Indien
Österreich ist mit Indien durch enge und freundschaftliche Beziehungen verbunden, die weit in die Geschichte zurückreichen. Historische Aufzeichnungen von österreichischen Geschäftsreisenden, Wissenschaftern und Mönchen aus vergangenen Jahrhunderten zeugen von Faszination und tiefem beidseitigen Interesse.
Im 18. und 19. Jahrhundert waren es vor allem österreichische Wissenschafter, die eine bedeutende Rolle in Indien gespielt hatten. Jesuitenpater Josef Tieffenthaler, z.B. wurde bekannt als "Vater der modernen Indischen Geographie". Neben seiner Tätigkeit als Kartograph (ihm ist die erste exakte kartographische Erfassung des mittleren Ganges samt Nebenflüssen zu verdanken) war er ein international anerkannter Sanskrit-Gelehrter und unterrichtete am Jesuitenkolleg in Agra (1740-1770). Der Österreicher Gottlieb William Leitner war einer der Mitbegründer der Punjab Universität in Lahore und dessen Rektor bis 1884. Aloys Sprenger, Spezialist in Orientalistik, war ab 1850 Vorstand des Anglo-Arabischen Collegs in Delhi. Georg Bühler erarbeitete für die indischen Gerichtshöfe ein Kompendium des indischen Rechts und war offizieller Bildungsbeauftragter in Bombay.
Die Eröffnung des Suezkanals 1869 hatte zu einer Ausweitung der direkten Interaktionen zwischen ÖsterreicherInnen und InderInnen geführt, zumal auch mit dem "Österreichischen Lloyd" eine österreichische Dampfschifffahrtslinie in nur 17 Tagen zwischen Triest und Bombay verkehrte. Der erste offizielle Besuch eines Österreichers in Indien fand 1893 statt, als Erzherzog Franz Ferdinand Indien einen 3monatigen Besuch abstattete. Die Präsenz Österreichs in Indien war Ende des 19.Jahrhunderts beeindruckend. Zu jener Zeit lebten etwa 4000 Österreicher in Indien. Das offizielle Österreich war durch insgesamt drei Konsulate vertreten.
Der Zweite Weltkrieg brachte wiederum eine neue Episode in das Kapitel der österreichisch-indischen Beziehungen: mehrere hundert Familien und Einzelpersonen fanden in Indien Zuflucht vor dem Nationalsozialismus.
Die Nachkriegsjahre brachten die ersten offiziellen Kontakte auf diplomatischer Ebene zwischen den beiden unabhängigen Nationalstaaten Indien und Österreich. Am 9. Dezember 1949 war Dr. Karl Perreira als erster österreichischer Gesandter der Zweiten Republik in New Delhi eingetroffen und hatte seine Amtsgeschäfte aufgenommen. Die frühen freundschaftlichen Kontakte zwischen Indien und Österreich gipfelten im Interventionsversuch Indiens zugunsten Österreichs bei den Staatsvertragsverhandlungen mit der Sowjetunion im Juni 1953, zudem konnte sich Österreich auf die Unterstützung Indiens bei den UN-Südtirol-Konventionen zählen. Die persönliche Freundschaft Bruno Kreiskys mit Indira Gandhi, und deren gemeinsames Interesse an der Blockfreienbewegung bzw. Initiativen zur Stärkung der Dritten Welt in der Weltgemeinschaft wie der Gipfel von Cancun waren verbindende Elemente. Konzepte der "mixed economy" in Indien und der Verstaatlichen Industrie in Österreich resultierten in einigen Großkooperationen bzw. Technologietransfer wie des Linz-Donawitz-Verfahrens zur Stahlherstellung. Kunsthistorisch gilt es auf verschiedene Ausstellungen und Festivals zu verweisen, zumal in Indien klassische Musik noch heute mit Wien und Salzburg in Verbindung gebracht wird, wohin auch einige InderInnen gingen, um ihre Ausbildung zu erhalten wie Maestro Zubin Mehta.
Neue weltpolitische Rahmenbedingungen und der EU-Beitritt Österreichs (1995) haben eine neue Phase österreichisch-indischer Beziehungen eingeleitet, die im ersten indischen Staatsbesuch von Präsident K.R. Naranyanan 1999 in Österreich einen ersten Höhepunkt erreichte. 2005 fand der Gegenbesuch in Indien statt. Bundespräsident Heinz Fischer stattete Indien mit einer großen Wirtschaftsdelegation im Februar 2005 den ersten österreichischen Staatsbesuch in Indien ab. Die große Zahl von Repräsentanten der Wirtschaft und eine namhafte Wissenschafts- und Kulturdelegation, die den Bundespräsidenten auf seinem Staatsbesuch begleiteten, unterstrichen die Bedeutung, welche die beiden Länder dem Ausbau ihrer Beziehungen beimessen. Im Rahmen des Besuches wurden ein Abkommen über die Infrastrukturelle Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich und ein Memorandum of Understanding über die Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen der Medizinischen Universität Innsbruck und dem Post Graduate Institut of Medical Education and Research in Chandigarh unterzeichnet.
Es war dies der erste Besuch eines österreichischen Staatspräsidenten in Indien überhaupt und stellt einen bedeutenden Meilenstein in der Geschichte der bilateralen Beziehungen dar.
Autorin:
Dr. Margit FRANZ
Universität Graz
Abteilung für Zeitgeschichte
