Interview mit Außenministerin Ursula Plassnik im Woman vom 20. Juli 2007
20.07.2007
Interview: Petra Mühr
Die Hippie Diplomatin
Plassnik. Die toughe Außenministerin im WOMAN-Interview über moderne Männer, Frauen im Friedensprozess und ihren Führungsstil.
Sie sind auch nicht gerade klein, oder?", spielt Außenministerin Ursula Plassnik, 51, bei unserem Eintreffen im Ministerinnenbüro auf ihr herausragendes und daher oft strapaziertes Erscheinungsbild an. - Und trotzdem kann ich bei 1,76 Meter Körpergröße und Absätzen nicht mit dem Gardemaß von 1,90 Metern der gebürtigen Kärntnerin mithalten. "Schüssels blonder Schatten", wie sie zu ihrer Zeit als dessen Kabinettschefin genannt wurde, zählt zu den beliebtesten Politikerinnen ganz Österreichs. Und das, obwohl sie allgemein als eher "kühl und distanziert" dargestellt wird. Ihr Privatleben strikt ausgenommen, spricht Ursula Plassnik offen und nahbar über ihre Wünsche, Ängste und die ihr angedichteten Attribute: "ich bin von niemandem der schatten"
Woman: Sie repräsentieren Österreich außenpolitisch seit bald drei Jahren. Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?
Ursula Plassnik: Da gibt's für mich drei Ebenen: Was das Außenministerium anbelangt, will ich unsere Europakompetenz stärken und bewahren und das Haus noch stärker als Bürgerservicestelle positionieren - hier geht's vor allem um Schutz und Unterstützung der Österreicher im Ausland. Die Menschen werden ja immer mobiler und anspruchsvoller. International betrachtet war's sicher der 3. Oktober 2005, an dem ich meine europäischen Kollegen vehement auf eine Klärungsnotwendigkeit in der Türkeifrage aufmerksam gemacht habe: dass wir nicht nur die Beitrittswerber, sondern auch die eigene Aufnahmefähigkeit im Auge behalten müssen!
Woman: Sie haben damit einiges Aufsehen erregt …
Plassnik: Wenn Sie so wollen, war das eine starke politische Einzelaktion, ich bin aber nach wie vor überzeugt davon, dass es richtig war. In den türkischen Medien hat es mir damals den Spitznamen "190 Zentimeter blonder Eigensinn" eingetragen - es war im Grunde respektvoll gemeint, ich habe das daher als besondere Form der Auszeichnung empfunden.
Woman: Und die dritte Ebene?
Plassnik: Das sind für mich die Frauen: Die Wien-Konferenz "Frauen und der Nahe Osten" im Mai war ein hochinteressantes Ereignis, hat neue Netzwerke ermöglicht und gezeigt, wie wichtig es ist, das Frauenthema in der internationalen Politik in neuen Verknüpfungen anzugehen.
Woman: Sie setzen sich ja auch im Bereich der Friedensförderung sehr dafür ein, dass Frauen eine zentralere Rolle spielen …
Plassnik: Weil wir sowohl UNO-als auch EU-mäßig nicht wirklich gut ausschauen. Wir haben zum Beispiel nachgerechnet, wie viele regionale Sonderbeauftragte für regionale Krisen des UN-Generalsekretärs es weltweit gibt: Es sind 54 - davon keine einzige Frau! Wir haben daher darauf geachtet, dass die weltweiten EU-Friedensmissionen nicht nur mit Männern, sondern auch mit Frauen besetzt werden. Die Menschen müssen ja Vertrauen entwickeln können - und das funktioniert sicher leichter, wenn sie nicht nur Männern, sondern auch Frauen gegenüberstehen.
Woman: Halten Sie Frauen für vertrauenswürdiger als Männer?
Plassnik: Nein, aber eine gemischte Mission repräsentiert ein anderes Gesellschaftsbild, eines, das der Realität in der EU viel mehr entspricht! Und Frauen stellen ja "nicht nur" 50 Prozent der Weltbevölkerung und des menschlichen Potenzials dar, sondern sie sind auch für einen Teil der wirtschaftlichen Grundlagen und für die Familien zuständig und tragen dazu bei, Stabilität in Gesellschaften zu bringen. Sie sind in vielen Teilen der Welt in der Lage, mit sehr wenig Input, etwa im Bereich der Mikrokredite, überdurchschnittlich große Erfolge zu erzielen, weil sie gut wirtschaften können. Und: Frauen erziehen in den meisten Kulturen 100 Prozent der Kinder! Das heißt, sie geben Rollenbilder und Vorstellungen darüber weiter, wie eine Gesellschaft organisiert sein sollte, wer welche Funktion hat - auch unter den Männern.
Woman: Wie stellen Sie sich denn die Männer der Zukunft vor?
Plassnik: Sie sollten mit moderner Selbstsicherheit agieren, denn es gibt keinen Grund, warum sich Männer vor den Frauen fürchten sollten. Aber es gibt auch keinen Grund, die Frauen zu unterschätzen! Ich wünsche mir gleichwertige und gleichberechtigte Menschen, Partner unter Frauen und Männern. Für mich ist Partnerschaft überhaupt das Schlüsselwort des 21. Jahrhunderts; da steckt sehr viel Respekt drin, und es ist ganz zentral für den Umgang der Menschen miteinander.
Woman: Großer Respekt kennzeichnet auch Ihre nach wie vor enge Zusammenarbeit mit Exkanzler Wolfgang Schüssel.
Plassnik: Ja. Unsere Beziehung ist respektvoll und intellektuell und politisch immer wieder spannend. Auch freundschaftlich.
Woman: Wenn Sie Ihre Amtszeit unter Schüssel mit der unter Kanzler Gusenbauer vergleichen - welches sind die gravierendsten Unterschiede?
Plassnik: Von den Themen und Sachanliegen her gibt es wenig Unterschiede, weil ja die Arbeit für Österreich weitergeht. Die "Unternehmenskultur" in der Regierung ist verständlicherweise eine andere, weil's auch eine andere Koalition ist. Mit Wolfgang Schüssel, Willi Molterer und Martin Bartenstein habe ich in den letzten zehn Jahren sehr intensiv zusammengearbeitet, das ist natürlich eine andere Form von Team als jenes, das wir in der aktuellen Regierung erst entwickeln.
Woman: Was ist anders?
Plassnik: Sie wollen jetzt wahrscheinlich auf klimatische Befindlichkeiten hinaus, das ist sachlich nicht angemessen. Nur ist es grundsätzlich etwas anderes, wenn andere Parteien in einer Koalition zusammenarbeiten. Aber mit denen, die in der Außenpolitik engagiert sind - und das ist ein Großteil der Regierungsmitglieder genauso wie der Bundeskanzler -, funktioniert die Kooperation sehr professionell.
Woman: Seit Gusenbauer Kanzler ist, sind Sie in den Medien wesentlich präsenter, wirken lockerer …
Plassnik: Dabei handelt es sich wohl um eine Wahrnehmungsstörung von Journalistenseite, die mich eher erheitert. Ich erlebe das so nicht.
Woman: Sie sind dem Kanzler jedenfalls in der Außenrepräsentanz Österreichs klar überlegen. Was ist dran an dem Gerücht, dass Ihre Partei Sie auf internationaler Ebene noch stärker gegen den Regierungschef positionieren möchte?
Plassnik: Es liegt in der Natur meiner Arbeit als Außenministerin, dass ich die Österreicherinnen und Österreicher vertrete. Das steht so im Ministeriengesetz. Ich bemühe mich, das bestmöglich mit viel Ernsthaftigkeit zu tun.
Woman: Über Ministerin Andrea Kdolsky haben Sie gesagt, dass "sie der Politik gut tut, indem sie manche etablierte Verhaltensweise infrage stellt". Sehen Sie sich selbst auch als eine Art Freigeist?
Plassnik: Freiheit ist mir wichtig, ja, und sie ist einer der zentralen Werte meines persönlichen und politischen Lebens.
Woman: Man sagt Ihnen ja neben einem strengen und konsequenten auch einen sehr burschikosen Führungsstil nach …
Plassnik: Das mag daher kommen, dass ich ganz bewusst stilistisch andere Akzente setze als bisher üblich. Das fängt bei meiner Kleidung an und dehnt sich aufs Haus und auf die Umgangsformen aus - im 21. Jahrhundert kann man wirklich so manches verändern. Diese Motivation begleitet mich seit dem ersten Tag meines diplomatischen Lebens, denn schon damals nannten mich meine internationalen Kollegen die "Hippie-Diplomatin".
Woman: Wie würden Sie also den Umgang mit Ihren Mitarbeitern beschreiben?
Plassnik: Teamorientiert, zielgerichtet, notfalls auch energisch. Weniger sichtbar bleibt der persönliche Aufwand, den ich betreibe, um herauszufinden, wer wo im Außenamt am besten eingesetzt werden kann. Darüber denke ich viel und intensiv nach.
Woman: Sehen Sie sich als Teamplayerin oder Letztentscheidungsträgerin?
Plassnik: Beides, ich bin vom Sternzeichen her Zwilling, beziehe also meine Kraft sehr stark aus der Kommunikation. Ich diskutiere immer gerne mit verschiedenen Gesprächspartnern - mein Team weiß davon ein Lied zu singen (lacht)! Das ist nicht immer angenehm und war für mich auch in der Zusammenarbeit mit Wolfgang Schüssel nicht immer bequem. Denn er hat von Beginn an meine eigene gut begründete Meinung verlangt. Teamplayerin bin ich also selbstverständlich im Haus, in der Regierung und mit den internationalen Kollegen: Partnerschaft funktioniert nur, wenn man nicht überzeugt ist, alles allein machen zu müssen. Die Letztentscheidung wiederum hat viel mit Verantwortung zu tun - und die trage ich als Leiterin eines Ressorts. Da muss ich auch manchmal Verantwortung für Dinge übernehmen, die ich gar nicht beeinflussen kann.
Woman: Schlafen Sie deswegen manchmal schlecht?
Plassnik: Nein. Ich schlafe zwar nie genug, aber tief, gern und meistens traumlos.
Woman: Hatten Sie schon mal das Gefühl, Ihnen wächst das alles über den Kopf?
Plassnik: Nein, aber jeder, der Verantwortung trägt, hat auch Zweifel und Selbstzweifel. Und das ist gut so.
Woman: Welche Frauen haben für Sie Heldinnen- oder Vorbildcharakter?
Plassnik: Warum haben Frauen immer das Bedürfnis, nach Vorbildern zu suchen? Jeder soll sein eigenes Leben leben, das ist doch das Spannendste!
Woman: Sie sahen sich also nie als "Schatten" von Wolfgang Schüssel?
Plassnik (lacht): Ganz sicher nicht. Ich bin niemandes Schatten. Ich finde es allerdings schon amüsant, dass offenbar grundsätzlich die Tendenz besteht, Frauen sehr häufig in Relation zu Männern zu definieren.
Woman: Müssten Sie Ihre bisherige Amtszeit benoten, wie würde die Bewertung ausfallen?
Plassnik: Die vermeide ich öffentlich schon deshalb, weil ich mit Sicherheit der selbstkritischste Mensch in meiner Umgebung bin und mir damit sicher keinen Gefallen tun würde.
