Wien, 26. Februar 2005 Rede/Interview

Statement von Prof. Peter Sloterdijk zum Europakongress

26.02.2005

"Gemeinsame Erfahrungen - Gemeinsame Perspektiven"
10 Jahre Österreich in der Europäischen Union
Europakongress, Wien, 25. - 26. Februar 2005

"Im Westen etwas Neues"

Statement von Professor Peter Sloterdijk
Philosoph, Professor und Rektor der Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

 

 

Meine Damen und Herren

Mir ist die ehrenvolle Aufgabe zugefallen, die Geschichte des Westens von Plato bis zur Nato in zwei Minuten zu referieren. Um keine Zeit zu verlieren, fasse ich meine These in einer Formel zusammen, die jene berüchtigte Meldung der Obersten Deutschen Heeresleitung aus der Zeit des Ersten Weltkriegs "Im Westen nichts Neues" umkehrt. Die entscheidende Nachricht unserer Zeit lautet in der Tat: Es gibt im Westen etwas Neues. Am westlichen Kap der euroasiatischen Landmasse formieren sich zur Stunde die Konföderierten Staaten der Alten Welt unter dem Namen der Europäischen Union - ich denke hierbei an das politische Gebilde, das seit dem 1. Mai 2004 als das Europa der 25 bezeichnet wird. Was das wirklich Neue an diesem Phänomen bedeutet, lässt sich allein durch einen Ausblick in die Geschichte erläutern - denn nur in weiteren historischen Perspektiven kann uns die Besonderheit des gegenwärtigen großen politischen Versuchs bewusst werden. Wir wohnen dem Auftauchen einer politischen Großform bei, zu deren Charakterisierung man sich im Arsenal der bisherigen Begriffe und Vorbilder vergeblich umsieht. Die singulären Merkmale der neuen Struktur lassen sich wohl am ehestens in der Form fassen, dass man hervorkehrt, was die Europäische Union in ihrer heutigen Gestalt nicht - oder nicht mehr - darstellt.

Ich bediene mich hierzu einer Liste von fünf Bestimmungen. Die erste hiervon besteht in der These, die alle folgenden in gewisser Weise vorwegnimmt, dass das heutige Europa eine wesenhaft p o s t - i m p e r i a l e Größe darstellt. Ein Imperium - wie es seit den Tagen der Römer definiert war - bedeutet einen von metaphysischen Privilegien beschirmten Erfolgsraum. In ihm kommunizieren die Teilhaber an der Macht im Wesentlichen über nichts anderes als über die Siege des Reichs. Dieses bildet einen Glückszusammenhang, der sich in der Person des Kaisers konzentriert - eines Kaisers, der weniger dem altrömischen Götterhimmel verpflichtet ist als den beiden imperial neu aufgeladenen Kommunikationsgottheiten Victoria und Fortuna. Die typischen Embleme des imperialen Erfolgsprogramms sind Adler und Löwen - politische Raubtiere, die im aktuellen Europa nur noch in den Zoos der Bibliophilen und der Historiker gehegt werden. Post-imperial: das heißt, die Europäer haben das nahezu zweitausendjährige Epos der Übertragungen des Römischen Reiches auf immer neue Trägernationen abgeschlossen, und zwar, wie ich glaube, endgültig - auch wenn die Rolle der USA in diesem Spiel bis auf weiteres Grund zur Sorge gibt. Damit zogen sie nach 1945 die Konsequenzen aus der bittersten Verirrung ihrer politischen Geschichte, als im 19. und 20. Jahrhundert auf engstem Raum ein halbes Dutzend (und mehr) an national basierten imperialen Prätentionen nebeneinander und gegeneinander agierten - um sich schließlich in zwei verheerenden Großkriegen selbst zu zerstören und zu neutralisieren. Seither steht das öffentliche Leben vor der Aufgabe, einen neuen, eben einen post-imperalen Modus von politischer Kultur zu entwickeln.

Das zweite Merkmal des neu-europäischen Komplexes besteht in seinem p o s t - h e r o i s c h e n Ansatz. Im Laufe des vergangenen halben Jahrhunderts haben die Europäer sich weitgehend von den Traditionen des Heldenkults, der Todesverehrung und der Verherrlichung des Opfers losgelöst und sich zur Hochschätzung der zivilen Tugenden - einschließlich des weltlichen savoir vivre bekannt. Das erkennt man unter anderem daran, dass die europäische Gemeinschaft der Küchen weiter fortgeschritten ist als die der politischen Systeme.

Drittens definiert sich das große neu-europäische Experiment durch das, was ich seine p o s t - m a c h i s t i s c h e Atmosphäre nennen möchte. Mit der Auflösung des Heroismus geht die Auflösung der historischen Männlichkeit einher. Wir knüpfen seit der Französischen Revolution wieder an den meritokratischen Standards der griechischen Stadtkultur an - daher haben wir die tribale und mittelalterliche Idee des Adels, diesen großen Rückfall der europäischen Psyche in die Magie der Arroganz, erneut verabschiedet und uns auf die Suche nach Verfahren begeben, wie man die menschlichen Vorzüge von den Ideologien des Erbes abkoppelt, um sie ganz an Wertungen für aktuelle Verdienste anzuschließen. Hieraus ergibt sich der neo-athletische Zug im Kern der europäischen Leistungsidee. Deren Ausdruck ist das Ranking, das bei alle seinen anfechtbaren Aspekten doch ein großes Zugeständnis an die Einsicht darstellt, dass Eminenz und Prominenz reversible Größen sein sollen.

Schließlich darf man die psychische und psychopolitische Verfassung der europäischen Populationen als die einer p o s t - e n t h u s i a s t i s c h e n Kultur bezeichnen. In diesem Befund drückt sich die Tatsache aus, dass die europäische Publizistik auf breitester Front aufgehört hat, den Massennarzissmus für nationalistische Mobilmachungen und patriotische Überspitzungen zu benutzen - so wie man es in der Zeit der Nationalimperialismen gekannt hatte, jener politischen Gestalt der emotionalen Pest, an welcher das alte Europa zugrunde gegangen war. Man kann im übrigen beobachten, dass bis heute auch Angehörige der politischen Klasse mit diesem Merkmal europäischer Kultur Mühe haben, da sie noch leicht der Versuchung erliegen, sich wieder auf die Suche nach dem enthusiastischen Bürger zu machen - beziehungsweise dessen Fehlen zu beklagen. Besser wäre es, die Heraufkunft des skeptischen Bürgers als ihre eigene historische Chance zu begrüßen. Man muss die Tatsache zu Kenntnis nehmen, dass zwischen Demokratie und Skepsis eine positive Korrelation besteht. Folglich sollten wir uns mit der Idee befreunden, dass die großen Überzeugungen den Seelenlärm nicht nötig haben - so wenig wie die mediale Hysterie. Tatsächlich besitzen die hier genannten Merkmale der neu-europäischen Experiments die Züge von großen Überzeugungen, die im Klima von wohltemperierter Skepsis am besten aufgehoben sind.

Mit alledem möchte ich sagen, dass die Europäer im Begriff sind, das Politische Paradigma für ein p o s t - u n i l a t e r a l e s Zeitalter zu schaffen. In der Verständigung hierüber liegen die wirklichen Anfänge einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik. Diese müssten beginnen mit dem Versuch, den verbliebenen Unilateralen den Abstieg vom hohen Ross der Anmaßung zu erleichtern, ohne dass diese sich dabei die Füße brechen. Der natürliche Gegner der Europäer ist alles, was weiterhin imperial, heroisch, machistisch, enthusiastisch und unilateral auftritt - woran auch hastige Besuche eines amerikanischen Präsidenten in Brüssel nichts ändern können. Es geht für Europäer heute darum, sich den eigenen Modus des Lebens und Politiktreibens deutlich genug zu machen, um ihm die Weltgeltung zu erwerben, die er seiner zivilisatorischen Vorzüge wegen verdient.