Gastkommentar von Außenministerin Ursula Plassnik in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 24. Juli 2007
24.07.2007
Die Kunst der guten Nachbarschaft
Die Beziehungen zwischen Oberösterreich und Südböhmen haben sich in den letzten eineinhalb Jahrzehnten in einer beispiellosen Bandbreite und Tiefe entwickelt. Politisch, wirtschaftlich und kulturell. Vor allem aber auch menschlich, wie die vielfältigen Formen der Zusammenarbeit über die Grenze hinweg etwa zwischen Gemeinden oder Schulen zeigen. Das ist gelebte Nachbarschaft. Sie tritt in der öffentlichen Wahrnehmung allzu oft wegen der Diskussionen um das Kernkraftwerk Temelìn in den Hintergrund.
Oberösterreich hat lange an der Bruchlinie des Eisernen Vorhangs gelegen. Daran werden wir 2008 in besonderer Weise erinnert werden, wenn wir mit unseren tschechischen Freunden der Niederschlagung des Prager Frühlings vor vierzig Jahren gedenken. Heute profitiert gerade Oberösterreich vom Zusammenwachsen Europas. Durch seine Nachbarschaft zu alten und zu neuen EU-Mitgliedsländern. Auch durch seine Lage an der Donau, der Zukunftsachse des neuen Europas. Oberösterreich hat geschickt die neuen Vernetzungs-chancen im größeren Europa genützt. Der Enns-Hafen als dynamischer Logistikhub in Mitteleuropa ist dafür ein gutes Beispiel. Es spiegelt auch den erfolgreichen Wandel Oberösterreichs zu einem modernen Industrieland wieder.
Von dieser ebenso chancenreichen wie anspruchsvollen Ausgangslage aus müssen wir die Kunst der guten Nachbarschaft ganz bewusst auf allen Ebenen pflegen - in ihrer gesamten Vielfalt und ihrem Reichtum. Dazu gehört, Fragen wie die Sicherheit von Atomkraftwerken offen und sachlich zu diskutieren. Nicht wegzuschauen bei berechtigten Sorgen, sich mit Hartnäckigkeit und Realismus für höchstmögliche Standards und maximalen Sicherheitsgewinn einzusetzen. Grenzblockaden im Kopf oder auf der Straße fördern nicht das nachbarschaftliche Vertrauen.
Die Kunst der guten Nachbarschaft ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Geduld, Phantasie und Offenheit verlangt. Sie erfordert vor allem auch die Fähigkeit, dem Nachbarn zuzuhören und die Bereitschaft, auf die Argumente des anderen auch konstruktiv einzugehen.
Nachbarschaft ist eine Kraft, die auch nach außen wirkt. Heute können wir mit unseren tschechischen Freunden europapolitisch und international eng vernetzt zusammenarbeiten, etwa in der Balkanpolitik, in der Entwicklungszusammenarbeit oder bei Menschenrechtsfragen.
Gemeinsam können wir viel erreichen - wenn wir einander in die Augen sehen und miteinander offener umgehen. Gemeinsam mit unseren Nachbarn haben wir die besten Zukunftschancen. Ich bin zuversichtlich, dass die vielen engagierten Menschen auf beiden Seiten der Grenze diese Chancen auch nützen werden.
"Gute Nachbarschaft erfordert auch die Fähigkeit, dem Nachbarn zuzuhören und die Bereitschaft, auf die Argumente des anderen konstruktiv einzugehen."
