Die Presse: "Lebensmodell Europa" - Gastkommentar von Ursula Plassnik am 28. Jänner 2006
28.01.2006
Die Freude an Europa ist vielfach einer offenen Skepsis gewichen. Ist es noch ein Projekt für die Zukunft?
Jede große Idee bewährt sich letztlich in ihrer praktischen Umsetzung. Europa bildet da keine Ausnahme. Seit ihrer Gründung wurde die Europäische Union in jeder Phase das, worauf ihre Mitglieder sich zu einem bestimmten Zeitpunkt verständigen konnten: zunächst eine gemeinsame Verwaltung von Kohle und Stahl, dann eine Zollunion, eine Währungsunion, ein gemeinsamer Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts und schließlich ein sich wiedervereinigender Kontinent.
Jede Generation muss dieses Europa für sich neu begründen, muss den europäischen Traum sich selbst und anderen immer wieder erklären. Europa entsteht so jeden Tag neu.
Europa ist heute friedlicher, wohlhabender und demokratischer als zu irgendeinem früheren Zeitpunkt in seiner Geschichte. Trotzdem ist die Freude an Europa heute vielfach einer offenen Skepsis gewichen. Ist das gemeinsame Vorhaben der damaligen sechs Gründerstaaten überhaupt noch ein Projekt für die Zukunft? Was konkret bedeutet das europäische Friedens- und Wohlstandsprojekt am Beginn des 21. Jahrhunderts?
Werte, Pluralismus, Toleranz
Wofür Europa steht, ist in den ersten Artikeln des Verfassungsvertrags kurz und prägnant zusammengefasst: Für Werte wie Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit und die Gleichheit von Frauen und Männern. Europa bedeutet auch das Bekenntnis zu nachhaltiger Entwicklung, zu sozialer Marktwirtschaft, zum Ziel der Vollbeschäftigung, zu Umweltschutz und dem Kampf gegen soziale Ausgrenzung.
Europa ist auch das Bemühen um Solidarität - im Innern seiner Gesellschaften, zwischen den Mitgliedstaaten und als Partner für andere in der Welt. Die Faszination Europas ist die tägliche Umsetzungsarbeit der Wertegemeinschaft in der Praxis.
Die Welt wird sich in Zukunft nicht langsamer drehen, sondern schneller. Wir leben in vernetzteren, aber auch verletzlicheren Gesellschaften. Es bleibt immer weniger Zeit, auf neue Gefahren zu reagieren. Meist wäre auch die Zeit zu knapp, langwierig Allianzen gleichgesinnter Staaten zu bilden - gäbe es da nicht die Europäische Union.
Ihre supranationalen Institutionen ermöglichen rasches Handeln ohne aufwändige diplomatische Rituale. Ihre Instrumente stehen bereit, um auch in den dringendsten und komplexesten Fällen effizient zu helfen. Die permanente enge Kooperation von derzeit fünfundzwanzig Staaten garantiert einen viel besseren Frühwarnmechanismus: Vier Augen, im Fall Europas sogar fünfzig, sehen nun einmal mehr als nur zwei.
Europa muss bei Bedarf dem Bürger konkret unter die Arme greifen und spürbar sein. Es muss, besser als heute, in Krisensituationen vor Ort sofort helfen, bei Überschwemmungen ebenso wie bei Bedrohungen durch organisierte Kriminalität oder Terrorismus. Europa muss da sein, wenn man es braucht.
Unsere Gesellschaften werden bunter. Unsere Lebensgewohnheiten haben sich im letzten halben Jahrhundert dramatisch verändert. Dazu genügt ein Blick auf die Kulinarik: Wo früher traditionelle Hausmannskost herrschte, haben das Tiramisu, der Hamburger und das Wok-Gemüse, das Kebab und das Sushi europaweit ihren Siegeszug angetreten.
Vielfalt ist Bereicherung. Sie braucht im Zusammenleben jedoch klare Regeln. Unübersichtlichkeit schafft Verunsicherung. Größere Vielfalt ist deshalb auch eine Organisations- und Managementaufgabe. Vom Traum zum Text - es ist Teil unserer Arbeit, Europa als Rechtsgemeinschaft zu entwickeln. Regeln schützen Schwächere.
Europa ist dabei auch eine Art Überlebensversicherung für kleinere Sprachen und Kulturen, für Minderheiten aller Art. Europa schützt vor einer Dominanz "des Großen" und "der Großen".
Das positive Wahrnehmen des anderen als Bereicherung lässt sich erlernen. Es verlangt den Willen zur Integration und damit zum Miteinander auf allen Seiten. Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit, weder gegenüber den eigenen Werten und Überzeugungen, noch gegenüber den Ansprüchen anderer. Der Abbau von Feind- und Aufbau von Freundbildern ist eine moderne europäische Qualität, geboren aus der mühsamen Überwindung Jahrhunderte langer Konflikte auf unserem Kontinent.
Historische Pilotprojekte
Die großen Projekte der EU waren immer auch historische Pilotprojekte. Es gibt keine Erfahrungswerte über die Einführung einer gemeinsamen Währung oder über die Verdoppelung der Mitgliederzahl eines supranationalen Gebildes in weniger als einem Jahrzehnt - von der Zwölfergemeinschaft 1994 zum Europa der Fünfundzwanzig im Jahre 2004. Die schrittweise Verwirklichung der europäischen Perspektive der Balkanländer als Umsetzung des europäischen Friedensprojekts dieser Jahre Europa ist ein permanenter Prozess des Voneinander- und Übereinander-Lernens, ein engagiertes Aufbauen immer neuer Partnerschaften, lebendiges Management von Vielfalt und Buntheit.
Im europäischen Orchester kann es nicht nur Solisten geben. Aus der Spannung zwischen Solisten und dem Erfordernis einer Gesamtharmonie entspringt der spezielle Klang Europas, sein spezifisches Lebensmodell.
