Rede von Staatssekretär Dr. Hans Winkler bei der Österreichischen Auslandskulturtagung am 7. September 2006
07.09.2006
INTERNATIONALE RESONANZEN - DER BEITRAG DER KULTUR ZUR PUBLIC DIPLOMACY
Österreichische Auslandskulturtagung 2006
7. September 2006
ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Erlauben Sie mir, dass ich zunächst die herzlichsten Grüße der Bundesministerin für auswärtige Angelegenheiten überbringe, die leider auf Grund einer Auslandsreise nicht selbst an der diesjährigen Auslandskulturtagung teilnehmen kann.
Sie haben heute in Vorträgen, Arbeitskreisen und einem Podiumsgespräch das Verhältnis zwischen Kultur und Medien behandelt, ein Thema, das für die Außenpolitik zunächst exotisch erscheinen mag. Was haben Mozart und Freud mit der österreichischen Außenpolitik zu tun? Wird Österreich sicherer, sympathischer, attraktiver, haben wir eine stärkere internationale Position oder nützt es Künstlern aus Österreich, wenn mehr Menschen auf der Welt erfahren, dass beide Österreicher waren? Ich denke ja und darf zwei Beispiele geben.
In wenigen Wochen wird im Opernhaus von Hanoi zum ersten Mal seit 1954 in Vietnam wieder eine europäische Oper, Mozarts Zauberflöte, aufgeführt. Dies erfolgt dank künstlerischer, finanzieller und organisatorischer Unterstützung aus Österreich. In Belgrad wird das Österreichische Kulturforum gemeinsam mit der dortigen Psychoanalytischen Gesellschaft ein Freudsymposium zum Thema "Aggression" veranstalten. Neben der künstlerischen Leistung und dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn kann man hier sicherlich auch von einer politischen Dimension sprechen. Es zeigt, dass Kulturarbeit im Ausland direkt oder indirekt immer ein Stück "public diplomacy" beinhaltet.
Das Thema "public diplomacy" ist für die österreichische Außenpolitik längst zu einem selbstverständlichen Schwerpunkt geworden. Ich denke jeder Staat trachtet heute auf dem internationalen Parkett danach, dass seine Chancen auf Wahrnehmung und Durchsetzung der eigenen Positionen nicht mehr ausschließlich von Fakten wie Bevölkerungszahl, Wirtschaftskraft, militärisches Potential abhängen, sondern zunehmend auch von dem was "soft power" genannt wird, geprägt wird. Sanfte Macht bedeutet die eigenen Meinungen und Überzeugungen anderen vermitteln zu wollen und zu können. Außenpolitik wird zunehmend von Image und Identität geprägt, davon, wie man aktiv das Bild des eigenen Staates in der Welt mitgestalten kann. Um dies zu erreichen, verfolgen die einzelnen Staaten durchaus unterschiedliche Strategien, die von Sportdiplomatie über Mediendiplomatie bis zur Kulturdiplomatie reichen.
Für Österreich ist die Auslandskulturarbeit ein wichtiger Teil der "public diplomacy". Österreich wird weltweit als Kulturnation wahrgenommen und hier wird uns Kompetenz zugeschrieben. Außenpolitik kann nicht auf Kultur verzichten. Die österreichische EU-Präsidentschaft hat bewusst den kulturellen Dimensionen des europäischen Projektes viel Aufmerksamkeit gewidmet und sowohl mit der Salzburger Konferenz "Sound of Europe" an Mozarts Geburtstag, als auch mit den "Cafés d'Europe" am Europatag, Orte für das kulturelle Gespräch über Europa geschaffen. Für Österreich ist es auf Grund seiner eigenen Geschichte und Tradition selbstverständlich, dass sich Europa auch als Projekt der kulturellen Vielfalt weiterentwickeln muss.
Die viel zitierte Krise der Europäischen Integration wird zu recht nicht nur auf politische und wirtschaftliche Probleme und Fragen zurückgeführt. Wir haben auch ein Kommunikationsproblem, weil dort, wo es am ehesten so etwas wie eine entstehende europäische Öffentlichkeit gibt, bei Studenten, Wissenschaftlern und Künstlern, genau dort wächst auch die Kritik an den Schwächen des europäischen Projektes. Wir müssen daher für Kunst und Wissenschaft mehr Kommunikationschancen eröffnen, wenn es um die Frage geht, was Europa eigentlich verbindet. Dies sind gute Gründe, die österreichischen Auslandskultureinrichtungen in den EU-Staaten nicht zu reduzieren, sondern ganz im Gegenteil, ihre Kompetenz noch stärker für österreichische Beiträge zu europäischen Diskussionen einzusetzen. Auslandskulturpolitik kann Möglichkeiten für das gegenseitige Zuhören und Sprechen über die kulturelle Vielfalt und Gemeinsamkeit Europas schaffen.
Wenn es um internationale Resonanzen geht, so hat Österreich gewisse kulturelle Standortvorteile, die wir auch einsetzen sollen. Sein es die großen Sommerfestivals, die Aufführungen der Wiener Staatsoper, die Wiener Philharmoniker, das Neujahrskonzert im Musikvereinssaal, die Linzer "Ars Electronica" und vieles mehr. Das sind Beispiele, die in der Welt zu einem Markenzeichen für Österreich geworden sind.
Natürlich gibt es auch viele Fragen in der internationalen Politik, die sich nicht allein durch mehr Kulturaustausch lösen lassen. Der Nahostkonflikt lässt sich nicht durch mehr gemeinsamen Musikunterricht von arabischen und israelischen Kindern lösen. Dennoch lohnt sich meiner Ansicht nach jedes einzelne Projekt, wie etwa die von uns unterstützten gemeinsamen Musikworkshops am Österreichischen Hospiz in Jerusalem, weil es öffentlich Beispiele für eine andere - gemeinsam erfahrene - Wirklichkeit setzt.
Tatsächlich kam es in vielen westlichen Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges zu einer Vernachlässigung der Public Diplomacy, als alles gewonnen schien und die Augen nur noch auf den wirtschaftlichen Aufbau der ehemaligen Warschauer Pakt-Staaten und deren Integration in das Staatengefüge der Ersten Welt gerichtet waren. Dabei hatte die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright bereits 1999 aus Anlass der Eingliederung der United States Information Agency (USIA) in das State Department festgestellt, dass das Konzept der Public Diplomacy mit seinen vielfältigen Instrumenten in Zukunft die Grundlage für eine nachhaltige und weitsichtige amerikanische Außenpolitik bilden wird.
Die europäische Zielsetzung argumentiert etwas differenzierter. Wenn es unser Ziel ist, die öffentliche Meinung in anderen Ländern jenseits des Bereichs der traditionellen Diplomatie zu erreichen, dann bringt der Fluss von Informationen und Ideen über alle Grenzen hinweg allen Beteiligten, also auch der eigenen Gesellschaft, mehr Verständnis für Unterschiede und Gemeinsames.
Die unterschiedlichen Umschreibungen lassen zumindest den generellen Charakter jeder Art von Public Diplomacy deutlich werden, die demnach politische wie kulturelle Öffentlichkeitsarbeit umfasst. Es hätte nicht erst der Katastrophe von "9/11" bedurft, um das Augenmerk der Regierungen der USA und Europas auf eine verbesserte und intensivere Kommunikation mit arabischen und muslimischen Staaten zu lenken.
Wir erleben heute nahezu täglich medial vermittelte "kulturelle Differenzen", die oft auch außenpolitische Folgen haben. Die Beispiele reichen vom Karikaturenstreit in Dänemark bis zu den Auseinandersetzungen um die Berliner Ausstellung "Erzwungene Wege" über Vertreibung im 20. Jahrhundert, vom Streit um das öffentliche japanische Gedenken an Kriegsverbrecher des 2. Weltkrieges bis zu den Auswirkungen von Hubert Saupers Dokumentarfilm "Darwin’s Nightmare" über die Folgen der Fischereiwirtschaft am Viktoriasee.
Kultur ist heute auf der internationalen Bühne mit Medien- und Machtfragen untrennbar verbunden. Die Struktur der Öffentlichkeit erweitert sich und wird komplexer. In der nationalen und der internationalen Politik der globalisierten Welt wird der Einfluss nichtstaatlicher Akteure immer stärker. Nicht nur die Wirtschaft agiert transnational. Wissenschaftler und Künstler, die Macht der Bilder ("CNN-Faktor"), zivilgesellschaftliche Akteure beeinflussen die öffentliche Meinung und in gewissen Maße auch indirekt außenpolitische Entscheidungsprozesse. So können die Autobiographie eines deutschen Schriftstellers in Polen zu einem politischen Thema werden oder die Zeichnungen eines österreichischen Karikaturisten in Griechenland Diskussionen über die Grenzen von Religionskritik auslösen.
Auf Grund der Tatsache, dass Ereignisse jederzeit medial weltweit vermittelt werden können, ob wir es wollen oder nicht, nimmt die politische Dimension jeder Kulturaktivität im Ausland zu. Medienkünstler wie Peter Weibel sprechen sogar davon, dass auch kulturelle Güter nur mehr die Knoten in einem Netzwerk globaler Kommunikation sind. Wenn die kommunikative Kompetenz immer wichtiger wird, was bedeutet dies für Österreich und sein internationales Umfeld?
So hat Deutschland beispielsweise vor wenigen Monaten während der Fußball-Weltmeisterschaft nicht nur bewiesen, dass sie ein gutes Fußballteam besitzen, sondern auch vorgezeigt wie ein derartiges Welt-Medienereignis erfolgreich für ein positives Deutschlandbild in der Welt und zu einem stärkeren Stolz auf das eigene Land genützt werden kann. Sowohl die weltweite Medienberichterstattung als auch die tausenden ausländischen und inländischen Fans wurden als Kommunikationschance für die Themen der public diplomacy genutzt. Österreich wird diese Chance bei der Europameisterschaft 2008 haben. Ich denke, dass es nicht nur um neue Stadien und eine - hoffentlich - gute Fußballmannschaft geht, sondern dass Österreich gemeinsam mit der Schweiz durch diese Meisterschaft eine gute Kommunikationsplattform haben wird, die auch zur Vermittlung von Kultur und Lebensgefühl genutzt werden kann.
Gerade wer in der Außenpolitik tätig ist, weiß dass wir international bei der Zuschreibung von kultureller Kompetenz in einem Wettbewerb mit anderen stehen, die weit mehr Geld in ihre Auslandskulturarbeit investieren. Hinter dem Selbstverständnis als "Kulturnation" verbirgt sich in Österreich oft auch die Vermutung ohnehin prinzipiell von der ganzen Welt geachtet, ja gar geliebt oder zumindest gekannt zu werden. Mehr Kulturaustausch ist daher doppelt wichtig. Er erhöht das Wissen um internationale Einschätzungen Österreichs und er macht die Vermutung, dass Österreich international tatsächlich weltweit wahrgenommen wird, realitätsnäher.
Wir müssen dafür die Formen des kulturellen Austausches weiterentwickeln. Öffentlich unterstützte Kulturarbeit im Ausland umfasst natürlich die Präsentation österreichischer Künstler und Wissenschaftler. Aber dies wird umso erfolgreicher sein je mehr wir uns um inhaltliche Themenführerschaften bemühen. Im Vordergrund muss die Kommunikation über Themen stehen, bei denen Österreicher Kompetenz besitzen und die international wichtig sind.
Länderimages werden in erster Linie durch Medien vermittelt und daher sind die Medien des Gastlandes die wichtigsten Kooperationspartner um Öffentlichkeit zu erreichen. Die Fragmentierung des Medienmarktes und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten, in spezifischen Bereichen selbst Akteur zu sein, nutzen wir beispielsweise im Bereich der Meinungseliten mit eigenen Themenzeitschriften unserer Kulturforen in Berlin und in Warschau. Auch der eigene Internetauftritt ist Bestandteil kultureller Medienarbeit, wie etwa die österreichisch-arabische Internetplattform des Kulturforums in Kairo. Die interaktiven elektronischen Angebote der Österreichischen Kulturforen werden wir gezielt ausbauen.
Die Österreichischen Kulturforen im Ausland müssen so genannte Umschlagplätze für gute und kreative Ideen sein. Niemand kann garantieren, ob mit Hilfe einer derartigen auf Themen beruhenden kulturellen Projektarbeit nachhaltig Meinungen in anderen Staaten verändert werden können. Aber wer nicht am Markt der Ideen präsent ist, hat nur die Garantie, dass die Ideen anderer zum Zug kommen. So werden wir in Zukunft das Thema des neuen Donauraums als Potential für einen kreativen gemeinsamen Wissens- und Kulturraum anbieten. Schließlich ist für Österreich die wichtigste regionalpolitische Konsequenz des bevorstehenden EU-Beitritts von Bulgarien und Rumänien, dass bereits fast der gesamte Donauraum Teil der Europäischen Union ist. Die Aufgabe der Auslandskulturarbeit besteht dabei aber nicht darin möglichst viele Donauraum-Veranstaltungen durchzuführen, sondern kulturelle Themen an allen zentralen Orten dieses Raumes gemeinsam zu diskutieren. Wir wollen für diesen Dialog eine eigene Diskussionsplattform "Culture on the Move" schaffen, die jedes Jahr in einer anderen Stadt an der Donau eine mehrtägige Ideenbörse einrichtet, eine Art Laboratorium für das kreative kulturelle Potential dieses Raumes.
Auslandskulturpolitik arbeitet an den Schnittstellen zwischen Image und Identität. Österreich führt eine intensive Auslandskulturpolitik, weil wir darin eine Chance sehen, einen erkennbaren und für Österreich selbst wertvollen Beitrag zum Dialog zwischen Kulturen zu leisten.
Aber lassen Sie mich nochmals zu den aktuellen Aufgaben der Auslandskultur kommen. Moderne Auslandskulturarbeit beruht auf der Ermöglichung von Kommunikationsprozessen, die nicht einseitig sind und sich auch mit den Einstellungen anderer uns gegenüber beschäftigen. Daraus erklären sich auch die Unterschiede zur Kulturpolitik im Inland. Wir führen zwar in nahezu allen Staaten der Welt Kulturprojekte durch, aber wir fördern und initiieren schwerpunktmäßig Kulturaustausch in jenen Staaten und Regionen, wo wir mit Sicht auf die Zukunft der internationalen Beziehungen das gegenseitige Vertrauen und das Wissen voneinander für besonders wichtig halten und wo wir die Wirkung für hoch und gewinnbringend einschätzen.
Österreich versteht sich seit 1989, verstärkt durch den EU-Beitritt 1995, die EU-Erweiterung 2004 und dem Einsatz während der österreichischen Präsidentschaft für die Bekräftigung der europäischen Perspektive der Westbalkanstaaten als innovativer mitteleuropäischer Staat. Diese Botschaft kann mit intensiver Kulturarbeit vermittelt werden. Eine der Hauptaufgaben der Auslandskultur ist es, das internationale Image Österreichs mit dieser kulturellen Identität in Einklang zu bringen und gleichzeitig international Aufmerksamkeit für die Themen und Leistungen österreichischer Künstler und Wissenschaftler zu erreichen.
Neue Aufgaben werden auch die Schwerpunkte bedeuten, die wir im Kulturaustausch mit China und Indien planen. Noch in diesem Jahr soll ein Österreichisches Kulturforum in New Delhi eröffnet werden.
Ich möchte abschließend nochmals unterstreichen, dass wir Kultur als wichtige "soft power" der österreichischen Außenpolitik bezeichnen, weil sie differenziertes Reden und Handeln unterstützt. Public Diplomacy kennt keine statischen Erfolgsrezepte, sondern ist eine permanente Investition in zukünftige internationale Resonanzen. Gerade für kleine und mittlere Staaten bildet sie einen unverzichtbaren Bestandteil einer nachhaltigen und weitsichtigen Außenpolitik.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und darf vor allem all jenen danken, die sich bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Jahrestagung engagiert haben. Die Aufgabe von Kulturpolitik liegt immer in der Schaffung von Möglichkeitsräumen. Ich bin überzeugt, dass österreichische Kulturarbeit im Ausland dies leistet.
