Rede von Herrn Bundesminister Dr. Michael Spindelegger bei der österreichischen Auslandskulturtagung 2010 in Wien
Der Donauraum. Kulturelle Nachbarschaft als außenpolitische Aufgabe
Leopold Museum, Wien, 9. September 2010
Es gilt das gesprochene Wort.
Vielen Dank, Martin Eichtinger,
Geschätzter Herr Stadtrat Schicker und Herr Stadtrat Mailath-Pokorny,
sehr geehrter Frau Abgeordnete Furhmann
geschätzer Herr Direktor Weinhäupl,
Exzellenzen,
meine sehr geschätzten Damen und Herrn,
liebe Kulturschaffende!
Ich möchte Sie alle sehr herzlich zu unserer Auslandskulturtagung 2010 im Leopoldmuseum begrüßen. Ich darf mich bei Ihnen sehr geschätzter Herr Direktor Weinhäupl herzlich dafür bedanken, dass wir hier zu Gast sein dürfen. Ich möchte auch Martin Eichtinger für die Vorbereitung dieser Auslandskulturtagung herzlich danken und wünsche ihm als neuem Leiter der Auslandskultursektion viel Erfolg bei seiner spannenden Aufgabe.
Meine Damen und Herren!
Das Thema der diesjährigen Auslandskulturtagung ist ein klares Bekenntnis zu einem Raum, der für Österreich eine essentielle Bedeutung hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Donauraums eine Schlüsselregion Europas des 21. Jahrhunderts wird. Unsere Donauraum-Initiative spiegelt unser traditionelles Engagement in Südosteuropa und im Westbalkan wider. Wir haben eine weitreichende Interessensparallelität mit den Donauanrainern, etwa bei der Bewahrung des sensiblen Ökosystems Donau oder beim Ausbau des wechselseitigen wirtschaftlichen Entwicklungspotentials.
Der Donauraum ist aber weit mehr. Die Donau ist als zentrale Lebensader Europas über Jahrhunderte hinweg verbindendes und trennendes bereicherndes und bedrohliches; mythisches und geheimnisumwobenes Element eines multikulturellen Raumes gewesen. Claudio Magris, kulturgeschichtlicher Chronist der Donau, bezeichnet sie als das „deutsch-ungarisch-slawisch-romanisch-jüdische Mitteleuropa“. Die kulturelle Kraft, die in dieser schöpferischen Vielfalt der Region liegt, hat Generationen von Schriftstellern und Historikern, von Ernst Trost bis Karl-Markus Gauß, inspiriert. Dieses kreative Potential wollen wir für die geistig-kulturelle Entfaltung Europas nutzen.
Die über die Jahrhunderte gewachsenen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und menschlichen Beziehungen im Donauraum bis zum Schwarzen Meer bilden ein starkes Fundament für eine zukünftige gemeinsame Entwicklung. Es ist dieses Fundament, das das große Interesse und Engagement Österreich in die Region erklärt. Dieses Fundament möchte ich mit meinem außenpolitischen Fokus auf den Donauraum und das Schwarze Meer ausbauen und bestmöglich zum Vorteil aller daran beteiligten Länder nützen. Wir wollen dort Spuren lassen und wir wollen das ganzheitlich tun, mit Mitteln der Außen- wie auch Kulturpolitik.
Dabei tauchen im Zusammenhang mit dem Donauraum auch immer wiederkehrende Fragestellungen auf: Gibt es eine kulturelle Identität des Donauraumes? Hat es im letzten Jahrhundert über die politische Teilung des Kontinents hinweg eine gemeinsame kulturelle Entwicklung gegeben? Kann Kultur im Donauraum nicht nur Grenzen überwinden, sondern auch bei den verbleibenden politischen Konflikten eine Mittlerrolle einnehmen? Diese und andere Fragen werden heute in verschiedenen Arbeitsgruppen im Rahmen der Auslandskulturtagung diskutiert werden.
Die Bedeutung des Donauraums für Europa wird am besten durch die im Entstehen begriffene EU-Strategie für den Donauraum anerkannt, auf die Martin Eichtinger bereits hingewiesen hat. Die Strategie beschäftigt sich in ihrer dritten Säule mit Kulturprojekten, die künftig mit EU-Fördermittel gefördert werden sollen. Der Donauraum soll ein gemeinsamer Wissens-, Innovations- und Kooperationsraum von 260 Millionen Menschen werden. Wir sprechen von einem Raum, der der Hälfte der gesamten EU-Bevölkerung entspricht. Ich möchte Sie daher auffordern, diese Chancen zu nützen und mit ihrem Ideenreichtum zum Erfolg der Donauraumstrategie beizutragen.
Meine sehr geehrten Damen und Herrn,
Die Auslandskulturpolitik ist und bleibt unverzichtbarer Eckpfeiler, Stütze und tragendes Element der österreichischen Außenpolitik.
Lassen Sie mich zu ein paar wichtigen Aspekten der Kultur aus meiner Sicht Stellung nehmen:
- Erstens möchte ich auf die Kultur in unserer globalisierten Welt eingehen.
- Zweitens möchte ich die Rolle des Dialogs als essentiellen Bestandteil der österreichischen Außenpolitik beleuchten.
- Drittens möchte ich Stellung beziehen zu Kultur in Europa und zur multilateralen Kulturpolitik
1. Kultur in der globalisierten Welt
Die jüngste Vergangenheit hat bei vielen einen intensiven Nachdenkprozess ausgelöst. Ob es sich um das internationale Wirtschaftssystem handelt oder um unsere Umwelt: alte Rezepte funktionieren nicht mehr. Ja, wir stehen zweifelsohne an einer neuen Schwelle der Entwicklung der Menschheit, die von Begriffen wie qualitatives Wachstum, neue Rahmenbedingungen für globale Strukturen und internationale Solidarität geprägt ist. Der Kultur kommt in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung zu, weil sie sich im freien Raum der Ausdrucksformen und in intellektuellen Versuchslabors bewegen und konzeptuelle Beiträge liefern kann.
Wir wollen diese Denkprozesse, die sich in den unterschiedlichsten Formen künstlerischer Aktivitäten präsentieren, als österreichischen Beitrag zur internationalen Diskussion in die Welt tragen. Dabei liegt die Rolle der Kultur sowohl im In-Frage-Stellen, im Querdenken, im Hinterfragen und im Sichtbarmachen. Uns, die wir den künstlerischen Dialog fördern, obliegt es, daraus Schlüsse zu ziehen und die Denkimpulse zu verstärken.
Die intensive Auseinandersetzung mit dem südosteuropäischen, dem Donau- und Schwarzmeerraum wird – wie gesagt – ein Schwerpunkt unserer kulturellen Tätigkeit sein. Aber wir wollen auch den kulturellen Dialog mit außereuropäischen Kulturschaffenden fortsetzen. Der große Erfolg des Japan-Jahres 2009 hat uns darin bestärkt, dass es im asiatischen Raum eine besondere Zuwendung und eine überaus große Wertschätzung für österreichisches Kulturschaffen gibt. Schon im kommenden Jahr werden wir den intensiven Kulturaustausch mit Asien fortführen, und zwar im Rahmen der 40-Jahr-Feiern diplomatischer Beziehungen mit China. Im heurigen Jahre hat Österreich künstlerische Beiträge zu den 200-Jahr Feiern der Unabhängigkeit Lateinamerikas geleistet. Als besondere Höhepunkte möchte ich nur die Erwin Wurm-Ausstellung in Bogotà und eine Retrospektive der Ars Electronica in Mexico City erwähnen.
Die Globalisierung hat – wie wir immer wieder auf’s Neue lernen müssen – nicht nur positive Folgewirkungen gehabt. Für den kulturellen Austausch haben allerdings die globalen Kommunikationsmittel neue Möglichkeiten eröffnet und viele Grenzen überwunden. Soziale Kommunikationsnetzwerke spielen eine immer stärkere Rolle im Kulturbereich. Sie sind für unsere Jugend zu zentralen Kommunikationsplattformen ihres Lebens geworden. Wenn wir sie für kulturelle Initiativen im In- und Ausland ansprechen wollen, dann müssen wir dort mit der Jugend kommunizieren, wo sie ihr kreatives Potential ausspielt. In diesem Sinne wird sich die morgige, interne Sitzung der Auslandskulturtagung mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, die die sozialen Kommunikationsnetzwerke für die österreichische Kulturarbeit bieten.
2. Dialog der Kulturen und Religionen – ein essentieller Bestandteil der österreichischen Außenpolitik
Nach dem 11. September 2001 wurde der internationalen Gemeinschaft auf schreckliche Weise bewusst, dass es zur Friedenserhaltung auch eines Dialogs der Kulturen und Religionen bedarf, der auf Respekt, Anerkennung der Vielfalt und gegenseitigem Verständnis basiert.
Österreich war in diesem Bereich internationaler Vorreiter: der erste christlich-islamische Dialog fand schon 1993 statt. Die besondere Stellung Österreichs im internationalen Dialog entspricht auch der Rolle Wiens als Amtssitz der Vereinten Nationen und einer Reihe internationaler Organisationen, wie OPEC und OSZE.
Österreich und Wien sind heute zu einem Zentrum dieses globalen Dialogs der Kulturen geworden, um den sich auch die Vereinten Nationen in vielfältiger Weise bemühen. In zwei Wochen werde ich in New York sein und an der Ministertagung der Allianz der Zivilisationen teilnehmen, deren Gipfel wir im Jahre 2013 in Wien organisieren wollen. Ende November werden wir in Wien gemeinsam mit der Arabischen Liga und der Quandt-Stiftung ein Euro-Arabisches Jugendtreffen der Opinion Leaders von morgen veranstalten. Daneben laufen unsere Bemühungen um eine breite globale Ausrichtung unserer Dialogbemühungen bis in den asiatischen Raum weiter: wir wollen Wien und Österreich als zentralen Ort des Dialogs der Kulturen weiter ausbauen und in dieser Friedensarbeit einen größtmöglichen Beitrag leisten, der schon jetzt international anerkannt wird.
3. Europa und Kultur. Multilaterale Kulturpolitik
Dem Begriff „Europa der Kulturen“ steht im außereuropäischen Bereich der Begriff der „europäischen Kultur“ gegenüber. Europa wird von außerhalb als kultureller Gigant wahrgenommen. Wir müssen uns gegen alle Versuche einer Re-Nationalisierung der Kultur und ihrer Vereinnahmung für populistischen Nationalismus stemmen. Dabei geht es nicht um die Aufgabe unserer Traditionen und kulturgeschichtlichen Fundamente, sondern um die Einsicht, dass kulturelles Schaffen nur in der Auseinandersetzung mit dem „Anderen“ und „Fremden“ gedeihen und wechselseitige Impulse geben kann. Gerade die Kultur trägt ganz wesentlich zum europäischen Einigungsprozess bei und formuliert wichtige Kritik an den Unzulänglichkeiten des Integrationsprozesses, auf die die für den politischen und wirtschaftlichen Einigungsprozess Verantwortlichen reagieren müssen.
Österreich setzt daher die in der „ Europäischen Kulturagenda“ formulierten kulturpolitischen Ziele um. Genau aus diesem Grund gehörte Österreich bereits 2006 zu den Gründungsländern von EUNIC (European National Institutes for Culture), einem Zusammenschluss von 31 europäischen Kulturorganisationen, der europäisches Bewusstsein durch gemeinsame Kulturprojekte fördert und außerhalb der EU europäisches Kulturschaffen und europäische Werte präsentiert. Mehr denn je müssen sich nationale und europäische Kulturarbeit ergänzen.
Als Vertragspartei des UNESCO-Übereinkommens zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen hat sich Österreich dazu verpflichtet, die kulturelle Dimension in seinen Beziehungen mit Partnerländern und- regionen einzubinden. Unsere Strategien im Donauraum, im Schwarzmeergebiet aber auch in Südosteuropa legen dafür beredtes Zeugnis ab. Zur Unterstützung von Toleranz und Demokratie ist die UNESCO insgesamt ein nicht zu unterschätzender Bannerträger, zu deren Arbeit Österreich wesentliche Beiträge liefert.
Meine Damen und Herren!
Heuer haben wir das 90-jährige Bestehen der Salzburger Festspiele gefeiert. Hugo von Hofmannsthal hat einmal gesagt: „Nur wer sich auf den Weg macht, wird neues Land entdecken.“ Ich lade Sie alle ein, sich heute mit uns auf den Weg zu machen, um neues kulturelles Land im Donauraum zu entdecken. Österreich hat seine kulturelle Tradition seit der Gründung der Salzburger Festspiele stetig weiterentwickelt. Österreichische Künstler und Wissenschaftler haben mit ihrer Kreativität nicht nur ein beachtliches internationales Image erarbeitet. Wir sind auch als Drehscheibe und Ort des Dialogs anerkannt und geschätzt. Es ist dies ein unschätzbares Kapital, an dessen weiterer Entwicklung unsere internationale Präsenz maßgeblichen Anteil haben wird. Ich lade Sie alle ein, an diesem gemeinsamen Projekt mitzuwirken!
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
