"UNSERE AUGEN SOLLEN DENKEN" - MUTMASSUNGEN über MARIA LASSNIG
19.04.2005
Es gilt das gesprochene Wort
Eröffnung der Ausstellung von Maria Lassnig
Essl-Sammlung, in Klosterneuburg
am 19. April 2005
"UNSERE AUGEN SOLLEN DENKEN"
MUTMASSUNGEN über MARIA LASSNIG
durch Bundesministerin für auswärtige Angelegenheiten
Dr. Ursula Plassnik
"Diese verblödenden Lobreden!
Die einen, die mich ausnützen wollen, wiegeln mich gegen die anderen auf, die mich auch ausnützen wollen."
Ich setze bewusst dieses Zitat von Maria Lassnig aus dem Jahre 1985 an den Anfang und werde versuchen, mich an diese "Weisung" der Künstlerin halten.
Ich wiederhole also sozusagen nur der Form halber, dass Maria Lassnig eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart ist, vielfach ausgezeichnet, hoch geehrt, mit ihren Werken am Weltmarkt zuhause, der weibliche Leuchtturm der zeitgenössischen österreichischen Malerei.
Ich treffe Maria Lassnig heute zum ersten Mal persönlich - und ich gebe es zu - ich hätte mir gewünscht, diese Begegnung fände nicht im öffentlichen Raum statt. So bleibt mir nichts anderes übrig, als Mutmaßungen über Maria Lassnig anzustellen, ohne sie persönlich bisher überhaupt zu kennen.
In diesem Sinne, liebe Maria Lassnig, ersuche ich also um wohlwollende Großherzigkeit wenn ich Ihnen auf diese Art mitteile, was mich seit geraumer Zeit an Ihnen und Ihrem Werk fasziniert.
Möglicherweise ist meine Wahrnehmung mitgeprägt davon, dass auf unser beider inneren Lebenslandkarten der Lendkanal in Klagenfurt ebenso auftaucht wie die Ursulinerinnen und die Feistriz, kombiniert mit Wien - Paris - und New York.
1. Mutmaßung:
Maria Lassnig die Eigenwillige
Maria Lassnig ist konsequent bei sich geblieben, sie hat allen Anfechtungen getrotzt, sich allen Einordnungsversuchen widersetzt. Sie hat sich nie in eine Schublade quetschen lassen. Es erfüllt mich mit stiller weiblich-solidarischer Genugtuung, dass sie sich damit auch durchgesetzt hat. Maria Lassnig ist heute anerkannt als eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart, ihre Bilder sind unverwechselbar. Sie ist - jeweils durchaus überraschungsvoll - erkennbar, aber nur sich selbst zuordenbar. Auch die Einordner und Kästchenverwalter haben es mit der Zeit aufgegeben, sie dieser oder jener Richtung zuzuordnen. Man billigt ihr Autonomie und Souveränität zu, man erkennt ihr Recht an, kompromisslos sie selbst zu sein.
Ja, es hat Zeit gebraucht, der Erfolg hat sich erst spät eingestellt, und ihre heutige Anerkennung darf die vielen Missverständnisse und Frustrationen der frühen Jahre nicht übertünchen oder gar leugnen. In ihren Anfängen wurde ihr Eigensinn sogar als gefährlich infektiös empfunden: Immerhin wurde sie 1943 von ihrem Lehrer Wilhelm Dachauer aus seiner Klasse an der Wiener Kunstakademie hinausgeworfen mit der Begründung, sie verderbe mit ihren entarteten Farben allmählich seine anderen Studenten.
2. Mutmaßung:
Maria Lassnig die Neu-gierige
"Ich bin kein Wiederverwerter" bringt sie es selbst auf den Punkt. Vielleicht ist es dieses unersättliche Verlangen nach dem noch nicht Dagewesenen, das die Frische und Jugendlichkeit ihres Werkes ausmacht. Ihr Werk verweist immer auf morgen, nie auf gestern. Maria Lassnig ist nicht nur eine Astronautin, als die sie sich in einem berühmten Selbstportrait darstellt, sondern sie ist auch eine Futuronautin - unterwegs in die Zukunft und in neue Fragestellungen.
Sie selbst wollte immer etwas erforschen, zuerst die Welt, dann - als schwierigstes - die Körperempfindung. Dabei ist Maria Lassnig auch immer Grenzüberschreiterin gewesen, in bisher "ungemalte" Regionen. Mit ihren Bildern überschreitet sie auch ganz bewusst die Grenzen der Sprache, indem sie sichtbar macht, was nicht - oder noch nicht - sagbar ist. "Man hat Gefühle im Körper, für die man überhaupt noch keinen Ausdruck hat. Es gibt ja so wenig Ausdrücke für die Körpertätigkeiten."
Aber es ist nicht nur der Körper, oder gar der Frauenkörper, dem sie mit ihrer unerbittlich sezierenden Neugierde zu Leibe rückt. Der Titel der heutigen Ausstellung "body.fiction.nature" kündigt es geradezu programmatisch an: die Natur ist ebenso ihrem Forschergeist ausgesetzt wie die Fiktion. Und zu ihrer künstlerischen Arbeit gehören neben der Malerei auch der Trickfilm, die Skulptur und das Wort. Ich empfehle übrigens die Lektüre ihrer Tagebücher aus lebenskundlichen wie aus literarischen Gründen!
3. Mutmaßung:
Maria Lassnig die Witzige
MARIA LASSNIG muss über eine erstaunliche Palette von Möglichkeiten zur humorvollen Distanz und Selbstdistanz verfügen: von verspielter Leichtigkeit über augenzwinkernde Ironie und pfiffige Frechheit bis hin zur Groteske und zum derben Scherz. Das gilt für ihre Farben wie auch für die - offenbar immer ex post vergebenen - Bildertitel. Von der "Knödelfiguration" über "das seilhüpfende Teuferl" bis zu den mir besonders ans Herz gewachsenen "heroischen Mistkübeln".
Mit diesem Humor fängt Maria Lassnig - zumindest für mich - manches von der Irritiertheit, ja Verstörung, auf, die immer auch von ihren Bildern ausgehen. Das Spiel mit der Maske, der Verkleidung liegt ihr - man denke an die Fotos mit MARIA LASSNIG als Freiheitsstatue, als Mafiaboss, als Diva, als Cowboy oder Harlekin. Aber auch die lustvolle Verwendung oft aberwitziger Utensilien für ihre gemalten Selbstportraits: vom Schwimmgürtel über den Maulkorb bis zum Schwein, vom Marmeladeglas über den Niagara-Stuhl bis zur Gartenschere.
Erfrischend auch ihr trockener Humor im Umgang mit dem Thema "Altern": "Man wird ja nur deshalb alt und stirbt, weil es einem einmal zu blöd wird, dies aufzuhalten durch jung erhaltende Gymnastik, Schonkost und was es da noch gibt."
4. Mutmaßung:
Maria Lassnig die Fragenstellerin
Ich denke mir Maria Lassnig als eine, die nicht zerstört, wohl aber als eine, die notfalls jeden Stein aufhebt und umdreht. Mit Oberflächen hat sie sich nie zufrieden gegeben. Sie hat eine neue Form der Sichtbarmachung von Innen und Außen gefunden. Maria Lassnig ist eine "Corponautin", auf ihrer unendlichen Reise durch die Empfindungen des Körpers deckt sie Spannungen und Verbindungen auf und weist hin auf Geheimnisse und Rätselhaftigkeiten: Sagt sie 1999.
Sie beschäftigt sich aber auch mit existentiellen und politischen Fragestellungen, denn "die Kümmernisse der Welt sind unsere Angelegenheit. Die Malerei ist ein Liebesbeweis an die Menschheit." Ob atomare Gefahr für den Menschen oder die Bedrohtheit der Tiere und Landschaften - Maria Lassnig schlägt Alarm. Besonders eindrücklich für mich das Bild "Erniedrigte und Beleidigte" (2002). Im Zentrum ihrer Kunst steht geradezu trotzig der Mensch: "Meine Kunst ist die, die sich im Menschen entwickelt und von menschlichen Empfindungen (nicht Gefühlen ) ausgeht. Die moderne Kunstphilosophie will das nicht mehr, weil der Mensch immer unnotwendiger wird (meinen sie)." Maria Lassnig ist also auch eine hartnäckige Verteidigerin des Menschen als Aufmerksamkeitsmagnet der Kunst und wohl auch der Menschlichkeit in der Welt. Dazu gehört für mich übrigens auch der Zyklus "Landleute", in dem sie sich mit liebevoller Zuwendung ihren Nachbarn und Dorfgenossen in der Feistritz widmet.
5. Mutmaßung:
Maria Lassnig die Mutige
MARIA LASSNIG stellt sich dem Leben, sie weicht nicht aus. Sie ist eine Unerschrockene. Und sie zahlt den Preis dafür, dass sie sich einlässt: Verzweiflung, Isolation, Heimatlosigkeit, Unverstandenheit, Einsamkeit, Todessehnsucht. Allein ihr Dasein ist ein Kampf von Kindheit an: "Ich habe immer schon, schon sehr jung, um eine Art Anwesenheit gerungen. In dieser meiner Kunst der Versenkung bis zu den Fiebern der Nervenfasern und ihrem Vibrieren habe ich den Nebel der Abwesenheit bezwungen."(1996). Und im Winter 1944, als 25jährige, notiert sie "Mir geht es wie einer feinen Apothekerwaage, auf der man Mehlsäcke wiegt."
Und dann eine fast gespenstische Parallele zu einer anderen großen Kärntner Künstlerin, zur Dichterin Ingeborg Bachmann: Die bittere Erfahrung des Umgebrachtwerdens. Zitat MARIA LASSNIG: "Man stirbt nicht, man wird umgebracht. Viele Schläge brechen das Herz. Dass ich bis zum Schluss strampeln muss wie eine Verrückte, meine Arbeit verteidigen muss wie eine Anfängerin, missverstanden und beiseite geräumt werde wie eine räudige Sau, das ist wohl ein gerechtes Schicksal?" Dazu der letzte Satz von Ingeborg Bachmanns "Malina": "Es war Mord".
Trotzdem, meine Damen und Herren - Maria Lassnig gibt sich nie der Düsternis oder gar der Resignation hin. Dazu ist sie zu neugierig mit der Welt verbunden und stellt als Kontrapunkt zu allen inneren Anfechtungen den Aufruf in den Raum: "Die Welt ist einfach viel zu interessant!"
Auch Maria Lassnig ist übrigens eine, die wie Ingeborg Bachmann, immer wieder aufgebrochen ist in die Weite, und die immer wieder zurückgekommen ist an den Ausgangspunkt. Wurzelgequälte und vielleicht wurzelversöhnte Weltfrauen beide, beide ausgestattet mit einem geradezu maßlosen Absolutheitsanspruch in ihrer Kunst, die sie sich zum Lebenszentrum gemacht haben.
Und ich zitiere jetzt IB: "Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten. Dass wir es erzeugen, dieses Spannungsverhältnis, an dem wir wachsen, darauf, meine ich, kommt es an; dass wir uns orientieren an einem Ziel, das freilich, wenn wir uns nähern, sich noch einmal entfernt."
6. Mutmaßung:
Maria Lassnig die Kärntnerin
"Ich bin aus dem Süden Kärntens, da kommen die Farbmaler her."
Es ist wahr, irgendetwas an den Farben der MARIA LASSNIG ist einem gleichsam von Anfang an vertraut, wenn man aus dem Krappfeld kommt oder aus dem Metzniztal, oder aber aus Südkärnten. Von den Fresken im Gurker Dom bis zu Herbert Boeckl und Werner Berg führen die Farbspuren im Werk der MARIA LASSNIG. Diese verblüffende Bandbreite an Blaugrün und Grünblau, vom wässrigen zum schleimigen, vom dichten zum hauchzarten, von Petrol zu Türkis. Dazu diese schwerwiegenden Violetts und erdigen Rosas. Das Luftig-Leichte ist wohl nicht das ureigenste Element der Kärntner.
In ihrer Dankesrede für den Kärntner Landespreis legt MARIA LASSNIG, die vielgereiste Kosmopolitin, 1985 ein berührendes Zeugnis ab über die Wichtigkeit, auch dort angenommen und verstanden zu werden, wo man herkommt: "Es ist merkwürdig, wenn man sich in der weiten Welt herumgetrieben hat, dort und da belobt oder geschlagen wurde, wenn man dann nach Hause kommt, wo man als gehemmtes Kind, als verkannte und verlachte Schülerin auf der Deppenbank saß und in Tränen am nebligen Lendkanal umherirrte. Dass man da, wo weder Mitschüler noch Eltern etwas von einem erwarteten, und man selbst nichts von sich und dem Ort hier erwartete, dass man gerade hier einen großen Preis bekommt; und es ist schöner und noch viel mehr ans Herz rührend, als wenn man den New York State Council Price bekommt."
Liebe Maria Lassnig!
Sie haben es geschafft, sie finden Anerkennung vom Lendkanal bis zum Hudson River, Sie sind angekommen bei Erfolg und Wertschätzung, Sie sind Vorbild für junge Künstler und Künstlerinnen.
Sie sind aber auch - und ich sage das mit dem gebotenen Respekt - Identifikations - und Orientierungsfigur für viele Frauen in diesem Land. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie nie eine Vorbildrolle gesucht haben, ja, dass Ihnen so etwas verdächtig und vielleicht sogar ein bisschen unangenehm ist. Und trotzdem: Lassen Sie es zu! Seien Sie großzügig. Es gibt in dieser unserer Welt immer noch einen Mangel an Weiblichem in der öffentlichen Welt. Solange wir zwar ganze Ketten männlicher Vorbilder in unserem kollektiven Gedächtnis speichern, aber nur ausnahmsweise weibliche, solange ist diese Welt noch nicht im Lot! Sie, liebe Maria Lassnig, führen uns buchstäblich vor Augen, dass Frauen durchaus auch Astronautinnen, Motorradfahrerinnen, Fußballspielerinnen und Malerinnen sein können.
Sie sind eine Mutmacherin, der wir Frauen in Österreich viel verdanken!
Zufall oder nicht: Maria Lassnigs kraftstrotzendes, aber auch zutiefst bedrohliches Bild "Womanpower" - das Sie heute sehen können - ist im Jahre 1979 entstanden, ausgerechnet in dem Jahr, in dem in New York die UNO einen internationalen Meilenstein der Gleichberechtigung setzt, nämlich die "Konvention für die Beseitigung aller Arten von Diskrimination gegen Frauen". Insofern verkörpert Maria Lassnig auch eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte: den Kampf der Frau um Autonomie und Souveränität, also die Überwindung von Fremdbestimmtheit und des "Definiertseins" von außen.
Bevor ich Sie, meine Damen und Herren, jetzt einlade, "mit den Augen zu denken" und sich in die Betrachtung der Werke von Maria Lassnig zu stürzen, möchte ich mich beim Ehepaar Agnes und Karlheinz Essl bedanken. Sie haben seit Jahrzehnten Maria Lassnig "in die Tiefe" gesammelt und das Ergebnis ist einer der umfassendsten und spannendsten Lassnig- Bestände überhaupt. Danken möchte ich auch allen Mitarbeitern der Sammlung Essl, der Kuratorin Frau Dr. Christine Humpl und all denen, die diese Ausstellung ermöglicht haben.
In diesem Sinne eröffne ich die Ausstellung und wünsche ihr in Österreich und international den verdienten Erfolg.
