Eröffnungsrede "Goya bis Picasso" von Außenministerin Dr. Plassnik
08.04.2005
Es gilt das gesprochene Wort!
Eröffnung der Ausstellung "Goya bis Picasso"
Albertina, 7. April 2005
durch
Bundesministerin Dr. Ursula Plassnik
Ich freue mich, die Ausstellung "Goya bis Picasso" hier in der Albertina zu eröffnen. Mein Dank gilt Jan Krugier und Marie-Anne Krugier-Poniatowski sowie Klaus-Albrecht Schröder und seinem Team für ihre Großzügigkeit, ihren Einsatz und ihre Professionalität.
Wir sehen in der Fülle und Vielfalt der gezeigten Werke Schönes und Schreckliches, den ganzen Reichtum des Lebens und der schöpferischen Kraft Europas über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten: Stillleben, Landschaften und Frauengestalten, Elemente der griechischen Mythologie, Armut und gesellschaftlich an den Rand Gedrängte.
"Goya bis Picasso" - das ist auch die Geschichte Europas als Geschichte von Zerstörung, Krieg, Leid und Tod " und eine berühmte kleine Geschichte der inneren Verbindung bestimmter Bilder über mehr als ein Jahrhundert hinweg.
Picasso hat uns 1937 in seinem zum Inbild der Kriegsgräuel gewordenen Fresko Guernica das Massaker, die willkürliche Grausamkeit des Luftangriffs auf die kleine baskische Stadt anschaulich gemacht, bei dem ein Viertel der Einwohner ums Leben gekommen sind und drei Viertel der Stadt zerstört wurden.
In wenigen Wochen schuf Picasso dieses Bild. Sein Freund und Vertrauter Paul Eluard war als ständiger Beobachter anwesend und berichtet, wie Picasso mit hochgekrempelten Ärmeln die Leinwand attackierte und dabei von Goya sprach, und seiner Art, die Schrecken der Napoleonischen Kriege festzuhalten.
Europa - das ist für uns heute aber auch die Überwindung der blutigen Geschichte des Vielvölkerkontinents, der Bürgerkriege, Religionskriege und Eroberungskriege. Europa, das im 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und den Vernichtungslagern der NS-Diktatur die schwärzeste Seite seiner Geschichte erfahren hat, ist heute friedlich vereint. Der bitteren Erfahrung unserer Geschichte stellen wir heute die Kraft des "Friedensprojektes Europa" entgegen.
Dieses Friedensprojekt zu vollenden und auszudehnen - etwa in unsere unmittelbare Nachbarschaft, auf den Balkan, - ist eine Aufgabe unserer Generation. Wir dürfen heute die Hoffnung haben, dass Srebrenica (vor 10 Jahren), die blutigen Ereignisse im Kosovo (vor 6 Jahren) und der Bürgerkrieg in Mazedonien (vor 5 Jahren) die letzten Massaker und Kriege auf europäischem Boden waren. "Nie wieder Krieg" - unsere praktische Arbeit im Alltag bleibt auf die Verwirklichung des großen Credos der Europäer gerichtet. Darin liegt die tiefe Sehnsucht und die alle kleinlichen Enttäuschungen überwindende Kraft der europäischen Integration.
Zum ersten Mal stellen wir der gewaltreichen Geschichte unseres Kontinents die Arbeit an Europa in Freiheit gegenüber, jenseits aller hegemonialen und imperialistischen "Entwürfe".
Meine Damen und Herren!
Vor genau 60 Jahren wurde das Konzentrationslager Bergen-Belsen von den Engländern befreit - es war am 15. April 1945. Jan Krugier war unter ihnen, einer von 60.000 Gefangenen in Bergen-Belsen allein. 14.000 von ihnen starben bis Juni 1945 unmittelbar an den Folgen des Erlebten.
Die Erinnerung daran kann und darf nicht vergehen.
Und vielleicht sollten wir gerade der Schönheit der heute gezeigten Bilder auch begegnen im Bewusstsein, eine Gegenwelt sehen zu dürfen zu den unauslöschbar finsteren Bildern der Jahre des Schreckens. "Hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen" notiert Dietrich Bonhoeffer in Dachau.
An die Jugend der Welt hat ein anderer Überlebender der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Simon Wiesenthal, eine eindrückliche Botschaft gerichtet:
"Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich bei meinen Vorträgen Worte suchen soll, die meine Zuhörer zu Tränen bewegen. Aber ich glaube damit macht man es sich zu leicht: Tränen fließen schnell - ein kitschiger Rührfilm im Kino an der nächsten Ecke genügt. Das, was ich hervorbringen will, ist Wissen um das Grauen und Wissen um die Gefahr.
Ich möchte, dass meine Zuhörer nicht so sehr hier und heute betroffen sind als vielmehr, dass diese Betroffenheit ihr ganzes Leben hindurch in ihnen wachgerufen werden kann. "Sie sollen, wenn sie auf einem Bahnhof warten und sich auf eine Reise in den Osten freuen, hin und wieder daran denken, dass durch denselben Bahnhof Züge mit Hunderttausenden Todgeweihten nach Osten rollten.
In Wirklichkeit wäre es angemessen, an jedem dieser Bahnhöfe ein Schild anzubringen, auf dem es heißt: Hier sind zwischen 1942 und 1945 Tag für Tag Züge durchgefahren, die nur die eine Aufgabe hatten, Menschen der Vernichtung zuzuführen. Man kann diese Tafeln nicht überall anbringen - aber man kann sie im Kopf behalten."
Jan Krugier trägt diese Bilder in sich. Als Überlebender hat er seine persönliche Antwort gefunden auf das Grauen, auf die Unmenschlichkeit: Das Sammeln von Kunst, "die Suche nach dem Größten und Erhabensten, das die Menschheit hervorgebracht hat" umfasst für ihn auch die Möglichkeit, dass es mit der Zeit vielleicht gelingen würde, sich trotz der nie verstummenden qualvollen Erinnerungen mit der Menschheit zu versöhnen.
Jan Krugier hat sich entschieden für den Humanismus, für die Hoffnung und für die befreiende und heilende Kraft der Kunst in einer unheilen Welt. Er hat sich dafür entschieden, dem Verlust des Weltvertrauens die Suche nach dem Glauben an die Menschheit entgegen zu stellen. Einer Zeit unfassbaren Grauens setzt er gleichsam als Kontrapunkt die Zeitlosigkeit großer Kunst entgegen.
Welch berührende Antithese auch zum schrecklich ausweglosen Diktum von Adorno, wonach es "barbarisch" sei, "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben"!
Meine Damen und Herren!
Gewidmet hat Jan Krugier diese Ausstellung den Opfern des Holocaust, seinen Leidensgefährten, insbesondere den rassisch verfolgten Roma und Sinti, seinen polnischen Kameraden und den österreichischen und deutschen Widerstandskämpfern.
2005 gedenkt Österreich auch der dunkelsten Kapitel seiner Geschichte. Wir haben es uns damit lange Jahre zu leicht gemacht, aber wir bemühen uns heute ehrlich und aus tiefer innerer Überzeugung, auch der eigenen Verstrickung in jenen Abgrund gerecht zu werden.
Die heutige Ausstellung steht für mich auch in diesem Zusammenhang, sie ist eine kostbare Bereicherung des "Gedankenjahres" 2005. Jan Krugier und Marie-Anne Krugier-Poniatowski und die Werke, die ihnen so viel bedeuten und so viel geben konnten, heute bei uns zu haben, ist uns eine besondere Ehre. Wir nehmen ihre Geste des "Mit-Teilens" dankbar an.
Lassen Sie mich Jan Krugier und Marie-Anne Krugier-Poniatowski die letzte Zeile eines Gedichts von Paul CELAN widmen, der uns einen Weg weisen mag in die Zukunft.
"...Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen."
