Vortrag Botschafter Längle zur Ausstellung "Erinnerung bewahren", Warschau, 15. September 2005
Es gilt das gesprochene Wort! (Die Rede wurde in polnischer Sprache gehalten.)
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich möchte mich sehr für die Gelegenheit bedanken, heute einige einleitende Worte an Sie richten zu dürfen. Insbesondere möchte ich meine Hochachtung für die hier anwesenden Verfolgten des Dritten Reichs aussprechen.
Die Ausstellung „Erinnerung bewahren – Die Sklaven- und Zwangsarbeit polnischer Bürger für das Dritte Reich in den Jahren 1939 bis 1945“, die von der Stiftung Deutsch-Polnische Aussöhnung organisiert wurde, als auch das Buch „Polnische Zwangsarbeiter im Dritten Reich“ zeugen in beeindruckender Form von den Leiden Vieler während dieser schrecklichen Zeit.
Alleine auf dem Gebiet der heutigen Republik Österreich wurden ca. eine Million Ausländer – darunter etwa 200.000 Polen - vom nationalsozialistischen Regime zur Zwangsarbeit eingesetzt. Dies war Ausdruck der grausamen Missachtung der Menschenrechte und bedeuteten die Deportation von Menschen aller Altersgruppen, die aller ihrer Rechte beraubt wurden, ihre brutale Behandlung und in vielen Fällen ihren Tod durch Erschöpfung und Misshandlung. Viele konnten sich von den traumatischen Erfahrungen dieser Zeit auch nie mehr erholen. Ihre Leiden sind irreparabel und können auch durch keinen Geldbetrag wieder gut gemacht werden.
In Anerkennung einer moralischen Verantwortung rief Österreich im Jahr 2000 – durch einstimmigen Beschluss von Regierung und Parlament – den Versöhnungsfonds ins Leben, der mit Hilfe seiner Partnerorganisationen, darunter der Stiftung Deutsch-Polnische Aussöhnung, Zahlungen an ehemalige Sklaven- und Zwangsarbeiter bzw. deren Erben, aber auch an Personen, die damals als Kinder gemeinsam mit ihren Eltern oder eine Elternteil deportiert wurden bzw. Frauen, die ihre Kinder in besonderen Kliniken für Zwangsarbeiterinnen zur Welt bringen mussten, was in vielen Fällen zum Tod der Kinder führte, oder die zum Schwangerschaftsabbruch genötigt wurden, leistet bzw. geleistet hat.
Bis heute wurden Zahlungen an mehr als 130.000 ehemalige Sklaven- und Zwangsarbeiter (darunter über 22.000 Polen) in der Höhe von mehr als 350 Millionen Euro erbracht. Ich möchte die Gelegenheit benutzen, um der Stiftung Deutsch-Polnische Aussöhnung für ihre diesbezügliche großartige Zusammenarbeit auf das Herzlichste zu danken.
In Österreich wurde nach Kriegsende allzu lange die Meinung vertreten, dass Österreich – wie auch in der Moskauer Deklaration der Alliierten 1943 festgehalten – das erste Opfer Hitlers gewesen war; die Aufarbeitung seiner Geschichte erfolgte zum Teil nur halbherzig.
Erst in den 80’er und 90’er Jahren haben die führenden Politiker des Landes, darunter der damalige Bundespräsident Klestil und der damalige Bundeskanzler Vranitzky, klargestellt, dass Österreich zwar als Staat erstes Opfer Hitlers war, gleichzeitig aber auch viele Österreicher Täter – auch im besetzten Polen – waren. Dazu gibt es einen Grundkonsens im heutigen Österreich, das heuer ein Gedenkjahr bzw. ein „Gedankenjahr“ feiert, in dem nicht nur der Gründung der Zweiten Republik vor 60 Jahren und der Wiedererlangung seiner Souveränität und Unabhängigkeit durch den Staatsvertrag vor 50 Jahren, sondern eben auch den Ereignissen während des 2. Weltkriegs gedacht wird.
Ich möchte aber auch auf die Zukunft eingehen. In seiner Regierungserklärung 2000 hatte Bundeskanzler Schüssel u.a. betont: „Wenn wir über die Zukunft der Jugend reden, dann müssen wir ihr auch etwas ganz Wesentliches mit auf den Weg geben: das Wissen um die Geschichte dieses Landes. Österreichs NS-Vergangenheit erfordert eine besonders wache und kritische Auseinandersetzung und die notwendige Sensibilität für die Strukturen und Mechanismen des nationalsozialistischen Unrechtssystems. Dieses Wissen und die Sensibilität müssen wir zukünftigen Generationen als Mahnung für die Zukunft weitergeben.“
Dies ist einer der Gründe für die Schaffung des Zukunftsfonds, der u.a. der weiteren Erforschung des NS-Unrechts und der Förderung von Toleranz und Anti-Diskriminierung in Österreich und den Partnerländern dienen wird. Weiters sind in diesem Zusammenhang auch humanitäre und kulturelle Projekte zu nennen, an denen u.a. die Österreichische Botschaft Warschau, das Österreichische Kulturforum Warschau und die Stiftung Deutsch-Polnische Aussöhnung derzeit arbeiten.
Ich möchte mich noch einmal für die Gelegenheit bedanken, zu Ihnen sprechen zu dürfen und kann Ihnen versichern, dass sich Österreich seiner moralischen Verantwortung bewusst ist.
