Konferenz "Islam in Europa"
23.03.2007
Es gilt das gesprochene Wort!
Eröffnungsrede
von
Dr. Ursula Plassnik
Bundesministerin für europäische
und internationale Angelegenheiten
Konferenz "Islam in Europa"
Diplomatische Akademie
Wien, 23 März 2007
"Chancen für einen europäischen Islam"
Sehr geehrter Herr Direktor Jiri Grusa,
Herr Kollege Außenminister Sven Alkalaj!
Sehr geehrter Reis-ul-Ulema Mustafa Ceric,
Herr Präsident Anas Shakfeh!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich danke für diese Gelegenheit, ein Thema zu besprechen, das sehr anspruchsvoll und komplex ist. Und ich möchte mit einem Bild beginnen.
Als Europäer haben wir zwei Hände ausgestreckt: Die eine Hand nach außen - zu unseren islamischen Partnern in der Welt. Die andere Hand nach innen - zu unseren muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in den europäischen Gesellschaften.
2005 haben wir uns in der großen Wiener Konferenz "Islam in a Pluralistic World" vor allem mit dieser nach außen ausgestreckten Hand befasst. Das Thema ist mir als Außenministerin eines dem Dialog der Religionen und Kulturen traditionell verbundenen Landes wichtig:
- Ein Schwerpunkt des österreichischen EU-Vorsitzes war deshalb klar darauf ausgerichtet, für ein verständnisvolleres Miteinander in unserem Weltdorf einzutreten - am Rande des Weltalls, wie Jiri Grusa es so schön formuliert hat.
- Eine Region, die so dringend ein friedliches und bereicherndes Zusammenleben zwischen Muslimen, Juden und Christen benötigt, ist der Nahe Osten. Auch hier setzen wir uns ein, stehen wir für Dialog und Pluralismus.
Nach meinem Besuch in Israel und den Palästinensischen Gebieten im Dezember letzten Jahres habe ich beschlossen, zu einer Konferenz nach Wien Ende Mai einzuladen, die besonders die Beiträge von Frauen bei Friedensprozessen in den Mittelpunkt stellen soll. Ich freue mich, dass unter vielen anderen Secretary of State Condoleezza Rice, meine israelische Amtskollegin Tzipi Livni und Dr. Hanan Ashrawi, prominentes Sprachrohr der palästinensischen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Madrid und Washington, meine Initiative durch ihr Kommen unterstützen wollen.
- Der Dialog der Religionen und Kulturen hat auch eine globale Komponente, die es aktiv zu bearbeiten gilt. Verschiedene Gruppen und Institutionen haben sich dafür als Plattform angeboten und sind hier auch aktiv. Das finde ich gut und begrüße es. Aber all diese Teilinitiativen reichen nicht aus:
Meine Überzeugung ist: Das unverzichtbare Dach des internationalen Dialogs der Religionen und Kulturen stellen die Vereinten Nationen dar. Wir brauchen keine neue Institution. Im Gegenteil. Wir müssen den Grundgedanken unteilbarer Verantwortung in dieser Welt noch bewusster in jeder Arbeit der Vereinten Nationen verankern. Und am allerwichtigsten: Die universelle Geltung von Menschenrechten und Grundfreiheiten für jeden einzelnen Menschen - ob Mann, ob Frau, ob Muslim, Jude, Buddhist, Hindu oder Christ muss weiterhin uneingeschränkt im Zentrum unseres Handelns stehen. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Religion gedanklich gegen eine andere ausgespielt wird.
Wir brauchen also die Vereinten Nationen auch, um irreführende Denkmuster im Ansatz schon zu vermeiden. Ich habe dies auch dem Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-Moon bei seinem kürzlichen Besuch in Wien sehr ans Herz gelegt und unsere österreichische Unterstützung und Zusammenarbeit bei all seinen Initiativen in diesem Bereich angeboten.
Mit der heutigen Konferenz wollen wir uns nun insbesondere der nach innen ausgestreckten Hand zuwenden. Damit gehen wir ein auf Fragen, die für mich zu den anspruchsvollsten, aber auch zu den faszinierendsten gehören: dem praktischen Umgang mit Vielfalt im modernen Europa, unser aller unmittelbare Lebenswirklichkeit in bunter gewordenen Gesellschaften, mit dem pluralistischen Kern des europäischen Lebensmodells.
Die konkrete Ausformung dieses Lebensmodells, nämlich die Europäische Union, feiert am Sonntag ihren 50. Geburtstag. Ursprünglich als Wirtschaftsgemeinschaft gegründet, haben sie ihre Teilhaber Schritt für Schritt zu einer Wertegemeinschaft und Rechtsgemeinschaft ausgebaut, wie wir sie heute kennen. - Eine Wertegemeinschaft, die stark genug ist, Vielfalt zu einen und daraus Kraft für die Zukunftsgestaltung zu beziehen.
Das gilt gerade auch für die Vielfalt an Religionen, Traditionen, Kulturen und Identitäten, die diesen Kontinent auszeichnet. Die Europäische Union steht dabei auf dem festen Fundament der Aufklärung: der Vernunft, der Trennung von Staat und Religion, den individuellen und politischen Rechten und Freiheiten, der Selbstbestimmung des Individuums und der Gleichberechtigung der Geschlechter. Kern dieses Lebensmodells ist es, Pluralismus zu vermitteln und zu leben.
Meine Damen und Herren!
"Islam in Europa" oder "europäischer Islam"? - Die Diskussion, ob es einen "europäischen Islam" geben kann, ist in erster Linie eine inner-muslimische. Es obliegt nicht der Mehrheitsgesellschaft, Minderheiten Begriffe und Konzepte aufzuoktroyieren. Ich sage das ganz bewusst auch als Protestantin - nicht als Frau, denn als solche sind wir keine Minderheit.
Ich halte mich an ein bemerkenswertes Dokument muslimischen Selbstverständnisses, "an die Grazer Erklärung der Konferenz der Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa" im Jahr 2003 und zitiere:
"Mit aller Entschiedenheit vertreten die Konferenzteilnehmer, dass es so wenig wie es einen afrikanischen, arabischen oder sonstwie ethnischen Islam gibt, auch nicht von einem "europäischen" Islam gesprochen werden kann. Nur der Begriff "Islam in Europa" kann treffend wiedergeben, dass ein Islam europäischer Prägung sich selbstverständlich aus dem dynamischen Selbstverständnis der einen Religion Islam heraus entwickelt."
In diesem Bewusstsein darf ich doch darauf verweisen, dass der zeitgenössische Islam in Europa im wesentlichen zwei Wurzeln hat - Wurzeln von Menschen, die, wie Sie, Herr Direktor Grusa, so schön gesagt haben, nicht nur Wurzeln sondern auch Füße und Köpfe haben: den autochthonen und den migrationsbedingten Islam im deutschsprachigen Raum insbesondere seit den 60-iger Jahren.
In Europa gibt es den Islam seit dem 8. Jahrhundert - in Spanien, Sizilien und Süditalien. In Griechenland, den Balkanstaaten, insbesondere Bosnien und Herzegowina, sowie in Bulgarien und Rumänien haben wir heute muslimische Gemeinden, deren europäische Einbettung ganz unzweifelhaft ist.
Der Islam ist also eine autochthone Religion unseres Kontinents, tief verwurzelt und mit Europa gewachsen. Und in diesem zusammenwachsenden Europa der Zukunft wird diese Komponente unserer europäischen Vielfalt auch stärker wieder in unser Bewusstsein rücken. Ein Wort zu Österreich: Die Anerkennung des Islam in Österreich 1912 ist übrigens der gesetzliche Ausdruck dieser politischen und kulturellen Realität und der konkreten Erfahrung mit dem hanefitischen Islam bosnischer Provenienz. Ich danke daher unseren bosnischen Gästen, dem Außenminister von Bosnien-Herzegowina, Sven Alkalaj, und dem Reis-ul-Ulema, Dr. Mustafa Cerić, dass sie heute zu uns gekommen sind, um dieses Thema mit uns zu diskutieren.
Es gibt zudem in Europa den Islam, der durch Migration und Flüchtlinge in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu uns gekommen ist: aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem arabischen, asiatischen und afrikanischen Raum. Die Vielfalt des Islam ist mir gerade auch während meiner Indien-Reise besonders zu Bewusstsein gekommen, dem Land mit der zweitgrößten muslimischen Bevölkerung der Welt.
Zur Orientierung: 1950 lebten schätzungsweise 800.000 Muslime in Europa. Heute liegen die Zahlen zwischen 15 und 20 Millionen.
Gewachsene muslimische Gemeinschaften, etwa in Bosnien und dem Kosovo sind durchaus bereit, um ihre Identität auch zu ringen, wenn sie diese allenfalls durch den Import fundamentalistischer Ideologien oder extremistischer Traditionen gefährdet sehen.
Auf der anderen Seite sehen sich Migranten im Alltagsleben mit einer gleichsam automatischen Europäisierung ihrer Religion konfrontiert. Und es bereitet manchen Sorge, dass ein als "europäisch" definierter Islam den Verlust elementarer Glaubensinhalte aus ihrer Sicht vielleicht bedeuten kann; der Ruf nach Einheit im Glauben erklingt mancherorts.
Besorgnis also auf mehreren Seiten?
Es ist die Realität, dass Glaube im jeweiligen Umfeld gelebt wird: gemäß kulturellen und geschichtlichen Traditionen, in den jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen.
Islam in Europa ist eine Realität. Er wird von Menschen im Alltag gelebt. Er ist damit notwendigerweise ein Konglomerat von progressiven, liberalen, traditionellen, orthodoxen Komponenten.
Wie dem auch sei: Auf die Frage der Vereinbarkeit von Europa und Islam haben die europäisch-muslimischen Gemeinden eine klare Antwort gegeben. In der Schlusserklärung der Grazer Imame-Konferenz 2003, aus der ich schon zitiert habe - die Schlusserklärung gehört zu meinen Lieblingsdokumenten in diesem Bereich - wird unmissverständlich festgehalten:
Die europäischen Muslime sind sich ihrer religiösen Identität als Muslime und ihrer gesellschaftlichen Identität als Europäer gleichermaßen bewusst.
Und ein Stück weiter heißt es in der Grazer Erklärung:
"Die Muslime müssen ihre Loyalität der Verfassung und dem Gesetz gegenüber auch in deren säkularer Struktur kundgeben."
Ich finde das Zuversicht gebend und Richtung weisend.
Meine Damen und Herren!
Europa hat sich stets zu seiner Vielfalt bekannt, sie macht den eigentlichen Reichtum dieses Kontinents aus.
Vielfalt ist Bereicherung. Vielfalt braucht klare Regeln, denn Unübersichtlichkeit schafft Verunsicherung. Der Umgang mit Vielfalt ist deswegen eine besondere politische Gestaltungsherausforderung. Und das Thema "Islam in Europa" wurde aus meiner Sicht zu lange sich selbst überlassen.
Verständnis und Vertrauen brauchen wir alle mit jedem Tag dringender. Es muss gelingen, einander in den europäischen Ländern in einer Atmosphäre der Aufgeschlossenheit zu begegnen und uns allen damit das Zusammenleben letztlich zu erleichtern.
Niemand soll sich an den Rand unserer Gesellschaften gedrängt fühlen.
Und lassen Sie mich hier ein kurzes Zitat von Amin Maalouf einfügen:
"It is often the way we look at other people that imprisons them within their narrowest allegiances. And it is also the way we look at them that may set them free."
Wir brauchen einen verantwortungsvollen Umgang mit Religion im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen. Aber auch ganz praktische Orientierungen, Handlungsanleitungen, einen Modus operandi im Weltdorf im Zeitalter der Globalisierung. Ein nicht nur in Österreich hochsensibles Thema. Aber eines, das durchaus bewältigt werden kann. Das sage ich als Protestantin, die sich daran erinnert, dass es auch in Wien nicht immer selbstverständlich war, Kirchtürme an protestantischen Kirchen anzubringen.
Integration ist nur dann erfolgreich, wenn beide Seiten daran arbeiten: Die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Integration sind von den lokalen Strukturen der neuen Heimat zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen. Dieses Angebot muss aber auch angenommen werden.
Wir verstehen die europäischen "Mehrheitsgesellschaften" als offene Gesellschaften. Wir haben also ein verständliches Interesse daran, vor allem mit Muslimen zu kooperieren, die ein analoges Verständnis von Offenheit vertreten. Sich hier selbst abzuschotten würde bedeuten, eines der besten Angebote, die wir zu machen haben, auszuschlagen.
Vielfalt ist also auch anspruchsvolle gesellschaftspolitische Managementaufgabe: In den europäischen Gesellschaften bedeutet das vor allem eine nachhaltige Integration in eine solide Wertegemeinschaft bei vollem Respekt vor der Würde jedes Einzelnen.
Und diese europäische Wertebasis wird wohl am aktuellsten im Artikel I-2 des neuen, noch nicht überall genehmigten EU-Verfassungsvertrages beschrieben: "Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören."
Mit genau diesem Verständnis haben wir vor drei Wochen die Europäische Grundrechteagentur hier in Wien eröffnet. Ihre Aufgabe wird es sein, die ausgeprägte europäische Grundrechtskultur zu unterstützen und an ihrer Weiterentwicklung, sozusagen "upstream" im Bereich der Rechtsschaffung, durch Beratung mitzuwirken.
Anlässlich ihrer Eröffnung hat Kommissionsvizepräsident Franco Frattini zu Recht eingemahnt, dass wir uns bei aller Offenheit gegenüber einzelnen Gruppen der Gesellschaft verstärkt auch den individuellen Rechten und ihrem Schutz zuwenden müssen. Europa muss selbstbewusst seine Werte vertreten: "A Europe that refuses to embrace its values, the values of the Charter of Fundamental Rights, is a Europe condemned to lose, as it will always be weaker than those who are more secure than us in terms of identity." (Ende Zitat Franco Frattini)
Bei allem Respekt für religiöse Gruppen und ihre kollektiven Anliegen habe ich wenig Verständnis für die Idee, "Gruppenrechte" auf rein religiöser Basis für einzelne Gemeinschaften zu schaffen. Und gerade das Urteil in Deutschland, das vor wenigen Tagen Aufsehen erregt hat, zeigt uns wie heikel dieses Thema ist. Ein Europa, das einem muslimischen oder jüdischen Mädchen andere Rechte - also mehr oder weniger - gewährt als einem christlichen oder einem, das einfach nicht glaubt, also konfessionslos ist - wäre das das Europa, das wir uns wirklich wünschen?
An dieser Stelle eine Anmerkung zu einem Thema, dem ich persönlich große Priorität beimesse: dem Beitrag der Frauen. Die volle Beteiligung von Frauen ist eine Kraftquelle für jede Gesellschaft. Ihre aktive und auch sichtbare Mitwirkung ist ausschlaggebend für die Entwicklung einer Gesellschaft.
Ich bin daher überzeugt: Wir müssen zu Maßnahmen ermutigen, welche die aktive Beteiligung von Frauen in allen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens stärken.
Bei der Konferenz der Europäischen Imame und SeelsorgerInnen im April 2006 hier in Wien hielten die über 200 Teilnehmer in ihrer Schlusserklärung in einem eigens den Frauen gewidmeten Kapitel fest:
"Mann und Frau sind im Islam gleichwertige Partner, die gegenseitige Verantwortung tragen und gleich an Menschenwürde sind. Das Recht auf Lernen und Lehre, das Recht auf Arbeit, finanzielle Unabhängigkeit, aktives und passives Wahlrecht, Teilhabe im gesellschaftlichen Diskurs sind Pfeiler, die den Status absichern sollen."
Sowie weiter - ganz unmissverständlich:
Jede Form von Verletzung von Frauenrechten soll kritisiert und bekämpft werden. Zwangsehe, Genitalverstümmelung, Ehrenmorde und familiäre Gewalt haben keine Grundlage im Islam.
Ich sehe mit Freude, dass Ihre Konferenz diesem Thema einen eigenen Vortrag widmen wird, und hoffe, dass dieses Thema auch in die generelle Debatte immer wieder Eingang findet.
Meine Damen und Herren!
Einige Sätze zum Thema Jugend.
Erfolgreiche Integration in Europa und in Österreich ist eine zentrale Zukunftsfrage gerade für die Jugend.
Die Herausforderung, wie die Politik im innerstaatlichen Bereich mit dieser Frage umgeht, ist groß:
- Muslime, vor allem auch der jüngeren Generation, leben in Europa oft mit Geschichtsbildern, die sich eher aus den Konflikten speisen als aus den Gemeinsamkeiten.
- Unter den Jugendlichen mit Migrationshintergrund scheint es eine verstärkte Hinwendung zum Islam zu geben. Seine Symbole, etwa das Kopftuch, werden als identitätsstiftend erlebt und es sieht gelegentlich so aus, als bekäme sie einen immer größeren Stellenwert.
Wir sind gemeinsam dafür verantwortlich den Alltag der kulturellen Vielfalt lebensnah, mit mehr Bodenkontakt als bisher noch, zu gestalten. Wir sind es der Jugend schuldig.
Entscheidend ist dabei der Bereich der Bildung: Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir den Jugendlichen ein glaubwürdiges Angebot für eine positive Zukunft machen können, das auch angenommen wird, wenn die Rahmenbedingungen im Bereich Aus- und Fortbildung sichergestellt sind.
Viele Muslime in Europa, das muss auch ansprechen, kommen leider oft über die Grundausbildung nicht hinaus. Dadurch sind weitere Aufstiegsmöglichkeiten auch am Arbeitsmarkt verschlossen.
Wir müssen vermeiden, dass sich Gruppen von Jugendlichen in Frustration und Perspektivenlosigkeit verlieren, sich gegenseitig im Freundes- und Familienbereich in diesen noch bestärken und dadurch immer tiefer in eine sozial immer auswegloser erscheinende Spirale geraten. Kein Jugendlicher darf in die Sackgasse der Selbstverleugnung oder der Verleugnung des anderen geraten.
Es ist also unsere Aufgabe zu überzeugen, dass es keine ausweglosen Situationen gibt. Und wir müssen dafür Jugendlichen Mut machen. Holen wir uns jene Persönlichkeiten, die sich in der Gesellschaft durchgesetzt haben, und lassen wir sie in der Öffentlichkeit darüber sprechen, wie sie es gemacht haben. Geben wir Zuversicht durch Erfolgsbeispiele.
Staat und Gesellschaft können die Integration muslimischer Jugendlicher vielfältig und nachhaltig unterstützen. Lassen Sie mich ein paar Punkte erwähnen:
- Etwa durch die Sicherstellung eines islamischen Religionsunterrichtes, der in Aus- und Weiterbildung der Lehrerschaft, bei der Qualität der Lehrmittel und in den pädagogischen Bildungskonzepten im Hinblick auf Kinder und Jugendliche europäischen Standards entspricht.
- Oder durch ein europäisches Curriculum für den Religionsunterricht. Österreich hat mit der Einrichtung eines Magisterstudiums "Islamische Religionspädagogik" an der Universität einen wichtigen Schritt getan: Hier sollen islamische Religionslehrerinnen und Religionslehrer für Höhere Schulen in Österreich ausgebildet werden.
- Etwa durch die Einrichtung islamisch-theologischer Fakultäten, der Imamausbildungen an europäischen Hochschulen und Pädagogischen Akademien.
- Oder auch durch die gesellschaftliche Unterstützung von muslimischen Initiativen, welche mit Entschlossenheit und Nachdruck solchen Lehrmeinungen und Traditionen entgegentreten, die zutiefst europäischen Grundwerten widersprechen und auch im Islam keine Grundlage finden.
- Nicht zuletzt auch durch eine verstärkte und bewusstere Auseinandersetzung in Fragen der medialen Globalisierung. Das Internet birgt die Gefahr von Radikalisierung, das wissen wir. Es bringt aber auch die Möglichkeit, eine offene transnationale Debatte zu führen. Staat und muslimische Organisationen sollten den Herausforderungen dieses Mediums mit Kooperation und mit Orientierung entgegentreten. Sie sollten auch eindeutig vor Inhalten warnen, die das Miteinander in Europa gefährden können.
Investieren wir in die Bildung unserer Jugendlichen. Wir investieren dadurch in die erfolgreiche Zukunft unseres Kontinents.
Meine Damen und Herren!
Der Abbau von Feindbildern und der Aufbau von Freundbildern ist eine moderne europäische Qualität - geboren aus der mühsamen Überwindung Jahrhunderte langer Konflikte auf diesem unserem kleinen Kontinent.
Das europäische Lebensmodell achtet den Glauben in seinen vielfältigen Formen. Es ist die Grundlage für ein tolerantes und erfolgreiches Miteinander in Europa.
Die Muslime in dieses Lebensmodell stärker und effektiver mit einzubeziehen, ist eine lohnende Herausforderung für alle Seiten.
Ich möchte hier Professor ANAS SHAKFEH für seine Tätigkeit ausdrücklich danken. Denn er ist eine herausragende Persönlichkeit mit dem Bemühen um gegenseitiges und gemeinsames Verständnis von Muslimen und Nichtmuslimen. Danke Herr Professor!
Wir wissen, dass Dialog erst dann glaubhaft ist, wenn er von allen Seiten geführt wird. Nicht ein ritualisiertes Aneinandervorbeireden, sondern echter Dialog, mit der notwendigen Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich auch wirklich darauf einzulassen.
Meine Damen und Herren!
Wir sind bereit, uns auf österreichischer Seite jeden Tag aufs Neue um diesen Dialog zu bemühen.
Wenn er gelingt, wird er zweierlei bewirken:
- ein tieferes und Zuversicht gebendes Selbstverständnis unserer gemeinsamen europäischen Identität,
- ein weit über Europa hinaus reichendes Beispiel für ein zeitgemäßes und zukunftsgerichtetes europäisch - islamisches Lebensmodell, das seine Kraft aus einer geglückten Verbindung muslimisch religiöser Identität mit dem soliden europäischen Rechts- und Wertefundament bezieht.
Danke meine Damen und Herren!
