ÖsterreicherInnen in Äthiopien
Die erste nachgewiesene Niederlassung eines Österreichers in Äthiopien, des Geschäftsmannes Franz Hassen, geht auf das Jahr 1865 zurück. Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert stieg die Zahl der Staatsbürger der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in Äthiopien stetig an. Geschäftsleute, Landwirte, Arbeiter der Dschibuti-Eisenbahn, und Gastwirte liessen sich in Äthiopien nieder. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs dürften trotzdem nur etwa 13 Ungarn und 9 Österreicher in Äthiopien gelebt haben. Diese Zahl der ÖsterreicherInnen stieg bis zur italienischen Invasion Äthiopiens 1936 auf etwa 50 an. Da eine nicht unwesentliche Anzahl dieser jüdischer Abstammung war, sahen sie sich nach der italienischen Machtübernahme zum Verlassen des Landes gezwungen. Jene, die in Äthiopien verblieben waren, wurden seitens der Alliierten 1941 in Internierungslager in Somalia und Kenia gebracht. Nach dem 2. Weltkrieg, vor allem in den Fünfziger- und Sechziger Jahren, haben zahlreiche ÖsterreicherInnen an der Modernisierung und Entwicklung Äthiopiens mitgearbeitet. Mit einigen von Ihnen würden wir Sie gerne bekannt machen!
Österreicher in Musik und Theater
Die "moderne" Musik Äthiopiens nach dem Zweiten Weltkrieg, die Zeit des "Abyssinian Swing" wurde von Musikern armenischer Abstammung, von ÖsterreicherInnen und vereinzelt auch von Persönlichkeiten aus Polen und der Schweiz geprägt. Die Zeit zwischen 1955 und dem Sturz des letzten Kaisers gilt als die Hochzeit der "Big Bands" in Äthiopien und des äthiopischen Jazz. Der Dirigent und Komponist Prof. Anton Zellwecker (seine ihn begleitende Gattin war Sängerin) arbeitete zuerst am Hof Kaiser Haile Selassies und später als musikalischer Leiter der Imperial Body Guard und erster Direktor des heutigen Nationaltheaters, das damals Haile Selassie I. Theater hieß und erst im Aufbau begriffen war. Da Zellwecker auf keinerlei Vorarbeiten aufbauen konnte, wird er in seinen beiden letzteren Funktionen als Pionier in Äthiopien betrachtet. Zellwecker gründete zusätzlich 1955, gemeinsam mit dem feinsinnigen Premierminister, Ras Betwodad Makonnen Endalkatchew, die "Société Des Amis De La Musique", die jedoch seinen Abgang aus Äthiopien 1957 nicht überlebte.
Prof. Richard Alexander Hager, ein Mitglied der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien, folgte Zellwecker zwei Jahre nach dessen Abgang als Direktor des Haile Selassie Theaters nach. Auch er führte nicht nur äthiopische Autoren auf, sondern zum Beispiel auch den Salzburger "Jedermann" in amharischer Übersetzung.
Österreicher in Malerei und Bildhauerei
In diesem Bereich ist v.a. der Name eines Künstlers und Abenteurers zu nennen, den es eher zufällig nach Äthiopien verschlagen hat, der jedoch einen großen Teil seines Künstlerlebens in diesem Land verbrachte, Herbert Seiler. Der Name des 1928 geborenen Künstlers ist eng mit dem Aufbau der "School of Fine Arts" (heute School of Fine Arts and Design) in Addis Abeba verbunden. Der Abgänger der Kunstakademie in Linz erreichte Äthiopien 1956 und blieb über 20 Jahre als Lehrer für Bildhauerei, Anatomie und Zeichnen. Er experimentierte mit Fieberglas, arbeitete jedoch auch kommerziell. Ihm werden zahlreiche Statuen, Büsten, Reliefe aus Marmor und Bronze, überlebensgroße Löwen, Skulpturen für öffentliche Gebäude, aber auch Entwürfe für Briefmarken und Bühnendekor zugeschrieben. Weiters malte er Porträts führender Politiker.
Beitrag von Österreichern für die Naturwissenschaften
Österreichische Wissenschaftler in den Bereichen Molluskologie, Zoologie, Ethnologie, Geographie, haben durch ihre Sammlungen und Aufzeichnungen bedeutende Beiträge zur Erforschung Äthiopiens geleistet, die jedoch nach wie vor der wissenschaftlichen Aufarbeitung harren.
Auch sind diese Arbeiten in Äthiopien kaum bekannt - schon gar nicht der breiten Öffentlichkeit. Otto Neugebauerschrieb über Astronomie und Mathematik Äthiopiens. Er inkludierte den julianischen Kalender des Landes in seine mathematischen Studien an der Brown University in Rhode Island. Seine Bücher gelten heute als Standardwerke zum Verständnis der Kulturgeschichte Äthiopiens.
Carl Friedrich Jickeli (1850-1925), Molluskologe, erstellte umfangreiche Aufzeichnungen und Sammlungen über und von Muscheln, Schnecken, Korallen Eritreas und der der Küste des Roten Meers.
Österreichische Ärzte in Äthiopien
Der Chirurg L. Dialer war Leiter des Police Hospital. Alfons Huber (1914-1985) leitete als Gynäkologe das Body Guard Hospital in Addis Abeba und publizierte über 40 wissenschaftliche Artikel über einschlägige Probleme in Äthiopien. Der Internist Leopold Wagner leitete das Haile Selassie Beta Sayda Hospital. Kurt Weithaler ging als Leiter des WHO Smallpox Eradication Programme in Äthiopien in die Geschichte ein und publizierte als niedergelassener Arzt viele wissenschaftliche Beiträge zu epidemiologischen Krankheiten sowie zu gynäkologischen und ernährungsbedingten Problemen der äthiopischen Bevölkerung.
Peter Riedl war Röntgenologe und Mitglied der Universität Wien, wies während seiner Zeit als Arzt am Black Lion Hospital in Addis Abeba zwischen 1976 und 1977, den engen Zusammenhang zwischen der Grundnahrung der äthiopischen Bevölkerung und deren Darmerkrankungen nach. Der Gynäkologe Dimiter Sokoloff lebte und wirkte über 45 Jahre in Äthiopien (u.a. im "Central Command Hospital") und führte bis 2003 in Addis Abeba seine eigene Ordination. Die Diätköchin Lore Trenkler wurde 1960 in Wien angeworben und war zuerst für die Gattin Kaiser Haile Selassies, nach deren Tod für deren Sohn und nach dessen Tod für den Kaiser selbst zuständig. Sie kochte für ihn bis zum Tag seiner Ermordung im Jahre 1975 und kehrte zwei Monate danach nach Wien zurück.
Österreicher und ethnologische Forschungen in Äthiopien
Philipp Victor Paulitschke (1854-99) gilt als der österreichische Pionier im Bereich Ethnographie und Geographie. Eines seiner bekanntesten Werke ist "Die geographische Erforschung des afrikanischen Continents von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage" (erste Auflage 1879, dritte 1968), in dem er das bestehende Wissen über die Erforschung Nord- und Ostafrikas zusammenfasst. Als Folge seiner Expedition nach Äthiopien 1884/85 publizierte er ein zweibändiges ethnographisches Werk über die Gesellschaften der Somali, Danakil und Oromo, sowie ein zweibändiges Werk über die Poesie der Oromos.
Der Autodidakt Friedrich Julius Bieber (1873-1924) schrieb zahlreiche Studien über Botanik, Geographie, soziopolitische und soziokulturelle Aspekte des äthiopischen Lebens im Allgemeinen und das der Kaffa im Speziellen, sodass er bis zum dritten Quartal des 20. Jahrhunderts zu einer der am meisten zitierten Quellen in diesen Bereichen wurde. 1904/05 wurde er der Kaiserlichen Österreichisch-Ungarischen Delegation als Übersetzer beigestellt, da er fließend Amharisch sprach. Walter Raunig, war Museumskurator und später Direktor des Staatlichen Museums für Völkerkunde in München. Er schrieb u.a. den Katalog für die - von den Botschaftern Österreichs, Dr. Libsch, der Schweiz und Deutschlands initiierten - historisch-äthiopische Ausstellung, die 1973-74 in Wien, Zürich und Stuttgart gezeigt wurde. Weiters organisierte er 1984-85 eine umfassende Ausstellung von 442 Gemälden aus 52 öffentlichen und privaten Sammlungen in München.
Friedrich Klausberger, der sich als Jurist während einer Studienreise nach Äthiopien 1973 mit der Stellung und der Bedeutung des Rechtes innerhalb der Wertordnung verschiedener "primitiver" Völker beschäftigte (u.a. Strafrecht der Baga-Gumuz), erforschte die geschichtliche und rechtliche Basis der sozialen, religiösen und politischen Institutionen verschiedener kuschitisch-sprechender Völker (Borana, Gugi, Oyda, Baga-Gumuz, Gofa, Lequ-Horda, Sidama, Darasa und Walamo/Wala’itta). Weiters verfasste er eine Dissertation über die traditionellen Gesetze der Oromo.
Österreichische Geographen in Äthiopien
Ernst Nowack (1891-1946), ein Geograph und Geologe publizierte anerkannte Studien über die Regionen Harar, Carcar und Kondo. Josef Werdecker (1907-79) absolvierte zwischen 1953 und 1964 sieben Forschungsreisen unter den Auspizien der Technischen Hochschule Darmstadt und der Deutschen Forschungsgemeinschaft nach Äthiopien. Er beschäftigte sich v.a. mit dem Rift Valley und dem nordwestlichen Äthiopien (v.a. Arsi und Bale Mountains). Das Ergebnis war eine detaillierte Karte der Region mit ergänzenden Erklärungen über Klima, Vegetation, Verwaltungsstruktur, statistische Schätzung der Bevölkerung, etc.
Hans Weis studierte als Mitglied der Universität Wien 1973 v. a. das Ausmaß der Bodenerosion und Verkarstung des zentral- und nordäthiopischen Hochlands und verglich dieses mit Studien in Lybien, Marokko, Tunesien und Jordanien. Er sagte bereits zum damaligen Zeitpunkt das Ausmaß der derzeitigen Umweltkatastrophe in Äthiopien durch rigorose Ausbeutung und Abholzung ohne Aufforstung oder andere Schutzmaßnahmen voraus. Eine zweite Expedition des Kartographischen Instituts der Universität Wien fand unter seiner Leitung 1985 statt.
Beitrag österreichischer Wissenschaftler zu den Äthiopischen Studien
Äthiopische Studien in Europa waren bis weit ins 20. Jahrhundert integraler Bestandteil der Nahost-Studien und die nicht nur wegen der geographischen Nähe, sondern v.a. wegen der engen Verwandtschaft der Sprachen, Religionen, Kulturen und Ethnien. In der Österreichisch-Ungarischen Monarchie studierten Ägyptologen und Arabisten daher auch die kuschitischen und semitischen Sprachen des Horns von Afrika. Simon Leo Reinisch (1832-1919), auch der Vater der Ägyptologie und der Afrikanistik in Wien, sowie Mitbegründer des 1886 ins Leben gerufenen Orientalischen Instituts der Universität Wien, gilt bis heute weltweit als Pionier bei der Erfassung der hamitischen und kuschitischen Sprachen, die er als Teil des alten ägyptischen ethnischen, sprachlichen und kulturellen Komplexes verstand. Ihm verdankt Äthiopien die nach wie vor komplette Aufzeichnung der drei Agaw-Sprachen (Bilin, Xamit und Quara), er war der amharischen Sprache und der äthiopischen Schrift mächtig und schrieb - nach 2 Studienaufenthalten 1875/76 und 1879/80- auch Wörterbücher für die Sprachen Kunama, Bedawe, Saho, Irob, Somali und Kaficco. Nicht minder bedeutend waren seine Studien der Ethnologie und sein Engagement für den Erhalt der Unabhängigkeit Äthiopiens in einer Zeit, als viele Wissenschaftler in Österreich-Ungarn entweder offen mit den italienischen Vorstellungen sympathisierten oder merkantilistischen Dominationstheorien anhingen.
Wilhelm Czermak (1880-1953) war der eigentliche Nachfolger Reinisch' in seiner Bedeutung für die Äthiopischen Studien, ein Wiener, der in Prag und Innsbruck Arabistik, Indo-Germanistik, Semitistik und Ägyptologie studierte und später, als Universitätsprofessor, über 20 Jahre der Erforschung der kuschitischen Sprachen widmete. Seine Studien der somalischen und sudanesischen Dialekte wurden in Artikelform veröffentlicht. Seine Nachfolgerin war Gertrude Tausing, die dem Institut bis zu ihrer Pensionierung 1976 vorstand. Im Jahre 1977 wurde die Afrikanistik von der Ägyptologie getrennt und ein eigenes Institut eingerichtet.
Neuer Ordinarius wurde Hans Günther Mukarovsky, der die Publikation "Grundlagen der kuschitischen und omotischen Sprachen" herausgab. Einer seiner Doktoranden, Gerhard Böhm, veröffentlichte eine Grammatik der Kunama-Sprache und Beiträge über die Agaw-Sprachen, über die bereits Leo Reinisch Pionierarbeit geleistet hatte. David Heinrich von Müller (1846-1912): Die Rolle, die Reinisch für die kuschitischen Studien in Österreich spielte, kommt David Heinrich von Müller für die semitisch-äthiopischen zu. Er betrachtete die alte axumitische Kultur als Ausdruck der saudi-arabischen und machte die Universität Wien zum Zentrum der süd-arabischen Studien. Wichtige Zeitgenossen Müllers für die äthiopischen Studien in Österreich waren der Linzer Philosoph und Numismatiker Hofrat Friedrich von Kenner (1834-1922), der eine Studie über die axumitischen Münzen veröffentlichte, der Wiener Philologe Maximilian Bittner (1869-1918), der Wiener Universitätsprofessor deutscher Herkunft, Ludwig Radermacher (1867-1952) und Eduard Glaser (1855-1908), der mehrere Bücher über das alte Äthiopien veröffentlichte. Der Nachfolger David Heinrich von Müllers war der Wiener Semito-Philologe Rudolph Eugen Geyer (1861-1929), dessen Bedeutung für die äthiopischen Studien jedoch von seinem Studenten und Nachfolger, Viktor Christian (1885-1963) übertroffen wurde. Er inkorporierte die Studien der äthiopisch semitischen Sprachen in die Altsemitischen Studien, wurde 1934 jedoch aus politischen Gründen in den Ruhestand versetzt, 1936 rehabilitiert und 1939 Dekan der Universität Wien, ein Amt das er bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges innehatte. Nikolaus Rhodokanakis (1876-1945): Die Forschungen dieses österreichischen Gelehrten griechischer Abstammung gelten bis heute als Nachschlagwerke. Seine Publikationen als Professor an der Universität in Graz konzentrierten sich auf semitische Sprachen, Literatur und Geschichte Äthiopiens.
Ernst Hammerschmidt (1928 - 1993): Der Theologe und Orientalist war der prominenteste Gelehrte Österreichs über Äthiopien. Er lehrte von 1970 bis 1990 als Professor am Seminar für Afrikanische Sprachen und Kulturen an der Universität Hamburg. Eines seiner bekanntesten Werke über Äthiopien ist "Äthiopien. Christliches Reich zwischen Gestern und Morgen", für das er 1968 den Kardinal-Innitzer-Preis erhielt. 1977 gründete er die wissenschaftliche Zeitschrift "Äthiopische Forschungen", die sich mit der Durchleuchtung historischer, philologischer, theologischer und geographischer Themen durch internationale Autoren beschäftigt.
