Wien, 10. September 2009 Rede/Interview

Rede von Außenminister Dr. Michael Spindelegger bei der österreichischen Auslandskulturtagung 2009 in Wien

Wie "Grenzen-los" soll österreichische Auslandskultur sein?

Es gilt das gesprochene Wort.

Österreichische Auslandskulturtagung 2009
Künstlerhaus/Wien, 10. September 2009

Vielen Dank Emil Brix,
Sehr geschätzter Herr Stadtrat,
Herr Präsident Gartner,
Frau Präsidentin Rabl-Stadler,
Exzellenzen,
meine sehr geschätzten Damen und Herren,
liebe Kulturschaffende und Freunde der Kultur! 

Ich möchte Sie alle recht herzlich begrüßen bei unserer Auslandskulturtagung 2009 hier im Künstler Haus und ich darf mich bei Ihnen Herr Prof. Gartner bedanken, dass wir hier zu Gast sein dürfen. Das Künstlerhaus ist ein renommierter Ort, eine gute Stätte der Begegnung für eine genau solche Veranstaltung der Auslandskultur. Sie haben in Ihren Begrüßungsworten gesagt, die Kultur verbindet auch die Seelen, sie bringt auch die Menschen zueinander. Ich freue mich, dass mein Cousin, Thomas Macho, heute hier anlässlich der Tagung sprechen wird. Wir haben seit Kindertagen mit einander Verbindung, aber die ist leider, als er nach Berlin gegangen ist, abgerissen. Heute wird er als Professor der Humboldt-Universität in Berlin einen Vortrag halten.

Meine Damen und Herren!

Ich möchte mich heute auseinandersetzen mit der Frage „Wie grenzenlos soll denn unsere österreichische Auslandskultur agieren? Was soll sie tun?“ Wir feiern heuer das 20 Jahr-Jubiläum der Ereignisse von 1989. Dazu gab es eine ganze Reihe von herausragenden Aktivitäten, auf die Emil Brix bereits hingewiesen hat, nämlich, eine große Tagung in der Hofburg zum Thema "Geteilt - Geeint". Wie kommen wir wieder zueinander? Mit großer Beteiligung? Und das ist zu Recht, glaube ich, auch ein guter Auftakt genau für diese Frage wie grenzenlos unsere Auslandskultur sein soll.
Bei dieser Jahrestagung der österreichischen Auslandskultur wollen wir uns einer essentiellen Frage widmen: Wie Kunst, Bildung, Wissenschaft - also Kultur in einem umfassenden Sinn - zum Aufbau von Vertrauen und zum Abbau dieser Grenzen im Kopf beitragen kann.

Wir in Österreich haben eine lange Tradition, einen Beitrag zu leisten über kulturelle Zusammenarbeit Grenzen zu überwinden, Grenzen leichter überschreiten zu können. In den Zeiten des Kommunismus war das Österreichische Kulturinstitut in Warschau vielen polnischen Intellektuellen ein "Fenster in den Westen". Es war die Möglichkeit, sich dort zu treffen, über die Grenzen hinauszuschauen und Hoffnung zu schöpfen. Wenn ich das Kulturinstitut in Teheran erwähne, ist das bis heute eine ganz wichtige Institution. Auch in Zeiten der islamischen Revolution hat es tausenden jungen Iranerinnen und Iranern Deutschkurse angeboten und ihnen als Ort der Begegnung gedient. In New York wird das Österreichische Kulturforum für die Ausstellung über das Thema "Schleier" als "humorvoll" und "erfrischend" gelobt, weil die Grenzen des üblichen Klischees überwunden werden. Wir sehen also die Auslandskultur hat gerade in der Grenzüberwindung durchaus bedeutende Fortschritte ermöglicht.

Meine Damen und Herren!

In unseren wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es notwendig, sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Kultur ist für Österreich wesentlich, auch wenn es bedingt durch die engen budgetären Spielräume nicht einfacher geworden ist, die notwendigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Wir als Außenministerium können davon ein Lied singen. Ich bekenne mich klar zum Aufbau und Ausbau der Auslandskulturarbeit - es wird auch eine Zeit nach der Krise geben -  weil das eine win-win-Situation für alle Beteiligten schafft: Künstler und Wissenschaftler erhalten mehr Möglichkeiten sich international zu präsentieren; alle Bereiche der österreichischen Gesellschaft profitieren von diesen Impulsen, die Kultur schafft, insbesondere von einem positiven Österreich-Image und wir leisten als Ort der Begegnung und des Dialogs ganz erkennbare Beiträge zur Völkerverständigung, Prävention und Lösung internationaler Konflikte.

Das österreichische Engagement konzentriert sich auch in der Auslandskultur schwerpunktmäßig auf Themen und Regionen, in denen wir als Österreicher einen Mehrwert anbieten können. Unser Ziel ist es im offenen kulturellen Austausch diese Grenzen zu überwinden, Vertrauen und Verbundenheit zu schaffen, besonders mit unseren mitteleuropäischen Nachbarn, die Partner in Südosteuropa und darüber hinaus auch in der Schwarzmeerregion zu fördern, um diese kulturelle Dimension Europas zu stärken. Eines meiner persönlichen prioritären Ziele ist es Österreich wieder als eine Plattform für diesen Dialog, aber auch als Plattform für die Kultur und damit als eine Drehscheibe für Frieden und internationale Dialoge zu fördern.

Was brauchen wir daher? Ich darf hier besonders auf drei Aspekte eingehen.

1. Überlegung: Politik braucht Kultur, die am Gestalten der Gesellschaft mitwirkt.

Das ist ein hehrer Satz, aber da ist viel Wahrheit drinnen. Die Krise, die wir erleben, ist eben eine Chance, einen Wandel, eine Neuorientierung herbeizuführen. Was wir jetzt brauchen ist eine neue politische Antwort und wir brauchen auch neue Fragestellungen. Was können wir dazu tun? Wenn wir eine gemeinsame Sprache sprechen wollen, dann müssen wir die Fragesteller und die Antworten, die darauf gegeben werden auch ernst nehmen. Für uns ist es wichtig, den Austausch zu fördern, die kreativen Impulse der Kunst und der Wissenschaft auch in unsere politischen Überlegungen mit einzubeziehen. Die Kunst mit ihrem integrativen Potential ist der Politik oft ein Stück voraus, im Denken von bisher ungedachten Zusammenhängen, im Ermöglichen neuer Formen der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens. Denken wir etwa an das jüngste Beispiel von Daniel Barenboim, der mit seinem Ost-West-Diwan-Orchester über Grenzen hinweg etwas schafft, was auch Vorbild für die Politik sein kann.

Auch und gerade in der europäischen Integration spielt die Kultur eine entscheidende Rolle bei der Weiterentwicklung von Wissen, bei Verständigung und Vermittlung von Werten, wie Demokratie, Partizipation und den Menschenrechten und einem die Vielfalt bewahrenden Gemeinschaftsgefühl. Deshalb engagieren wir uns auch intensiv in diesem neuen europäischen Netzwerk aus Kooperationen im Kulturbereich EUNIC, dem Netzwerk der nationalen Kulturinstitute der EU-Staaten.

Gerade dort, wo es so etwas wie eine entstehende europäische Öffentlichkeit entsteht, bei Studenten, bei Wissenschaftlern, bei Künstlern, genau dort besteht auch eine qualifizierte Kritik an den Schwächen des europäischen Projektes. Wir müssen daher für Kunst und Wissenschaft mehr Kommunikationschancen mit der Politik eröffnen, wenn es um die Frage geht: "Was verbindet uns in Europa?"

Auch in der multilateralen Kulturpolitik, gerade in der UNESCO, müssen wir deutlich machen, wo die echten Potentiale für positive Veränderungen liegen. Die UNESCO muss eine glaubhafte und starke Stimme für alle für die Förderung der kulturellen Vielfalt, der Verständigung, der Wissenschaft und Bildung, vor allem der Frauen, der Mädchen sein. Wir haben mit der EU-Kommissarin Dr. Benita Ferrero-Waldner eine herausragende österreichische Kandidatin für die bevorstehende Wahl des UNESCO-Generaldirektors. Wir sind auf einem guten Weg und ich glaube, dass sie als Person der UNESCO dieses neue Profil sehr gut mitgeben könnte.

2. Überlegung: 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Europa noch nicht ganz zusammengewachsen.

2009, 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, haben wir mit der Initiative "Europa 1989/2009 - Geteilt/Geeint - Aufbruch in ein neues Europa" auch dem damaligen Wandel einen entsprechenden Raum eingeräumt mit dem Ziel das bisher Erreichte, das Potential des neuen Europas zu beleuchten und gemeinsam mit jungen Menschen manifest zu machen, sowie neue Impulse und Ideen zu entwickeln. Wir brauchen für Europa die Hilfe von Kunst, Bildung, Wissenschaft, damit nicht wieder neue Grenzen aufgebaut werden. Denken Sie an die aktuellen Diskussionen, in denen bereits wieder über neue Grenzen und auch Grenzen im Kopf geredet wird.

Gerade dort, wo noch vor 20 Jahren ein Eiserner Vorhang Gemeinsamkeiten verhinderte, muss eine aktive Nachbarschaftspolitik die Gemeinsamkeiten fördern. Ich habe gestern mit dem tschechischen Außenminister Jan Kohout an der österreichisch-tschechischen Grenze ein Rahmenübereinkommen zur Einsetzung einer ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe unterzeichnet. Das war ein gewaltiger Fortschritt in unseren bilateralen Beziehungen, weil es auch darum geht den Umgang mit dunklen Kapiteln der Vergangenheit, wo auf beiden Seiten ganz unterschiedliche Auffassungen bestehen, auf einer wissenschaftlichen Grundlage in eine neue Zukunft zu führen.

Zur Unterstützung der europäischen Perspektive der Westbalkanstaaten haben wir unter dem Namen "Culture Matters" eine kulturelle Initiative gestartet, die von der Idee getragen wird, dass wir zur Überwindung von mentalen Grenzen noch viel mehr Kulturaustausch zwischen Österreich und Südosteuropa brauchen. Hier kann die vorhandene österreichische sogenannte "Balkankompetenz" dazu eingesetzt werden, um auch im Westen Europas in der Öffentlichkeit mehr Wissen über die reichen europäischen Traditionen Südosteuropas zu verbreiten. Ich halte das für einen ganz wichtigen Punkt, 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch dort neue Initiativen zu setzen.

3. Überlegung: Die Globalisierung gestalten unter Bewahrung der eigenen Wurzeln und Traditionen

Eine gute Außenpolitik beschäftigt sich heute mehr den je auch mit dem Dialog der Kulturen, mit der ernsthaften Diskussion über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten; über das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller, ethnischer und religiöser Herkunft. Die interkulturelle Kompetenz, die Bereitschaft zum Dialog und zur Partnerschaftlichkeit müssen unsere Vorleistungen sein, wenn wir gemeinsame Verantwortung auch von anderen einfordern. Nur so wird es uns gelingen universelle Werte von Freiheit, von gleichberechtigter Teilhabe und Solidarität für die Menschen überzeugender zu vertreten, als das etwa religiöse Fanatismen und totalitäre Ideologien tun.

Den Herausforderungen durch die Vielfalt, auch zu Hause, müssen wir klar und auch ehrlich begegnen. Wir sehen, dass das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlicher kultureller Herkunft Ängste und große Unsicherheiten mit sich bringt. Wenn wir nach Wien blicken, lebten das letzte Mal vor über hundert Jahren so viele Menschen, die außerhalb ihrer Grenzen geboren wurden und nicht Deutsch als Muttersprache hatten. Heute sind wir auf das damals kreative "Wien um 1900" besonders stolz. Wir wollen die schöpferischen Prozesse, die sich aus einer stärkeren internationalen Vernetzung und Mobilität ergeben, fördern und sie sichtbar machen. Die Vielfalt an Traditionen, an Wissen, an Erfahrungen und an Fähigkeiten kann uns durchaus auch zur Lösung von globalen Herausforderungen helfen.

Dieser Wunsch nach Sichtbarmachen dieser Kreativität eröffnet Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit kompetenten Partnern im Kulturbereich in Österreich. So wird als erstes Ergebnis einer neuen Zusammenarbeit mit dem Museumsquartier ab Ende September in Wien eine gemeinsame mit Nachbarstaaten entwickelte Leistungsschau junger mitteleuropäischer Designer gezeigt.

Im Ausland müssen wir die vom Außenministerium getragenen fast einhundert Jahre alten Kultureinrichtungen als Umschlagplätze und Kommunikationsräume für innovative und kreative Ideen gestalten. Ich nenne hier das Beispiel des Donauraums mit dem angrenzenden Schwarzmeerraum, mit dem Ziel darzustellen, das wir Teil eines kreativen gemeinsamen Wissens- und Kulturraumes sind. Daraus ergeben sich Möglichkeiten, dass die zentralen Orte dieses Raumes gemeinsam Wissen generieren. Wir haben als Beispiel dafür einen Dialog zwischen Künstlern und Forschern in einer eigenen Diskussionsplattform "FLOW" gegründet, um das junge und kreative Potential dieses Raumes zu nützen. Wir haben mit einem Festival in Novisad/Serbien erfolgreich begonnen und die Initiative wird im Frühjahr 2010 in Chisinau/Moldau fortgesetzt.

Auslandkultur ist auch Teil der sogenannten "öffentlichen" Diplomatie. Der rege Austausch und die Kommunikation mit den Menschen tragen dazu bei, dass die Grenzen in den Köpfen mehr fallen. Deswegen ist die gemeinsame kulturelle Dimension und Diskussion über Grenzen hinweg so wichtig. Sie werden die verschiedenen Aspekte dieses Themas heute noch in Workshops diskutieren.

Es werden sich eine ganze Reihe von Fragen stellen wie etwa: Kann diese Kunst aus Nachbarn Freunde machen? Eine sehr anspruchsvolle Frage. Welche Bilder der Geschichte tragen wir über die Grenzen? Wie geht die Kunst mit Grenzen um? Wie können wir mit den neuen Nachbarn, wie etwa der Schwarzmeerregion, kulturell kooperieren?

Meine Damen und Herren!

Mit Peter Weibel kann man auch davon sprechen, dass kulturelle Güter die Knoten in einem Netzwerk globaler Kommunikation sind. Wenn die kommunikative Kompetenz immer wichtiger wird, was bedeutet das für Österreich und sein internationales Umfeld?

Die Botschaft könnte schlicht lauten: Österreich ist ein guter Boden für internationale Begegnung. Das entspricht unseren kulturellen Traditionen und unseren politischen Überzeugungen von der Brückenfunktion Wiens zwischen Ost und West bis zur Rolle Wiens als Amtssitz der UNO, der OPEC und der OSZE, die ein ganz wesentliches Instrument für Frieden und Sicherheit in Europa ist. Diese Tradition setzt sich fort mit den Kosovoverhandlungen, die in Wien statt gefunden haben, und jetzt zuletzt auch die Gespräche in Wien über die Westsahara, die einen wesentlichen Fortschritt gebracht haben im Sinne, dass man sich wieder an einen Tisch setzt. Mein Amtsvorgänger Peter Jankowitsch hat das mit besonderer Freude verfolgt und auch unterstützt. All das entspricht unserem Ziel, Österreich aktiv als Drehscheibe für Dialog und Frieden zu etablieren. Ich möchte Sie daher alle um ihre Beiträge, Beiträge auch im Sinn der Kultur, der Wissenschaft, der Bildung, dass wir an dieser großen Zielsetzung miteinander arbeiten. Denn ganz am Anfang jeder Kulturvermittlung stehen das Wirken, das lebendige Interesse und die Neugier des Menschen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!