"ISLAM IN EINER PLURALISTISCHEN WELT" - Einführungsbemerkungen
15.11.2005
Es gilt das gesprochene Wort!
"ISLAM IN EINER PLURALISTISCHEN WELT"
Einführungsbemerkungen
Bundesministerin Dr. Ursula Plassnik
Wien, 15. November 2005
Meine Damen und Herren,
In diesen Tagen beschäftigen uns wahrhaft verstörende Bilder:
- Der Nahe Osten:
Terroranschläge in Amman, bei denen Muslime auch ihre muslimischen Glaubensbrüder töten, bei einem Hochzeitsfest. Und Demonstrationen, bei denen sich die empörte Bevölkerung gegen diese heimtückischen Gewalttaten auflehnt.
- Und Europa, Pariser Vorstädte:
Brennende Autos, Schulen, Kindergärten, Sportzentren. Zorn- und hasserfüllte Jugendliche, entsetzte Eltern, eine ratlose Gesellschaft. Muslimische Gemeindeführer, die zu Besonnenheit und einem Ende der Gewalt und Zerstörung aufrufen.
Sowohl Amman als auch Paris haben keinen direkten Bezug zum Islam. Das wissen wir - und doch stellen manche einen diffusen Bezug her.
Muslime und Musliminnen in aller Welt leiden zunehmend unter einer unzulässigen Verbindung von Islam mit Gewalt oder gar Terrorismus. Sie distanzieren sich klar von diesem grausamen Missbrauch ihrer Religion durch menschenverachtende Attentäter, die den Tod Unschuldiger zu ihrem abartigen Geschäft gemacht haben. Wir sollten sie dabei unterstützen.
Eines der Ziele der heutigen Konferenz ist es, gegen Vereinfachungen, Vorurteile und Feindbilder zu Felde zu ziehen. Es darf nicht einer Handvoll Terroristen gelingen, den Blick auf die Realitäten der muslimischen Gesellschaften in der Welt zu verstellen.
Der Kampf gegen den Terror ist ein gemeinsames Anliegen der Weltgemeinschaft, darüber gibt es einen weltumspannenden Konsens.
Gerade bei dieser schwierigen Auseinandersetzung müssen wir uns aber vor gefährlichen Vereinfachungen hüten. Dazu gehört insbesondere auch der Versuch, Terrorismus als Produkt eines "Krieges der Kulturen und der Religionen" darzustellen.
Aus unserer eigenen europäischen Vergangenheit wissen wir nur allzu gut, dass es immer wieder verbrecherische Fanatiker und Extremisten gibt, die religiöse oder weltanschauliche Grundsätze als Vorwand angeben, um Menschen heimtückisch zu töten, um die elementarsten Rechte anderer mit Füßen zu treten, ja, sogar um Krieg gegen das eigene Volk oder andere Völker zu führen.
Unsere Einladung ist in viele Länder gegangen, in denen ganz unterschiedliche Traditionen des Glaubens und der Koexistenz, Unterschiede in der Regierungsform, in der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung zu finden sind. Schon durch diese geographische Bandbreite erhoffen wir uns daher Einsichten in größere Zusammenhänge zu gewinnen.
Meine Damen und Herren,
Afghanistan und der Irak sind beide durch eine starke islamische Tradition geprägt. Die Menschen in beiden Staaten haben viele Jahre der Unterdrückung und der Tyrannei durchlitten. Heute arbeiten sie mit aktiver Unterstützung der gesamten internationalen Gemeinschaft am Aufbau einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Sie haben unter schwierigsten Bedingungen und Gewaltdrohungen Wahlen durchgeführt und Verfassungen entwickelt - mit all den komplexen Fragen, die in islamischen Gesellschaften zu klären sind, wie etwa dem Islam als Rechtsquelle und der Stellung der Frauen.
Die beiden Hauptredner des heutigen Vormittages, die Staatspräsidenten Afghanistans und des Irak, werden uns über ihre Erfahrung im Umgang mit Pluralismus und Vielfalt als Gestaltungsherausforderung für die Politik - aus der Nähe und Betroffenheit ihrer unmittelbaren Zeugenschaft berichten.
Meine Damen und Herren,
In unserer so vernetzten und auch so verwundbaren Welt ist der praktische Umgang mit Vielfalt eine brennend aktuelle praktisch-politische Herausforderung. Ob im Zuge des Aufbaues eines demokratischen Staatswesens in islamischen Ländern wie in Afghanistan und im Irak, oder bei der Gestaltung des täglichen Miteinanders verschiedener Kulturen in Europa.
Im Zuge dieser Tagung wollen wir die Frage behandeln, wie verschiedene islamisch geprägte Gesellschaften heute mit den Herausforderungen einer zunehmend pluralistischen Welt umgehen.
Zugleich wollen wir aber auch diskutieren, was in Europa getan werden kann, um das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen zu fördern.
Auf die besondere Bedeutung des Wortes und einzelner Worte wurde gestern schon in mehreren Beiträgen hingewiesen. Ich bin überzeugt, dass wir alle hier - und zwar bei beiden Facetten der von uns zu behandelnden Fragen - zu größter Behutsamkeit und größtem Verantwortungsgefühl aufgerufen sind. Im Umgang miteinander - ob zwischen Staaten oder Gemeinschaften oder Individuen - ist es unakzeptabel, das Existenzrecht des anderen in Frage zu stellen.
Wir werden uns in dieser Tagung auch mit der Frage befassen, wie universelle Werte, die allen Menschen und Kulturen gemeinsam sind, mit spezifischen nationalen, regionalen oder religiösen Traditionen vereinbart werden können.
Es ist dies keine neue Diskussion. Die Universalität der Menschenrechte im jeweiligen Umfeld wurde etwa auf der Weltkonferenz für Menschenrechte in Wien im Juni 1993 bekräftigt.
Unser gemeinsames Verständnis von Menschenrechten geht aus von einem Menschenbild, zu dem sich alle drei großen monotheistischen Weltreligionen bekennen: Christen, Juden und Muslime verbindet die Überzeugung von der Einmaligkeit des Menschen; es verbindet sie zugleich das Bewusstsein, dass Würde und Wert des Menschen von keiner äußeren Gewalt, keiner Regierung und keiner staatlichen Autorität bestimmt werden, sondern unmittelbar aus seiner Natur herrühren.
In der Praxis gibt es freilich in vielen Teilen der Welt und gerade auch in islamischen Staaten sehr unterschiedliche Zugänge und Positionen zu vielen jener Grundsätze und Ordnungsprinzipien, denen sich unsere Gesellschaft verpflichtet fühlt. Wir wollen diese Unterschiede auch ganz bewußt in den Dialog einbeziehen, denn eine gleichsam "verflachende" Beschreibung unserer Meinungsverschiedenheiten hilft uns nicht weiter. Es ist nicht überraschend, dass im Gespräch der Theologen und Experten das Gemeinsame und Verbindende recht rasch gefunden werden kann. Es gibt zwischen den drei aufeinander bezogenen Weltreligionen wichtige gemeinsame Traditionen und Überlieferungen.
Die gesellschaftlich-kulturelle Praxis der Religionen entspricht aber nicht immer diesen fundamentalen Prinzipien. Diese Praxis bestimmt das breite religiöse Selbstverständnis oft mehr als die hohe Theologie das tun kann.
Es ist daher wohl auch die sehr praktische Herausforderung für religiöse Führer, einem Auseinanderklaffen von geistiger Grundlage und gesellschaftlicher Praxis entgegen zu wirken. Damit kann ein wichtiger Beitrag geleistet werden, zu einer Stärkung von Identität, die integrierend und nicht isolierend wirkt.
Meine Damen und Herren,
Unser Treffen ist längst nicht mehr eine Begegnung zweier unterschiedlicher Lebenswelten: hier der Westen - dort die islamische Welt. Der Islam ist längst Bestandteil unserer neuen europäischen Lebensrealitäten. Gerade als Ergebnis der Wanderungsbewegungen der letzten Jahrzehnte ist die Stellung des Islam in den europäischen Ländern ein Thema, das wir im Alltag erleben.
Wir müssen den Dialog der Kulturen daher realitätsnäher führen, mit mehr "Bodenkontakt" als bisher. Theologische Debatten geben uns nicht immer brauchbare Antworten für die drängenden und ganz konkreten Probleme des täglichen Umganges miteinander. Argwohn und Misstrauen dürfen sich nicht tiefer einfressen in unsere Gesellschaft und unsichtbare Gräben reißen oder unsichtbare Mauern bauen zwischen den Gemeinschaften. Wir sind gemeinsam dafür verantwortlich, den Alltag der kulturellen Vielfalt lebensnah zu gestalten: in der Schule, bei den Wohnverhältnissen, in der Glaubensausübung, bei der Einbindung in das Gastland, aber auch bei der Vermittlung von Gemeinschaftssinn und gemeinsamer Verantwortung.
In Österreich verfügt die Islamische Glaubensgemeinschaft schon seit 1912 über den Status einer anerkannten Religionsgemeinschaft. Vor zwei Jahren hat sie in Graz eine Konferenz von Imamen und Leitern islamischer Zentren in Europa veranstaltet, in der es insbesondere auch um die Stellung von Muslimen in Europa gegangen ist.
In der Schlusserklärung dieser Tagung bekannten sich die geistlichen Führer der 20 Millionen Muslime Europas zu folgenden Prinzipien:
- Absage an jegliche Form von Fanatismus, Extremismus und Fatalismus
- Menschenrechte als zentraler Bestandteil des Islam
- Loyalität gegenüber Verfassung und Gesetz
- Pluralismus als im Islam von Gott gewolltes Prinzip.
Ferner heißt es wörtlich:
"Die europäischen Muslime sind sich ihrer religiösen Identität als Muslime und ihrer gesellschaftlichen Identität als Europäer gleichermaßen bewusst."
Diese Aussagen sind richtunggebend und ermöglichen aus meiner Sicht die Verbindung von religiösem Zugehörigkeitsgefühl zum Islam und eine positive Identifizierung mit Österreich; wir alle werden darauf weiter aufbauen. Während unserer EU-Präsidentschaft planen wir daher, gemeinsam 2006 eine weitere Konferenz der europäischen Imame abzuhalten.
Gestatten Sie mir als Frau einen Hinweis, der im Grunde beide Komponenten unseres anspruchsvollen Themas betrifft: Die Rolle der Frauen. Vor genau 100 Jahren hat eine große Österreicherin und Mitteleuropäerin, Bertha von Suttner, den Friedensnobelpreis erhalten. Sie hat in ihrem berühmten Werk "Die Waffen nieder" für die Überwindung des Krieges gekämpft. Sie hat auch direkt an die Frauen appelliert, sich in die gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozesse einzubringen. Erst wenn die Erfahrungen und Einsichten der Frauen auch direkt Eingang finden in den Aufbau und in das Funktionieren einer Gesellschaft, wird diese Gesellschaft auch den Bedürfnissen aller entsprechen können.
Meine Damen und Herren,
Unser Ziel muss es jedenfalls sein, weltweit alles zu tun, um jene Extremisten Lügen zu strafen, die uns von allen Seiten weismachen wollen, dass ein friedliches und alle bereicherndes Zusammenleben zwischen Christen, Juden und Muslimen ohnehin nicht möglich sei.
Die Geschichte lehrt uns das Gegenteil: Christen, Juden und Muslime haben sehr häufig bemerkenswerte kulturelle und geistige Großtaten genau in jenen Regionen - und genau in jenen Epochen - vollbracht, in denen sie in Frieden miteinander lebten. Zeitalter, in denen Offenheit und Pluralismus prägend waren.
Was aber war das Geheimnis geglückter Beispiele eines erfolgreichen Zusammenlebens? Es war letztlich ein Klima des ununterbrochenen Dialogs, des Miteinander und des Respekts.
Die Modelle der Vergangenheit werden wir heute nicht wiederbeleben können und wollen. Um in der pluralistischen Gesellschaft des globalen Dorfes von heute in Frieden zusammenleben zu können, brauchen wir ein neues Denken, ein neues Fühlen und ein neues Handeln:
- Wir müssen noch viel stärker als bisher den offenen Dialog und das aufmerksame Miteinander suchen. Auf allen Ebenen, über alle Netzwerke, vor allem auch dort, wo Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen einander im Alltag begegnen: in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde.
- Wir müssen gemeinsam gegen Extremismus und Fanatismus auftreten, in Wort und Tat. Und uns zur Wehr setzen gegen den Missbrauch von Religion oder Kultur als eine Art "Berufungsgrundlage" für menschenverachtenden Terrorismus.
- Wir müssen uns bewusst um neue Formen des Zusammenlebens bemühen. Niemand soll in eine Art Ghetto zurückgedrängt werden, niemand soll sich dorthin zurückziehen.
- Ein jeder sollte auch bereit ist, dem Andersdenkenden bei sich zu Hause jene Freiräume und Möglichkeiten - etwa bei der Religionsausübung - zu gewähren, die er für sich selbst mit gutem Recht in anderen Kulturkreisen einfordert.
- Wir müssen uns anspruchsvolle Etappenziele geben: als Minimalstandard das friedliche Nebeneinander. Als nächste Stufe das gedeihliche Miteinander. Und als wünschbares Fernziel das wirkliche Füreinander in einer gemeinsamen Gesellschaft, in einer gemeinsamen Welt.
- Und wir müssen die Augen auf die Zukunft richten, um die Jugend zu unterstützen. Gerade sie darf weder in die Selbstverleugnung, noch in die Verleugnung des anderen geraten.
Der Treibstoff der Zukunft ist Hoffnung - Hoffnung auf Chancen, Hoffnung auf Wahrgenommenwerden und vor allem Hoffnung darauf, die vielen Bestandteile der eigenen Identität komplexfrei und im Einklang mit dem Nachbarn auch tatsächlich leben zu dürfen.
In diesem Sinne wünsche ich uns fruchtbare Diskussionen und danke allen Mitwirkenden: Sie setzen mit ihrer Anwesenheit auch ein persönliches Zeichen für die Wichtigkeit des Dialoges der Kulturen in unserer Zeit. Ihre Beobachtungen, Analysen und Vorschläge sollen in den Reflexionsprozess einfließen, der heute in vielen Ländern und internationalen Organisationen zu Fragen des Islam geführt wird.
Wenn ich einen Wunsch habe, dann den, dass aus unseren Diskussionen möglichst viele Impulse füreinander ausgehen, die uns weiterführen und uns helfen bei der Lösung der ganz konkreten Probleme.
Ich wünsche dieser Tagung einen weiteren guten Verlauf!
