"Der Prager Frühling" - Das internationale Krisenjahr 1968
Außenministerin Ursula Plassnik anlässlich der Eröffnung der Konferenz
„Der Prager Frühling“ – Das internationale Krisenjahr 1968
am 20. August 2008
an der Diplomatischen Akademie Wien
Es gilt das gesprochene Wort
Lieber Jiri Grusa!
Lieber Stefan Karner!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Als Kärntner Gymnasiastin stand ich im August 1968 im Banne von Fernsehbildern aus dem nahen und doch so fernen Prag. Karel Schwarzenberg hatte die große politische Karriere noch nicht im Kopf. Jiri Grusa stand mitten im Geschehen. Zwei von uns sind heute in unserem neuen Europa Außenminister; Jiri Grusa sorgt im Gastland Österreich für diplomatischen Nachwuchs aus vielen Ländern nicht nur aus diesem neuen Europa.
Menschen in der Tschechoslowakei unternahmen 1968 den faszinierenden Versuch, selbstbewusst und mutig einen neuen Weg zu gehen. Dieser politische Frühling hatte nur kurze Dauer. Er war für die kommunistische Nomenklatura inakzeptabel, weil er Machtverlust bedeutete.
Die Invasion der Panzer des Warschauer Pakts wurde "brüderliche Hilfe" genannt. Dann kam die sogenannte "Normalisierung", das Zurück in das traditionelle kommunistische System - in Unfreiheit und Totalitarismus.
Vielen wurden damals die Augen geöffnet. Der militärische Einsatz zeigte der ganzen Welt, dass der Warschauer Pakt als sowjetisch-imperiales Instrument gebraucht wurde.
Meine Damen und Herren!
Den Zerstörern und Unterdrückern standen Mutmacher gegenüber –Persönlichkeiten mit starken europäischen Werten und Überzeugungen, die mit großem persönlichem Risiko die Zukunft gestalteten und Geschichte machten.
Tschechische und slowakische Oppositionelle, Dissidenten und Bürgerrechtler wie Jiri Grusa, Vaclav Havel, Petr Pithart, Jaroslav Seifert ließen sich auch durch die Gewalt nicht davon abbringen, Tag für Tag aufs Neue für Freiheit, Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einzutreten. Ihr Einsatz bleibt vorbildhaft und ist Beweis für die Macht von Ideen und Bürgergesellschaften.
In Erinnerung an den mutigen Kampf der Tschechen und Slowaken um Freiheit Tag für Tag an diesem neuen Europa zu arbeiten, ist gemeinsamer Auftrag des 21. August 1968. Gerade heute, wo für uns allzu viel selbstverständlich geworden ist, müssen wir bewusst machen, dass noch vor 40 Jahren Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und eine offene Gesellschaft in unserer unmittelbaren Nachbarschaft und für die Hälfte unseres Kontinents erst eine ferne Hoffnung war.
1968 hat die Kraftquellen des zukunftsgerichteten europäischen Selbstverständnisses bewusst gemacht: den Hunger nach Freiheit, Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
Letztlich hat die Kraft des europäischen Lebensmodells das kommunistische Unterdrückungssystem überwunden - das macht Mut. Auch heute, im geeinten Europa. Denn was das neue Europa mit all seiner Vielfalt im Innersten zusammenhält, ist genau diese gemeinsame Vorstellung davon, wie wir Europäer leben wollen – in Freiheit, auf einem festen gemeinsamen Wertefundament, mit einer leistungsfähigen und wettbewerbsstarken Wirtschaft mit ausgeprägter sozialer Dimension. Mit der anspruchsvollen Zielsetzung Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit. Vor allem aber unter Respektierung unserer Unterschiedlichkeit: in Vielfalt geeint.
Zu diesem europäischen Lebensmodell zählt auch die große Solidarität und spontane Hilfsbereitschaft, die die Österreicherinnen und Österreicher unseren tschechoslowakischen Freunden damals als etwas ganz Selbstverständliches entgegen gebracht haben. 162.000 Menschen flüchteten bis Oktober 1968 aus dem Gebiet der damaligen Tschechoslowakei über Österreich in die Freiheit; bis zum Jahresende 1968 waren es 208.000 Menschen.
Der Prager Frühling und sein furchtbares Ende haben für uns eine starke und bleibende nachbarschaftlicheKomponente. Das Jahr 1968 ist Teil unserer gemeinsamen Geschichte und unserer spezifischen nachbarschaftlichen Erfahrung. Ich werde gemeinsam mit meinem tschechischen Amtskollegen Karel Schwarzenberg im September in New York neue Signale setzen: ein öffentliches Kolloquium über „1968 als Botschaft für mehr Zivilcourage“ und die Unterzeichnung eines neuen Kulturabkommens zwischen Österreich und der Tschechischen Republik.
Meine Damen und Herren!
Der Prager Frühling war einer der großen Wegmarken hin zur welthistorischen Wende: Nach Berlin 1953 und Ungarn 1956 sind der Prager Frühling, die Schlussakte von Helsinki, die Charta 77 und die samtene Revolution 1989 geistige Grundlagen für die Wiedervereinigung unseres Kontinents.
Die Ereignisse von 1968 haben uns in Mitteleuropa zutiefst berührt und geprägt. Aber erst jetzt wurden sie erstmals in umfassender Weisebearbeitet - unter Einbeziehung von wissenschaftlichen Instituten, Historikern und Archivbeständen aus der früheren Sowjetunion und dem früheren Osteuropa.
Meine Wertschätzung dafür gilt allen voran dem Initiator des Projekts, Professor Stefan Karner. Danke Dir und Deinem Team.
Stefan Karner hat das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung – zu dessen 15-jährigem Bestehen ich gratuliere - in den Dienst der interdisziplinären wissenschaftlichen Aufarbeitung von Ursachen, Verlauf und Konsequenzen des Prager Frühlings und seiner gewaltsamen militärischen Beendigung gestellt.
Was macht dieses Werk so einzigartig?
In erster Linie die intensive Recherche in russischen Archiven, die früher verschlossen waren. Das wurde einerseits durch Karners eigene hervorragende Kontakte nach Russland ermöglicht, andererseits durch die allgemein guten Beziehungen zwischen Österreich und Russland, und nicht zuletzt auch durch die starke politische Unterstützung durch den damaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel.
Was das Werk darüber hinaus so einzigartig macht, ist der betont internationale Zugang. Es gibt wohl nur wenige historische Forschungsprojekte, an denen so viele Forscher aus so vielen Ländern beteiligt waren: 71 HistorikerInnen und Zeitzeugen aus 22 Ländern von Russland bis Amerika haben daran mitgearbeitet. Die Herausgeber waren sich bewusst, dass nur eine Vorgangsweise, die über die nationalen Zäune hinausblickt, lohnende Ergebnisse bringt. Dazu gratuliere ich Ihnen. Kein bisher erschienenes Werk hat das Thema „Prager Frühling“ aus derart vielen Blickwinkeln beleuchtet.
Ihr Buch ermöglicht es, viele Fragen in Zusammenhang mit dem Prager Frühling detaillierter als je zuvor zu beantworten. Und es räumt mit herkömmlichen Klischees auf, indem es zeigt, wie eng der Handlungsspielraum der damaligen österreichischen Bundesregierung zwischen der klar westlichen Wertehaltung Österreichs einerseits und den Pflichten aus der Neutralität andererseits war.
Meine Damen und Herren!
40 Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings meinen manche, dass sich die Geschichte wiederholt. Ich kann ihnen dazu meine Sicht der Dinge sagen: Die Geschichte wiederholt sich nicht. Die Zeit der ideologischen Trennung der Welt in einen kommunistischen und einen westlichen Block ist endgültig überwunden.
Heute sind die Slowakei und Tschechien einerseits und Österreich andererseits nicht mehr durch den eisernen Vorhang getrennt, sondern arbeiten als freie Staaten in einer gemeinsamen Europäischen Union aufs Engste zusammen. Und wir wollen und wir arbeiten daran, dass das so bleibt.
Vor dem Hintergrund des 21. August 1968 verstehen gerade wir in Österreich die Beklemmung unserer Nachbarn angesichts der aktuellen Ereignisse in Georgien.
Die dramatischen Entwicklungen der letzten Tage haben uns die bittere Einsicht beschert, dass es auch in der Welt des Jahres 2008 möglich ist, dass ein Land, das Mitglied des Europarates ist, die Souveränität und territoriale Integrität eines anderen Mitgliedslandes des Europarates in Frage stellt und Teile dessen Staatsgebietes mit Waffengewalt besetzt. Gerade auch bei einem Anlass wie dem heutigen muss gesagt sein, dass Europa im Angesicht eines derartigen Vorgehens nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann und wird.
Das Russland von heute - anders als die Sowjetunion des Jahres 1968 - soll für uns ein strategischer Partner mit vielen wechselseitigen Interessen werden. Wir sind interessiert, dass sich diese Partnerschaft gedeihlich entwickeln kann. Wir müssen aber auch offene und klare Worte finden. Wir erwarten von Russland die volle Einhaltung jener Verpflichtungen, die Präsident Medwedjew gegenüber dem Vorsitzenden des Europäischen Rates, Präsident Sarkozy, eingegangen ist.
Panzer demonstrieren politische Osteoporose, wie Jiri Grusa vorhin treffend bemerkte. Panzer können nicht das wesentliche Merkmal der Außenpolitik eins Landes sein, das sich selbst als Zukunftsmacht sieht und das wir als solche bewerten wollen. Die Sprache der Bedrohung kann nicht die Sprache der Zukunft sein.
Gerade wir Österreicher bewundern und schätzen Russlands reiches geistiges Schaffen, seine Kultur und seine Menschen – die russische Seele und die russische Größe. Aber eines ist ebenso klar: Wir wollen nie wieder Angst haben müssen vor Russland. Die Grundlage einer guten Partnerschaft ist der kostbare Rohstoff Vertrauen.
Meine Damen und Herren!
Was ist heute die Handlungsanleitung für uns aus dem Jahr 1968?
Es reicht nicht, repressive Strukturen aufzubrechen und die Revolution zu wagen. Das ist ein großer Schritt. Es braucht auch den nächsten, auch sehr schwierigen Schritt: den verantwortungsvollen Umgang mit der Freiheit.
Erstmals können die Menschen dieses Europa der 27gemeinsam gestalten und in Freiheit und Demokratie ihre Regeln bestimmen, nach denen sie gemeinsam handeln und leben wollen. Das ist das Einzigartige des neuen Europa. Das ist unsere Verantwortung und unsere Zukunft. Und es lohnt sich, uns Tag für Tag geduldig mit Profil und Engagement dafür einzusetzen.
