Bern, 4. November 2005 Rede/Interview

Danke Schweiz

04.11.2005

Rede von
Außenministerin Dr. Ursula Plassnik
im Rahmen der
Gedenkveranstaltung "Danke Schweiz"

Bern, 4. November 2005

 

Sehr geehrte Frau Bundesrätin, liebe Micheline!
Sehr geehrte Frau Nationalratspräsidentin!
Meine Herren Präsidenten!
Lieber Herr Botschafter!
und vor allem -
Liebe Schweizer Freunde!
Liebe "Schweizerkinder"!

Es gibt im Leben Augenblicke, auf die man sich von Herzen freut.
Momente, in denen Kompliziertes ganz einfach wird und in denen jeder von uns bewegt, ja gerührt ist, von dem, was uns verbindet. Von lang her, seit langem schon.

In solchen kostbaren Augenblicken wachsen Brücken, ganz von allein, über die Grenzen, über die Generationen, über das Schwere, das man erlebt, hinweg. Und wir spüren, was es heißt, einander nahe zu sein. Einander geholfen zu haben, von Mensch zu Mensch, in der Zeit großer Not und Bedürftigkeit.

Es ist mir eine persönliche Freude, heute so einen außergewöhnlichen Augenblick mit Ihnen teilen zu dürfen. Einen Augenblick der Dankbarkeit, aber auch der Rückschau auf Zeiten, in denen es so viel weniger Hoffnung gegeben hat als heute.

Der Grundgedanke für die Veranstaltung "Danke Schweiz" kam aus dem Gedankenjahr 2005, in dem wir der Wiedererrichtung der Zweiten Republik vor 60 Jahren, 50 Jahren österreichischer Staatsvertrag, 50 Jahren UNO-Mitgliedschaft und 10 Jahren EU-Mitgliedschaft gedenken. Der Grundgedanke ist: Uns wurde geholfen, wir haben nicht vergessen, und wir werden diesen Gedanken des Helfens weiter tragen. Dies ist auch Ausdruck der besonderen und unvergleichlichen Qualität der Beziehungen zwischen Österreich und der Schweiz.

Es ist mir eine besondere Ehre, als Vertreterin Österreichs von ganzem Herzen "DANKE, SCHWEIZ" sagen zu dürfen und damit die Wertschätzung und Hochachtung zum Ausdruck zu bringen, die mein Land und meine Landsleute für die Schweiz empfinden. Darin enthalten sind der Respekt und die Zuneigung vor den Schweizerinnen und Schweizern, die uns in den schweren Tagen nach dem Kriegsende und während der ersten Besatzungsjahre geholfen haben. Wir danken heute jenen, die so eindrücklich durch ihren ganz persönlichen Einsatz unter Beweis gestellt haben, was es heißt, Teil der humanitären Großmacht Schweiz und ihrer leuchtenden humanitären Tradition zu sein. Was es heißt, ein Nachbar in der Not zu sein.

Wir alle wissen, dass wir nicht unfehlbar sind und daher wohl keiner von uns auf eine Geschichte der Unfehlbarkeit zurückblicken kann. Österreicher haben während der Nazi-Herrschaft und während des Krieges viel Schuld auf sich geladen. Das soll und wird nicht vergessen sein.

Aber Sie, liebe ehemalige Gastfamilien, haben nach dem Schrecken von Krieg und Zerstörung, von Angst, Verzweiflung und unendlicher menschlicher Not die Hoffnung wieder aufleuchten lassen am Horizont. Sie haben ein ganz persönliches Zeichen der Zuversicht gesetzt gegen all das Elend - verschuldet, unverschuldet - jener schweren Tage.

"Ein Kind zu retten heißt, die Welt zu retten", so Fjodor Dostojewski. Mein Dank gilt in gleicher Weise den Hilfsorganisationen, allen voran dem "Schweizerischen Roten Kreuz". Damals wie heute ist ihre ruhige und umsichtige Organisationskraft unentbehrlich, um das Engagement so vieler Einzelner auch tatsächlich wirksam zu machen. Die zwischen unseren beiden Ländern bestehende enge Zusammenarbeit im Dienste der Menschlichkeit zeichnet auch heute unsere Beziehungen aus.

Erlauben Sie mir einige Hinweise auf die unmittelbare Nachkriegssituation in Österreich, um die Bedeutung der Schweizer Hilfe zu veranschaulichen: Die Kämpfe um Wien fanden am 9. April 1945 ihr Ende. Bereits am 27. April 1945, also elf Tage vor der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, hat die provisorische österreichische Regierung die Wiedererrichtung der Zweiten Republik proklamiert. Aber erst in der Länderkonferenz im September bekannten sich alle Bundesländer zur wieder entstandenen Republik. Die Wahlen am 25. November 1945 führten zu einer Koalitionsregierung, welche trotz Besatzung die Einheit des Landes erhalten konnte.

Es war eine schwierige Zeit. Anstelle einer Schilderung der Zerstörungen möchte ich ein ehemaliges Schweizer Kind zu Wort kommen lassen. Helmut Schilling hat in der Nachkriegszeit das folgende Gedicht geschrieben:

 

Heimfahrt

Sechshundert kleine Fahnen wehn,
Ade und Dank! Auf Wiedersehn!
Ein letzter Ruf und Blick.
Die Nacht umschleiert Tann und Tal;
Sie fahren in die alte Qual
Der dunkeln Welt zurück.

Noch fliesst im Mond ein Silberbach,
Noch ist im Zug ein Herzlein wach
Und träumt von zarter Zeit.
Vorm Fenster stehn die Felsen stumm
Und Tannenwälder um und um!
Wie ist die Schweiz schon weit!

Und dann der Morgen: Keine Stadt,
Die nicht ihr schaurig Denkmal hat.
Zerbrochen Turm und Haus.
Zerstörte Züge sonder Zahl,
Kanonen, Autos, Glas und Stahl
Und Gift und Gruft und Graus.

Die Bombenkrater bilden Seen,
Die Schienen hoch wie Galgen stehn.
Ist alles Rost und Russ. -
Die Kinder unterm Fensterrand,
Sie starren schauernd in das Land
Mit stummem, stummem Gruss.

"Wer schnell hilft, hilft doppelt". Und die Schweiz war in dieser Notzeit rasch zur Stelle, half bereits ab Juni 1945 und hat bis Ende dieses Jahres 3.800 unterernährte Kinder zu Ferienaufenthalten aufgenommen.

Der Hilfseinsatz des Schweizer Roten Kreuzes war besonders im Osten Österreichs so bedeutungsvoll, weil die sowjetischen Besatzungsbehörden in ihrer Zone ausschließlich Hilfe aus der Schweiz zugelassen haben. Wichtig waren dabei die Kinderausspeisungen, bei denen trotz prekärer Transportverhältnisse täglich bis zu 30.000 Portionen ausgeteilt wurden.

Als Zeitzeugin dieser Aktion ist Frau Suzanne de Quervain heute unter uns und ich begrüße sie besonders herzlich. Sie hat 1946 bis 1948 im Raum Wiener Neustadt diese Kinderausspeisungen durchgeführt. Ihnen, sehr geehrte Frau de Quervain, möchte ich daher stellvertretend für die vielen anderen Schweizer Rot Kreuz Helfer in Niederösterreich und Wien für diese Leistungen und diesen Einsatz herzlich danken. Die Ausstellung im Foyer gibt ein eindrückliches Bild von diesen Tagen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Schweizer Hilfe war von einer solch lebensentscheidenden Bedeutung, dass die österreichische Bundesregierung 1947, als der Bundesrat diese Hilfe kürzen wollte, einen eindringlichen Appell zu ihrer Fortführung gemacht hat. Tatsächlich wurde daraufhin im Juni 1948 für Österreich eine weitere Summe von drei Mio. Schweizer Franken aufgeboten. Als kleines "Dankeschön" dafür wurde eine Figur aus Augarten Porzellan überreicht, die Sie ebenfalls im Foyer sehen können. Auch dafür möchte ich Bundesrätin Calmy-Rey danken, dass die Schweiz diese Hilfe weitergeführt hat.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in jedem Krieg sind die Kinder besonders betroffen. Die Schweizer Patenschaften und insbesondere die Ferienkinderaktion waren von großer Nachhaltigkeit. Ich freue mich daher ganz besonders, dass aus Österreich heute über 200 österreichische ehemalige Schweizer Kinder mit dem Zug nach Bern gekommen sind, stellvertretend für die rund 35.000 Kinder, die zwischen 1945 und 1955 bei Schweizer Gastfamilien aufgenommen worden sind, um ihren Dank zum Ausdruck zu bringen. Dank für Hilfe, Dank für liebevolle Zuwendung, Dank für das Erlebnis der Geborgenheit, die so manche seelische Wunde verheilen half. Dadurch sind oft dauerhafte Freundschaften entstanden, die einen wesentlichen Beitrag zum gutnachbarschaftlichen Verhältnis unserer beiden Staaten bilden.

Es darf auch daran erinnert werden, dass diese Aktion österreichischer Gastkinder in der Schweiz bereits einen Vorläufer nach dem Ersten Weltkrieg hat. Stellvertretend für diese Generation heiße ich heute Frau Stefanie Glaser unter uns herzlich willkommen, die bereits 1920 so ein Gastkind gewesen ist. Ihre Anwesenheit unterstreicht die Kontinuität der österreichisch-schweizerischen Freundschaftsbeziehungen.

Meine Damen und Herren!
Wir haben Ihre Hilfe nicht vergessen.
Uns allen - Schweizern und Österreichern - geht es heute glücklicherweise gut. Wir stehen an der Spitze der Rangliste der wohlhabenden Industriestaaten der Welt.

Uns Österreichern wurde geholfen - jetzt helfen wir. Es war mir, im Sinne der humanitären Tradition unserer beiden Länder, ein besonderes Anliegen, den heutigen Tag unsererseits zu einem gemeinsamen Teilen der Zuversicht zu nützen: Wir werden gebraucht in einer Welt, in der Frieden und Chancen noch keine Selbstverständlichkeit sind. Wir werden gebraucht - auch unsere Generation - für die Arbeit am "Friedensprojekt Europa". Unsere Fachleute der Entwicklungszusammenarbeit leisten konkrete Nachbarschaftshilfe für die beiden Kosovo-Gemeinden Gjilan und Ferizaj. Die aus Österreich angereisten "Schweizer Kinder" haben mit der Unterstützung der Casinos Austria AG und der Raiffeisen Holding insgesamt 31.600,-- Euro gespendet.

Danke liebe Schweizer - Danke liebe Österreicher.

Abschließend möchte ich meinem Mitarbeiter und Freund Herrn Dr. Rudolf Novak danken. Als Kulturrat der ÖB Bern hat er meine kleine Idee sofort begeistert aufgegriffen und hartnäckig auch nach meiner vorzeitigen Abberufung aus Bern an ihrer Umsetzung gearbeitet.

Lieber Rudolf, dieses heutige Erlebnis ist auch das Werk Deines anteilnehmenden und feinfühligen Engagements.

Die alle - uns alle - eint heute uraltes Wissen, das Marie Ebner-Eschenbach in Worte gefasst hat:

 

"Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns Halt im Leben."

Danke!