Wien, 14. November 2005 Rede/Interview

Außenministerin Ursula Plassnik anlässlich der Eröffnung der Konferenz "Islam in a Pluralistic World"

14.11.2005

Es gilt das gesprochene Wort !

Rede
von
Außenministerin Dr. Ursula Plassnik
anlässlich der Konferenz
"Islam in a Pluralistic World"

Wien, 14. November 2005

Sehr geehrter Herr Bundespräsident
Sehr geehrte Herren Präsidenten und Altpräsidenten
Eure Heiligkeit Bartholomaios I .
Eminenzen
Exzellenzen
Meine Damen und Herren!

"In unserer globalisierten Welt sind die Völker der Erde viel stärker geeint durch ihr gemeinsames Schicksal als geteilt durch unterschiedliche Identitäten", sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, 2001 anlässlich der Proklamation des Jahres des Dialogs der Zivilisationen.

In diesem Geiste möchte ich Sie heute willkommen heißen - in Wien, einer Stadt, von der immer wieder richtungsweisende Anstöße für diesen Dialog ausgegangen sind. In einer Stadt, die in ihrer Geschichte aber auch tragische Stätte von Intoleranz und Verfolgungen war.

Österreich kann auf eine beachtliche Tradition verweisen beim Brückenbau mit der islamischen Welt, wir haben hervorragendes wissenschaftliches Fachwissen. So wurde vor mehr als 250 Jahren von Maria Theresia die Orient-Akademie gegründet. Wir haben aber auch Religionsführer, denen dieser Dialog ein Herzensanliegen ist und engagierte NGO’s, darunter die Österreichische-Orient-Gesellschaft Hammer Purgstall (Mitveranstalter unserer Konferenz). Das überwältigende Interesse an dieser Veranstaltung - fast 2000 Anmeldungen - zeigt, dass die Zeit reif ist für eine neue Etappe in diesem Dialog.

Unsere Konferenz "Islam in der pluralistischen Welt" ist auch ganz bewusst ein Beitrag im Vorfeld der österreichischen Präsidentschaft der Europäischen Union. Europa ist eine Friedensmacht, deren vornehmste Aufgabe es ist, zu Vertrauen, Verständigung und Versöhnung in der Welt beizutragen. Wir wollen beide Ohren aufmachen - das Ohr in die internationale Staatengemeinschaft, aber auch das Ohr hinein in die Gemeinschaften in unseren Ländern. Auch das ist ein Beitrag zur Friedensarbeit.

Aus diesem Ansatz haben wir die beiden Fragen entwickelt, mit denen wir uns beschäftigen wollen:

  • Wie entwickelt sich der Islam in einer pluralistischen von Vielfalt im Inneren und in der Umgebung geprägten Welt? 
  • Wie kann das friedliche Zusammenleben von Moslems und Nicht-Moslems in unseren europäischen Gesellschaften gesichert und verbessert werden?

Es gilt aber auch, die verzerrenden Vereinfachungen, gefährlichen Stereotypen und "Feindbilder" aufzubrechen, die mancherorts über "den Islam" herrschen.

Meine Damen und Herren!

Afghanistan und der Irak gehen heute unter schwierigsten Umständen den mutigen Weg in Richtung Pluralismus und moderne Demokratie - ein Unterfangen, das wir mit großer anteilnehmender Aufmerksamkeit begleiten und unterstützen.

In diesem Sinne begrüße ich den Präsidenten der Islamischen Republik Afghanistan, Hamid Karzai, und danke ihm, dass er den langen Weg zu uns auf sich genommen hat.

Ich begrüße ebenso den Präsidenten der Republik Irak, Jalal Talabani, und seine Delegation.

Ich begrüße den früheren Präsidenten der Islamischen Republik Iran, Mohammad Khatami, dessen Initiativen zur Entwicklung des Dialog der Religionen ihn nicht zum ersten Mal nach Wien führen und von dem wir hoffen, dass er in diesem Dialog auch weiterhin eine tragende Rolle übernehmen wird.

Als persönlichen Vertreter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen heiße ich Lakhdar Brahimi willkommen. Ich freue mich über die Anwesenheit von Herrn Ekmeleddin Ihsanoglu, dem Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz.

Einen besonderen Willkommensgruß entbiete ich dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.

Ich begrüße respektvoll hohe und höchste Vertreter der drei großen monotheistischen Religionen, und darf bei dieser Gelegenheit an das wegbereitende Wirken des vor einem Jahr verstorbenen Wiener Kardinals Franz König erinnern. Ich bin dankbar für die Anwesenheit von Christoph Kardinal Schönborn, der dieses Werk weiterführt, vertieft und erweitert.

Ich begrüße die anwesenden österreichischen und internationalen Wissenschafterinnen und Wissenschafter, denen der Vorsitz in dieser Konferenz anvertraut ist.

Begrüßen möchte ich auch die Vertreterinnen und Vertreter der Medien. Wir brauchen ihre Hilfe, um diesen Dialog auch in die Bevölkerung zu tragen. Denn Dialogkonferenzen müssen einen wahrnehmbaren Beitrag leisten zu mehr Kenntnis voneinander und mehr Verständnis füreinander.

Verständnis und Vertrauen brauchen wir mit jedem Tag dringender. Es muss gelingen, den Moslems in den europäischen Ländern in einer Atmosphäre der Aufgeschlossenheit zu begegnen und uns allen dadurch das Zusammenleben zu erleichtern. Viele Ereignisse der letzten Zeit haben uns mit aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie wichtig dieser Prozess für ein gedeihliches Miteinander in Europa ist. Niemand soll sich an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt fühlen. Auf der Basis unserer europäischen Wertegemeinschaft für Toleranz, Offenheit, soziale Solidarität und den wirksamen Schutz der Menschenrechte nehmen wir diese Aufgabe an.

Ein besonderes Willkommenswort möchte ich an die Trägerin des Friedensnobelpreises, Frau Shirin Ebadi, richten. Sie wird uns unter anderem helfen, die wichtige Frage der Stellung der Frau im Islam zu beleuchten.

Lassen sie mich nunmehr all diejenigen dankbar begrüßen, die seit Jahren im interkulturellen und interreligiösen Dialog tätig sind. Sie alle schaffen mit ihrem unermüdlichen und in vielen Fällen unsichtbaren Einsatz eine Kultur des Dialogs, die wir brauchen.

Wenn es um diese Kultur des Dialogs geht, möchte ich eine Stadt in unserer Nachbarschaft nennen, die lange Zeit ein Symbol für das hohe Niveau an Toleranz war, das im Zusammenleben der Religionen erreicht wurde, bis fanatischer Nationalismus die Menschen trennte und das Gemeinsame zwischen ihnen zu zerstören begann - nämlich Sarajewo. Ich begrüße den Dekan der Islamischen Fakultät der Universität Sarajewo, Professor Enes Karic, mit besonderer Wertschätzung. Österreich wird während seiner EU-Präsidentschaft mit seiner Politik für Südosteuropa dazu beitragen, dass Sarajewo aufs Neue ein Beispiel für respektvolles Miteinander werden kann.

Meine Damen und Herren!

Die neuen Realitäten kommen auf uns zu mit oft atemberaubender Geschwindigkeit und ohne "Gebrauchsanleitung". In unserem Lande können wir uns auf das gute Klima stützen, das zwischen den Religionsgemeinschaften besteht und zu dem die Österreichisch-Islamische Glaubensgemeinschaft wesentlich beiträgt. Ihr Präsident Anas Schakfeh ist uns bei der Vorbereitung dieser Konferenz mit seinem wertvollen Rat zur Seite gestanden. Ich grüße ihn und alle Moslems in Österreich und über unsere Grenzen hinaus herzlich.

Und ich möchte uns abschließend einen Gedanken des Schriftstellers Amin Maalouf mitgeben, der in seinem bemerkenswerten Essay über Identitäten folgende Vision für die Weltgesellschaft wie auch für jedes einzelne Land vorschlägt:

"Niemand soll sich aus dieser im Entstehen begriffenen gemeinsamen Zivilisation ausgeschlossen fühlen. Jeder soll darin die Sprache seiner Identität wiederfinden und gewisse Symbole seiner Kultur. Damit sich auch tatsächlich ein jeder - wenigstens ein klein wenig - in der um ihn herum entstehenden Welt wiederfindet, anstatt sich in eine idealisierte Vergangenheit zu flüchten. Parallel dazu sollte jeder in seine eigene Identität einen neuen Bestandteil einfügen, der im Lauf des 21. Jahrhunderts immer wichtiger werden wird: das Gefühl, dem Abenteuer der menschlichen Gemeinschaft anzugehören."