Rede von Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger anlässlich der Auslandskulturtagung 2012
Kammerspiele, Dienstag, 4. September 2012, ab ca. 14.15 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort
Meine sehr geehrten Damen und Herrn,
liebe Freunde der Auslandskultur!
Österreichs Auslandskultur ist in Zeiten des Wandels ein wichtiges internationales Sensorium. Sie bietet eine Standortbestimmung und gibt Antwort auf wichtige Fragen der Einschätzung Österreichs. Unser Bild in der Welt wird ganz wesentlich von der Kultur geprägt. Wir werden oftmals vorrangig als Kulturnation wahrgenommen. Mit Freude lässt sich feststellen, dass das innovativ-kreative Potential Österreichs international beeindruckende Erfolge feiert, dass an frühere kulturelle Leistungen Österreichs angeschlossen wird und kulturelle Traditionen Österreichs fortgeführt werden aber auch neue, innovative Schritte gegangen werden.
Die Themenstellung der heurigen Auslandskulturtagung hat sich mit der Frage der virtuellen und realen Kulturarbeit beschäftigt. Wir sind in neue Dimensionen der Kommunikation vorgestoßen. Nach der Revolution des Internets haben wir eine weitere Steigerung der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Information erlebt.
Die virtuelle Welt hat auch unsere Arbeitsprozesse, unsere Tagesabläufe, unser gesellschaftliches Zusammenleben, ja vielleicht sogar die Art und Weise verändert, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Und gleichzeitig erleben Millionen Menschen durch die sozialen Medien neue Beziehungsebenen, die Lebensweise und Bewusstsein prägen.
Die heutige Tagung hat gezeigt, dass gerade die Kultur der permanenten Beschleunigung unserer Lebensweise eine andere Qualität entgegensetzen kann, nämlich jene der Langsamkeit und der Bedeutungstiefe.
Für diese Qualität steht zum Beispiel das heute präsentierte Projekt „schreibArt“, das das zeitgenössische literarische Schaffen in Österreich in den Mittelpunkt stellt, und sich auf die Nachhaltigkeit von Texten im Kontrast zur Flüchtigkeit der virtuellen Kommunikation konzentriert. Einer der Autoren von „schreibArt“, Richard Obermayr, hinterfragt in seinem Roman „Das Fenster“ das Phänomen der Beschleunigung, indem er sagt (ich zitiere):
„Was, wenn die Vergangenheit alles aufbewahrt, um es uns eines Tages wieder zurückzuerstatten? Wenn uns ein zweiter Tag folgt, der aufsammelt, woran wir achtlos vorübereilten, was wir, um mit der Gegenwart Schritt zu halten, am Rand liegen lassen mussten?“
Trotz aller Erfahrungen in den virtuellen Welten der Kultur bin ich von der Bedeutung realer Kulturaktivitäten überzeugt. Für einen echten, tiefgründigen Kulturdialog und einer persönlichen Auseinandersetzung der Gesellschaft mit Kunstwerken und dem intellektuellen Austausch mit Künstlerinnen und Künstern gibt es keinen Ersatz. Es bedarf der persönlichen Begegnungen und der Orte, die wir dafür bereitstellen.
Meine sehr geehrten Damen und Herrn,
So wie wir weltweit mit unserem kulturellen Erbe und unserer Gegenwartskunst wahrgenommen werden, so wollen wir sicherstellen, dass wir unsere globale Reichweite im Auslandskulturnetz bewahren. In einem Interview im „Standard“ hat Maja Haderlap kürzlich darauf hingewiesen, dass es „die Aufgabe der Kulturpolitik ist, dass sie Institutionen schafft, die künstlerische Arbeit ermöglichen, Rahmenbedingungen, die helfen, dass Kunst entstehen kann.“ Das ist in Zeiten der Knappheit öffentlicher Mittel nicht einfach – und doch: wir können logistisch noch besser und effizienter werden. Dazu können organisatorische Maßnahmen beitragen, die nicht automatisch mit einem Mehr an Ausgaben von Steuergeld verbunden sind.
Zum einen ist das die Erschließung von privaten und privatwirtschaftlichen Geldern. Ich freue mich sagen zu können, dass sich unsere Kulturforen und Vertretungsbehörden beim Einwerben von Drittmitteln nicht nur mit großem Engagement einbringen, sondern ganz große Erfolge zu verzeichnen haben. Im vergangenen Jahr konnte für jeden Euro operatives Kulturbudget der Kulturforen und Vertretungsbehörden 75 Cent an Sponsoring geworben werden. Nach 45 Cent im Jahre 2010 eine bemerkenswerte Steigerung – und das mitten in den krisenhaften Entwicklungen der Weltwirtschaft.
Zum anderen habe ich mich zu einem Schritt entschlossen, der das beachtliche Netz der österreichischen Auslandskultur widerspiegelt und eine noch größere Servicefunktion für unsere Kulturschaffenden bedeutet. Wir werden neben den bestehenden 30 Kulturforen an allen Vertretungsbehörden Kontaktpunkte für die Kultur einrichten, Österreichische Kulturkontaktpunkte in der Welt – Austrian Cultural Contact Points. An jeder Vertretungsbehörde wird klar ausgewiesen sein, wer sich an einer Botschaft oder einem Generalkonsulat mit kulturellen Agenden beschäftigt, also der Ansprechpartner für unsere Künstlerinnen und Künstler ist. Der Auftrag zur Kulturarbeit ist allen unseren Vertretungsbehörden im Ausland mitgegeben!
Gemeinsam mit dem Netz an Österreich-Bibliotheken, den Österreich-Instituten und den vom ÖAD betreuten Lektorinnen und Lektoren verfügt Österreich über eine weltweite Präsenz, die unser Bekenntnis zur Kulturnation Österreich entsprechend widerspiegelt. Dazu gehört aber auch die Sicherstellung der öffentlichen Mittel. Ich bekenne mich zur öffentlichen Kulturförderung, die ein wichtiges Element der Kulturpolitik und damit auch der Auslandskulturpolitik darstellt.Daher freue ich mich sehr, dass ich Ihnen mitteilen kann, dass ich das Budget für die Auslandskulturarbeit trotz der intensiven Sparanstrengungen, die mein Ressort unternimmt, auch im kommenden Jahr unverändert halten konnte.
Eine wichtige Rolle kommt den Kulturforen und den Vertretungsbehörden auch in der Betreuung der wissenschaftlichen Beziehungen zu. Dieser Bereich hat nicht zuletzt durch die Verabschiedung der Forschungs-, Technologie- und Innovationsstrategie der Bundesregierung im Vorjahr an Bedeutung gewonnen.
Meine sehr geehrten Damen und Herrn,
Vor einem Jahr habe ich bei der Auslandskulturtagung das neue Auslandskulturkonzept vorgestellt. Es hat sich mit seinen klaren Zielen auch in der Umsetzung bewährt.
Den österreichischen Kulturschaffenden haben die Kulturforen und Vertretungsbehörden in ambitionierten Programmen Zugänge zum internationalen Kulturdiskurs geschaffen und sie bei ihrer internationalen Vernetzung unterstützt.
Wir haben das 10-Jahres-Jubiläum des Österreichischen Kulturforums in New York mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm gefeiert, darunter große Ausstellungsprojekte und eine Serie von Kompositionsaufträgen an herausragende Komponistinnen und Komponisten.
Im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt Maribor 2012 findet im Oktober ein Österreich-Monat statt, bei dem wir ein sehr ambitioniertes Programm vorstellen werden. Dem Schwarzmeerschwerpunkt ist ein großes österreichisches Kulturfestival in Sotschi gewidmet, das in wenigen Tagen über die Bühne geht.
Als Gastgeberland beim Festival Cervantino, dem größten lateinamerikanischen Kulturfestival, werden wir gemeinsam mit Polen und der Schweiz auftreten und eines der größten je bei einem Kulturfestival in Lateinamerika gezeigten Kulturprogramme präsentieren, das die ganze Bandbreite österreichischen Kulturschaffens abdeckt.
Die Kultur in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union ist ein wichtiges Element für das Zusammenwachsen der Bevölkerung Europas und die weiteren Integrationsschritte, die in den nächsten Jahren erfolgen sollen. Dabei nähern wir uns dem Jahr 2014, dem „Jahr der europäischen Zeitgeschichte“, wie es verschiedentlich genannt wird, in dem wir dreier großer historischer Ereignisse gedenken werden: dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, dem Beginn des Zweiten Weltkrieges und dem Fall des Eisernen Vorhangs. Für die Vielzahl an Veranstaltungen, die vor allem im Zusammenhang mit dem 100-Jahr-Gedenken des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, geplant sind und an denen sich Österreich aktiv beteiligen wird, habe ich unseren ehemaligen Botschafter in Washington und Berlin, Christian Prosl, gebeten, als Koordinator in meinem Ressort zu fungieren.
Das Internet hat uns große Möglichkeiten eröffnet, es hat uns aber auch verwundbarer gemacht. Das Internet und die sozialen Medien haben wesentlich zum „Arabischen Frühling“ beigetragen. Andererseits haben Diktaturen und repressive Regime neue Möglichkeit der Zensur erhalten und nutzen die Kommunikationskanäle, die sich der Demokratie verpflichtet fühlen und diese weiterentwickeln möchten, um die Kontrolle der Bevölkerung zu verstärken.
Österreich hat sich in den letzten Jahren in allen internationalen Gremien massiv für Menschenrechte und Grundfreiheiten eingesetzt. Während unserer Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen haben wir einen großen Erfolg gefeiert, als die Resolution 1894 zum Schutz der Zivilbevölkerung in bewaffneten Konflikten einstimmig verabschiedet wurde. Zurzeit arbeiten wir im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, dem wir seit 2011 angehören, an einer Resolution zur Pressefreiheit und dem Schutz von Journalisten. Dieses Thema forcieren wir auch im Rahmen der UNESCO, deren Exekutivrat wir seit letztem Jahr angehören.
Ein besonderes Anliegen sind mir die Aktivitäten im Bereich des Dialogs der Kulturen. Höhepunkt unserer internationalen Dialogbemühungen wird das Gipfeltreffen der Allianz der Zivilisationen in Wien im Februar 2013 in der Hofburg sein, wenn sich Persönlichkeiten und Zivilgesellschaftsorganisationen treffen und ihre Erfahrungen im Dialog der Kulturen austauschen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt wird auch das neu gegründete Dialogzentrum in Wien, das sich dem interreligiösen und interkulturellen Dialog verpflichtet fühlt, seine Arbeit aufgenommen haben und seinen Beitrag zu diesem Gipfeltreffen leisten können.
Meine sehr geehrten Damen und Herrn,
ich hoffe, das Sie mit der heutigen Auslandskulturtagung einen guten Eindruck erhalten haben, was das Netz der österreichischen Auslandskultur zu leisten in der Lage ist. Ich danke Sektionschef Martin Eichtinger und dem Team der Auslandskultur, und allen die vor und hinter den Kulissen am Gelingen der heurigen Auslandskulturtagung mitgearbeitet haben. Ich danke den bemerkenswerten Künstlerinnen und Künstlern, die heute aufgetreten sind. Und ich danke all jenen Personen im Saal, die sich in der einen oder anderen Form um die Anliegen der Auslandskultur bemühen.
