Wirtschaft & Entwicklung
Seit Anfang der 90er Jahre befindet sich die Wirtschaft Vietnams in einem Übergangsprozess von einer Plan- zu einer „Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung“. Diese Erneuerungspolitik (Doi Moi) hat in den letzten 20 Jahren bemerkenswerte wirtschaftliche und soziale Erfolge erzielt: Mobilisierung der Privatinitiative, kontinuierlich hohe Wachstumsraten, enorme Exportsteigerungen sowie Reduzierung der Armut. Durch diese Erfolge (rund 5,89% Wachstum im Jahr 2011), niedrige Lohnkosten, und ein stabiles politisches Umfeld erwarb sich Vietnam in den vergangenen Jahren einen herausragenden Ruf als attraktiver Wirtschaftsstandort, der mit China und Indien verglichen wird.
Geprägt von den Auswirkungen der Finanzkrise und der volatilen Preise war die Wirtschaftspolitik Vietnams in den letzten Jahren mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Vietnams Wirtschaftspolitik aber auch ist stark um die ausufernde Inflation (2011 durchschnittlich 18,6%), die übermäßige Nachfrage nach Importgütern sowie um überbewertete Immobilienpreise besorgt. Die Problematik des Handelsdefizits ist aufgrund der unmittelbaren Auslandsabhängigkeit Vietnams nicht so leicht lösbar. Weitere Schwierigkeiten betreffen die hohe und immer stärker steigende Staatsverschuldung (derzeit bei ca. 70% gemessen am BIP) sowie der Druck auf den Vietnamesischen Dong, der in den letzten drei Jahren mehrmals gegenüber dem Dollar abgewertet wurde.Nach den eher investitionsschwachen Jahren 2000 bis 2004 stiegen die jährlichen ausländischen Direktinvestitionen 2008 auf USD 9,6 Mrd. an. Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise ging dieser Wert in den Jahren 2009 und 2010 wieder zurück. Von fast 15 Mrd. USD bewilligten Investitionen im Jahr 2011 wurden effektiv 11 Mrd. USD investiert. Hauptinvestoren 2011 waren in absteigender Reihenfolge Hongkong, Japan, Singapur, China und Südkorea.
2011 betrug das BIP-Wachstum ca. 5,89%. Dieser Wert liegt zwar um 1% niedriger als noch 2010, aufgrund der makroökonomischen Turbulenzen (Verschuldung, Inflation, Handelsdefizit, etc.) ist dies dennoch ein beachtlicher Wert.
Vietnam hat 2010 den Sprung in die Reihe der „middle-income countries“ geschafft (mehr als 1.000 USD Einkommen pro Kopf im Jahr)., ist jedoch immer noch stark landwirtschaftlich geprägt (nur ca. 20% vom BIP, aber ca. 70% der Bevölkerung leben noch außerhalb der Städte).
Die wirtschaftlichen Ziele für die Jahre 2011-2015 betreffen insbesondere die Stärkung des Bildungssystems und des Arbeitsmarktes, um den Lebensstandard (v. a. auch in den ländlichen, bzw. in den Gebirgsregionen) weiterhin zu erhöhen. Für diese Periode strebt die Regierung eine Wachstumsrate von 7-8% an.
Nach wie vor bilden die Staatsunternehmen einen substantiellen Teil der Wirtschaft: Obwohl mindestens ein Viertel dieser Unternehmen rote Zahlen schreibt, erbringen sie 40% des industriellen Outputs und 35% der gesamten Exporte. Inzwischen wurden gut 3.000 (von insgesamt ca. 6.000) staatseigene Betriebe „equitisiert“ (teilprivatisiert). Betriebe, die in sensitiven Bereichen wirtschaften (Verteidigung, Verlagswesen, Eisenbahn u.a.), sollen nach den Plänen der Regierung allerdings auch in Zukunft zu 100% unter staatlicher Kontrolle bleiben. Bei einigen großen Staatsbetrieben ist es zu Problemen gekommen, wie die Beinahe-Pleite des staatlichen Schiffsbauunternehmens Vinashin gezeigt hat. Staatsbetriebe beanspruchen 70% der nationalen Produktionsmittel, 60% der kommerziellen Bankkredite, 50% des Staatsbudgets und 70% der Mittel aus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Sie bieten jedoch nach Schätzungen nur 5%-9% der Arbeitsplätze in Vietnam. Mittelfristig sind hier Reformen unbedingt notwendig.
Die Landwirtschaft trug im Jahr 2010 zwar nur mehr 19,8% zum Bruttoinlandsprodukt bei, aber es sind noch immer 65% der Beschäftigten im Agrarbereich tätig. Der Industriesektor und der Dienstleistungssektor steuern jeweils knapp 40% zum Bruttoinlandsprodukt bei, wobei die Industrie in den Sektoren Textilien, Schuhwaren, Stahl, Zement und Automobilmontage besonders ausgeprägt ist. Im Dienstleistungssektor nimmt insbesondere der Tourismus rasch an Bedeutung zu. Dienstleistungen werden vielfach auch von der offiziell nicht erfassten Schattenwirtschaft (informeller Sektor) erbracht.
Trotz des WTO-Beitritts und Reformen in der öffentlichen Verwaltung sehen sich ausländische Geschäftstreibende in Vietnam auch weiterhin mit vielen bürokratischen Hürden konfrontiert: darunter zeitraubende Prozeduren bei Betriebsgründungen, die mangelnde Exekution von Gesetzen auf lokaler und regionaler Ebene, Schwierigkeiten bei Neueinstellungen und Entlassungen von Personal und mangelnde Information und Kenntnis über Kreditmöglichkeiten. 2007 lancierte Vietnam das nationale „Projekt 30“ zur Verwaltungsreform. In dessen Rahmen sollen Verwaltungsvorschriften und –verfahren, die die wirtschaftliche Dynamik hemmen, um 30% reduziert werden. Ein weiterer Schritt Richtung Liberalisierung der Handelsgesetze erfolgte am 01.01.2009: Ausländischen Unternehmen ist es seitdem erlaubt ihre Ware selbstständig ohne Heranziehung eines vietnamesischen Partner zu vertreiben. Probleme gibt es aber noch bei der Umsetzung der teilweise liberalisierten Wirtschaftsgesetze.
Wirtschaftsbeziehungen mit Österreich
2011 durchbrachen die österreichischen Exporte nach Vietnam die 100 Mio. EUR – Marke. Insgesamt konnten die Ausfuhren um 11,1% auf 103,2 Mio. EUR gesteigert werden. Interessant dabei ist, dass dieses positive Ergebnis hauptsächlich die beiden ersten Quartale zurückgeht (1. Q.: +63,5%, 2. Q.: +76,6%), während das dritte und vierte Quartal Stagnation bzw. Rückgänge im Vergleich zu den Vorjahresquartalen verzeichnen (3 Q.: 0,2%, 4.Q.: -25,6%). Einer der Gründe dafür liegt in den unregelmäßigen Lieferungen im Projektbereich. Man muss bei den Statistiken immer beachten, dass viele Projektlieferungen über Drittländer erfolgen und dadurch nicht in die offiziellen bilateralen Handelszahlen einfließen. Daher ist der de-facto Umfang der österreichischen Exporte um einiges höher. Aufgrund der durch das Haushaltsdefizit angeregten Sparmaßnahmen sind auch österreichische Projektlieferungen betroffen. Mehrere Projekte wurden im Umfang bereits wesentlich gekürzt.
Die Einfuhren nach Österreich stiegen relativ gesehen stärker um 33,1% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 339,3 Mio. EUR. Aus diesen Zahlen ergibt sich für 2011 ein österreichisches Handelsdefizit von ca. 236,1 Mio. EUR mit Vietnam.
Österreich unterstützt Vietnam mit geförderten Krediten (Soft Loans)
1998 erklärte Österreich nach einem Treffen zwischen Vertretern des österreichischen Bundesministeriums für Finanzen und des vietnamesischen Ministeriums für Planung und Investitionen seine Bereitschaft, Vietnam geförderte Kredite („soft loans“) zur Durchführung von Wirtschaftsprojekten in Vietnam unter Beteiligung österreichischer Firmen zu gewähren. Das Förderelement im Rahmen dieser Kredite ergibt sich durch niedrige Zinsen, oder den gänzlichen Verzicht auf Zinsen, lange Laufzeiten, sowie in der Variante „mixed credit“ zusätzlich dadurch, dass 15% des zu finanzierenden Projektwertes bzw. maximal 1,5 Millionen EUR als nicht rückzahlbare Schenkung gegeben werden. Der Schenkungsanteil dieser Kredite beträgt 35% und gilt nach OECD-Kriterien als Entwicklungshilfe Österreichs gegenüber Vietnam (Official Development Assistance, ODA). Soft Loans Projekte können nach OECD-Kriterien in Wirtschaftssektoren durchgeführt werden, die für die gesamtwirtschaftliche und soziale Entwicklung des Empfängerlandes von besonderer Bedeutung sind wie Verkehr und Infrastruktur, Medizintechnik/Gesundheitswesen, Feuerwehrtechnik, Ausbildung und Umwelttechnik.
In diesen Bereichen hat eine Reihe österreichischer Firmen seit 2002 insgesamt 15 soft loans Projekte mit einem Volumen von ca. 165 Mio. Euro mit vietnamesischen Partnern erfolgreich abgeschlossen. Eine große Anzahl weiterer Projekte befindet sich in der Durchführungs- bzw. Planungsphase. Damit leistet Österreich einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Vietnams.
Besondere Exportchancen
Die vietnamesische Regierung ist gegenwärtig bestrebt, die lokale Infrastruktur in allen Bereichen zu verbessern, und greift dabei vielfach auf das Know-how und die Leistungen ausländischer Investoren zurück. Sie ist bemüht, durch den Bau neuer See- und Flughäfen sowie den Ausbau und die Modernisierung des Straßen- und Eisenbahnnetzes bis 2020 die Infrastruktur erheblich zu stärken, um den Aufschwung Vietnams nicht zu gefährden. Auch die Versorgungsinfrastruktur soll weiter ausgebaut werden. So steht die Errichtung zahlreicher Kraftwerke, Stahlfabriken und petrochemischer Anlagen ebenso auf dem Plan wie die Entwicklung ganzer Stadtviertel. Im Verkehrssektor sollen in den kommenden Jahren neben Hoch- bzw. U-Bahnen in Ho Chi Minh City und Hanoi auch die bestehenden Eisenbahnstrecken sowie das Straßennetz massiv ausgebaut werden. Auch die Kommunikationsinfrastruktur, insbesondere im Bereich der öffentlichen Sicherheit, und die Gesundheitsinfrastruktur werden laufend verbessert. Für österreichische Unternehmen im Infrastruktur-, Gesundheits- und Kommunikationsbereich ergeben sich dadurch ausgezeichnete Geschäftschancen. Großes Interesse besteht von vietnamesischer Seite außerdem an österreichischen Projekten im Ausbildungssektor.
Auch im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes ergeben sich vor allem für österreichische Anlagenbauer Geschäftschancen. Zudem zeigt Vietnam im Energiewirtschaftssektor ein großes Potential für den Ausbau v. a. von Hydroenergie, andererseits auch einen Bedarf an Effizienzsteigerung seines Energieverbrauchs.
Bilaterale Kontakte im Wirtschaftsbereich
Am 7. und 8. Mai 2012 findet in Wien die 8. Tagung der gemischten Kommission Österreich-Vietnam zu Handels- und Wirtschaftsfragen statt. Die österreichische Delegation steht dabei unter der Leitung von Sektionsleiterin Mag. Gierlinger, Leiterin des Center 2 (Außenwirtschaftspolitik) im Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend.
Herr Bundespräsident Dr. Heinz Fischer reist vom 29.-31. Mai 2012 zu einem Staatsbesuch nach Vietnam. Teil der österreichischen Delegation wird auch eine Gruppe österreichischer Firmenvertreter unter der Leitung von Wirtschaftskammerpräsident Dr. Christoph Leitl sein. Sowohl in Hanoi als auch in Ho Chi Minh City wird es dabei Kontakte zwischen den österreichischen Firmen und vietnamesischen Geschäftspartnern geben. In Ho Chi Minh City wird zu diesem Zweck auch ein hochrangiges Wirtschaftsforum organisiert werden.
Abgesehen davon sind österreichische Unternehmen regelmäßig über spezielle Präsentationsveranstaltungen und Messebeteiligungen, welche vom zuständigen AußenwirtschaftsCenter Bangkok der Außenwirtschaft Österreich (Wirtschaftskammer Österreich) realisiert werden.
Weitere Auskünfte über wirtschaftliche Chancen für österreichische Wirtschaftstreibende in Vietnam erteilt:
Das AußenwirtschaftsCenter Bangkok, zuständig für Thailand, Vietnam, Myanmar, Kambodscha und Laos. Das AußenwirtschaftsCenter hat zwei Marketingbüros in Vietnam, eines in Hanoi und ein weiteres in Ho Chi Minh City.
