Wien, 6. September 2007 Rede/Interview

Rede von Außenministerin Ursula Plassnik zur Eröffnung der Auslandskulturtagung 2007

06.09.2007

Es gilt das gesprochene Wort

 "Kultur macht unverwechselbar"

Rede von Bundesministerin Dr. Ursula Plassnik
zur Eröffnung der Auslandskulturtagung 2007

Wien, 6. September 2007


Lieber Herr Professor Gartner!
Lieber Emil Brix!
Meine Damen und Herren!

Ich freue mich, und es ist mir ein Anliegen, heute bei dieser Auslandskulturtagung zu sein, denn Auslandskulturpolitik ist für mich ein wesentlicher Bestandteil der Außen- und Europapolitik.

Außen- und Europapolitik funktionieren wie eine Art Vierradantrieb:

Das Vernetzen von innen und außen, von Europa und der Welt, und unserer Welt hier in Österreich - das ist das erste Rad. Der Bürgerservice, das sich Hinwenden zum Kunden hier in Österreich, zu den Österreicherinnen und Österreichern, die immer mobiler werden, die immer mehr Fragen haben, was sie und ihr Verhältnis zur Welt betrifft - sie sind ein zweites Rad. Die weiteren Räder sind die Entwicklungszusammenarbeit und die Auslandskulturpolitik.

Das ist ein wesentlicher Teil dessen, was in der Zukunft österreichische Unverwechselbarkeit in der Außenpolitik ausmachen wird.

Eines Tages - davon gehen wir aus - werden die inhaltlichen Positionen der europäischen und auch der österreichischen Außenpolitik gemeinsam mit einer Stimme in die Welt getragen und gehört werden. Aber das wird nicht von selbst kommen. Man wird hier konsequent einen österreichischen Beitrag leisten müssen - nicht nur für die Außenpolitik der EU, sondern auch für die Innenausgestaltung dieser Union.

Das Unverwechselbare des österreichischen Beitrags werden diese vier Faktoren ausmachen. Daher glaube ich, dass diese Teile integraler Bestandteil der österreichischen Außenpolitik sind und sein werden. Sie sind in Teamarbeit umzusetzen, denn niemand von uns kann es alleine machen.

Ich freue mich deswegen auch, dass ich Sie heute treffe, denn Sie sind Außenpolitiker für mich - genauso sehr wie Diplomaten, genauso sehr wie österreichische UnternehmerInnen, genauso wie EntwicklungszusammenarbeiterInnen und genauso sehr wie MitarbeiterInnen von NGOs.

Aber nun zu ein paar Gedanken, die ich für heute vorbereitet habe und die ich gerne mit Ihnen teilen möchte:

"Etwas über einander erfahren."

Wikipedia ist eine tolle Sache. Man drückt auf den Knopf und weiß alles. Sofort wissen? Reicht das? Wie erfahren wir eigentlich Näheres? Letztlich brauchen wir in dieser komplexen Welt mehr Tiefenschärfe. Wir müssen unter die Oberflächen und hinter die Fassaden schauen, wenn wir jenseits der reinen Information etwas begreifen wollen. Wir müssen die Steine umdrehen. Wir brauchen dies nicht nur im Bezug auf "den anderen", sondern auch als Auskunft über uns selbst.

Hier ist besonders die Auslandskulturarbeit gefordert, denn sie hat andere Werkzeuge als die Außen- und Europapolitik. Das hängt mit den Menschen zusammen, die in diesem Bereich tätig sind. Nicht nur die Künstler und die Kunstschaffenden, sondern auch die Vermittler und die Adressaten von Kunst und Kunstwerken. Sie alle haben eine andere Sprache als die Außen- und Europapolitik.

Ich halte es da sehr mit Ingeborg Bachmann: "Keine neue Welt ohne neue Sprache." Wir müssen immer wieder aus diesen Sprachkäfigen heraus, und das ist gar nicht so leicht. Denn jeder von uns sitzt auf dem Planeten, zu dem er gehört oder in den er eingeordnet wird: in die Welt der Politik, in die Welt der Wirtschaft, in die Welt der Kunst. Und es ist gar nicht so leicht, herauszufinden, ob es zwischen diesen Welten eigentlich eine gemeinsame Sprache gibt.

Damit komme ich zu den Werkzeugen der Auslandskulturpolitik. Sie schafft und hat andere Zugänge. Und Zugang, "access", ist eine der Währungen im 21. Jahrhundert. Das ist ein ganz spannender Punkt - vor allem auch für ein Land von der Größe und der Wichtigkeit Österreichs sowie für dessen Kulturschaffende.

Das Prinzip Dialog:

Auslandskulturarbeit ist für mich eine unverzichtbare Grundlagenarbeit für einen lebendigen Dialog. Und nicht eine Art Präsentation, Imagepflege, schon gar nicht Behübschung. Auslandskulturarbeit ist für mich keineswegs das "Geranienkistl" an der sonnigen Hauswand.

Was ich mir erwarte, und was ich mir unter Auslandkulturpolitik im weitesten Sinne vorstelle, ist Impulse für den Dialog zu geben und auch konkrete Dialogforen zu schaffen. Das ist ein zentrales Thema meiner Arbeit in der Außen- und Europapolitik.

 Dialog ist ein eher leises und auch häufig missverstandenes Wort. Denn hinter Dialog verbirgt sich für manche etwas Einfaches und an sich etwas Selbstverständliches. Nur, wenn wir uns mit den wirklichen Fragen konfrontieren und uns mit ihnen auseinandersetzen, dann merken wir, dass es nicht so einfach ist. Dialog ist in Wirklichkeit harte Arbeit. Dialog ist kein einfaches Unterfangen, weil wir heikle Themen und Prozesse nicht ausklammern dürfen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: der Bereich Kultur und Religion. Dialog der Kulturen, Dialog der Religionen - manchmal im globalen Maßstab auch Dialog der Zivilisationen. Hier ist viel Sprengpotential, und hier müssen wir uns einem Thema stellen, das in unserer Welt zunehmend wichtig wird - im Außen- wie im Innenverhältnis.

Unsere Gesellschaften werden immer bunter, die weite Welt wird immer enger. Wir sind einander immer näher gerückt, oft allerdings ohne einander zu wärmen. Wir wissen zu wenig über einander. Und ein Aspekt der Globalisierung ist die Kälte im Weltdorf. Ein Thema mit dem man sich in diesem Zusammenhang auch auseinandersetzen muss.

Eine besondere Herausforderung für uns und für diese Zeit ist der Dialog mit dem Islam und mit islamisch geprägten Kulturen. Ich glaube, dass wir uns in der österreichischen Außen- und Europapolitik diesem Thema in einer verantwortungsvollen und durchaus auch in einer sehr pro-aktiven Weise stellen.

Wir haben alleine hier in Österreich, in Wien und Salzburg, in der ersten Hälfte dieses Jahres fünf große Dialogveranstaltungen initiiert:

Eine in der Diplomatischen Akademie gemeinsam mit meinem bosnischen Außenministerkollegen und mit Mustafa Ceric zum Islam in Europa: Wie kann man eine europäische Wertebasis mit einer religiösen muslimischen Identität verbinden? Wie geht das konkret?

Eine zweite Veranstaltung zu "Women in the Arab World": Frauen als "agents of change", als aktive Mitgestalter und Vermittler von Veränderung und Fortschritt.

Eine dritte gemeinsam mit der New York University organisierte Veranstaltung in Salzburg zum Thema "Muslimische Frauen und Jugendliche in der westlichen Welt - Gefahr oder Positiv-Potential?"

Weiters die Nahost-Frauenkonferenz Ende Mai: Sie war ein sehr spannender Versuch, den Bildern der Gewalt die Kraft des Dialoges entgegenzusetzen und die Hierarchien und Trampelpfade der üblichen Formen des Dialogs zu durchbrechen. Ziel der Konferenz war auch die Frauen in der Region zu ermutigen, ihr Engagement, ihren Beitrag für die Friedenssuche im Nahen Osten weiterzuführen.

Und schließlich die fünfte Veranstaltung, der Salzburger Trilog. Dort haben wir versucht, die drei Welten der Wirtschaft, der Politik, und der Kunst zu verbinden. Dafür ist Salzburg im Sommer natürlich ein sehr guter Ort. Thema war ein Ausspruch von Al-Ghazali, einem islamischen Denker des 11. Jahrhunderts: "Vernunft ist die Waage Gottes auf Erden". Ein ziemlich anspruchsvolles Thema, in dessen Rahmen wir das Wechselspiel zwischen Vernunft und Religion näher behandelt haben. Eine Botschaft dieses Treffens war, Feindbilder durch Verständigung über gemeinsame Ziele zu überwinden.

Und wir haben dazu als geradezu exemplarische Illustration Daniel Barenboim und sein "West-Eastern Diwan Orchestra" eingeladen. Es war ein wirklich spannendes Erlebnis, diese jungen Menschen zu hören, zu erleben. Diese unglaubliche Energie, die von diesem Orchester ausgeht und die unseren Möglichkeitssinn im besten Sinne des Wortes wieder schärft - in jeder Hinsicht, durchaus auch politisch.

Dialogarbeit, meine Damen und Herren, ist aber auch eine Konstante in der vielleicht weniger sichtbaren und vielleicht nicht so flächenwirksamen Alltagsarbeit der österreichischen Auslandskultur.

Stichwort Iran.

Österreich hat als einziges westliches Land in Teheran ein Kulturforum konstant betrieben - auch in Zeiten der iranischen Revolution - und bietet dort Sprachkurse für junge Iranerinnen und Iraner an. Das ist eine besondere Kostbarkeit der österreichischen Auslandskulturarbeit. Mit vielem, was im Iran passiert, sind wir nicht einverstanden. Wir sagen das auch klar. Wir äußern uns immer wieder zu den Themen der Menschenrechte, auch zu Einzelfällen, und zu den politischen Themen; das ist selbstverständlich.

Ich habe erst vorgestern eine sehr bewegende Begegnung mit Frau Dr. Esfandiari gehabt. Sie hat sich von unserer stillen Diplomatie sehr unterstützt gefühlt, die dazu beigetragen hat, sie aus dem Gefängnis heraus zu bekommen. Und sie hat auch auf ganz interessante Ansätze der Dialogarbeit hingewiesen. Sie sagt zum Beispiel, dass ihrer Erfahrung nach die Arbeit mit Frauen aus der Wirtschaftwelt und der Politik eine ganz interessante Kombination ist, die Zugänge ermöglicht, die sonst vielleicht so nicht möglich wären. Das entspricht im Übrigen auch dem, was wir bei unserer Nahost-Konferenz erlebt haben. Dort hatten wir einen eigenen Workshop für Medien und einen anderen für Wirtschaft, wo wir Frauen, die in der arabischen Welt in der Wirtschaft tätig sind, eingeladen haben mitzuarbeiten.

Dr. Esfandiari hat mir auch sehr eindrücklich von Loris Tjeknavorian erzählt - Komponist, Dirigent, österreichischer Staatsbürger -, der eng mit dem Kulturforum zusammen arbeitet. Und der besonders spannende Konzerte zum Thema Religion und Musik veranstaltet. Auch eine Facette, die man verfolgen sollte.

Stichwort Südosteuropa.

Wir bemühen uns als Österreicher natürlich ganz besonders, unsere Nachbarn in Südosteuropa in die europäischen Formen der Zusammenarbeit, in die europäischen Strukturen in den Bereichen Kultur, Wissenschaft, Bildung einzubeziehen. Das tun wir seit langem und wir tun es auf viele Arten. Und ich denke, wir dürfen hier nicht nachlassen.

Wir werden in einer positiven Art und Weise von den jungen Menschen in der Region gebraucht. Und wir dürfen hier nicht nachlassen, denn wir werden jetzt gebraucht. Ich bin überzeugt davon, dass wir alles tun, was wir in diesem Bereich tun können. Wir tun es ganz gezielt auf der politischen Seite, aber auch im Bereich der Auslandskulturarbeit.

Eines meiner persönlichen Lieblingsprojekte heißt "FLOW". Ein Laboratorium für das kreative kulturelle Potential in Südosteuropa. Eine Diskussionsplattform, die jedes Jahr in einer anderen Stadt an der Donau eine mehrtägige Ideenbörse für Kultur und Wissenschaft einrichten wird. Wir beginnen im Frühjahr 2008 in Novi Sad.

Stichwort europäische Zusammenarbeit.

Wir haben derzeit den Vorsitz im Netzwerk der nationalen Kulturinstitute der EU-Staaten, der European Union National Institutes for Culture (EUNIC). Auch eine Möglichkeit, Netzwerke zu betreiben, zu schaffen und Bewusstseinsarbeit zu machen.

Ein Prinzip das mir auch wichtig ist, ist das Prinzip Partnerschaft.

Ich halte dieses Prinzip Partnerschaft, für einen Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, dass die Kulturarbeit zur Möglichkeit konkreter Partnerschaften beiträgt. Auch das ist nicht leicht, denn Partnerschaft auf Augenhöhe ist eine schwierige Sache, das wissen wir. Sie verlangt hinhören und gehört werden.

"Ebenbürtigkeit" - das ist etwas, das zu einer Partnerschaft gehört. Hans-Dietrich Genscher hat den Begriff kürzlich in einem Artikel wieder in den politischen Diskurs eingebracht, und er hat mir gut gefallen. Er klingt etwas altmodisch, hat aber viel Tiefe.

"Ohne innere Bevormundung" - auch nicht ganz leicht in einer Partnerschaft. "Zumutbare Gegenseitigkeit" - auch ein Versuch, in dieses Thema hineinzugehen. Fähigkeit zur Partnerschaft insgesamt erfordert ja Selbstverständnis, Verständnis, Verständigung - eine ganze Kette.

Konkretes Ziel dieser Art von Auslandskulturpolitik ist Vertrauen. Vertrauen aufbauen, den Boden bereiten für Dinge, die vielleicht noch nicht reif sind, die erst wachsen müssen. Vertrauen zwischen Gesellschaften aufzubauen, zu wahren, zu entwickeln: eigentlich die klassische Aufgabe von Außenpolitik.

Stichwort Unverwechselbarkeit.

Österreich zeigt eindrucksvoll, dass gerade kleinere und mittelgroße Staaten Vorreiter sein können in der Vertrauensarbeit und in der Dialogarbeit. Hier haben wir gerade in der Auslandskulturarbeit ein wirklich unverwechselbares rot-weiß-rotes Profil entwickelt. Das soll jetzt bitte niemand - vor allem von den Kultur- und Kunstschaffenden - als Versuch einer patriotischen Vereinnahmung missverstehen, denn darum geht es nicht.

Künstler und Kulturschaffende brauchen Mittler, und das ist eine der Aufgaben, die wir im Außenministerium mit unserem Netzwerk anbieten können. Wir verfügen mit unseren 81 Botschaften und 30 Kulturforen über ein Kontaktnetz, das man nützen kann, und das man nützen sollte. Wir haben die Basisinfrastruktur im Sinn von Gebäuden und gesellschaftlichen Möglichkeiten. Es wäre schade, das nicht zu nützen.

Wir haben uns auch in den Budgetverhandlungen bemüht, klar zu machen, dass wir hier eine Richtungsänderung brauchen. Dass wir nicht das Kulturbudget, das schon recht minimal ist, noch mehr aushungern können.

Die zusätzliche Million Euro, die wir ausverhandelt haben, macht nicht die Welt aus. Aber sie ist ein Zeichen und Signal, dass uns diese Arbeit besonders wichtig ist. Ich möchte daher alle die hier sind einladen, dieses Zeichen aufzunehmen, sich selbst entsprechend einzubringen. Denn am Anfang jeder unverwechselbaren österreichischen Auslandskulturarbeit stehen Ihre Leistungen, steht Ihr Interesse, Ihre Neugier, Ihre Forscherseele, Ihr Pioniergeist, Ihre Einlassungsfreude.

Stichwort Europa.

Wenn man Europa von außen betrachtet, dann sehen wir, dass eines seiner wesentlichen Merkmale die Vielfalt ist. Die Vielfalt, die eine unglaubliche Kraftquelle ist, die natürlich auch besondere Managementtechniken erfordert. "Management of diversity" würde es in den Managementschulen wohl genannt werden.

Hier sind wir aus einer Notwendigkeit heraus wohl weltweit führend. Wir haben uns hier ein durchaus exportfähiges Fachwissen erworben, nach dem auch in der Welt Nachfrage besteht, denn der Unilateralismus hat sich als nicht ziel führend erwiesen. Die Frage ist natürlich wie wir dieses Potential als Europapolitiker nützen können.

Es ist auch eine Frage der Kultur, jedem Teilhaber am europäischen Projekt - und das sind nicht nur die Staaten sondern auch die fast 500 Millionen Europäerinnen und Europäer - die Möglichkeit und auch das Gefühl zu geben, sich in diesem einzigartigen europäischen Projekt wieder zu finden.

Europa, das den Multilateralismus im Blut hat, ist selbst ja eigentlich der gelungenste Dialog der Kulturen. Ein permanenter dynamischer, ein sich entwickelnder, ein sich verändernder Dialog.

Kultur hilft Europa natürlich auch, das Potential seiner Vielfalt in der Welt für die verschiedensten Aufgaben zu nützen. Wie wir wissen, ist Kreativität ein entscheidender Wettbewerbsfaktor in der globalisierten Welt. In der modernen Welt sind die Rollen bereits fix vergeben, und es ist nicht leicht diese Rollenzuteilungen zu ändern. Es gibt einen Weltpolizisten, es gibt eine Welt-Werkbank, es gibt ein Welt-Backoffice, das sich herausbildet - sogar eine Shortlist der Bad Guys. Wer aber ist eigentlich der globale Kreativdirektor? Europa bewirbt sich.

Unverwechselbarkeit: Was für Europa gilt, das gilt auch für Österreich. Die Außenperspektive zeigt uns, worin diese Unverwechselbarkeit besteht, nämlich in diesem unverwechselbaren Lebensmodell, dem Versuch diese breite Palette von Zielsetzungen in Europa in Einklang zu bringen. Das ist auch für uns eine wichtige Standortbestimmung, in unseren Beziehungen mit unseren Partnern in dieser enger werdenden Welt.

Zur Überwindung der Teilung Europas.

Kulturarbeit ist für mich auch die Verarbeitung der neueren europäischen Erfahrung - dass es gelingen kann, eine scheinbar unüberwindliche Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit aufzulösen. Die Überwindung eines halben Jahrhunderts Kalter Krieg auf friedlichem Weg ist nicht nur ein Thema für Zeithistoriker, sondern ein Thema für alle Europäer.

Ich hab mich daher bemüht, in das Regierungsprogramm der Bundesregierung diesen Gedanken hineinzubringen. Er liest sich wie folgt in der nüchternern Sprache eines Regierungsprogramms: "Im Sinne einer modernen zeithistorischen Aufarbeitung der jüngeren österreichischen Geschichte wird ein Projekt zur musealen/wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Kalten Krieg bis zum Fall des Eisernen Vorhangs entwickelt unter besonderer Berücksichtigung des europäischen Kontexts.

" Meine Damen und Herren,

Ich sehe hier eine Möglichkeit, einen österreichischen Beitrag zur europäischen Identität zu leisten. Wir brauchen solche Beiträge. 2009 sind die Wahlen zum Europäischen Parlament. 2009 steht aber auch für 20 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs, die Überwindung der Grenzen, die bis dahin für so viele so bitter und so unüberwindbar erschienen sind. Und wo natürlich auch die Kulturarbeit über diese langen Jahrzehnte hinweg die Verbindung in einem tieferen Sinn aufrechterhalten hat.

Ich glaube daher, dass wir uns hier in einer besonderen Weise einbringen können. Ich glaube auch, dass die Zeit gekommen ist, mit diesem Thema umzugehen und dass sich die Österreicher hier vielleicht ein bisschen leichter tun werden. Ich möchte, dass das wirklich ein gemeinsames Projekt wird. Aber nicht, dass wir mit einem Architekten-Wettbewerb beginnen. Wir sollten nicht mit dem Gedanken an ein Haus mit einer starren Struktur anfangen - das kann auch eines Tages ein Teil werden, vielleicht kleinere Gebäude, vielleicht in Andau, vielleicht an der Grenze an anderen Stellen, dort, wo die wirkliche Grenze war.

Ich wünsche mir, dass wir schon im Herbst damit beginnen, Grundlagen zu erarbeiten, etwa uns einen internationalen Workshop zu dem Thema "Was hat das neue Europa möglich gemacht?" vornehmen und das Terrain für die Arbeiten, die vor uns liegen, sondieren.

Eine Möglichkeit wäre auch ein virtuelles Museum. Mich hat das Projekt "Centrope" in der Pfeilgasse beeindruckt. Da kann man viel bewegen, ohne einen Architekten-Wettbewerb - der ja nicht ausgeschlossen ist, aber nicht der erste Gedanke sein sollte.

Worum es mir im Grunde geht, ist, an den Freiheitswillen der Menschen in den osteuropäischen Ländern, unseren Nachbarn, zu erinnern und ihn für uns und insbesondere für die jungen Menschen lebendig zu halten. Erinnern an den Mut der Dissidenten, den Helsinki-Prozess. Erinnern an die Rolle von Schriftstellern, Kulturschaffenden, Medien. An die Funktion von Wien als Ort der Begegnung zwischen Ost und West. An die jüdische Emigration. An das Durchschneiden des Eisernen Vorhangs im Sommer 1989, mit dem dann wirklich greifbar und bildlich dieses neue Europa begonnen hat.

Wir haben dazu schon eine ganze Reihe von Ideen ausgearbeitet. Ich glaube, wir sollten dieses Gewebe europäischer Identität, europäischer Erinnerung und europäischer Selbstvergewisserung bewahren und weitergeben, erklären und mitwirken.

Wenn ich heute mit Maturaklassen rede, fällt mir auf, dass sie keine persönliche Erinnerung haben und sich die Teilung nicht mehr vorstellen können. Sie haben daher auch zuwenig die Möglichkeit nachzuvollziehen, wie schwierig manche Prozesse bei unseren Nachbarn noch sind, was da noch an Arbeit in ihren Gesellschaften bevorsteht - wo man doch geglaubt hat, dass sich jetzt alles sehr schnell zum Besseren wenden wird, das aber nicht in dem Ausmaß und nicht in dem Tempo, in dem es sich viele erwartet haben, passiert. Um mit diesen Themen behutsam in nachbarschaftlicher Zugewandtheit umzugehen, benötigt es einen Wissenshintergrund.

Wir sollten uns daher an dieses große Projekt machen und den Auftrag des Regierungsprogramms umsetzen. Wir sollten unsere internationalen Partner einbeziehen, denn es ist kein Projekt das gegen jemand gerichtet ist. Sondern es soll für uns Europäer ein Akt der Erinnerung an einen Teil der Entstehung gemeinsamer Identität sein.

Danke.