Wien, 4. September 2008 Rede/Interview

Eröffnung Auslandskulturtagung 2008

"Der Dialog zwischen den Kulturen als wichtigste Herausforderung unserer Zeit"

Wien Museum, 4. September 2008

Eröffnungsrede von Dr. Ursula Plassnik,
Bundesministerin für europäische und internationale Angelegenheiten 

Auslandskulturpolitik ist eine Art Laboratorium für Zukunftsbaumeister. Wir widmen daher diesem Aspekt unserer Arbeit im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten besondere Aufmerksamkeit: Weil es um unsere Außenpolitik geht, geprägt von Vertrauen und Partnerschaft.

Daher bin ich dankbar, dass wir den interkulturellen Dialog als Thema für diese Tagung gewählt haben. Der interkulturelle Dialog ist eine der wichtigsten politischen Herausforderungen unserer Zeit. Handfest, nicht abgehoben oder akademisch. Vielmehr geht es für mich beim interkulturellen Dialog um die Lösung praktischer und alltäglicher Probleme.

Im Weltdorf wird es immer enger und - für manche - immer kälter. Die Menschen rücken einander im Zeitalter der Globalisierung näher. Aber es ist deswegen nicht wärmer geworden im 'global village'. Es gibt reichlich Spannungs- und Konfliktpotential. Und wir stehen vor großen Herausforderungen, die wir nur gemeinsam bearbeiten können.

  • Wir werden uns in wenigen Wochen anlässlich der Generalversammlung der Vereinten Nationen wieder mit den Millenniums-Entwicklungszielen beschäftigen und hoffentlich auch in selbstkritischer Weise überprüfen, was wir erreicht haben und wo die neuen Herausforderungen liegen.
  • Es ist einiges dazu gekommen: Klimawandel, Energiekrise, Nahrungsmittelkrise. Themen, die in Entwicklungsländern eine ganz andere Dimension haben als etwa bei uns und die sich sehr viel unmittelbarer in der Politik bemerkbar machen.
  • Weitere Themen: Internationale Standards für Menschenrechte und Demokratie - unser Selbstverständnis im 21. Jahrhundert. Hier hat Europa vieles anzubieten; gleichzeitig müssen wir aber Herausforderungen auch annehmen, nämlich klare Standpunkte beziehen und nicht sich zurückziehen in ein Schneckenhaus der Indifferenz.
  • Aus eingefroren geglaubten Konflikten kommen Bilder von Bomben und Panzern, von Verzweiflung. Die Bilder eines abgeschlossen geglaubten Jahrhunderts, des 20. Jahrhunderts. Täuschen uns die Bilder? Täuscht uns die Ähnlichkeit?

In dieser Gesamtsituation ist eine ernsthafte und präzise Diskussion notwendig – auch um kulturelle Unterschiede, um das Zusammenleben von Menschen mit sehr unterschiedlicher kultureller, ethnischer, religiöser Herkunft. Es ist etwas, das vielerorts an Schärfe zunimmt, aber auch große Hilflosigkeit zeigt. Ich glaube, dass das nicht so sein muss.

Das erste, worum wir uns bemühen müssen, ist eine gemeinsame Sprache. Dabei geht es nicht nur um eine Frage der verwendeten Worte, der verwendeten Inhalte, sondern ganz besonders auch um die Frage von "wer spricht".

Ich habe dieses Thema im Sommer mit einer Gruppe von Wirtschaftsfachleuten und Künstlern beim Salzburger Trilog diskutiert. Haben wir eine gemeinsame Sprache? Wie sieht diese gemeinsame Sprache in der Welt angesichts der Herausforderungen, denen wir gegenüber stehen, aus?

Ein tatsächlich interessanter Hinweis dazu war eben die Bedeutung von "wer spricht". Nur wenn wir auch mehr Aufmerksamkeit dafür verwenden, wer spricht, können wir im Dialog Reichtum haben und diesen spürbar erleben. Daher ist es mir auch so wichtig, die Frauen in den interkulturellen und interreligiösen Dialog einzubeziehen.

In jeder Gesellschaft sind mindestens 50% Frauen. Frauen machen mindestens 50% des Potentials jeder Gesellschaft aus.

Keine Gesellschaft der Welt kann es sich leisten, auf den Beitrag von Frauen zu verzichten. Bei allen Themen, auf allen Ebenen, in allen Zusammenhängen. Gerade beim Salzburger Trilog hat sich gezeigt, wie sehr sich die Diskussion inhaltlich - nicht nur vom Tonfall her - verändert, wenn Frauen hinreichend einbezogen werden.

Woran liegt das? Mit denjenigen, die in den Dialog einbezogen werden, kommen andere Erfahrungen, kommen andere Prägungen, kommen andere Konditionierungen in den Dialog hinein. Das ist wichtig, wenn wir uns als Teilhaber unserer Gesellschaft verstanden sehen wollen.

Wir wollen und müssen die Frauen einbeziehen, denn nur dann werden sie bereit sein, ihr Potenzial in diesen Gesellschaften zu entfalten. Nur dann werden sie auch die Aufgabe, die ihnen weltweit immer noch vorrangig zugeordnet wird, gestärkt vorantreiben können, nämlich für Zusammenhalt zu sorgen.

Ich habe in den vergangenen vier Jahren ganz gezielt und immer wieder Dialog-Initiativen gesetzt, die Frauen in die erste Gestaltungs- und Entscheidungsreihe gebracht, sie aus verschiedensten Kulturkreisen in gemeinsamen Foren zusammen geführt haben, wo sie im Dialog eine gemeinsame Sprache zu Konfliktsituationen - etwa zum Nahen Osten - gefunden, wo sie Netzwerke begonnen und erweitert haben.

Beispiele:

  • Im Mai 2007 haben wir die Wiener Konferenz "Women Leaders - Networking for Peace and Security in the Middle East" veranstaltet.
  • Heuer im Jänner haben wir ein Medienseminar für Journalistinnen aus dem Nahen Osten und Österreich in Wien veranstaltet.
  • Ein weiteres Beispiel ist das Frauensymposium, das ich zur Unterstützung des serbisch - kosovarischen Dialogs im November 2007 veranstaltet habe. Unsere Veranstaltung war parallel zur Arbeit von Wolfgang Ischinger und seiner Troika-Mission und ihrem letzten, sehr intensiven Versuch, doch noch zu einer von allen im Konsens getragenen Lösung zum Thema Kosovo zu kommen. Wir haben das unglücklicherweise nicht erreicht. Aber es war wichtig und schwierig für alle Beteiligten, in diesem Moment auch die Frauen so gut es ging mit einzubeziehen und zu Wort kommen zu lassen.
  • Im Juni fand ein Workshop zu "Interreligiöser und interkultureller Dialog aus Geschlechterperspektive" in Zusammenarbeit mit dem Institut für Religionswissenschaften der Universität Granz statt.

Diese Initiativen sind keine Eintagsfliegen. Im Gegenteil. Wir werden immer ehrgeiziger. Gleichzeitig ist es mir wichtig, mit Amtskolleginnen aus aller Welt im internationalen Frauen-Netzwerk für mehr Frauen in Führungspositionen der Vereinten Nationen einzutreten und mich für die Umsetzung der UN-Sicherheitsresolution 1325, die die Einbindung von Frauen und Frauenanliegen in alle Phasen eines Friedensprozesses vorsieht, zu engagieren.

Es zeigt sich immer wieder gerade im Peace – Building, also bei der Friedensarbeit und besonders in Post-Conflict-Situationen, wie wichtig die aktive Teilnahme von Frauen ist. Wenn es gelingt, die Frauen hier zu motivieren und einzubeziehen, wird die Aufbauarbeit nachhaltiger sein.

Hier geht es nicht um Emanzipationsrhetorik. Es geht um das Aufbrechen von Männerdomänen im Interesse der Gleichberechtigung, im Interesse unserer Gesellschaften. Das ist Sozialtechnik im engsten Sinn.

Ich bin überzeugt, dass wir hier noch sehr viel mehr tun können und ich lad Sie als konkrete Partner ein, diesem Aspekt die entsprechende Aufmerksamkeit zu widmen. Es geht nicht nur darum, welche Sprache gesprochen wird, welche Worte verwendet werden, welche Inhalte besprochen werden, sondern es geht auch darum, wer spricht.

Esist jede Mühe, es ist jeden Einsatz wert. Nur im Gespräch – über die Suche nach einer gemeinsamen Sprache - können wir einander klar machen, was uns miteinander verbindet oder was uns aneinander irritiert – im Inneren unserer Gesellschaften und international.

Sprache wird oft missbraucht. Diese Erfahrungen machen wir in der Politik jeden Tag, immer wieder. Und auch dagegen sollten wir uns zur Wehr setzen. Dagegen sollten wir auftreten so gut wir können, so ruhig wir können. Denn nur in der Unaufgeregtheit liegt eine Klarheit, eine Deutlichkeit, die sich auch stärker Gehör verschafft als in emotionsgetriebenen Sprachmodi.

Ein Teil des Sprachmissbrauchs ist natürlich auch die Dialogverweigerung, die es immer noch und in viel zu vielen Bereichen gibt. Wir haben immer noch die Vorstellung, dass Dialog eigentlich etwas Nettes, Leichtes, Beschwingtes ist, etwas, das keiner besonderen Anstrengung bedarf. Ich sehe das anders.

Einer, der diesen Gesichtspunkt für mich sehr gut greifbar herausgearbeitet hat, ist Daniel Barenboim. Er weiß es aus einer anderen Art von Praxis ganz genau. Man könnte glauben, die Arbeit eines Orchesters wie des West - Eastern Diwan Orchestra’s ist eine selbstverständliche, leichte und lockere Arbeit. Aber das ist sie nicht. Es ist eine konsequente, sehr harte Arbeit an einem gemeinsamen Ziel, nämlich ein Musikstück bestmöglich zu präsentieren – mit Menschen, die aus sehr unterschiedlichen und zum Teil auch verfeindeten Gesellschaften kommen und die es mit der Sprache der Musik als Ausdrucksmittel schaffen, ein gemeinsames Ziel zu verwirklichen.

Das wirkt und ist unglaublich beeindruckend. Wir werden alles, was es in diesem Bereich gibt, unterstützen. Dafür werden wir uns einsetzen. Es ist die Anstrengung wert. Wir stärken damit unser aller Möglichkeitssinn, den Sinn dafür, was Grenzen überwinden im Alltag bedeuten kann. Den Sinn dafür, was alles möglich ist.

Auch ich habe meine Momente des Zweifels bei sehr hartnäckigen Konflikten. Der Nahost-Konflikt ist einer der wohl dazu gehört. Aber man muss ganz einfach jeden Tag wieder von vorne beginnen und sich vornehmen, das Machbare zu machen und auch das eigene Empfinden, was machbar ist, zu erweitern.

Ich gebrauche wieder das Bild der zwei Hände: die eine Hand ausgestreckt nach innen, in unsere Gesellschaften, und die zweite ausgestreckt auf der internationalen Ebene. Auf beiden Ebenen haben wir Fortschritte erzielt, auf beiden sind wir aber noch längst nicht dort, wo wir eigentlich sein wollen. Je konkreter die Schritte sind, die wir miteinander machen, desto stärker die Gemeinsamkeit, die dadurch erzeugt wird.

Eines meiner Projekte, das ich hinter den Kulissen mit Hartnäckigkeit verfolge, ist eine Art Akademie für interkulturelle Mediation. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Wien dafür ein besonders geeignetes Umfeld ist und einen besonders geeigneten Hintergrund bietet.

Wir haben auf der akademischen Ebene unglaubliche Kompetenz in diesem Bereich. Letzten Endes brauchen wir aber Praktiker, Menschen, die nicht immer das Rad neu erfinden müssen. Es gibt in diesem Bereich Techniken, die erlernbar sind, die weitergabefähig sind. Diesem Aspekt der interkulturellen und interreligiösen Kompetenz und des Kompetenzerwerbs, des Wissenstransfers, des Know-How-Transfers wird meiner Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet.

Ich würde mir gerne in Wien oder anderswo in Österreich vorstellen, einen Cluster einzurichten, wo wir einfach Erfahrungen und Kompetenz einfließen lassen. Vieles davon kommt ja aus der Arbeit nicht nur der letzten 20 Jahre mit unseren Freunden und Partnern in Ost- und Südosteuropa, sondern aus einer längeren, älteren Tradition.

Ich denke hier etwa an Maria Theresia. Ein derart modernes Mission-Statement, wie Maria Theresia es erfunden hat anlässlich der Gründung der Diplomatischen Akademie (damals Orientalische Akademie), ist mir selten untergekommen. Sie hat klar gesagt: Ich möchte nicht, dass in meinem Herrschaftsbereich ein Mangel an Männern (- damals waren es Männer -) herrscht, die Sprachen wie Türkisch, Arabisch, Persisch etc. beherrschen und die gemeinsam Handelsabkommen sowie die Gesetze des Friedens festlegen können.

Wirklich erstaunlich modern, Wirtschaft und wirtschaftliche Zusammenhänge auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Gesetze des Friedens festlegen - im Dialog erarbeitet.

Die Diplomatische Akademie ist ein gutes Beispiel für uns alle, ein Ermunterer, ein Ermutiger dafür, dass wir diesen Auftrag im Alltag sehr ernst nehmen. Hier ist auch ein Know-How-Transfer, hier wird etwas weitergegeben, was weltweit sehr nachgefragt wird.

Übrigens würde ich, wenn ich könnte, auf jeden Fall zwei Institutionen klonen: die Diplomatische Akademie, die ich zum weltweiten Exportprodukt machen würde, und die weltweit anerkannte und geschätzte Tourismusschule Klessheim mit ihrem Know‑How aus einer großen österreichischen Tradition.

Also noch einmal die Idee: Ein Kompetenzzentrum, eine Akademie - wie auch immer wir es nennen, Akademie klingt ein bisschen abstrakter, Kompetenzzentrum ist vielleicht zeitadäquater - für interkulturelle Mediation.

Vielleicht können wir diese Idee aufgreifen und sie der Realisierung näher bringen. Ich erachte das als wichtig, denn die diesbezügliche Nachfrage in unseren Gesellschaften im Zeitalter der Globalisierung wird steigen.

Einbeziehung der Jugend. Auch das ist ein Teil unserer Fokussierung im Bereich der interkulturellen und interreligiösen Zusammenarbeit. Jugendliche sind nicht nur die Hoffnungsträger sondern auch die Verantwortungsträger von morgen. Sie müssen gerade in diesem heiklen Feld unterschiedlicher Identitäten kultureller und religiöser Natur und der Identitätsfindung gestärkt werden. Sie müssen - ebenso wie die Frauen - zu Wort kommen, sie müssen ihre Anliegen formulieren können, und wir müssen auf sie eingehen.

Wo sie diese Anliegen vielleicht nicht sprachlich formulieren können, gibt es ja viele Tricks und Werkzeuge, um an diese Anliegen heranzukommen. Ich erwähne beispielhaft den Sport.

Wir haben diesmal als Teil unserer Botschafterkonferenz eine kleine Innovation gehabt. Wir haben diejenigen österreichischen Vertretungsbehörden prämiert, die im Zusammenhang mit der EURO 08 die überzeugendsten Events organisiert haben.

Diese EURO 08 war auch ein neues Beispiel von Partnerschaft zwischen der Schweiz und Österreich. Wir haben die EURO 08 gemeinsam jahrelang vorbereitet und etwa auch im Bereich der Kultur gearbeitet. Es war sehr spannend und es hat uns gut getan. Wir haben wieder eine Facette aneinander entdeckt und kennengelernt, die uns so nicht bewusst war.

Die EURO 08 hat gezeigt, dass wir auch eine Art Event-Agentur sind. Das gehört zur Vertretung österreichischer Interessen in Europa und in der Welt ganz einfach dazu.

Hier habe ich also so etwas wie peer-pressure oder ein Bewusstsein für peer-pressure zu etablieren begonnen. Ich hoffe, dass es uns gelingt, beim Thema interkultureller Dialog ähnliches zu bewirken. Ich würde mir gerne bei der Botschafterkonferenz 2009 ansehen, wer dazu das spannendste Projekt entwickeln konnte.

Meine Damen und Herren!

Moderne Außenpolitik ist eine Politik des Dialogs, der Vernetzung, des Vertrauens, der Partnerschaft. Warum mir dieser Begriff Partnerschaft so wichtig ist? Er kommt so angeschlichen, in einem unspektakulären Gewand, ist aber ein sehr anspruchsvoller Begriff. Er bedeutet, sich gleichwertig und gleichrangig zu fühlen.

Der Ausgangspunkt für echten Dialog ist, dass wir dem gegenüber – wer immer das auch ist – das Zumutbare zumuten und die Grenzen immer weiter nach vorne schieben und nicht locker lassen. Indem wir aber auch aufeinander eingehen können, und das, so glaube ich, ist ein Strukturprinzip für Beziehungen aller Art im 21. Jahrhundert und daher für mich ein Schlüsselbegriff auch in der Außenpolitik.

Wir haben das Glück, in Europa im posthegemonialen Zeitalter zu leben, leben zu dürfen. Wir gestalten heute unter den Bedingungen von Freiheit und Vielfalt unser Miteinander zu siebenundzwanzigst. 27 Demokratien, das ist ein ziemlich anspruchsvolles Projekt mit einer Vielzahl von sehr bunten Baustellen, an denen wir Tag für Tag emsig wirken und an deren Verbesserung wir uns aktiv, initiativ und auch mit der nötigen Begeisterung einbringen dürfen.

Denn: alles das, was wir heute dürfen, ist bei Gott keine Selbstverständlichkeit. Der Blick auf unsere Nachbarn am Balkan zeigt uns, wie wichtig diese europäische Perspektive in der Realisierung ihrer Modernisierungsarbeit, ihrer Reformbemühungen, die unter unglaublichen Anstrengungen vor sich gehen, ist, wo wir aber auch in partnerschaftlicher Art und Weise mitwirken, mithelfen können.

In diesem und im nächsten Jahr werden wir uns ganz besonders mit "1989 – 2009 - Aufbruch in ein neues Europa" beschäftigen. Hier gilt es, wirklich ein Stück gemeinsamer europäischer Identität bewusst zu machen, den Beitrag zu dieser unserer jetzigen Identität in Europa, den Beitrag unserer östlichen Nachbarn, unserer südöstlichen Nachbarn.

Blicken wir zurück auf diesen Abschnitt von 20 Jahren, was wir alle erlebt haben, wie faszinierend weit wir gekommen sind, was sich da alles verändert hat und wie sehr wir gemeinsam dieses neue Europa gestalten dürfen. Für mich ist dies ein Privileg. Es ist ein Anlass, es auch möglichst vielen unserer Freunde und Freundinnen in unserer Gesellschaft bewusst zu machen.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, was sich in diesem Europa in den letzten 20 Jahren an gemeinsamer Aufbau- und Überwindungsarbeit getan hat. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass der Kalte Krieg heute ein Begriff ist, der im Museumskontext auftaucht und nicht - wie immer auch die aktuellen politischen Ereignisse sein mögen - in der aktuellen politischen Debatte.

Meine Damen und Herren!

Ich glaube, dass das Prinzip Partnerschaft eines ist, das sich im 21. Jahrhundert viel mehr Gehör verschaffen soll als nur zwischen den Geschlechtern und den Generationen, sondern auch im Weltdorf zwischen denen, die jetzt ein deutlicheres und dichteres Gefühl von Nachbarschaft haben.

Gerade die Kulturarbeit ist ein Arbeitsbereich, in dem diese von Respekt für einander getragene Haltung am allerbesten vermittelt werden kann. Kulturarbeit ist auch deshalb so wichtig, weil Kulturschaffende in der Lage sind, eine andere Sprache zu sprechen.

Ich merke in der Praxis, dass hier etwas anderes in den Dialog hineinkommt. Ich erlebe das immer wieder als sehr interessant besonders in der Dreierkombination Wirtschaft -  Politik - Kunst/Kultur.

Die Künstler/Kunstschaffenden sind eigentlich diejenigen, die den anderen neue Sprachpartikel beibringen und sie zwingen, die Erfahrungskäfige, die ja auch Sprachkäfige sind, zu verlassen. Das ist ein Teil meiner Ermutigungsstrategie für uns alle, tagtäglich aus diesem Erfahrungskäfig hinauszuschlüpfen. Wir müssen die schlechten Erfahrungen verlassen und uns aufmachen, die Welt immer wieder im Kleinen neu zu denken.

Keine neue Welt ohne neue Sprache, so hat es Ingeborg Bachmann gesagt. Und da steckt schon ein ganz massiver Auftrag drinnen.

Jetzt sollten Sie ans Wort kommen, denn Sie sind diejenigen, die in ihren diversen Zusammenhängen diesen interkulturellen Dialog zum Laufen bringen sollen. Sie geben diesem Dialog Füße. Tun sie das in neuen Partnerschaften. Suchen Sie sich Städte, Dörfer, Gruppen in der Zivilgesellschaft. Lassen Sie sich auf neue Kombinationen ein, auf neue Arten der Partnerschaft. Beteiligen Sie solche Gruppen, die bisher in ihren eigenen Gesellschaften und international zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben.

Nützen Sie auch die Möglichkeiten, die wir Ihnen als österreichisches Außenministerium anbieten können. Die größten Möglichkeiten sind dabei die Menschen. Die Menschen, die sich im Alltag in den österreichischen Vertretungsbehörden mit viel Erfindungsgeist, viel Engagement, viel Wissen und Sachkompetenz einsetzen.

Dieses Europa hat eine außerordentliche Geschichte zu erzählen. Sie handelt von der Ausbreitung der Freiheit. So Timothy Garton Ash. Und diesen Gedanken möchte ich Ihnen als Ermutigung für die Arbeit des kommenden Jahres mitgeben. 20 Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs ist gerade das ein großer europäischer Beitrag im Dialog mit der Welt.

Werden Sie und bleiben Sie Zukunftsbaumeister und nützen Sie die Möglichkeiten, die wir gemeinsam haben. Lassen Sie uns gemeinsam an dieser neuen Welt und an dieser neuen Sprache arbeiten.