Vom Pariser Platz zum Tiergarten
Nachdem am 18. Januar 1871 der König von Preußen in Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen worden war, genehmigte der österreichische Kaiser Franz Josef am 29. Juni des selben Jahres die Ernennung eines Botschafters in Berlin, wo Österreich bis dahin durch einen österreichisch-ungarischen Gesandten vertreten war. Der erste k.u.k. Botschafter am kaiserlich deutschen Hofe, Alois Graf Karolyi von Nagy-Karolyi, installierte sich samt Kanzlei in einer großen Wohnung im ersten Stock des feudalen Palais Blücher am Pariser Platz 2, in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tors.
Während das deutsche Kaiserreich zwischen 1877 und 1879 in Wien für seinen Botschafter ein Palais im Stil der italienischen Renaissance mit französischem Einfluss errichten ließ, residierte der österreichische Botschafter in Berlin noch einige Zeit auf Mietbasis. Erst nach der Beendigung des Mietverhältnisses auf dem Pariser Platz im Jahr 1889 beabsichtigte das k.u.k. Ministerium des Äußeren, ein geeignetes Gebäude zu erwerben. Nachdem 32 Objekte besichtigt worden waren, empfahl ein aus Wien entsandter Sachverständiger den Ankauf des Palais Ratibor in der Moltkestraße 3. Da das Palais nur für die Residenz des Botschafters reichte, wurde am Kronprinzenufer 14 zusätzlich ein Kanzleigebäude errichtet.
Den multinationalen Charakter der Donaumonarchie wiederspiegelnd, wurde 1914 nach drei Botschaftern mit ungarischer Muttersprache, die 42 Jahre die Monarchie in Berlin vertreten hatten, mit Gottfried Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst erstmals ein Diplomat deutscher Muttersprache zum k.u.k. Botschafter im verbündeten Deutschen Reich bestellt. Er wurde damit Hausherr in dem einst seinem Onkel Viktor Fürst Ratibor gehörenden Palais. Während des Ersten Weltkriegs wurden aufgrund des Zustands des Gebäudes umfangreiche Reparaturarbeiten durchgeführt und dank Hohenlohes Beziehungen und der Bedeutung Berlins für die k.u.k. Monarchie viel Geld ins Botschaftspalais investiert. Es war durch den stark wachsenden Arbeitsanfall und die steigende Zahl der Mitarbeiter zudem nötig geworden, am Kronprinzenufer, in der Moltkestraße und auf dem Kurfürstendamm zusätzliche Räume anzumieten.
Nach der Ausrufung der Republik legte Hohenlohe seine Funktion am 14. November 1918 nieder. Das Botschaftspalais wurde der Gesandtschaft „Deutschösterreichs“ für Wohn- und Kanzleiräume überlassen, die in Folge des Friedensvertrags von St. Germain en Laye 1919 in Gesandtschaft der „Republik Österreich“ umbenannt wurde. Ein Jahr später, im Dezember 1920, wurde in Folge der Auflösung des gemeinsamen diplomatischen Dienstes und der Einrichtung getrennter nationaler diplomatischer Dienste das Gebäude von Österreich und Ungarn gemeinsam verkauft, die Republik Österreich erwarb dafür das Haus Bendlerstraße 15 (d.i. die heutige Stauffenbergstraße), das bis zum Anschluss im März 1938 als Österreichische Gesandtschaft diente.
Nachdem am 13. März 1938 durch den Anschluss Österreichs staatliche Existenz beendet worden war, wurde das Gesandtschaftsgebäude von den Nationalsozialisten sequestriert und von 1939 bis zu seiner kriegsbedingten Zerstörung vom Oberkommando des Heeres genutzt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es bis 1955, bis Österreich und die Bundesrepublik Deutschland wieder offiziell diplomatische Beziehungen aufnahmen und Österreich in Bonn, wo seit 1950 eine „Verbindungsstelle“ bestanden hatte, eine Botschaft einrichtete. Von 1952 bis 1990 bestand zudem in der Hittorfstraße 14 in Berlin-Dahlem die Österreichische Delegation Berlin, deren Leiter den Titel eines Generalkonsuls trug und bei den westlichen alliierten Stadtkommandanten akkreditiert war.
Die Liegenschaft seiner ehemaligen Gesandtschaft in Berlin-Tiergarten erhielt Österreich 1958 zurück, hatte aber für das leere, im Krieg von Bomben zerstörte Grundstück in der nunmehr nach Graf Stauffenberg benannten Straße keine Verwendung. 1969 wurde es an die Oberfinanzdirektion Berlin verkauft.
Die 1955 von Bonn gehegte Befürchtung, Österreich könne die DDR de facto oder de jure anerkennen, war unbegründet gewesen. Erst als absehbar war, dass die Bundesrepublik und die DDR im Dezember 1972 den Grundlagenvertrag abschließen würden, fanden Verhandlungen zwischen Delegationen aus der DDR und aus Österreich statt, die zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen führten. Ab 1973 amtierte ein österreichischer Botschafter in Ost-Berlin, die Botschaft befand sich in der ehemaligen Otto Grotewohl-Straße 5, der heutigen Wilhelmstraße.
Im Gefolge der Wiedervereinigung wurde die Österreichische Delegation in Westberlin 1990 zum Generalkonsulat Berlin, das in der Kanzlei der ehemaligen Botschaft in Ost-Berlin untergebracht wurde. Die Räume der Delegation in West-Berlin und die Residenz des Botschafters in Ost-Berlin wurden aufgelassen. 1997 wurde das Generalkonsulat Berlin zur „Außenstelle der Österreichischen Botschaft Bonn in Berlin“ umgewandelt und damit dokumentiert, dass diese nicht mehr nur konsularische, sondern auch diplomatische Aufgaben wahrzunehmen hat.
Im August 1999 übersiedelte die Österreichische Botschaft von Bonn nach Berlin und installierte sich provisorisch im „Atrium“-Gebäude an der Ecke Friedrichstraße / Leipziger Straße. Botschafter Dr. Markus Lutterotti wurde mit diesem Umzug zum ersten diplomatischen Vertreter Österreichs mit dem Funktionstitel „Botschafter“ seit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918, der in Berlin residiert und für Gesamt-Deutschland akkreditiert ist.
In der Folge des Beschlusses, Berlin wieder zur Hauptstadt des gesamten Deutschlands zu machen, gelang es, am Beginn der „Botschaftsmeile“ an der Ecke Tiergartenstraße/Stauffenbergstraße ein 3700 m² großes Areal für den Neubau einer österreichischen Botschaft zu erwerben. Das Grundstück liegt in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Gesandtschaftsgebäude während der Zwischenkriegszeit, das sich ebenfalls in der heutigen Stauffenbergstraße, nur wenige Meter weiter in Richtung Landwehrkanal, befunden hatte. Aus einem Wettbewerb, an dem sich 201 Architekten beteiligten, ging der renommierte österreichische Architekt Prof. Hans Hollein als Sieger hervor. Die Grundsteinlegung erfolgte am 9. Juni 1999, die Eröffnung findet am 5. Juli 2001 statt. Das markante Gebäude vereint Botschaft, Konsularabteilung und Residenz, auch die Handelsabteilung der Botschaft, die bisher in der Wilhelmstraße untergebracht war, zieht in das neue Amtsgebäude um.
