Geschichte des Gebäudes der Österreichischen Botschaft Moskau
Häuser haben ihren Charakter und ihre Biographien. Diese sind oft untrennbar mit der "großen Geschichte" der Städte und Länder, in denen sie stehen, verbunden. Besonders anfällig für Geschichtsträchtigkeit sind Botschaftsgebäude. Ein Beispiel dafür ist die österreichische Botschaft in Moskau.
Jeder Moskauer weiß, wofür der Name "Arbat" steht. So heißt die alte Ausfallstrasse nach dem Westen, heute eine Fußgängerzone. Sie ist gesäumt von klassizistischen und Jugendstilbauten. Der Name wurde von der Strasse auf das umliegende Stadtviertel übertragen, und dieses wiederum ist eng verbunden mit der Moskauer Kulturgeschichte. Puschkin, Tolstoi, Turgenjew, Osip Mandelstam und Marina Zwetajewa: Sie alle verbrachten einen Teil ihres Lebens im Arbat-Viertel.
Hier befindet sich auch die Österreichische Botschaft (Amtsgebäude und Residenz des Botschafters), und zwar an der Ecke Starokunjuschennij Pereulok (Alte Pferdestallgasse) und Pretschistenkij Pereulok (unbefleckte Gasse). Das Grundstück, auf dem das Gebäude steht, erwarb im Jahr 1906 der Textilunternehmer Nikolaj Mindowskij; er beauftragte den Architekten Nikita Lasarew mit dem Bau eines Palais. 1906 war die "gute alte Zeit" schon vorüber; Moskau hatte soeben die 1905er Revolution mit wochenlangen Straßenkämpfen hinter sich gebracht. Das Palais gilt als herausragendes Beispiel des russischen Neoklassizismus. "Die Besonderheiten des Moskauer Empire-Stils sind fast bis zur Karikaturhaftigkeit gesteigert - die niedrigen Säulen erhielten aufgeblähte, fassähnliche Konturen, welche von den hohen Entablements erdrückt werden". - So der Kunsthistoriker A. W. Ikonnow.

- ÖB Moskau VorderansichtFoto: ÖB Moskau
Der Schuss im Roman "Dr. Schiwago"
Das Palais wurde 1927 von den sowjetischen Behörden der Republik Österreich zur Nutzung als Gesandtschaftsgebäude übergeben. Den Diplomaten des kleingewordenen Österreich war damals nicht bewusst, dass sie nicht nur ein Stück Architektur - sondern auch künftige Literaturgeschichte übernehmen. Der Roman um den es sich handelt, ist zu dieser Zeit noch nicht geschrieben. Doch die Szene, um die es geht, hat schon stattgefunden, wahrscheinlich um das Jahr 1911. Otto Eiselsberg, Gesandter der Österreichischen Botschaft von 1958 bis 1961 schrieb in seinen Memoiren: "Wir waren an der Botschaft gut untergebracht. Die Repräsentationsräume, mit einer Säulenhalle, waren prächtig. In meinem ersten Urlaub las ich das Buch von Boris Pasternak: "Dr. Schiwago", in dem sich die spektakulärste Szene in einer Säulenhalle abspielt - ohne zu durchschauen, dass Pasternak die Säulenhalle der Botschaft beschrieb. Als ich Pasternak in der Pause eines Konzerts kennenlernte und er sich nach der Säulenhalle erkundigte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich stellte ihm die Frage, ob sich der im Buch beschriebene Zwischenfall tatsächlich in der nunmehrigen Botschaft zugetragen hatte, was er verneinte. Er habe jedoch als junger, literaturbeflissener Schriftsteller den seinerzeitigen Eigentümer gekannt, und da ihm kein anderes Gebäude so imponiert hatte, wie dessen Haus, habe er die Szene in die Säulenhalle transportiert."
Die Szene, die gemeint ist: Lara, die Hauptheldin des Romans, schießt auf ihren Verführer Komarovskij!
Eine verhängnisvolle Übernachtung
Der ursprüngliche Eigentümer, der Industrielle Mindowskij, hatte sich seines Palais nur ganze 11 Jahr erfreut von 1906 bis 1917 und die Republik Österreich zunächst auch nur so kurz von 1927 bis 1938. Der "Anschluss" Österreichs machte aus der Österreichischen Gesandtschaft ein Gästehaus der Deutschen Botschaft Moskau.
Am 23. August 1939 meldet die Nachrichtenagentur TASS, dass "Der Außenminister Deutschlands, Herr Joachim Ribbentrop" um 13 Uhr 30 in Moskau eingetroffen ist. Zwei Stunden später kam es im Kreml zur "ersten Unterredung zwischen W. I. Molotow und dem deutschen Außenminister. Die Gespräche ....... endeten mit der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes, dessen Text folgt...". Ribbentrop stieg im Palais in der Starokonjuschennij Pereulok ab, und verbringt dort die Nacht vom 23. auf den 24. August 1939.
Hartnäckig hält sich das Gerücht, wonach die Unterzeichnung des Geheimprotokolls zum Nichtangriffspakt im Palais in der Starokonjuschennij Pereulok erfolgt sei. Dies ist jedoch höchst unwahrscheinlich. Paul Schmidt, Chefdolmetscher des damaligen Auswärtigen Amtes, der bei diesem Besuch dabei war und ihn in seinen Memoiren ausführlich beschreibt, erwähnt darüber nichts. Der deutsche Diplomat Horst Groepper, der als junger Botschaftsattaché ebenfalls Zeuge der Protokollunterzeichnung war, verwies die Geschichte von der Protokollunterzeichnung in der Starokonjuschennij Pereulok "in das Reich der Legende....".
.....und noch ein Besuch

- ÖB Moskau InnenansichtFoto: ÖB Moskau
Oktober 1944. Der Krieg, der bald nach Abschluss des Hitler-Stalin Paktes begann, geht langsam zu Ende. Die Frage der künftigen Gestaltung Europas gewinnt an Aktualität. Um darüber mit Stalin zu sprechen, kommt der britische Premierminister Winston Churchill nach Moskau. Die Sowjets stellen dem Gast eine Datscha zur Verfügung. Aber am 11. Oktober findet in der britischen Botschaft ein Bankett statt, das bis vier Uhr früh dauert. Zu früh, beziehungsweise zu spät, um noch auf die Datscha zu fahren, also bietet Stalin die ehemalige Österreichische Gesandtschaft zur Übernachtung an.
Bei den Gesprächen in Moskau ging es auch um die Zukunft Polens. Eine Delegation der Londoner polnischen Exilregierung war bei dieser Gelegenheit in Moskau anwesend und der "alte Löwe" Churchill versuchte sie zu überreden, die "Curzon-Linie" als Ostgrenze Polens zu akzeptieren. Ein diesbezügliches Gespräch zwischen Churchill und dem polnischen Exilpremier Mikolajczyk fand in der Starokonjuschennij Pereulok statt.
Glücklicher Ausgang
1955. Wieder reist eine Delegation nach Moskau, und wieder spielt das Palais in der Starokonjuschennij Pereulok eine wichtige Rolle. Diesmal ist es eine österreichische Delegation, bestehend aus Bundeskanzler Raab, Vizekanzler Schärf, Außenminister Figl und Staatssekretär Kreisky, die vom 11. bis zum 15. April 1955 die entscheidenden Gespräche über den Staatsvertrag über die Wiederherstellung eines unabhängigen Österreichs führt. In den Repräsentationsräumen der Österreichischen Botschaft findet am 12. April ein feierliches Abendessen statt, zu dem sich Ministerpräsident Bulganin und seine Stellvertreter, Außenminister Molotow und Handelsminister Mikojan einfinden. Bei einem Bankett im Kreml am 14. April treffen dann die Österreicher auch mit dem damaligen Ersten Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, zusammen. "Die Tatsache allein, dass die sowjetische Führung in derartiger Stärke bei gesellschaftlichen Veranstaltungen erschien, war ein Zeichen für die neue Offenheit des Kremls nach der Erstarrung der späten Stalin-Jahre" erinnerte sich heute einer der Zeitzeugen, der damalige sowjetische Dolmetscher Rostislaw Sergejew.

