Der Standard: Interview mit Außenministerin Ursula Plassnik vom 26.5.2007: "Kein Grund zur Selbstgerechtigkeit"
29.05.2007
Interview: Adelheid Wölfl
STANDARD: Ein UN-Bericht zeigte 2002 auf, wie sehr der gesellschaftliche und politische Ausschluss der Frauen in der arabischen Welt die Entwicklung hemmt. Hat sich seither das Bewusstsein verändert?
Plassnik: Ich würde nicht vom Ausschluss der Frauen sprechen, denn die Frauen im Mittleren Osten leisten im Alltag ihren ganz besonderen Beitrag. Unsere Vorstellung der arabischen Frauenwelt als einer amorphen Masse von entrechteten Frauen, für die wir jetzt vom Westen her Durchsetzungsmechanismen schaffen müssen, ist sehr unzutreffend. Denn die Frage ist, wieweit ihr Beitrag öffentlich wahrgenommen, gefördert und ins Bewusstsein der Gesamtgesellschaft gerückt wird. Und wie weit sie an öffentlichen Entscheidungen teilhaben. Da gibt es auf jeden Fall ein großes Defizit. Aber wir in der EU haben auch keinen Grund zur Selbstgerechtigkeit. Unter den neun Sonderbeauftragten, die unter der Führung von Javier Solana die europäische Politik vertreten, ist etwa keine einzige Frau. Das gefällt mir auch nicht.
STANDARD: Welche Themen hat die Konferenz?
Plassnik: Mir ist es wichtig, Frauen in drei Workshops zu Wort kommen zu lassen, die sich mit Medien und Krieg, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft beschäftigen. Wir wollen dann die Ergebnisse in die politische Runde einbringen. Und dies ist ein Experiment. Denn das hat es noch nie gegeben, dass die amerikanische und israelische Außenministerin, eine ehemalige palästinensische Bildungsministerin und eine Reihe von Regierungsmitgliedern von Ländern, die Israel nicht anerkennen, um einen Tisch sitzen und das Thema Frauen im Nahost behandeln. Vielleicht gelingt es uns einen Keim für ein Aufeinanderzugehen zu legen. Aber das hängt nicht allein von mir ab.
STANDARD: Haben Frauen in politischen Spitzenpositionen eine ähnliche Sichtweise, die vielleicht auch einen bessere Zusammenarbeit ermöglicht?
Plassnik: Ich warne davor, in aussichtslosen Situationen zu sagen: jetzt muss man die Frauen ranlassen, weil den Männern nichts mehr einfällt. Aber eines glaube ich schon, dass sie ein feineres Ohr für die Anliegen der Frauen haben. Wir haben lange genug auf der ganzen Welt erlebt, dass der Beitrag der Frauen nicht hinreichend wahrgenommen und gewürdigt wird.
STANDARD: Frauen haben im arabischen Raum mehr politische Rechte bekommen. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Plassnik: Ich habe bei meinen Reisen erlebt, welch hohe Erwartungen Frauen an die Politiker ihrer Länder stellen und das ist gut. Das darf uns nicht dazu verleiten zu glauben, dass die Entwicklungen nur in eine Richtung gehen, die auch unserer Sicht einleuchten würden. In Kuwait haben mir Vertreterinnen einer Frauenorganisation ganz offen gesagt: Wenn Frauen im Parlament vertreten sein werden, wird es eine Mehrheit von Frauen, mit sehr konservativen Rollenvorstellungen, geben. Wie soll man damit umgehen?
STANDARD: Wenn Frauen gegen ihre Interessen wählen?
Plassnik: Aber was ist das eigentlich genau: "ihre eigenen Interessen"? Wenn wir als Europäerinnen ihnen vorschreiben, was ihre Interessen sind, dann werden wir aus der Schiene der Bevormundung nicht herauskommen. Diesen Fehler zu vermeiden ist mir auch ein politisches Anliegen.
STANDARD: Sie haben viel Kontakt mit der Zivilgesellschaft in Nahost. Was ist ihr Ziel?
Plassnik: Dass wir die Stimmen der Frauen besser hören und auch selbst unsere Stereotype und Vorurteile immer wieder bearbeiten. Ein erhobener Zeigefinger ist noch lange keine Politik, das gilt auch hier. Das wissen gerade Frauen ganz genau. Denn sie sind oft in ihrem Leben mit dem Zeigefinger konfrontiert, vielleicht öfter als Männer. Damit erreicht man nur verstärkte Resistenz derjenigen, denen so gedroht wird. Das bringt uns nicht weiter.
STANDARD: Was kann die EU tun, um die Partizipation der Frauen zu fördern?
Plassnik: Es stünde der EU gut an, bei Frauenförderung international insistenter zu sein. Wir machen sehr viel in der arabischen Welt, etwa bei Aktionsplänen in der Nachbarschaftspolitik oder in Meda-Programmen. Ich hoffe, dass wir da eine Betonung zugunsten der Frauen hineinbringen können.
