Wien, 12. Oktober 2006 Rede/Interview

Rede von Außenministerin Ursula Plassnik anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Budapest 1956. Die ungarische Revolution"

12.10.2006

Es gilt das gesprochene Wort

Rede der Frau Bundesministerin Ursula Plassnik anlässlich
der Eröffnung der Ausstellung
"Budapest 1956. Die ungarische Revolution",
Leopold Museum, 12. Oktober 2006

Professor Leopold!
Frau Dr. Leopold!
Professor Lessing!
Botschafter Horváth!
Dr. Holzbauer!
Meine Damen und Herren!

Ungarn im Herbst 1956.

Das waren 13 dramatische Tage voller Sehnsucht, voller Hoffnung, voller Aufbruch.

Aber auch voller Schrecken, voller Ohnmacht, voller Verzweiflung im Zusammenstoss mit den bitteren Realitäten dieser Zeit.

Ein weiter Spannungsbogen führt über ein halbes Jahrhundert ins Heute: Aus der spontanen Solidaritätskundgebung zugunsten des Aufbruchs in Polen wurde ein dramatischer Volksaufstand gegen die spätstalinistische Herrschaft und schließlich ein erbitterter Freiheitskampf gegen die sowjetische Besatzung. Im Dezember 1956 wurde die offizielle Sprachregelung für die Oktoberereignisse beschlossen: "Konterrevolution". Erst im Juni 1989 bezeichnete auch das offizielle Ungarn diese Ereignisse als "Volksaufstand". Die Anerkennung des so lange diffamierten Volkswillens als rechtmäßig mehr als 3 Jahrzehnte später hat den Weg zum modernen demokratischen Ungarn geebnet.

Für jemanden, der wie ich im Mai 1956 geboren ist, fehlt die Dimension der unmittelbaren persönlichen Erfahrung. Und trotzdem - auch ohne die kraftvollen und beklemmenden Bilder von Erich Lessing - es ist immer noch mühelos nachvollziehbar, wie das ungarische Volk damals nach den Jahren der Unterdrückung Änderungen herbeisehnte und von Hoffnung ergriffen wurde:

- durch die spektakuläre Abrechnung Chruschtschows mit dem Stalin-Kult, 
- durch die Unruhen und den Regierungswechsel in Polen
- durch die erst im Jahr davor wieder erlangte Freiheit Österreichs und seine Neutralität.

In einer Medienmeldung vom 26. Oktober 1956 - ein Jahr nach Verabschiedung des Neutralitätsgesetzes durch das österreichische Parlament - hieß es: "Der Parlamentsplatz in Budapest verwandelte sich nach einer Augenzeugenschilderung gestern Mittag in ein regelrechtes Schlachtfeld. Sowjetische Panzer fuhren auf und feuerten rücksichtslos in eine nach Tausenden zählende Menschenmenge, die sich dort zu einer friedlichen Demonstration zusammen gefunden hatte und deren einzige "Bewaffnung" ungarische Nationalflaggen waren."

Der mutige Kampf der Ungarinnen und Ungarn für Freiheit, Demokratie und gegen Unterdrückung und Fremdbestimmung war ein überaus prägnanter Einschnitt in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, einer jener Knotenpunkte, von denen aus vieles zugänglicher und verständlicher wird in der jüngeren Geschichte unseres Kontinents.

Denn der ungarische Freiheitskampf war ein frühes Aufbegehren gegen die kommunistische Zwangsherrschaft in Mitteleuropa und aus heutiger Sicht auch ein früher Schritt in Richtung Wiedervereinigung Europas in Freiheit.

Die Bilder aus den Straßen Budapests haben gerade in Österreich, das erst ein Jahr davor von den sowjetischen Besatzungstruppen geräumt worden war, tief sitzende Ängste wieder wach werden lassen. Diese Ängste haben jedoch weder blockiert noch gelähmt. Die Österreicher haben vielmehr mit rotweißroten Flaggen die Grenzlinie zu Ungarn markiert und den Flüchtlingen Wege über diese Grenze gewiesen. Sie haben Verwundete gesund gepflegt. Sie haben zunächst Nahrung und Quartiere bereitgestellt und dann Schulen und Arbeitsplätze.

Meine Damen und Herren,

gestern war ich bei der Buchpräsentation von Marta S. Halpert. Ich darf aus ihrem Buch zitieren:

"Die spontane Welle der großzügigen Hilfsbereitschaft in diesen Tagen hatte Abertausende von Österreichern und Österreicherinnen erfasst. Sie ergab sich aus einer Mischung aus Dankbarkeit und neuem Selbstverständnis: Man war einerseits glücklich über das eigene gütige Schicksal, symbolisiert durch die im Mai 1955 errungene staatliche Souveränität. Man freute sich über den Abzug der alliierten Truppen inklusive der sowjetischen Soldaten. "Alle haben etwas für die Ungarn getan. Das war eine instinktive Reaktion eines Volkes, das Glück gehabt hat und das alles erlebt hat", befand Paul Lendvai, der selbst 1957 Ungarn verlassen hatte."

"Bis einschließlich 3. November 1956 setzten sich lediglich 1.335 ungarische Staatsbürger nach Österreich ab…. Das Innenministerium hatte vorerst einen Vorsorgeplan für 6.000 Flüchtlinge entworfen.
Doch bereits an einem einzigen Tag, nämlich am Sonntag, dem 4. November, als der sowjetische Einmarsch den Volksaufstand brutal niederwalzte, flohen rund 6.000 ungarische Staatsbürger, darunter eintausend Soldaten, nach Österreich. Insgesamt sollten es fast 200.000 werden.

Meine Damen und Herren,

Unser Land, dem viele trotz des Staatsvertrages und seiner Neutralität eine düstere Zukunft vorausgesagt hatten, hat sich damals menschlich und politisch bewährt. Die junge Neutralität bestand ihre erste Prüfung: Wer bis dahin die Neutralität als eine Anleitung zum Wegschauen missverstanden hatte, wurde eines Besseren belehrt. Das eben erst aufgestellte Bundesheer meisterte seinen ersten Grenzeinsatz. Die nachbarschaftliche Anteilnahme hat letztlich auch für uns Österreicher zu einem deutlichen und positiven "Identitätsschub" geführt.

Lassen Sie mich an dieser Stelle gerade als jemand, der damals noch nicht dabei war - sozusagen von Generation zu Generation - mit größter Hochachtung allen denjenigen gedenken und danken, die in dieser Lage geholfen haben. Die mit ihrer gelebten Solidarität einen elementaren Beitrag zum humanitären und politischen Selbstverständnis des modernen Österreich geleistet haben.

Ich möchte aber auch allen Ungarinnen und Ungarn danken, die in diesem Land einen so wertvollen und wertgeschätzten Beitrag zur Entwicklung Österreichs geleistet haben.

Meine Damen und Herren,

Wien war damals die Drehscheibe, über die Wort und Bild in die internationalen Medien weiterflossen. Die Presse-Fotografen wurden Zeugen der Stunde und der Zeit. Das Fernsehen steckte in den Kinderschuhen. Jedes Foto konnte rascher in die Zeitungen kommen als die Filmreportagen in die damaligen Wochenschau-Kinos.

Die Suggestivkraft der Schwarz-Weiß-Photographie schöpft aus der Kraft des radikalen Expressionismus. "Photographieren heißt, den Atem anhalten … Photographieren ist eine Art zu schreien …", sagte Henri Cartier-Bresson, dem wir die Theorie des "entscheidenden Augenblicks" verdanken.

Erich Lessing - der als Jugendlicher aus Österreich Vertriebene, der politische Denker, der "Magnum"-Photograph, hat solche entscheidenden Augenblicke zwischen Glück und Unglück, zwischen Leidenschaft und Trauer, zwischen Macht und Ohnmacht in seinen Bilder festgehalten.

Seine verdichteten Zeitzeugnisse sind wahrhaft zeitlos geworden. Die unmittelbar wirkende universelle Sprache seiner Bilder verweist auch heute noch unverrückbar auf den Auftrag dieser Tage des Schmerzes und der Bewährung:

  • Weiterzuarbeiten am europäischen Friedensprojekt. 
  • Nicht nachzulassen bei unseren Anstrengungen zur Wiedervereinigung Europas auf dem Boden von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. 
  • Nach Kräften beizutragen, dass gerade junge Generationen es nicht als Belastung sondern als Privileg wahrnehmen, dieses unser Europa mitgestalten zu dürfen.

Möge es uns gelingen, Mut und Zuversicht zu bewahren angesichts der Aufgaben, die uns noch bevorstehen in diesem Europa und aus diesem Europa heraus für die Welt.

Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen - vor genau 4 Wochen habe ich die Außenminister der regionalen Partner nach Wien eingeladen - Polen, Ungarn, die Slowakei, die Tschechische Republik und Slowenien. Unser Thema war Serbien: was können wir konkret tun, um die europäisch orientierten demokratischen Kräfte in Serbien zu stärken?
Wir haben ein von unseren Kollegen in der EU viel beachtetes 10 Punkte Programm entwickelt und ich werde das Mittagessen mit unserem serbischen Kollegen im ehemaligen Wappensaal des NÖ Landhauses nie vergessen: plötzlich waren wir nicht 6 Außenminister, sondern ein spannendes mitteleuropäisches Menschen-Potpourri:

  • Eine ungarische Psychiaterin mit Spezialgebiet Mediation und Konfliktlösung, deren Vater nach 1956 sechs Jahre im Gefängnis saß und der 1990 erster demokratisch gewählter Staatspräsident des neuen Ungarn wurde
  • Ein tschechischer Geograph und Autor zu neuerer mittel- und osteuropäischer Geschichte, Mitunterzeichner der Charta 77, als deren Sprecher er im Vorfeld der "Samtenen Revolution" 1989 verhaftet wurde
  • Ein ehemaliger Generalsekretär der OSZE, die (als KSZE) wesentlich zum Niedergang des Kommunismus in Europa beitrug und sich heute für Menschenrechte und Grundfreiheiten im weiteren Europa einsetzt
  • Eine polnische Skandinavistin aus Danzig, Solidarnosc-Aktivistin, unter polnischem Kriegsrecht im Einsatz für Unterdrückte
  • Ein slowenischer Soziologie-Professor, vielfacher Buchautor und Literaturwissenschafter, der im kommunistischen Jugoslawien als Journalist und Redakteur systemkritisch tätig war
  • Ein serbischer Schriftsteller und Poet, dessen Willen zum Aufbau eines demokratischen, europäischen Serbien durch Gefängnis, Misshandlungen und Mordanschläge unter dem Milosevic-Regime nicht gebrochen werden konnte
  • und ich selbst, die als 1956 Geborene mitwirken darf an der konkreten Ausgestaltung dieser neuen Nachbarschaften, auch aus dieser wieder spürbarer werdenden mitteleuropäischen Identität heraus. Und die sich wünscht die Geschichte der europäischen Spaltung endgültig im Museum zu sehen.

Seit dem 1. Mai 2004 kann diese spezifisch nachbarschaftliche Erfahrung zwischen Österreich und Ungarn voll zum Tragen kommen.

Heute arbeiten wir auf zwischenstaatlicher Ebene, aber auch im Rahmen der Regionalen Partnerschaft so eng miteinander zusammen, wie sich das 1956 und den Jahrzehnten danach niemand in Österreich oder in Ungarn hätte träumen lassen - im grenznahen Bereich, in der Zusammenarbeit zwischen Regionen und Komitaten, zwischen den Hauptstädten, in den Institutionen der Europäischen Union, im gemeinsamen Einsatz für unsere Nachbarn auf dem Balkan und in Osteuropa.

Im Dezember 2005 hat in Wien - hier im neu gestalteten Museumsquartier - sogar eine erste gemeinsame Arbeitssitzung der Regierungen der beiden Staaten stattgefunden.

Was mich dabei besonders beeindruckt, ist der Umstand, dass diese Zusammenarbeit in beiden Ländern quer durch alle staatlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen verläuft und dass sie - unabhängig von der jeweiligen innenpolitischen Situation - durch beeindruckende Kontinuität gekennzeichnet ist.

Möge es uns, die wir frei in diesem Europa am Weg zur Wiedervereinigung leben dürfen, gelingen, das zugeneigte Interesse am Nachbarn lebendig zu erhalten, die "Neu-Gier" im besten Sinn an seinen Erfahrungen, Sehnsüchten und Träumen.

Ich gratuliere Professor Lessing, Professor Leopold und Kurator Dr. Holzbauer zu dieser Ausstellung und wünsche ihr in diesem Sinne möglichst viele aufmerksame Seher und Wahrnehmer.