Task Force "Dialog der Kulturen"

Österreichische Dialogtradition und Schwerpunkte

Als wichtige Meilensteine in der österreichischen Dialogtradition können die Initiativen des ehemaligen Außenministers Alois Mock in den 1990er Jahren angesehen werden. Annäherung und Austausch der großen Weltreligionen wurde durch Veranstaltungen auf bilateraler und multilateraler Ebene gefördert. Genannt seien Veranstaltungen des Religionstheologischen Instituts der Theologischen Hochschule St. Gabriel, wie die "International Christian-Islamic Conference", die unter dem Titel "Friede für die Menschheit" (1993) und "Eine Welt für alle" (1997) abgehalten wurden sowie den alle drei Jahre in Teheran oder Wien abgehaltenen Runden Tisch (zuletzt "Friede, Gerechtigkeit und ihre Bedrohungen in der heutigen Welt", Februar 2003 in Teheran).

Um den interkulturellen Dialog als soft power tool, das in der internationalen Diplomatie zunehmend an Bedeutung gewinnt, weiter zu stärken, wurde unter Bundesministerin Ursula Plassnik im Juli 2007 die Task Force „Dialog der Kulturen“ gegründet. Ins Zentrum rückte somit die Intensivierung des Dialogs und die Entwicklung, Unterstützung und Umsetzung von nationalen und internationalen Initiativen.

Ziel des interkulturellen Dialogs ist es, die Verständigung zu fördern. Der Stärkung des innergesellschaftlichen Pluralismus und dem Abbau von Klischees und Feindbildern - in Österreich, Europa, genauso wie in muslimisch geprägten Gesellschaften - kommt dabei eine ebenso wichtige Rolle zu. Daher darf der Dialog Auseinandersetzungen nicht scheuen, muss auch streitbar sein können, um Komplexität verständlich und differenzierte Wahrnehmung möglich zu machen. Für unverzichtbar gilt in diesem Zusammenhang der Verweis auf die universelle Geltung von Menschenrechten und Grundfreiheiten.

Zentrale Aspekte in der Konzipierung und Umsetzung von Dialoginitiativen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Politische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Dialogprojekte richten sich vor allem an muslimisch geprägte Länder (inkl. deren nicht-muslimische Bevölkerung) und an MuslimInnen und muslimische Gemeinden in Österreich und Europa.
  • Einbezug von Interessensgruppen, wie der Zivilgesellschaft, der Bevölkerung außerhalb von Metropolen und eines Publikums, das von konventionellen Dialogforen nicht berücksichtigt wird und nicht bereits "westlich" orientiert ist;
  • Konkrete soziale und politische Herausforderungen lösungsorientiert und praxisbezogen angehen und die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren (inkl. Medien) fördern;
  • Dialog als wichtiger Teil der innergesellschaftlichen, regionalen und globalen Konfliktprävention, des Konfliktmanagements und des Friedensaufbaus, bezieht damit auch Aspekte der EZA ein.
  • Stärkung von Frauen in der Gesellschaft und Einbeziehung der jungen Generation (bzw. Multiplikatoren).
  • Kooperationen mit Schlüsselpartnern auf nationaler und internationaler Ebene um bestehende Netzwerke zu stärken und weiter auszubauen.
  • Regionale Schwerpunkte: Mittelmeerraum und Naher Osten, der Balkan, die Türkei und der Islam in Europa.

Diese Schwerpunktsetzung wird durch eine Kombination von Förderungsarten umgesetzt: Eigenprojekte und Fremdprojekte. Zusätzlich widmet sich das Team aktiv dem Ausbau des Netzwerks von Dialogpartnern und Experten. Die Bereitstellung von Informationen und der Kontaktaufbau zu Dialog-relevanten Schlüsselpartnern, sowie Förderungsinstitutionen und Stiftungen durch Vertretungsbehörden soll gefördert werden.

Der Islam in Europa - Chancen und Herausforderungen

Das Verhältnis von westlichen, europäischen und islamisch geprägten Gesellschaften wurde von Konflikten und Missverständnissen ebenso geprägt wie von guten Beziehungen und fruchtbarer Zusammenarbeit, die beide Seiten bereichert haben. Globale und regionale politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen haben in den letzten Jahren das Verhältnis jedoch auf einigen Ebenen grundsätzlich und nachhaltig getrübt. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken gewinnt der Dialog mit dem Islam immer mehr an Bedeutung.

Die zentrale Rolle des Islams lässt sich aus dessen langer Geschichte in Europa ableiten, der seit dem 8. Jahrhundert in Europa (vor allem in Spanien, Sizilien) präsent ist.

Bereits 1878 im Zuge der Berliner Konferenz sah sich die Österreich-Ungarische Monarchie mit den Herausforderungen und Chancen einer großen muslimischen Bevölkerungsgruppe konfrontiert. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, schufen die Verantwortlichen den notwendigen gesetzlichen Rahmen, der sowohl Rechte als auch Pflichten definierte und damit schützte. So wurde schon 1912 der Islam als offizielle Religion in Österreich anerkannt und das Grundrecht der Religionsfreiheit – in seiner individuellen, kollektiven und korporativen Ausprägung - weiter verfestigt. Mit der Anerkennung, gingen auch die Etablierung einer unabhängigen Verwaltung interner Angelegenheiten, die heutige Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), und das Recht der muslimischen Gemeinschaft auf Religionsunterricht einher. Vor diesem Hintergrund kann der Islam auf europäischem und österreichischem Boden auch als autochthone Religion angesehen werden.

Mit schätzungsweise 500.000 Personen islamischen Glaubens, stellt der Islam die heute zweitgrößte Religion in Österreich dar. Die muslimische Glaubensgemeinschaft verzeichnete in den letzten Jahren einen bedeutsamen Zuwachs – ein Zuwachs, der weitaus mehr auf Geburten als auf Zuwanderung zurückzuführen ist.

Diese demografischen Entwicklungen sind eng mit rechtlichen und gesellschaftlichen Fragen verbunden und beschäftigen seit Jahren Politik und Öffentlichkeit in Österreich. Die Schlüsselfrage der Kompatibilität von Staat, Religion und Identität wird breit debattiert. Die Zukunftsherausforderung besteht darin, die zwei bis drei - sich stark in Motivation, Geschichte und Erfahrung (pull und push Faktoren) voneinander unterscheidenden - Generationen von Mehrfachidentitäten in einer Art und Weise zu integrieren, dass Werte komplementiert, nicht aber ersetzt werden.

Unter jungen Menschen mit Migrationshintergrund scheint die selbstverständliche Frage nach der eigenen Identität zunehmend auch eine nach der religiösen Zugehörigkeit zu sein. Es ist selbstverständlich, dass die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Integration von beiden Seiten zu bewältigen sind und mit Fragen der Religion an sich vordergründig nichts zu tun haben. Die Integrationsdebatte nur mit Blick auf MuslimInnen zu führen wäre falsch und kontraproduktiv. Dennoch müssen wir den Zusammenhang zwischen den Chancen der MigrantInnen auf dem Arbeitsmarkt in unserer Gesellschaft und der Entwicklung einer europäischen Identität sehen, der viele, auch unterschiedliche religiöse Komponenten, haben kann.

Für die große Mehrheit der jungen MuslimInnen in Europa ist eine solche Mehrfachidentität und die Verbindung von Islam und europäischer Moderne lebbare Realität. Doch es gibt die Herausforderung, einer islamischen Ideologisierung und möglichen Radikalisierung gerade junger Menschen entgegenzuwirken. Das globale Internet und damit ein "globaler Islam" scheint für manche jene Heimat zu ersetzen, die sie in der Mehrheitsgesellschaft nicht gefunden haben. MuslimInnen wie Nicht-MuslimInnen, staatliche und religiöse Organisationen sind hier gleichermaßen gefordert. Pluralismus und die Chance, Mehrfachidentität entwickeln und leben zu können, ist ein Merkmal des europäischen Lebensmodells.

Dialog auf internationaler Ebene

Die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten unterstützen den Dialog mittels bestehender Instrumente aktiv. Das Jahr 2008 wurde zum Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs erklärt. Mit der dem Dialog gewidmeten Einrichtung der Anna Lindh-Stiftung (Anna Lindh Euro-Mediterranean Foundation for the Dialogue between Cultures) mit Sitz in Alexandrien/Ägypten werden im Rahmen der Euro-Mediterrane Partnerschaft (27 EU-MS + 12 Mittelmeeranrainer) interkulturelle Projekte u.a. zu den Themen Menschenrechte, Demokratie und Bürgerbeteiligung, Zivilgesellschaft, nachhaltige Entwicklung, Erziehung und Bildung, Informationsgesellschaft, Verantwortung der Medien, Frauenrechte, Jugend u.ä. verwirklicht.

Im Lichte der globalen Herausforderungen stellen die Vereinten Nationen einen unverzichtbaren Partner im internationalen Dialog der Religionen und Kulturen dar. Hier ist die "Allianz der Zivilisationen" eine bedeutsame und weitvernetzte Initiative. Als engagiertes Mitglied, richtete Österreich im Februar 2013 das 5. UNAOC Global Forum in Wien aus und unterstützte dadurch die strategische Weiterentwicklung der Allianz. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Eine weitere Initiative zur Stärkung des Dialogs stellt das King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue – kurz Dialogzentrum – dar, das als internationale Organisation seit November 2012 in Wien ansässig ist. Im Zentrum dieser internationalen Initiative steht die Bereitstellung einer dynamischen, internationalen Plattform, die für den regelmäßigen Austausch von Religionsführern, Experten, Vertretern der Zivilgesellschaft zur Verfügung steht. Mehr zum Dialogzentrum finden Sie hier

Bilaterale Dialoginitiativen

Auch hat sich der Dialog in den letzten Jahren als ein bewährtes Instrument in der Annäherung und Stärkung von bilateralen Beziehungen erwiesen. Der Austausch von Akademikern steht bei bilateralen Kooperationen mit Indonesien (2009, 2010, 2011, 2013), dem Iran (1996, 1999, 2003 und 2008, 2010), Singapur (2010), und Saudi Arabien (2012) im Vordergrund. Diese Initiativen werden aktiv durch unsere Vertretungsbehörden in den jeweiligen Ländern mitorganisiert und unterstützt.