Wien, 14. Mai 2010 Rede/Interview

Rede von Außenminister Michael Spindelegger anlässlich der europäischen Imame-Konferenz in Wien

Es gilt das gesprochene Wort!



Sehr geehrter Herr Präsident Schakfeh!
Exzellenzen!
Geschätzte Gäste!
Sehr geehrte Damen und Herren!


Ich begrüße Sie sehr herzlich zur Eröffnung der 3. Konferenz Europäischer Imame und Seelsorger in Wien. Ich freue mich sehr, dass dieses 2003 mit Unterstützung des Außenministeriums begonnene Projekt seine Fortsetzung und Weiterentwicklung findet.  Aufbauend auf der Grazer Erklärung 2003 und der Wiener Erklärung 2006 enthält das Programm für diese Konferenz viele Themen, die von zentraler Bedeutung für die Muslime Europas sind: Stärkung von Frauen innerhalb des Islams, Gewaltprävention, Ausbildung von Imamen und islamischen Religionslehrern und der interreligiöse und interkulturelle Dialog als Chance und Herausforderung. Diese Themenvielfalt zeigt uns: Bürgerinnen und Bürger in Europa, gleich welcher Religionsangehörigkeit, stehen vor ähnlichen Herausforderungen – und unsere Chance, diese zu meistern und gemeinsam Lösungen und gangbare Wege zu entwickeln liegt im Dialog.


Meine Damen und Herren,

ich möchte heute auf drei Punkte eingehen, die mir anlässlich des Zusammentreffens europäischer Imame in Wien besonders wichtig erscheinen:

  • erstens die Rolle der Religionsgemeinschaften im Aufbau Europas
  • zum zweiten die Bedeutung der Religionsfreiheit in Europa und in der Welt
  • und zum dritten, die Bedeutung von Integration, Demokratie und Partizipation als Eckpfeiler für die Zukunft unserer Gesellschaften in Europa

Im Vertrag von Lissabon ist erstmals ein Grundsatzdialog zwischen der Europäischen Union und den Kirchen und Religionsgemeinschaften festgeschrieben worden. Die explizite Anerkennung ihrer spezifischen Identität und ihres positiven Beitrags zum europäischen Einigungsprozess sind ein großer Fortschritt. In diesem Bekenntnis der Europäischen Union zum Dialog sind drei wichtige Herausforderungen enthalten:

Erstens eine Aufforderung an Kirchen und Religionsgemeinschaften einen Beitrag zur stärkeren Akzeptanz der Europäischen Union, ihrer Ziele und Werte in der Bevölkerung zu leisten. Das Europa der Vielfalt basiert auf den universellen Menschenrechten und Grundfreiheiten, auf dem Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit und zur Demokratie – gleich welcher Religionsgemeinschaft wir angehören, gleich welche religiösen und kulturellen Traditionen unser Leben prägen mögen. Dialog bedeutet also auch, den Dialog in der eigenen Glaubensgemeinschaft zu suchen und die eigenen Mitglieder für Europa, für eine gemeinsame europäische Identität basierend auf ihren Werte und Grundlagen zu gewinnen.

Zweitens soll der Dialog zwischen den Kirchen und Religionsgemeinschaften untereinander gestärkt werden. Zweifellos benötigen wir diesen zivilgesellschaftlichen Dialog, um gemeinsam den sozialen Frieden, ein harmonisches und konstruktives Miteinander in Österreich, Europa und über seinen Grenzen hinaus zu gewährleisten. Wenn wir vom Islam sprechen, so müssen wir auch von seiner Vielfalt in Ausrichtung und Repräsentanz sprechen: Gerade in Europa stehen Staat und Gesellschaft vor der Herausforderung, mit muslimischen Vertreterinnen und Vertretern des Islam zu sprechen, deren Organisationsformen und Wirkungsgrad sehr unterschiedlich sind. Gerade die Konferenz europäischer Imame und Seelsorger könnte die Chance bieten, der Vielfalt der Stimmen, Initiativen und Organisationen des Islams in Europa Platz zu bieten

Drittens bedeutet der Dialog auch voneinander zu lernen. Wir alle sind aufgefordert, die historischen, sozialen und politischen Erfahrungen der anderen für die Entwicklung der eigenen Gemeinschaften und Institutionen im Europa von heute zu nützen.

De Vergangenheit zeigt eindrucksvoll wie die Weiterentwicklung der Wissenschaften vor allem zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert stark durch den Dialog von Juden, Christen und Muslimen geprägt war. So sind wir stolz auf die bestehenden Einrichtungen an der Universität Wien zur Ausbildung muslimischer Religionslehrer und Weiterbildung der Imame und hoffen, dass die österreichischen und europäischen Universitäten und Bildungseinrichtungen Zentren dieses Dialogs bleiben und in diesem Sinne gestärkt werden. 


Meine Damen und Herren!

Ein zweiter Punkt, der mir in Verbindung mit der Konferenz der europäischen Imame und Seelsorger von zentraler Bedeutung erscheint, ist die Religionsfreiheit. Im Sinne der Unteilbarkeit der Menschenrechte ist die Religionsfreiheit eng mit anderen Grund- und Freiheitsrechten verknüpft, einschließlich mit dem Recht auf Meinungsfreiheit und der Gleichstellung von Männern und Frauen. Das universale Recht des Menschen, seinen Glauben und seine Religion frei zu wählen, sie ungestört auszuüben, sie zu wechseln oder auch keiner Religion anzugehören, ist - auch in Europa - hart erkämpft. 

Österreich nimmt, was die Anerkennung von mittlerweile 14 Kirchen und Religionsgesellschaften betrifft, in Europa eine einzigartige Stellung ein. Aus dieser Anerkennung heraus ergeben sich eine Reihe von Rechten und auch Privilegien, wie auch die aus der Verfassung und den entsprechenden Gesetzen erwachsenden Pflichten. Gerade die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich ist, etwa was die Abhaltung des Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen betrifft, im europäischen Vergleich in einer privilegierten Situation.

Religionsfreiheit, so möchte ich hier jedoch betonen, ist nicht nur von Relevanz, was die Rechte, Privilegien und Pflichten betrifft. In zahlreichen Staaten der muslimisch geprägten Welt gibt es zweifelsohne eine gelebte Vielfalt an Religionen und Kulturen, ein lebendiges Neben- und Miteinander. Doch in vielen Ländern wird um die Einhaltung der Menschenrechte gerungen. Es ist eine traurige Tatsache, dass Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und Religionsfreiheit oftmals gänzlich fehlen oder missachtet werden und die Situation von religiösen Minderheiten prekär ist. 

Doch nicht nur weltweit, sondern gerade in Europa müssen wir uns die Frage stellen, was wir mit der erkämpften Religionsfreiheit machen? Nützen wir diese Freiheit genügend, um an der Entwicklung und Stabilität Europas mitzubauen, um den Dialog mit den anderen Kirchen und Gemeinschaften aktiv und konstruktiv zu suchen? 

Ich bin davon überzeugt, dass wir die Religionsfreiheit in Europa als eine Aufforderung sehen müssen, die Ziele und Werte der Europäischen Union aktiv mit zu gestalten. Dafür brauchen wir ein klares Bekenntnis zur Demokratie und zum Pluralismus, zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern, zum Recht auf Bildung und Ausbildung für alle. Religionsfreiheit in Europa bedeutet die Chance, Theologie und Praxis der Religion im Dialog mit den Anderen zu gestalten und im Sinne des europäischen Gemeinwohls weiterzuentwickeln.


Meine Damen und Herren, ich möchte nun zu meinem letzten Punkt kommen.

Die Herausforderung für alle, Mehrheits- oder Minderheitsgesellschaft, liegt nicht in den Unterschieden zwischen Christentum und Islam, sondern in unserem Ja oder Nein zu Demokratie und Partizipation. Motoren unserer Gesellschaft sind gut ausgebildete Frauen und Männer und eine engagierte Jugend. Doch das Interesse gerade junger Menschen an Politik und ihr Vertrauen in politische Institutionen sinkt. Das macht junge Menschen anfällig für vereinfachende Antworten auf die komplexen Fragen des Lebens und der Gesellschaft. Jugendliche, gleich welcher Religion oder ethnischen Herkunft, haben sehr ähnliche Erwartungen und Ziele – sie wollen Ausbildung, Arbeitsplätze, Zukunftsperspektiven. Die kulturelle Vielfalt müssen wir daher als wirtschaftliches und gesellschaftliches Potential nutzen.


Ich hoffe daher, dass die Imame und Seelsorger Europas sich auch als Dialog- und Integrationslotsen verstehen, und ihre Verantwortung für eine gemeinsame europäische Zukunft in Frieden und Wohlstand wahrnehmen. 


In diesem Sinne wünsche ich Ihnen fruchtbare Diskussionen und Ihrer Konferenz viel Erfolg!