgte eine Epoche, die die Äthiopier Zemene Mesafint, die Ära der Prinzen, nennen. Verschiedene Fürsten regierten in ihren Besitztümern feudal und absolut, die Kaiser waren meist nur Marionetten der konkurrierenden lokalen Herrscher.
Die Wiedererrichtung des Kaiserreiches
Die einzige zusammenhaltende Kraft war in dieser Zeit die äthiopische Kirche. Mit Unterstützung der Kirchenobersten erklärte sich der aus dem Nordwesten stammende Ras Kasa nach Siegen über mehrere Regionalherrscher 1855 selbst zum Kaiser Twodoros II. Twodoros wollte einen starken äthiopischen Zentralstaat errichten, was ihm die erbitterte Feindschaft der anderen Lokalfürsten einbrachte. Er schuf eine stehende Armee, und wollte die Kirche reformieren. In seinem Kampf gegen Schoa inhaftierte er auch den damaligen Prinzen Menelik, später selbst Kaiser, der aber fliehen konnte und den Widerstand gegen Twodoros organisierte. Um die Unabhängigkeit Äthiopiens gegenüber den aufstrebenden europäischen Kolonialinteressen zu sichern, suchte der Kaiser die Unterstützung Großbritanniens. Unzufrieden mit seinen britischen Beratern , nahm er diese kurzerhand als Geiseln. 1868 wurde eine britische Expedition nach Äthiopien geschickt, um diese Geiseln zu befreien. Die britische Strafexpedition stürmte seinen Rückzugsort, und Twodoros beging Selbstmord, um nicht in Gefangenschaft zu gelangen. Nach einem vier Jahre dauernden Kampf um den Thron siegte schließlich mit britischer Hilfe Dejaz Kassai, der Gouverneur der Provinz Tigre, und wurde zum Kaiser Johannes IV. gekrönt.
In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts war Ägypten die größte Bedrohung des Äthiopens, das immer noch wenig mehr als eine Verbindung halbunabhängiger Staaten war. 1875 gewährte Khedive Ismail Pascha dem muslimischen Herrscher von Harar ägyptischen Schutz und startete einen Angriff auf Äthiopien. Zwar konnte die ägyptische Invasion erfolgreich abgewehrt werden, aber die Besetzung des Roten Meeres und somalischer Häfen durch Ägypten hielt an. Johannes IV. wurde bei einem Verteidigungsfeldzug gegen die Sudanesen 1889 an der westlichen Grenze getötet. Ihm folgte Menelik II. auf den Thron, der nunmehrige König von Schoa, ehemals der Gefangene von Kaiser Twodoros. Der neue Kaiser machte Addis Abeba ( Die neue Blume) zur Hauptstadt und vereinte endgültig die Provinzen Tigre und Amhara mit seinem eigenen Königreich .
Mit der Eröffnung des Suezkanals 1869 wurde die Küste des Roten Meeres auch für europäische Mächte als Kolonialgebiet zunehmend interessant. Italien konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf Äthiopien; 1872 nahm es Assab ein, und 1885 Massaua. 1889 unterzeichneten Menelik und die Italiener den Vertrag von Utschalli. Der Vertrag sollte eine Vereinbarung der Freundschaft und gegenseitigen Zusammenarbeit sein, wurde aber von Italien zu dem Versuch benutzt, ganz Äthiopien zu einem Protektorat zu machen. 1895 brach ein Krieg zwischen den beiden Ländern aus, und die italienischen Truppen wurden im folgenden Jahr bei Adua entscheidend besiegt. Italien wurde gezwungen, die Unabhängigkeit Äthiopiens sowie die Reichsgrenzen Kaiser Meneliks, die den Grenzen des heutigen Äthiopiens entsprachen, anzuerkennen. Meneliks Nachfolger, Kaiser Lij Iyasu (1913-1916), wurde zugunsten seiner Tante entmachtet, die zur Kaiserin Zauditu gekrönt wurde.
Äthiopien unter Kaiser Haile Selassie I.
Tafari Makonnen, ihr Cousin, wurde zu ihrem direkten Nachfolger ernannt; er folgte ihr 1930 als Haile Selassie I. auf den Thron. Im gleichen Jahr wurde Äthiopien Mitglied des Völkerbundes, die internationale Anerkennung der Unabhängkeit Äthiopiens war nun endgültig. 1931 gab der Kaiser dem Land eine oktroyierte Verfassung, die ihm die Beibehaltung absoluter Macht sicherte. Äthiopien blieb weiterhin ein vollkommen feudal organisierter Staat. Gleichzeitig war Haile Selassie der Modernisierung seines Landes gegenüber sehr aufgeschlossen. Er gründete die äthiopische Nationalbank sowie zahlreiche Schulen und förderte das Studium junger Äthiopier im Ausland.
Nach dem Sieg der italienischen Faschisten und dem Aufstieg Benito Mussolinis erwachte das italienische Interesse an Äthiopien erneut, und im Oktober 1935 marschierte Italien in Äthiopien ein. Der Völkerbund erkärte Italien zwar zum Aggressor, es gelang ihm aber nicht, den Eroberungsfeldzug durch Sanktionen gegenüber Italien aufzuhalten, auch wurde der Suezkanal nicht für italienische Schiffe gesperrt. Mussolini hatte angeordnet, den Widerstand der Äthiopier "mit allen Mitteln" zu brechen, Addis Abeba fiel in die Hände der Invasoren, und im Mai 1936 rief Mussolini Italiens König Viktor Emanuel III. zum Kaiser von Äthiopien aus. Haile Selassie wurde gezwungen, das Land zu verlassen und nach England ins Exil zu gehen; er kam jedoch 1941 mit Hilfe britischer und äthiopischer Streitkräfte erneut an die Macht und kehrte nach Äthiopien zurück.
Gemäß den Bedingungen des Friedensvertrags der Alliierten mit Italien, der 1947 unterzeichnet wurde, sollte innerhalb eines Jahres eine Vereinbarung über das Schicksal der ehemaligen italienischen Kolonien Eritrea, Italienisch-Somaliland und Libyen getroffen werden. Falls dies nicht gelänge, sollten die Vereinten Nationen (UNO) eine Entscheidung treffen. Die UNO-Generalversammlung stimmte schließlich für eine Föderation von Eritrea und Äthiopien, die im September 1952 effektiv wurde.
Nach Realisierung der Föderation beschnitt Haile Selassie zunehmend Eritreas Autonomie, bis es 1962 zu einer Provinz Äthiopiens erklärt wurde. Dies führte zur Formierung einer nationalen Widerstandsbewegung, der Eritreischen Befreiungsfront, und es begann ein militärischer Konflikt, der mit ein Grund dafür war, dass das Kaiserreich gestürzt wurde.
1955 gab Haile Selassie eine überarbeitete Verfassung heraus, ein vergeblicher Versuch, das Land ins 20. Jahrhundert zu führen. Die neue Verfassung verlieh dem Parlament bestimmte eingeschränkte Befugnisse, aber progressive Kräfte im Land hielten die Reformen für unzureichend. Nach einem erfolglosen Versuch von Mitgliedern der kaiserlichen Wache, Haile Selassie im Dezember 1960 zu stürzen, verstärkte der Kaiser seine Bemühungen, die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben und soziale Reformen durchzusetzen. In den sechziger Jahren konzentrierte sich Haile Selassie zunehmend auf die Außenpolitik. 1963 spielte er eine führende Rolle bei der Gründung der OAU (Organization of African Unity: Organisation der Afrikanischen Einheit) in Addis Abeba.
Im folgenden Jahr kulminierte ein lange schwelender Grenzkonflikt zwischen Äthiopien und Somalia in einer kriegerischen Auseinandersetzung. Ein im März geschlossener Waffenstillstand führte zur Errichtung einer entmilitarisierten Zone entlang der Grenze, aber die Feindseligkeiten flammten von Zeit zu Zeit wieder auf. 1965 kam es zu einem Konflikt mit dem Sudan, dem Äthiopien vorwarf, die Unabhängigkeitsbestrebungen Eritreas zu unterstützen. Der Konflikt verstärkte sich, als 7 000 Eritreer 1967 wegen äthiopischer Repressalien aus dem Land fliehen mussten. Im Dezember 1970 erklärte die Regierung in Teilen Eritreas den Ausnahmezustand, was die Kämpfe jedoch nicht beenden konnte. Bei verstärktem außenpolitischen Engagement ignorierte der Kaiser weiterhin die innenpolitischen Probleme seines eigenen Landes: die eklatante Ungleichheit bei der Verteilung des Wohlstandes, die mangelhafte Entwicklung der ländlichen Gegenden, die Korruption in der Regierung, die hohe Inflationsrate, die Arbeitslosigkeit und die Auswirkungen der schweren Dürren und Hungersnöte im Norden zwischen 1972 und 1975.
Die Revolution und der DERG
Im Februar 1974 begannen Studenten, Arbeiter und Soldaten eine Reihe von Streiks und Demonstrationen, im Juni formierte sich der DERG (amharisch für Rat), der erstmals alle Sparten der Streitkräfte im Widerstand gegen das imperiale Regime vereinte. Der DERG versuchte erfolgreich, Schritt für Schritt revolutionäre Veränderungen herbeizuführen, gab aber nach außen hin vor, loyal zum Kaiser zu sein. Erst am 12. September 1974 hatte sich die Macht des DERG soweit etabliert, dass er es wagte, den Kaiser offiziell abzusetzen, nachdem das feudal beherrschte Parlament eine Verfassungsreform abgelehnt hatte. Der PMAC (Provisional Military Administrative Council: Provisorischer Militärischer Verwaltungsrat), wurde vom DERG eingerichtet, um offiziell die Regieung zu übernehmen. Schon kurz nach der Machtübernahme erklärte der DERG sein Ziel des Ye-Itiopia Hibretesebawinet, des äthiopischen Sozialismus. 1975 setzte der DERG eine radikale Landreform durch, wodurch das gesamte Land verstaatlicht und die Feudalherrschaft beendet wurden.
Die Bauern wurden gezwungen, Produktionsgenossenschaften zu gründen, die zumindest 800 Hektar umfassen sollten. Bald wurden auch alle Banken, die Industrie und sogar Privathäuser verstaatlicht, die städtische Bevölkerung fortan in Kebeles organisiert. 1976 bis 1977 entwickelte sich Oberstleutnant Mengistu Haile Mariam zur wichtigsten politischen Figur des Landes. Im Frühjahr 1977 wurde seine Position gefestigt, als mehrere seiner möglichen Widersacher während eines Machtkampfes innerhalb des PMAC getötet wurden. Mengistus Regime wurde weiterhin von Studenten kritisiert, ebenso von der gegen die Herrschaft des Militärs gerichteten EPRP, die Anschläge auf führende DERG- Mitglieder unternahm (Weißer Terror) .
Der im Gegenzug folgende Rote Terror bis 1978 kostete Tausenden Menschen das Leben, als der DERG systematisch daran ging, jede Opposition im Land auszulöschen . Im gleichen Jahr 1977 kam es zu separatistischen Bewegungen in der Ogaden-Region im Südwesten Äthiopiens und in Eritrea. Im Ogaden versuchten die Bewohner, das weitgehend unwirtliche Land mit dem angrenzenden Somalia zu vereinen. Mitte 1977 eskalierte der Konflikt, und mit der Unterstützung Somalias gewannen die Separatisten die Kontrolle über den größten Teil des Ogaden. Die äthiopische Regierung erhielt daraufhin massive militärische Hilfe, u. a. durch Truppen aus Kuba und Berater aus der Sowjetunion, die es dem Land ermöglichten, gegen die Rebellen vorzugehen. Der Widerstand hielt sich jedoch hartnäckig. Zur gleichen Zeit flammte Widerstand in Eritrea und in der Provinz Tigre auf, und trotz der intensiven militärischen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und einer Armee, die in ihren besten Zeiten 400.000 Mann umfasste, gelang es dem DERG und Mengistu nicht, den Widerstand der Rebellen zu brechen.
1987 kontrollierten die Widerstandsbewegungen in Eritrea und Tigre bereits 90% der beiden Provinzen. Um den Wünschen des damaligen Ostblocks nach der Etablierung eines Sozialismus sowjetischer Spielart entgegen zu kommen, und um die Unterstützung seiner Verbündeten nicht zu verlieren, erklärte Mengistu Äthiopien im September 1984 offiziell zu einem kommunistischen Staat. Mengistu wurde Generalsekretär der neu gegründeten Arbeiterpartei. 1987 änderte das Land seinen Namen auf Demokratische Volksrepublik Äthiopien und gab sich eine kommunistisch orientierte Verfassung. In der Zwischenzeit wurde das Programm der Regierung, mit dem die Armut bekämpft und das wirtschaftliche Wachstum gefördert werden sollte, durch immer wiederkehrende Dürren und Hungersnöte, wie die von 1984, hinausgezögert. Die Regierungsprogramme zur Umsiedlung der Bevölkerung, die allgemeine Unsicherheit und der sich hinziehende Bürgerkrieg erschwerten die internationalen Bemühungen während der achtziger Jahre, das Not leidende Land mit Nahrung und medizinischer Hilfe zu versorgen.
Zu Beginn der neunziger Jahre führten die Umwälzungen in den Ostblockstaaten und die daraus resultierende Verringerung der sowjetischen Hilfslieferungen zu einer weiteren Destabilisierung des Mengistu-Regimes. Zwei verbündete Rebellenbewegungen, die Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front (EPRDF) und die separatistische Eritrean People’s Liberation Front (EPLF) brachten 1990 die nördlichen Provinzen unter ihre Kontrolle. Im Mai 1991 floh Mengistu nach Zimbabwe. Nach Friedensverhandlungen, die von den USA initiiert worden waren, marschierte die EPRDF in Addis Abeba ein. Ohne auf Widerstand zu stoßen, wurde eine nationale Übergangsregierung eingerichtet. Unter der Präsidentschaft von Meles Zenawi wurde mit dem Wiederaufbau des Landes begonnen. Aufkommende ethnische Spannungen, vor allem zwischen den Tigre und den Oromo, verhinderten 1992 die ersten Kommunalwahlen. In Eritrea errichtete die EPLF eine Übergangsregierung.
Nach der bereits 1993 erfolgten Abspaltung erklärte Eritrea seine Unabhängigkeit, und Äthiopien erkannte den neuen Staat an. Im August 1995 wurde Negasso Gidada vom Parlament zum neuen äthiopischen Staatspräsidenten gewählt.
Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea
Im Herbst 1997 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Äthiopien und Eritrea zusehends, als Eritrea den äthiopischen Birr abschaffte und eine eigene Währung einführte. Im Mai 1998 drohte sich der äthiopisch-eritreische Konflikt zu einem offenen Grenzkrieg auszuweiten; beide Seiten warfen sich gegenseitig Grenzverletzungen vor und zogen Truppen in dem umstrittenen Grenzgebiet zusammen. Bei den ab Mai 1998 folgenden Kämpfen wurden etwa 300.000 Menschen vertrieben. Die USA, die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) und Uganda bemühten sich um Vermittlung.
Ende 1998 schien der Konflikt beendet. Anfang Februar 1999 kam es an der Grenze zwischen Äthiopien und Eritrea aber zu erneuten Kämpfen. Auslöser waren Streitigkeiten um ein rund 400 Quadratkilometer großes Grenzgebiet bei Badme in der Tsorona-Region - 100 Kilometer südöstlich der eritreischen Hauptstadt Asmara -, das eritreische Truppen im August 1998 besetzt hatten. Auch um Assab, eine eritreische Hafenstadt 500 Kilometer südöstlich von Asmara, wurde gekämpft.
Nach Wiedereroberung von Badme erklärte die äthiopische Regierung den Sieg ihrer Streitkräfte im Grenzkrieg. Die Regierung Eritreas akzeptierte im März 1999 die Bedingungen des von der OAU entworfenen Friedensplans und erklärte, die eritreischen Truppen aus allen strittigen Gebieten zurückziehen zu wollen. Nach einigen Monaten relativer Ruhe flammte der bewaffnete Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea im Februar 2000 wieder auf. Im Mai verstärkten äthiopische Truppen ihre militärische Offensive und drangen bis weit in eritreisches Staatsgebiet vor.
Die Außenminister beider Staaten unterzeichneten am 18. Juni 2000 ein durch Vermittlung der OAU entstandenes Waffenstillstandsabkommen. Neben dem Rückzug der äthiopischen Truppen sieht das Abkommen die Entsendung von Friedenstruppen der Vereinten Nationen zur Einrichtung und Sicherung einer entmilitarisierten Zone im Grenzgebiet beider Staaten vor. Am 12. Dezember 2000 unterzeichneten Regierungsvertreter von Äthiopien und Eritrea in Algier einen Friedensvertrag, in dem auch Details zur Stationierung von 4.200 UNO-Soldaten geklärt wurden.
Im April 2001 wurde auf Veranlassung der Vereinten Nationen eine an Äthiopien grenzende, aber ganz auf eritreischem Gebiet gelegene, Sicherheitszone eingerichtet. Mittelfristiges Ziel ist die Rückkehr der aus diesem Gebiet vertriebenen Zivilbevölkerung. Eine genaue Festlegung des Verlaufs der etwa 1.000 Kilometer langen Grenze zwischen beiden Staaten erfolgte im April 2002 durch ein internationales Schiedsgericht. Mit der Demarkierung der Grenze zu Eritrea wurde jedoch - wegen Meinungsverschiedenheiten über die zu wählende Vorgangsweise - bis heute nicht begonnen.
Am 15. Mai 2005 fanden in Äthiopien Parlaments- und Regionalwahlen statt. (Ausgenommen ist die Region Somalia, in der am 21. September 2005 gewählt wurde). Das am 5. September 2005 veröffentlichte Wahlergebnis weist die regierende EPRDF als Siegerin aus. Die Opposition errang große Stimmenzuwächse und vervielfachte ihre Parlamentssitze von bisher 13 auf 174. Die Eröffnung des Parlaments ist für den 10. Oktober 2005 vorgesehen. Die Stadtregion Addis Abeba wird in der kommenden Legislaturperiode von einem Bürgermeister der oppositionellen CUDP regiert werden.
