Interview mit Außenministerin Plassnik in "Österreich"
22.01.2007
"Ich bin nicht kühl und spröde!"
Außenministerin. Ursula Plassnik über Frauenpolitik, Karriere und Ihr Leben als beliebteste Politikerin Österreichs.
Nur der Bundespräsident ist noch beliebter: Eine für ÖSTERREICH erstellte Umfrage weist Außenministerin Ursula Plassnik (50) als Darling der Republik aus. Ein erstaunlicher Höhenflug für eine Diplomatin, die nie Politikerin werden wollte.
Diplomatin mit Kanten. Die Kärntnerin mit großem Interesse für Kultur galt bis zur ihrer Entdeckung durch Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel als eher dem sozialdemokratischen Lager nahe. Sie leitete sechs Jahre lang sein Kabinett und es amüsiert sie noch heute, wenn sie als "Schatten des Kanzlers" bezeichnet wurde: "Ich habe mich nie als sein Schatten gefühlt, auch er hat es nie so empfunden. Er sagte sogar einmal scherzhaft, das würde sich größenmäßig schlecht ausgehen." - Sie misst 1,90 m.
Klischee. Auch das Klischee kühle Blonde wird gerne von Journalisten bedient. Mitarbeiter des Außenamtes bezeichnen sie aber hinter vorgehaltener Hand als, nun ja, temperamentvoll. Freundinnen, wie die griechische Außenministerin Dora Bakoyannis, erleben Plassnik als herzliche Frau. Sie ist emanzipiert, aber keine Emanze - hier das Interview.
" Ich könnte ohne Frauenministerium gut leben!"
ÖSTERREICH: Hätten Sie am 1. Oktober, nach dem Wahlergebnis, gedacht, heute noch hier zu sitzen?
Plassnik: Nein. Ich bin kein Sesselkleber und hatte meine Sachen zusammengepackt. Still und leise, ohne großes Tamtam.
ÖSTERREICH: Dann haben Sie die Kartons wieder ausgepackt?
Plassnik: Es ist im Leben immer gut, wenig Gepäck zu haben. Das ist eine Erfahrung aus meinem Wanderleben als Diplomat. Ich versuche insgesamt, leicht zu reisen und zu leben. Man merkt bei jedem Einpacken, was man alles nicht braucht - und wie schnell es wieder nachwächst.
ÖSTERREICH: In einer Gallup-Umfrage nach den beliebtesten Politikern Österreichs rangieren Sie auf Platz zwei und sind erste Frau.
Plassnik: Ich weiß, wie schnell sich Umfragedaten ändern können, wenn man eine Entscheidung trifft, die nicht ganz so gut ankommt. Paul Lendvai sagt immer: "Hüte dich vor dem Tontaubeneffekt!" - also hochgejubelt zu werden, um dann im Höhenflug erwischt zu werden.
ÖSTERREICH: Sie umwehen Attribute wie "kühl, spröde" - merken Sie das im Kontakt mit Bürgern?
Plassnik: Das schreiben Journalisten voneinander ab, die mich nicht persönlich kennen. Oft reden mich Frauen im Supermarkt oder auf der Straße an und geben mir positives Feedback. Für sie bin ich weder kühl noch spröde. Der meistgehörte Satz lautet "Nix g’falln lassen!", und der kommt sehr oft auch von Männern.
ÖSTERREICH: Die neue Regierung hat weniger Frauen als Männer, das wird heftig kritisiert.
Plassnik: Ich kann nur lachen, wenn diskutiert wird, ob wir in dieser Regierung eine gute Frauenquote haben! Mir ist wichtig, dass alle Frauenanliegen von Frauen und Männern transportiert werden. Daher hätte ich auch gut ohne Frauenministerium leben können. 21. Jahrhundert wäre schön! Keine Rolle rückwärts in die 70er-Jahre. Die vorige Regierung hatte übrigens 50:50 Ministerinnen.
ÖSTERREICH: Ist denn die Gleichberechtigung schon erreicht?
Plassnik: Nein, da gibt es noch enorm viel zu arbeiten. Solange zum Beispiel nicht der Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" Praxis ist, kann man von Gleichberechtigung nur träumen.
ÖSTERREICH: Ihre ÖVP-Kollegin, Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky, regt viele mit Kritik an Kindern auf. Verstehen Sie das?
Plassnik: Viel Hysterie der Kommentatoren mit wenig Hintergrund. Andrea Kdolsky hat offenbar eine persönliche Episode aus ihrem Leben geschildert. Das war kein politisches Programm. Man sollte fair bleiben!
ÖSTERREICH: Haben Sie persönlich bewusst nie die Mutterrolle angestrebt oder sind Ihre beiden Ehen zufällig kinderlos geblieben?
Plassnik: Würden Sie diese Frage auch einem Mann stellen?
ÖSTERREICH: Welches Ziel wollen Sie persönlich erreichen?
Plassnik: Die Wiedervereinigung Europas beschäftigt mich seit 20 Jahren, eine faszinierende Aufgabe sind die Balkanstaaten. Wir müssen erreichen, dass der militärische Konflikt im Kosovo der letzte in Europa war. Das ist ein wirkliches Motiv für meine Arbeit.
Claudia Schanza
