Somalia: Historischer Überblick
Die erste Erwähnung des Gebietes des heutigen Somalia findet sich in alten ägyptischen Quellen, wo vom sagenhaften Land Punt, dem Land des Weihrauchs, die Rede ist. Das Gebiet des heutigen Somalia war ursprünglich von kuschitischen Stämmen aus dem Bereich der Seen des südlichen Äthiopien besiedelt, zumindest der Küstenstreifen des heutigen Somalia war schon im Jahr 100 v.Chr. besiedelt. Teile der Region gehörten vom 2. bis zum 7. Jahrhundert zum äthiopischen Königreich Aksum, ab dem 7./8. Jahrhundert erfolgte die Besiedelung der Küstenregion durch Araber, die das Sultanat von Adal gründeten, die Somalis traten zum Islam über. Lange Zeit unterhielten die muslimischen Somalis mit dem großen christlichen Nachbarn Äthiopien gute Beziehungen, bis die Äthiopier im 12. Jahrhundert unter Negus Yeshaq einen christlich-religiös motivierten Feldzug gegen das heutige Somalia und Dschibuti führten und das Land für die nächsten hundert Jahre unter ihre Kontrolle brachten. Die Somalis rächten sich unter ihrem Führer Ahmed Guray um 1530 und zogen brandschatzend durch das Hochland von Abessinien. Nur die von den Äthiopiern zu Hilfe gerufenen Portugiesen konnten damals die vollständige Niederlage Äthiopiens abwenden. Das portugiesische Expeditionskorps unter Pedro da Gama, dem Sohn des Entdeckers Vasco da Gama, brachte gegen die Somalis Kanonen zum Einsatz, Ahmed Guray fand dabei den Tod. In der Folge zerfiel das Sultantat durch den Einfluss der Portugiesen in kleine, unabhängige Staaten, die schließlich unter die Herrschaft des Osmanischen Reiches gerieten. Im Jahr 1728 übernahmen die Türken die Kontrolle über die letzte portugiesische Kolonie, und beanspruchten Souveränität über das Horn von Afrika. Als um 1850 das Osmanische Reich auch global gesehen an Stärke verlor, wurde der jährliche Tribut der Somalis nur mehr aus Gewohnheit bzw. aus Furcht vor möglichen Zwangsmaßnahmen gezahlt, das Osmanische Reich hatte aber keinen tatsächlichen Einfluss mehr auf das Gebiet.
Die Zeit des Kolonialismus
Um 1875 erreichten die Vorboten des Zeitalters des Kolonialismus auch Somalia. Großbritannien, Frankreich und Italien erhoben Ansprüche auf das von Somalis bewohnte Gebiet am Horn von Afrika. Die Briten kontrollierten damals bereits die Stadt Aden im Jemen, und wollten ihre Herrschaft auf die auf der anderen Seite des Roten Meeres gelegene Stadt Berberra in Somalia ausdehnen, um den Schifffahrtsweg nach Indien zu kontrollieren. Die Franzosen wiederum wollten ihren Plan der Kolonialisierung Afrikas von West nach Ost verfolgen, und den Plan einer britischen Eisenbahnlinie von Kairo nach Kapstadt (Cecil Rhodes) verhindern und setzten sich im heutigen Dschibuti fest. Die Äthiopier wiederum, die gerade ihre Unabhängigkeit gegenüber den Briten und Italienern gesichert hatten, brachten sich in den Besitz des von Somalis bewohnten Ogaden. Italien wiederum kolonialisierte den Süden Somalias. Großbritannien hatte im Norden allerdings schon seit 1899 mit Aufstandsbewegungen unter Abdilie Hasa (The Mad Mullah) zu kämpfen, den es erst 1920 endgültig besiegte. Italien gründete im Süden große Plantagen und es erfolgte sogar eine ansatzweise Industrialisierung. Nach dem Krieg gegen Abessinien und der Einnahme von Addis Abeba 1935 dehnten die Italiener ihre Kolonie unter dem Namen Italienisch-Ostafrika sogar beträchtliche aus. Im 2. Weltkrieg konnten die Alliierten schon 1941 ganz Somalia unter ihre Kontrolle bringen. Nach dem Krieg wurde Somalia unter UN-Verwaltung gestellt, und Italien wurde die Treuhandschaft übertragen. 1959 erhielt Somalia wie geplant seine Unabhängigkeit, der Norden und der Süden wurden vereint. Das unabhängige Somalia schien sich zunächst demokratisch zu entwickeln, doch schon bald zeigten sich die Unterschiede zwischen Nord und Süd. Zudem entwickelten die somalischen Parteien ein starke "anti-imperialistische" Tendenz und suchten die Unterstützung der Sowjetunion.
Mitte der 60er - Jahre war die UdSSR zum wichtigsten Lieferanten des somalischen Militärs geworden, und die Sowjets bildeten somalische Offiziere und Kader aus. 1967 kam es zu Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen. Die zentrale Frage des Wahlkampfes war die des Pan-Somalismus gewesen, was prinzipiell Krieg mit Kenia, Äthiopien und Dschibuti bedeuten konnte - denn in all diesen Staaten lebten Somalis. Die komplizierte, althergebrachte Clanstruktur begann die in der Kolonialzeit vermittelte westliche Kultur weiter zu verdrängen, 1969 kam es zu weiteren Zersplitterungen in Parteienlandschaft und Gesellschaft.
Die Diktatur Siad Barres
1969 stürzte das durch die Sowjets geprägte Militär die Regierung und der neue Präsident, General Siad Barre, rief die Sozialistische Republik Somalia aus. Er suspendierte sofort die Verfassung. Politisch versuchte er eine Mischung aus marxistischen und islamischen Vorstellungen umzusetzen, auch versuchte er die Clansstrukturen zu zerstören, um einen Zentralstaat errichten zu können. Dabei sollte aber nicht übersehen werden, dass die Hälfte der Regierung dem Clan Barres angehörte. Jedenfalls eiferte der Präsident stark dem sowjetischen Vorbild nach, inklusive Personenkult. Bis 1974 hatte er Somalia in einen autoritären Staat sozialistischer Prägung verwandelt. Im Jahr 1977 brach er einen Krieg mit dem Nachbarland Äthiopien um das Gebiet von Ogaden vom Zaun, in dessen Verlauf Tausende Menschen ihr Leben verloren und 1,5 Millionen Menschen flüchten mussten. Somalia sah sich einem massiven Flüchtlingsproblem gegenüber, der Staat war praktisch bankrott. Da entschloss sich Siad Barre, die Seiten zu wechseln und sich auf die Seite der USA zu schlagen. Die USA, die Barre für einen Garanten der Stabilität in der Region hielten, gingen auf sein Hilfeersuchen ein. So konnte sich Barre noch bis 1988 an der Macht halten. Danach begann der Widerstand gegen das Regime, von Nord-Somalia ausgehend, das ganze Land zu erfassen. Die oppositionellen Kräfte verstärkten ihren Kampf gegen die Regierung, 1991 sah sich Barre gezwungen, das Land zu verlassen. Der Ausbruch eines Bürgerkrieges zwischen den verschiedenen politischen Kräften war die Folge. Der Staat hörte de facto im Jahre 1991 auf zu existieren und spaltete sich in zwölf durch Warlords beherrschte Stämme, sowie den sich selbst zum "unabhängigen Staat" erkärt habenden Somaliland im Norden auf. Im August 1992 bemühten sich die Vereinten Nationen, die mehr als 2 Millionen hungernden Menschen des Landes mit Lebensmitteln zu versorgen. Am 8. Dezember 1992 landeten 28.000 UN-Soldaten unter amerikanischer Führung in Somalia. Ihre Aufgabe war die Sicherung der Nahrungsversorgung (Operation Hoffnung). Im Dezember 1992 sandten die Vereinten Nationen Friedenstruppen nach Somalia, mit deren Hilfe die Ordnung im Land wieder hergestellt, Nahrungsmittel verteilt und humanitäre Hilfe geleistet werden sollte. Die UNO-Blauhelme wurden aber mittelfristig in die internen Auseinandersetzungen verwickelt und mussten im März 1995 das Land verlassen.
1997 konnte der Rat zur Nationalen Rettung nach einigen Konferenzen in Kairo die Anführer der wichtigsten Clans zu einer Einigung über die Bildung einer Übergangsregierung bewegen. 1998 wurde eine Friedenskonferenz abgehalten und mehrere Beschlüsse gefasst, die im Jahr 2000 zur Wahl einer Nationalversammlung und eines Präsidenten, Abdiqasim Salad Hasan, führten, der jedoch nicht von allen Clan-Anführern anerkannt wurde.
Somalia besitzt zur Zeit keine nationale Regierung. Stattdessen teilt sich das Land in 18 Regionen auf, die jeweils unterschiedlich verwaltet werden. Die Transitional National Government (TNG) in der Hauptstadt Mogadischu versucht die Staatsgewalt auszuüben. Jedoch ist der Einfluss der TNG nur auf ein kleines Gebiet beschränkt. Im Februar 2002 stellte die TNG ein neues Kabinett mit 31 Mitgliedern auf. Die TNG stellt außerdem den Außenminister (Yusuf Hassan Ibrahim) und gilt in vielen Ländern als Vertreter Somalias. Sie repräsentiert das Land in den Vereinten Nationen, der Arabischen Liga und anderen internationalen Organisationen. Ihr Mandat lief im August 2003 aus.
Im Herbst 2003 wurde ein Abkommen über die Errichtung eines neuen Transitional Federal Government (TFG) und eines Federal Tranisitional Parliament (FTP) mit 351 Repräsentanten abgeschlossen. Das FTP wurde im Jahre 2004 auf 275 Mitglieder reduziert, die im September 2004 in Kenia gewählt wurden. Das Parlament wählte den Präsidenten der autonomen Region Puntland, Abdullahi Yussuf Ahmed, zum Interimspräsidenten Somalias. Im Anschluss wurde versucht, Regierung und Parlament, die bisher von Kenia aus agierten, nach Somalia zu verlegen. Der Umzug nach Mogadischu war aufgrund der prekären Sicherheitssituation in der von Warlords dominierten Hauptstadt bisher nicht möglich. Präsident Yussuf entschied sich daher Anfang 2005 für Jowhar als vorübergehenden Regierungssitz, eine Entscheidung, die von einigen Regierungsmitgliedern und vom Parlament bekämpft wird. Im Jänner 2005 beschloss die Regionalorganisation IGAD, unterstützt von der Afrikanischen Union, Truppen zur Unterstützung des TFG bereitzustellen.
Im Sommer 2006 übernahm der Council of Islamic Courts unter Sheikh Ahmed Sharif die Kontrolle über die Hauptstadt Mogadischu und in weiterer Folge über den Großteil Somalias. Im Dezember 2006 verkündete der Council of Islamic Courts den Heiligen Krieg gegen Äthiopien, welches das in Baidoa amtierende Transitional Federal Government unterstützte. Dies diente Äthiopien zum Anlass, zur Unterstützung der TFG und zur Wahrung seiner Interessen, in Somalia einzumarschieren. Binnen weniger Tage brachte die äthiopische Armee den Großteil Somalias, einschließlich Mogadischu und der Hafenstadt Kisimayu, unter ihre Kontrolle. Die im Februar 2007 beschlossene Entsendung von AU - Truppen (AMISOM), welche die äthiopischen Truppen ablösen sollten, verzögerte sich und wurde nie in vollem Umfang durchgeführt. Schließlich stellten lediglich Uganda und Burundi je ein Bataillon für die Aufrechterhaltung der Ordnung in Mogadischu zur Verfügung. Im Laufe des Jahres 2008 zeigte sich, dass die Kontrolle des TFG bzw. der äthiopischen Armee laufend durch islamistische Kräfte zurück gedrängt wurde. Am 18. August 2008 kam es in Dschibuti zur Unterzeichnung eines Abkommens zwischen der TFG und der relativ gemäßigten ARS.
Unterdessen kämpft die seit 1991 einseitig für unabhängig erklärte "Republik" Somaliland weiterhin um die internationale Anerkennung. Seit Einführung des Parteipluralismus im Jahr 2000 wurden bereits eigenständige Kommunal-, Präsidentschafts- und zuletzt im September 2005 Parlamentswahlen durchgeführt. Durch die in Somalia beispielslose Durchführung demokratischer Wahlen erhofft sich Somaliland der weit verbreiteten Anarchie in anderen Teilen Somalias zu entkommen, ist jedoch in einen Grenzkonflikt mit der selbsternannten autonomen Region Puntland, um die Gebiete von Sanaag und Sool, verwickelt.
Wirtschaft
Somalia ist einer der ärmsten und am wenigsten entwickelten Staaten der Erde. Die Wirtschaft stand in den frühen neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts durch den Bürgerkrieg und seine Folgen am Rande des völligen Zusammenbruchs. Zuvor war die Viehzucht die wichtigste Stütze der Wirtschaft des Landes und brachte 40% des Bruttoinlandsproduktes und 65% der Exporteinnahmen ein. Die fruchtbaren Böden an den Ufern der Flüsse Djuba und Webi Shebeli sowie in einigen Regionen an der Küste, werden für den Anbau von ertragreichen Kulturpflanzen wie Zucker, Mais und Bananen genutzt. Verschiedene Erz- und Mineralvorkommen wie Erdöl, Kupfer, Mangan, Eisen, Zinn und Uran sowie Marmor und Gips konnten bislang nicht genutzt werden.
Aufgrund der politischen Situation in Somalia kommt das Land für österreichische Exporte nicht in Frage. Ein wesentlicher Teil der Deviseneinkünfte Somalias stammt aus den Lösegeldern der vor der Küste Somalias operierenden Piraten.
Kultur
Die Kultur Somalias ist stark von der islamischen Religion beeinflusst. Ein Beispiele dafür ist jene Musik, die traditionelle Tänze der nomadischen Bevölkerung des Nordens des Landes begleitet, wie etwa den Zar. Die Musik soll helfen, den Geist von bösen Einflüssen zu befreien und emotionale Probleme zu beseitigen. Früher wurde sie ausschließlich zu Heilungszwecken eingesetzt, heute wird sie auch zur Unterhaltung gespielt. Eine der bekanntesten somalischen Persönlichkeiten ist Waris Dirie, die sich bei den Vereinten Nationen für Menschenrechte und ganz besonders für ein Verbot der Beschneidung von Mädchen einsetzt. Die Vereinten Nationen sehen sich in ihrem Kampf gegen diese Tradition allerdings mit Widerstand konfrontiert.
