Ausstellung "OSKAR KOKOSCHKA – EXIL UND NEUE HEIMAT 1934-1980" - Eröffnungsrede von Außenministerin Ursula Plassnik
Albertina, 10. April 2008
Dr. Ursula Plassnik
Bundesministerin für europäische und internationale Angelegenheiten
Oskar Kokoschka - der Europäer
Meine Damen und Herrn!
"Europa wächst zusammen"
So formulierte es ein junger Mann, vom ORF befragt, gestern in den österreichischen Abendnachrichten der ZIB 2. Es war ein emotionsgeladener Tag, an dem im österreichischen Nationalrat der "Vertrag von Lissabon", der EU-Reformvertrag, beschlossen wurde. Während die einen weit jenseits jeder Realität vom "Verfassungsbruch im Parlament", der "EU-Diktatur" und dem Verrat an Österreich reden, hat dieser junge Mann die Sache ganz nüchtern auf den Punkt gebracht: „Europa wächst wieder ein bisschen mehr zusammen".
Heute auf den Tag vor 70 Jahren hat in diesem Land eine "Volksabstimmung" stattgefunden. Ich setze dieses Wort bewusst unter Anführungszeichen. Denn dieses Ereignis hat nichts, aber auch gar nichts zu tun mit einer Volksabstimmung, wie sie in der österreichischen Bundesverfassung enthalten ist. Der 10. April 1938 war ein Produkt der Nazidiktatur, ein generalstabsmäßig orchestriertes, propagandistisch inszeniertes und im Blockwartestil kontrolliertes Plebiszit. (Das Ergebnis von 99,01% Zustimmung bei offiziell 99,73% Wahlbeteiligung - nach Ausschluss von fast 10% der Bevölkerung von den Wahlen - spricht für sich und jedem demokratischen Legitimierungsversuch Hohn.)
Meine Damen und Herrn,
gestern im Parlament habe ich daran erinnert, dass es alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist, dass wir heute in Freiheit in den 27 Ländern der EU die Regeln gestalten dürfen, nach denen sich unser europäisches Zusammenleben und unser europäisches Zusammenarbeiten bestimmt.
Es ist ein Privileg unserer Generation, das noch keiner Generation vor uns in dieser Form vergönnt war. Allerdings "Der andere Name der Freiheit ist Verantwortung" (wie Thomas Mann es ausdrückt).
Der Weg in dieses neue Europa war weit und von - immer noch - unvorstellbarer Unmenschlichkeit, Grausamkeit und Gewalt bestimmt. Gerade das Leben und Wirken von Oskar Kokoschka gibt in fast schon exemplarischer Art Auskunft über das blutige 20. Jahrhundert in unserer Heimat, auf unserem Kontinent: über Bürgerkrieg, Weltkriege, Zerstörung, Diktaturen, Vernichtung, Vertreibung, Flucht, Unterdrückung und Verzweiflung. Oskar Kokoschka ist 1934 von Wien nach Prag geflüchtet aus der bürgerkriegsgeschwächten, nazibedrohten Donaumetropole nach Prag, wo der kulturelle Zusammenhalt über Sprach- und Konfessionsgrenzen hinweg noch eine Blüte der Künste möglich machte, bevor die erste Tschechoslowakische Republik das Opfer von Hitlers Expansionspolitik wurde und - wie schon Österreich ein Jahr davor - im März 1939 von der politischen Landkarte verschwand.
Sein Leben und sein Werk geben aber auch Auskunft über das ältere europäische Erbe von der griechischen Antike, der Renaissance und dem 30jährigen Krieg. In seinem Theaterstück "Comenius", das sich mit der Figur dieses böhmischen Pädagogen und Denkers auseinandersetzt, zeigen sich die Doppelbegabung als Maler und Dichter ebenso wie seine mitteleuropäischen Wurzeln (Oskar Kokoschka ist der in Pöchlarn geborene Sohn eines Prager Goldschmieds, war mit Olga Palkovska verheiratet und lebte 4 Jahre lang im Prager Exil) und die europäische Dimension seines Denkens zeigen sich in ihrer reifsten Form.
Oskar Kokoschka war ein gnadenloser Individualist. Schon bei seinem Ausstellungsdebüt 1908 (zum 60jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph) galt er als "Oberwildling". Er wurde früh ein Reisender, ging nach Berlin, Dresden, Prag, Paris. Wurde also salopp gesagt "Auslands-Österreicher", Weltbürger und bald ein international anerkannter Künstler.
Er ließ sich nicht - in welche Richtung auch immer - vereinnahmen. Der Oskar Kokoschka-Retrospektive 1937 in Wien ist er persönlich ferngeblieben. Der Kurator Carl Moll hatte ihm zuvor geschrieben "… wir reklamieren Dein Werk, wir reklamieren Dich für Österreich, für Deine, unsere Heimat".
Fast zeitgleich wurde Kokoschka in der Diffamierungsschau "Entartete Kunst" in München von den Nazionalsozialisten angeprangert und stigmatisiert. Selbst bezeichnete er sich als "one man underground movement", auch wenn seine kulturpolitischen Aktivitäten in der Emigration und auch sein humanitäres Engagement nach dem Weltkrieg legendär sind. Seine Großzügigkeit kam auch immer wieder Österreich, nicht zuletzt Wien zugute. Weihnachten 1945 ließ er etwa auf eigene Kosten 5000 Plakate in der Londoner U-Bahn affichieren, die zum Spenden für die hungernden Kinder Wien aufriefen.
Oskar Kokoschka und Österreich
Bekanntlich war das heimische Engagement, nach 1945 die Vertriebenen zurückzuholen, sehr verhalten. Im Gegenteil lässt sich - wie Wolfgang Hilger einmal meinte - eine gewisse Xenophobie gegenüber den ehemaligen Emigranten feststellen. Und gerade Wien hat sich im Fall Kokoschka als besonders widerständig gezeigt.
Der Wiener Stadtrat Viktor Matejka, der auf verschiedenen Wegen versuchte, Kokoschka nach Österreich, nach Wien zurückzuholen, holte sich, nach eigenen Aussagen, damit "die kältesten Füße meines Lebens". Kokoschkas künstlerischer Rang wurde de facto nicht zur Kenntnis genommen. Der Wunsch nach einer Wiener Professur - OK wollte künstlerisch, aber auch im Sinne seines Friedensengagements auf die Jugend Europas einwirken - blieb unerfüllt; manche Künstlerkollegen wollten den "großen" OK nicht als Konkurrenz in ihrer Nähe haben. 1949 kam es nach mehreren Anläufen zu einem von Matejka initiierten Porträt des Wiener Bürgermeisters und späteren Bundespräsidenten Theodor Körner, das bald darauf im Depot landete.
Zunächst waren es Einzelne, die sich um Kokoschka gekümmert haben, um Oskar Kokoschka wieder heimisch zu machen. Im ebenfalls aus Österreich nach London geflüchteten Kunsthändler Harry Fischer hat der Maler einen Helfer gefunden, und ebenso in dessen Sohn Wolfgang Georg Fischer, der in London die Galerie Marlborough Fine Art mitbegründet und später den Kunsthandel seines Vaters übernommen hat. Bundeskanzler Bruno Kreisky hat 1974 als fingierter Quartiergeber Kokoschkas Meldezettel unterschrieben, als ihm die österreichische Staatsbürgerschaft angetragen worden ist. Auch etliche öffentliche Aufträge haben Kokoschka erreicht, und bedeutende Bilder aus den späten Jahren hängen heute in öffentlichen Sammlungen. 1961/1962 hat das Burgtheater Oskar Kokoschka gebeten, einen Ferdinand-Raimund-Zyklus auszustatten. Die Geburtstadt Pöchlarn hat eine Kokoschka-Dokumentationsstelle eingerichtet. Der Hochschule, später Universität, für angewandte Kunst ist die Adresse Kokoschka-Platz zugeteilt worden. Der höchstdotierte österreichische Preis für bildende Künstler ist nach Kokoschka genannt.
Da man Kokoschka in Wien die kalte Schulter zeigte, hatte Salzburg bessere Chancen. Dort wurde 1953 seine "Schule des Sehens" als jährlich stattfindende Sommerakademie gegründet, die er als hochaktiver, aber doch schon betagter Mann zehn Jahre lang selbst betreute. Zur selben Zeit hatten sich auch die Rückkehrversuche endgültig zerschlagen und Oskar Kokoschka fand im Schweizer Örtchen Villeneuve am Genfersee ein neues Zuhause.
Das verquere Verhältnis zwischen Oskar Kokoschka und seiner Heimatstadt Wien setzet sich aber fort. Noch zu seinem 100. Geburtstag 1986, also sechs Jahre nach seinem Tod, gab es weltweit mehrere Dutzend Oskar Kokoschka-Ausstellungen. In Wien ließ man die Chance einer großen Würdigung aber vorüberziehen. Umso erfreulicher ist es, dass heuer gleich drei sehr bedeutende österreichische Museen mit umfangreichen Ausstellungen den großen Maler würdigen.
Oskar Kokoschka, der Europäer. Der im ersten Weltkrieg gekämpft hat und schwer verwundet wurde. Der Emigrant, der Flüchtling, der auch malerisch seine Enttäuschung über die Politik der Großmächte zum Ausdruck brachte. Der den Glauben an die Möglichkeit des Friedens verlor.
Und ich zitiere: "Im Inneren glich ich nicht länger dem Mann, den man so äußerlich kannte, und der in einem Traumleben des Friedens eine Zeitlang befangen gewesen war. Die Wirklichkeit überfällt einen wie aus einem Hinterhalt. Ich lasse mich nicht mehr täuschen. Frieden ist bloß ein höfliches Zeremoniell, von der Wirklichkeit verschieden wie eine Taube mit dem Ölzweig von einem Maschinengewehr." Zitat Ende.
Meine Damen und Herrn:
Wie utopisch wäre ihm, dem Humanisten, dem Pädagogen, dem entarteten Künstler, dem Flüchtling, Emigranten, dem zutiefst politischen Menschen, dem Freiheitskämpfer und Wahrheitssucher dieses neue Europa wohl vorgekommen, dessen Motto "In Vielfalt geeint" ist!
Auch heute noch: auf diesem Kontinent und anderswo in der Welt schmerzvolle Gegenwartserfahrung Flüchtlinge, Vertreibung, Exil.
Am Balkan, wo mit Jugoslawien ein Staat in ethnische Bruchteile zerfiel und dessen Bevölkerungsgruppen - siehe Kosovo - nur mit der Hilfe internationaler Schutztruppen zu einem prekären Nebeneinander finden. Vielen ist bis heute die Rückkehr in die Heimat nicht möglich.
In Asien die Tibeter, die den Reichtum ihrer Identität nicht leben können, und deren Führer, ein Symbol der Gewaltlosigkeit, seit nunmehr 50 Jahren im Exil lebt.
2009
Nächstes Jahr wird der EU-Reformvertrag in Kraft treten. Fast eine halbe Milliarde Menschen werden ihre Vertreter im EP wählen. Der Prager Frühling von 1968 hat uns den Kern des gemeinsamen europäischen Selbstverständnisses eindringlich bewusst gemacht:
Freiheit, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit.
Der Kommunismus war in der Lage, die positive Kraft dieser europäischen Lebensvorstellungen noch einige Jahre zu unterdrücken. Dann musste auch er - viel zu spät - weichen: Dem Wunsch nach einer offenen Gesellschaft, in der wir Europäer leben wollen. Tag für Tag.
Die Kraft des europäischen Lebensmodells hat letztlich das System überwunden.
Das macht Mut, meine Damen und Herren. Auch heute, im neuen Europa. Denn was das neue Europa mit all seiner Vielfalt im Innersten zusammenhält, ist genau diese gemeinsame Vorstellung davon, wie wir Europäer eigentlich leben wollen.
Das Friedensprojekt Europa ist noch nicht abgeschlossen. Ohne die Länder des Westbalkans bliebe es unvollständig. Wir stehen deshalb zu einer klaren und greifbaren Beitritts-Perspektive für diese Länder.
Europa wächst zusammen. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Meine Damen und Herrn,
machen Sie mit, bringen Sie sich ein. Für unsere wiedervereinte, versöhnte Heimat Europa.
Ich gratuliere dem Direktor der Albertina Klaus Albrecht Schröder, Kuratorin Antonia Hörschelmann und ihren Teams zu dieser Ausstellung.
