Muslimische Jugendliche und Frauen im Westen: Grund für Besorgnis oder Quelle der Hoffnung?
15.05.2007
Es gilt das gesprochene Wort!
Eröffnungsrede
von
Dr. Ursula Plassnik
Bundesministerin für europäische
und internationale Angelegenheiten
Muslimische Jugendliche und Frauen im Westen:
Grund für Besorgnis oder Quelle der Hoffnung?
Salzburg, 15. Mai 2007
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich begrüße Sie sehr herzlich in Salzburg.
Gerade muslimische Jugendliche und Frauen stehen oft im Scheinwerferlicht der Diskussion um Integration und das Verhältnis des Islam mit dem Westen.
Sie werden nicht selten zu "Gradmessern" erfolgreicher oder misslungener Integrationspolitik. Oft werden sie zu "Opfern" stilisiert und erachten sich selbst als "Diskriminierte". Junge muslimische Männer und Frauen verändern aber auch zum Teil die alten Hierarchien in den Geschlechterverhältnissen und sind damit ein Motor der Transformation (agents of change) in muslimischen Familien und Gemeinschaften.
Ganz generell und unabhängig vom jeweiligen religiösen Hintergrund gilt, dass das große Thema "Identität und Integration" in der heutigen Welt gerade an Jugendliche und an Frauen viele neue und anspruchsvolle Anforderungen stellt.
Grund genug also, ihre Ausgangslagen, Anliegen, Gefährdungen, Probleme, Erwartungen und Möglichkeiten zu beleuchten und ihnen auch die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen.
Oft fehlt uns - und ich sage das selbstkritisch - der differenzierende Blick. Um konkrete Lösungen für aktuelle Probleme zu entwickeln, müssen wir hinter die Vorwürfe und Stereotypen blicken.
Über Problembereiche und Lösungsansätze wollen wir schließlich gemeinsam an dieser Veranstaltung offen sprechen:
- Zu viele Jugendliche mit Migrationshintergrund haben keinen Bildungsabschluss, keinen Arbeitsplatz, keine oder zu wenig Perspektive auf wirtschaftliche Unabhängigkeit und sozialen Aufstieg. Auf ein Leben, - kurz gesagt - wie sie es sich gerne vorstellen. Und dies gilt - wenn man den statistischen Unterlagen glaubt - in höherem Masse für männliche als für weibliche Jugendliche.
Durch Perspektivenlosigkeit - das wissen wir- und ein Gefühl des Ausgegrenztwerdens oder Ausgegrenztseins - droht Anfälligkeit zur Radikalisierung. Religiös wie politisch. - In der Vielfalt "islamischer Identitätsbildung" finden sich viele Jugendliche und Frauen, die bewusst und aktiv eine europäisch-islamische Identität entwickeln.
Muslimische Frauen, die Art, wie sie sich kleiden, die Frage, ob dies ein optisches Beispiel der Nicht-Integration und Nicht-Annahme europäischer Werte ist, wird seit Jahren diskutiert. Dass selbst die Bekleidung ein sensibles, rechts- und gesellschaftspolitisches und nicht rein privates Thema darstellt, wissen wir nicht erst seit dem einschlägigen Urteil des Europäischen Menschenrechts-Gerichtshofes Sahin gegen die Türkei aus 2005, der sich sehr sorgfältig und gewissenhaft mit dem Thema beschäftigt.
Gleichzeitig kämpfen muslimische Frauen zunehmend erfolgreich um gleiche Schul- und Berufsausbildung und Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.
Meine Damen und Herren!
Zu Europa einige Worte.
Vielfalt ist eine Realität im modernen Europa. Sie ist lange und heftig erstritten worden. Sie ist mittlerweile zum anerkannten, ja Kraft spendenden Kern unseres europäischen Selbstverständnisses geworden. Täglich angewandter Pluralismus ist eigentlich das erfolgreiche "Managementkonzept" unseres spezifischen europäischen Lebensmodells. Europeans are turning out to be masters in management of diversity.
In der Europäischen Union leben mehr als 15 Millionen Muslime - Schätzungen gehen erstaunlich weit auseinander, gelegentlich spricht man von 20 - 30 Millionen. Diese sind einerseits Mitbürgerinnen und Mitbürger, die für den autochthonen Islam Europas stehen, oder Menschen, die durch Flucht oder Migration ab der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts zu uns gekommen sind.
Europa, seine Politik und Entscheidungsträger bekennen sich zur Vielfalt. Das gilt für die Menschen wie ihre Länder: Jeder Staat, jede Gemeinschaft soll sich wieder erkennen in diesem neuen europäischen Verbund. Und das Ziel ist letztlich, dass jedes Individuum, jeder Mensch seine Wurzeln, seinen Kopf und sein Herz einbringt und sich selbst wieder erkennt in diesem neuen Europa.
Die Europäische Union steht dabei - und das ist für mich der Ausgangspunkt - auf dem festen Fundament der Aufklärung: der Vernunft, der Trennung von Staat und Religion, den individuellen und politischen Rechten und Freiheiten, der Selbstbestimmung des Individuums und der Gleichberechtigung der Geschlechter. Kern dieses Lebensmodells ist es, Pluralismus zu vermitteln. Pluralismus zu leben. Im Übrigen ist diese Zielsetzung im Artikel I des Verfassungsentwurfes der Europäischen Union gut zusammengefasst.
Ich möchte aber auch diesem Zitat aus dem Wertefundament der Europäischen Union ein bemerkenswertes Zitat anfügen aus der Schlusserklärung der Konferenz der Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa 2003 in Graz: "Die europäischen Muslime sind sich ihrer religiösen Identität als Muslime und ihrer gesellschaftlichen Identität als Europäer gleichermaßen bewusst."
Die europäische Vielfalt steht also auf einer festen Wertebasis. Europa hat einen mit Bedacht ausformulierten Rechtsbestand zum Schutz und zur Förderung dieser Vielfalt, für Chancengleichheit und gegen Diskriminierung.
Aber haben wir auch verstanden, im konkreten Umgang mit Vielfalt das Beste für unser tägliches Zusammenleben zu machen?
Oder werden bei genauerem Hinsehen Risse, Fugen sichtbar?
Gibt es unklare Zonen?
Und wenn ja - wie gehen wir damit um?
Meine Damen und Herren!
Integration ist eine unablässig neue Herausforderung.
Integration ist eine anspruchsvolle gesellschaftspolitische Gestaltungs- und Managementaufgabe. Die Rahmenbedingungen dafür sind von der neuen Heimat bereit zu stellen. Obwohl Handlungsbedarf - und das möchte ich klar betonen - auf allen Seiten besteht.
Integration ist keine von der Mehrheitsgesellschaft vorgegebene Einbahnstrasse. Integration bedeutet vielmehr, in einer Gesellschaft nicht nur Gast zu sein, sondern seinen Lebensmittelpunkt in ihr zu haben. An ihr teilzunehmen und sie mitzugestalten. Rechte und Pflichten zu haben. Und sich - emotional ausgedrückt - mitzufreuen und mit zu leiden. Letztendlich: Heimat zu finden.
Sie zielt nicht auf den Verlust oder die Gefährdung der religiösen oder kulturellen Identität. Voraussetzung für erfolgreiche Integration bedeutet, sich mit dem Leben muslimischer Frauen und Jugendlicher - gerade mit ihrem Leben in unserer Gesellschaft ehrlich auseinanderzusetzen, ihren Anliegen und Zielen, auch mit ihren Problemen, um gemeinsam Lösungen zu finden.
Viele der in der Konferenz zur Sprache kommenden Themen - muslimische Identität, europäischer Islam - betreffen zunächst die muslimischen Gemeinschaften selbst, sind Herausforderung für den inner-muslimischen Dialog. Muslimische Organisationen und religiöse Autoritäten haben dabei eine ganz wichtige Orientierungsfunktion.
Gleichzeitig müssen wir uns politisch um Präzision bemühen: Nicht jede integrationsrelevante Frage steht im Zusammenhang mit der religiösen Identität. Die Situation etwa muslimischer Frauen und Jugendlichen ist wesentlich facettenreicher, und wir sollten uns davor hüten, jedes Problem einschränkend mit der Religionszugehörigkeit zu argumentieren.
Die konkrete Aufgabe lautet: Jugendliche für europäische Werte gewinnen, ohne ihre religiöse Identität in Frage zu stellen. Dazu gehört auch: Vermeiden, dass sich Gruppen von Jugendlichen in Frustration und Perspektivelosigkeit verlieren, sich gegenseitig im Freundes- und Familienbereich in dieser noch bestärken und dadurch immer tiefer in eine sozial immer auswegloser erscheinende Spirale geraten.
Unser Ziel muss sein: Kein Jugendlicher darf in die Sackgasse der Selbstverleugnung oder der Verleumdung des anderen geraten!
Es ist also unsere gemeinsame Aufgabe, zu überzeugen, dass es keine ausweglose Situation geben darf. Und wir müssen dafür Jugendlichen Mut machen. Holen wir uns Persönlichkeiten, die sich in der Gesellschaft durchgesetzt haben, und lassen wir sie in der Öffentlichkeit darüber sprechen, wie sie es gemacht haben. Man kann Zuversicht geben durch Erfolgsbeispiele.
Meine Damen und Herren!
Wir wissen, dass die Jugend von heute das Europa von morgen bestimmt.
Sprachkompetenz und Bildung sind zentraler Schlüssel für die Partizipation von Jugendlichen in unserer Gesellschaft. Sie ist ein Türöffner für soziale, kulturelle, wirtschaftliche, politische Teilhabe. Für die Möglichkeit, mitgestalten zu dürfen. Sie ist Sprungbrett für das "Drinnen sein" - nicht draußen bleiben müssen.
Österreich fördert auf vielen Ebenen Sprachkurse. Einige Beispiele:
- Kurse für jugendliche "Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger", die kurz vor oder bereits nach Erfüllung der Schulpflicht nach Österreich kommen, um sie bei der Integration zu unterstützen.
- Integrationsgutschein "Sprache" für Neuzuwanderinnen und -zuwanderer, die im Rahmen der Familienzusammenführung etwa nach Wien kommen.
- Oder das Programm "Mama lernt Deutsch" - Sprachkurse für Mütter von schulpflichtigen Kindern.
Die Problematik um die Zukunftsperspektive junger MuslimInnen ist wohl am deutlichsten am Arbeitsmarkt spürbar. Wenn Jugendarbeitslosigkeit generell eine Herausforderung darstellt, so sind nicht zuletzt junge Menschen mit Migrationshintergrund ganz besonders betroffen. Und wir brauchen gezielte Massnahmen, die auf dieses Problem eingehen.
Ich gebe Ihnen dazu ein Beispiel: Am 9. Mai wurde in Wien ein Positionspapier eines gewichtigen Teils der österreichischen Unternehmenswelt, der "Österreichischen Industriellenvereinigung" (rund 3.500 Mitglieder) vorgestellt. Unter dem Titel "Gemeinsame Lebensräume schaffen - Die Zukunft von Migration und Integration in Österreich" sollen besonders die Rahmenbedingungen für Menschen mit Migrationshintergrund, die schon im Land leben, optimiert werden: Durch den Erwerb guter Sprachkenntnisse, durch Qualifizierung und Höher-Qualifizierung, frühzeitige Förderung der Kinder sowie durch lokale und regionale Maßnahmen.
Es gibt eine "muslimische Elite" in Europa, Männer und Frauen, die an der Gesellschaft mitgestalten und wirtschaftlich und sozial den Aufstieg geschafft haben. Sie können und sollen ganz besonders den Jugendlichen glaubwürdige Vorbilder sein.
Wir wollen aber auch verstärkt in die Europabildung und Bildung einer europäischen Identität investieren. Wir leben im Zeitalter der multiplen Identitäten, der "patchwork identity" - wobei ich eher Sympathie für dynamischere Identitätsbegriffe habe. Denn Identität ist nichts in Stein Gemeißeltes, sondern entwickelt sich vielmehr, gestaltet und verändert sich im Laufe des Lebens.
Mitgestaltung bedarf der Information und des notwendigen Handwerkszeuges. Ich plädiere daher für ein Schulfach "Europa" ab der ersten Schulstufe in Österreich. Das Lernziel sollte lauten: Vertrauen zum Unvertrauten gewinnen. Vielleicht erkennen, was Arthur Rimbaud mit seinem Satz: "Je est un autre" - "Ich ist ein anderer" ausgedrückt hat. Worte, die das Europäer-Sein in der Wurzel erfassen, die pluralistische Wertebasis im europäischen Lebensmodell.
Es ist mir dabei sekundär, was Kinder dann unter dem Titel "Europa" konkret diskutieren, ob die chinesische Mauer oder den türkischen Mitbürger. Wichtig ist, das Andere zu erkennen, sich dazu positiv zu stellen.
Die Kooperation mit muslimischen Bildungseinrichtungen kann erfolgreich die Integration unterstützen. Ich möchte Ihnen hier aus österreichischer Sicht einige Beispiele sagen:
- Etwa durch die Sicherstellung eines islamischen Religionsunterrichtes, der europäischen Standards entspricht in Aus- und Weiterbildung der Lehrerschaft, bei der Qualität der Lehrmittel und in den pädagogischen Bildungskonzepten im Hinblick auf die Kinder und Jugendlichen.
- Durch ein europäisches Curriculum für den Religionsunterricht. Österreich hat mit der Einrichtung eines Magisterstudiums "Islamische Religionspädagogik" an der Universität einen wichtigen Schritt getan: Hier sollen islamische Religionslehrerinnen und -lehrer für Höhere Schulen in Österreich ausgebildet werden.
- Durch die Einrichtung islamisch-theologischer Fakultäten, der Imamausbildungen an europäischen Hochschulen und Pädagogischen Akademien.
- Durch die gesellschaftliche Unterstützung von muslimischen Initiativen, die mit Entschlossenheit und Nachdruck solchen Lehrmeinungen und Traditionen entgegentreten, die zutiefst europäischen Grundwerten widersprechen und auch im Islam keine Grundlage finden.
- Ein weiters Thema ist die verstärkte und bewusstere Auseinandersetzung mit Fragen der medialen Globalisierung. Das Internet birgt die Gefahr von Radikalisierung. Es bringt aber auch die Möglichkeit, eine offene transnationale Debatte zu führen. Staat und muslimische Organisationen sollten den Herausforderungen dieses Mediums mit Kooperation und Orientierung entgegentreten. Sie sollten auch eindeutig vor Inhalten warnen, die das Miteinander in Europa gefährden können.
Eine "Chance auf Heimat" geben - unter dieser Zielvorstellung läßt sich aus meiner Sicht wohl am besten das angestrebte Ziel umschreiben, an dem wir gemeinsam arbeiten sollen.
Meine Damen und Herren!
Muslimische Frauen sind - bei der großen Vielfalt ihrer individuellen Lebensentwürfe, ob mit oder ohne Kopftuch - spezifischen Herausforderungen und auch Spannungen in der westlichen Gesellschaft und in ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft ausgesetzt.
Unsere gesetzlich garantierten, gesellschaftlichen und politischen Freiheiten bieten Schutz und Ermunterung. Sie können aber gleichzeitig auch den Druck auf die Gestaltung muslimischer weiblicher Identität erhöhen.
Die Europäische Imamekonferenz 2006 in Wien hat den Handlungsbedarf hier ganz konkret angesprochen: Die klare Positionierung verantwortlicher religiöser Autoritäten in Richtung Verteidigung von Frauenrechten und eines Frauenbildes, in dem die Muslimin vollen und gleichberechtigten Anteil in allen gesellschaftlichen Bereichen hat.
Und dieselbe Wiener Imamekonferenz formulierte wegweisend zur Partizipation: "Mann und Frau sind im Islam gleichwertige Partner, die gegenseitige Verantwortung tragen und gleich an Menschenwürde sind. Das Recht auf Lernen und Lehre, das Recht auf Arbeit, finanzielle Unabhängigkeit, aktives und passives Wahlrecht, Teilhabe im gesellschaftlichen Diskurs sind Pfeiler, die den Status absichern sollen".
Die aktive Teilnahme von Frauen an Entscheidungsprozessen, gleichberechtigt mit Männern, nicht nur zu so genannten klassischen Frauenthemen sondern zu jeglichem Thema, am inner- wie am interkulturellen Dialog, ist dafür aus meiner Sicht Kern und Ausgangspunkt. Keine Gesellschaft - davon bin ich zutiefst überzeugt - kann auf die Stärke, die Erfahrung und Expertise von Frauen verzichten.
Über die Stellung der Frauen wird auch auf die Bildung und Erziehung der Jugend eingewirkt. Eine moderne, aufgeschlossene Mutter wird bestrebt sein, ihren Kindern Zuversicht zu geben, Möglichkeiten zu eröffnen und für sie auf eine erfolgreiche Zukunft hinzuwirken.
Muslimische Frauen in unseren Gesellschaften - ich hab’s schon angesprochen und wir wissen es - sind alles andere als eine homogene Gruppe. Sie sind von großer Vielfalt geprägt - nicht nur von Herkunftsländern, Bildung und sozialer und familiärer Situation, sondern auch von ihren persönlichen und höchst unterschiedlichen Lebensmustern.
Carla Amina Baghajati, Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, bringt es auf den Punkt, wenn sie aufzeigt, dass an muslimischen Frauen - vor allem wenn sie Kopftuchträgerinnen sind - stellvertretend so ziemlich alle Themen abgehandelt werden, die mit dem Komplex "Islam in Europa" in Verbindung gebracht werden. Von der Integrationsfrage bis hin zu Sicherheitsthemen. Und sie sagt: "Freilich häufig über ihre Köpfe hinweg in einer Form, in der eher über sie als mit ihnen gesprochen wird."
Ich möchte bei den Wünschen an die Politik, die von muslimischen Frauen aufgebracht werden, bewusst Frau Baghajati zu Wort kommen lassen. Sie sieht zwei Ebenen des Handlungsbedarfs:
1. Handlungsbedarf auf muslimischer Seite, durch klare Positionierung verantwortlicher religiöser Autoritäten zur Verteidigung von Frauenrechten und eines gleichberechtigten Frauenbildes:
- Eine offene und selbstkritische Aufarbeitung von Fällen, in denen Frauen Unrecht getan wird. Und nicht die Abwehr durch die Behauptung "Das ist nicht der Islam." Denn so glaubt Carla Amina Baghajati - nur so kann langfristig eine positive Bewusstseinsbildung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft erreicht werden.
- Stärkere Vernetzung mit Einrichtungen der Zivilgesellschaften und anderen Organisationen, die sich für Frauen- und Menschenrechte einsetzen. Aufzeigen, was alle betrifft: etwa Gewalt gegen Frauen. "Als gäbe es in Österreich ansonsten keine prügelnden Männer." (Ende Zitat Baghajati)
2. Handlungsbedarf in der Gesellschaft und Politik allgemein:
- Ehrlicher Umgang mit Themen ohne Simplifizierung und Populismen und ohne Selbstgefälligkeit.
- Effektive Antidiskriminierungsarbeit, samt Schaffung der Möglichkeiten verstärkter Partizipation für Musliminnen.
- Bewusstwerden von Widersprüchlichkeiten und Abhängigkeiten: Wenn Frauen nicht arbeiten gehen können, um so auch finanzielle Unabhängigkeit vom Ehemann zu erhalten, so liegt dies an Schwierigkeiten der Nostrifizierungen ausländischer Zeugnisse, an Problemen des Zugangs zum Arbeitsmarkt, auch aus Gründen des Fremdenrechts und nicht generell pauschalierend "am Islam". Wenn Frauen sich aus einer Ehe nicht lösen, obwohl diese zerrüttet ist, so kann dies auch aus Angst vor dem Verlust des an den Ehemann gekoppelten Aufenthaltstitels geschehen. Soweit Carla Amina Baghajati.
Meine Damen und Herren!
Terror durch Menschen, die vorgeben, im Namen des Islam zu handeln. Zorn und Radikalisierung von Randgruppen. Diese Bilder nähren bei uns negative Verallgemeinerungstendenzen.
Das gefährliche an Stereotypen ist, dass sie paralysieren. Sie drohen, das positive Potential ganzer Gesellschaften in Geiselhaft zu nehmen - in der muslimischen Welt wie im Westen, wobei mir beide Begriffe nicht gefallen, weil sie zu undifferenziert sind. Wir müssen und sollen also Stereotypen aufzeigen, sie bloßstellen und demontieren.
Zwei aktuelle europäische Initiativen, die sich dieser Herausforderung stellen, sind das Europäische Jahr der Chancengleichheit 2007 und das Europäischen Jahr des Interkulturellen Dialoges 2008.
Ein Grundsatz des europäischen Lebensmodells ist der engagierte Dialog - getragen von gegenseitiger Neugier und Interesse, nicht von Dulden, denn "Dulden heißt beleidigen" (Goethe), nicht von Gleichgültigkeit getarnt als Toleranz.
Gerade das österreichische Modell im Umgang mit unseren muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern hat sich bewährt. Die "Denkschrift der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich zum 50. Geburtstag der Europäischen Einheit" bezeichnet es als "ausbalanciertes Verhältnis zwischen dem Staat und anerkannten Religionsgemeinschaften", zu denen der Islam - übrigens in Österreich schon seit dem Jahre 1912 - gehört. Wir haben ein Klima, wo Sachfragen auf gleicher Augenhöhe konstruktiv behandelt werden und Lösungen gefunden werden können.
Wir bemühen uns, beide Hände ausgestreckt zu haben. Die eine Hand nach innen - zu unseren muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die andere Hand nach außen - zu unseren muslimischen Partnern in der Welt. Wir sind uns dabei der Schlüsselrolle europäischer MuslimInnen bewusst.
In diesem Sinne wünsche ich der Konferenz, ihrem Initiator Direktor Mustapha Tlili und seinem "Dialogues"-Team eine erfolgreiche Veranstaltung.
