Festakt "50 Jahre Staatsvertrag" im Belvedere
15.05.2005
Es gilt das gesprochene Wort
"50 Jahre Staatsvertrag"
Erklärung von BM Dr. Ursula Plassnik
Oberes Belvedere, am 15. Mai 2005
Sehr geehrte Festgäste!
Sehr geehrte Vertreter der Signatarstaaten!
In dieser festlichen Stunde möchte ich Ihnen im Namen der Österreicherinnen und Österreicher danken: danken für Ihre Anwesenheit heute, aber auch für die Worte der Sympathie und Anerkennung.
Sie ehren damit unser Land und die Menschen, die im Schatten einer furchtbaren und belastenden Geschichte der Mitverantwortung die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Die mit Mut und Zuversicht für die Zukunft dieses Landes gearbeitet haben – für eine Zukunft in Freiheit und Würde, für eine Zukunft in Verantwortung.
Meine Damen und Herren!
1955 hat die Welt in uns investiert: politisch, wirtschaftlich und vor allem an Vertrauen: Sie hat an Österreich geglaubt. – Vor allem Sie, die vier Signatarmächte des 15. Mai haben an uns geglaubt.
Unsere Eltern und Großeltern sind mit ihrem Vertrauensvorschuss verantwortungsvoll umgegangen. Gestützt durch Ihre Hilfe haben sie ein Land wieder aufgebaut, das rasch seinen Platz in der Staatengemeinschaft gefunden hat – im Dezember 1955 schon der Beitritt zu den Vereinten Nationen, im Jahr darauf zum Europarat. Ein Land, das heute allgemein geachtet, ja, von vielen sogar beneidet, wird.
Wenn wir oft von den „Vätern des Staatsvertrages“ sprechen, so wissen wir, dass sowohl die Erringung der Freiheit als auch der Wiederaufbau nicht nur „Väter“, sondern auch „Mütter“ hatte. Die Frauen Österreichs haben in diesen schweren Anfangsjahren Unvorstellbares geleistet. Ihnen sagen wir in diesem berührenden Augenblick ein tief empfundenes „Dankeschön“.
Wir, die Generation derer, die das Herzklopfen, das Bangen und Hoffen in der Zeit davor, aber auch die Euphorie des 15. Mai nicht unmittelbar erlebt haben, durften schon in einem friedlichen, ungeteilten Land aufwachsen. Im damaligen Vertrauensvorschuss sehen wir den Auftrag, auch unsererseits Zuversicht und Unterstützung weiterzugeben. Zu Versöhnung und Verständigung beizutragen, so gut wir können.
Als Nachbarn in Europa, als Partner in der Welt.
Meine Damen und Herren!
Österreich hat sich des Geschenks des 15. Mai 1955 als würdig erwiesen: Wir haben in den letzten Jahrzehnten 60.000 Friedenssoldaten in die Welt geschickt, wir beherbergen das dritte UNO-Hauptquartier und die OSZE, wir waren und bleiben Zuflucht für viele. Mehr als 500.000 Menschen wurden seither eingebürgert.
Aus Besatzungs- und Signatarmächten sind mittlerweile Partner, ja Freunde geworden. Heute verbindet uns mit ihnen ein besonderes Band des Vertrauens und der Wertschätzung. Gemeinsam mit ihnen wenden wir uns nun den großen Aufgaben zu, die vor uns liegen.
Denn der Wiederaufbau Europas ist noch nicht vollendet, solange es auf diesem Kontinent Völker und Menschen gibt, für die Freiheit und Sicherheit keine Selbstverständlichkeiten sind. Deren Gegenwart noch gezeichnet ist von Bruderkrieg, Zerstörung und Misstrauen.
Wien liegt diesem benachteiligten Europa näher als andere europäische Städte. Von hier aus, von Wien, führen auch seit langem viele tiefe und gehaltvolle Verbindungslinien in dieses Europa; sie gilt es jetzt zu nützen.
Österreich wurde geholfen; jetzt helfen wir! In der Europäischen Union, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und mit Russland.
Die Europäische Union hat einen einzigartigen Erfahrungsschatz für die friedliche Transformation ganzer Gesellschaften entwickelt. Sie ist die Antwort auf eine jahrhundertelange Geschichte blutiger Konflikte auf diesem so kleinen Kontinent. Sie hat uns die Überwindung von Gegensätzen mit den Mitteln der Wirtschaft und der Solidarität der Tatsachen gelehrt. Sie bringt uns bei, wie man mit Vielfalt umgeht. Sie ist das Bindemittel für ein dauerhaftes friedliches Miteinander.
Der Platz aller südosteuropäischen Staaten – wie schwierig und schmerzlich ihre jüngste Vergangenheit auch gewesen sein mag – kann deshalb nur in der Europäischen Union liegen. Die Achtung der Menschenrechte und die Entwicklung einer stabilen Demokratie sind Grundlagen für eine chancenreiche Zukunft, auch für Moldawien, die Ukraine und Weissrussland. Denn die nachhaltigste, wohl aber auch schmerzhafteste Form der Befreiung ist letztlich die Selbstbefreiung.
Österreich wird sie auf diesem Weg unterstützen. Unsere Verantwortung sind das partnerschaftliche Engagement und die nachbarschaftliche Nähe.
Vor uns – der Europäischen Union, Russland und den Vereinigten Staaten – liegen aber auch jenseits dieses Kontinents große Herausforderungen: So bemühen wir uns gemeinsam um eine Reform der Vereinten Nationen wie auch um den Frieden im Nahen Osten. So versuchen wir gemeinsam, Armut, Ausgrenzung und Krankheit in der Welt zu lindern. So kämpfen wir gemeinsam gegen Terrorismus und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, für Abrüstung, Konfliktverhütung, die Bewahrung der Umwelt und eine Kultur der Rechtsstaatlichkeit.
Denn auch das zeigt uns der Staatsvertrag klar: Eine enge Zusammenarbeit Europas, Russlands und der USA kann letztlich auch scheinbar unüberwindbare Probleme zum Nutzen aller lösen.
Meine Damen und Herren!
Am Anfang des neuen Österreich – aber auch des neuen Europa –standen Zuversicht, Vertrauen und die Bereitschaft, Chancen zu nützen, wenn sie sich bieten. Damals war die Unabhängigkeit Österreichs das Leitmotiv. Für die Jugendlichen von heute ist die Freiheit von Fremdbestimmung mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Das ist richtig und gut so. Aber: wir sollten genauer hinhören, wenn sie nach ihren Aussichten in einer vielfach geregelten Welt fragen: Wie können wir die Welt gerechter machen? Wie die Umwelt schützen und bewahren? Wie den erreichten Wohlstand fairer verteilen? Die Sehnsucht bleibt, sie trägt nur andere Kleider.
Diese Jugend wird die nächste Etappe des europäischen und globalen Friedenswerks bestimmen. Sie muss ihre Träume leben und ihre Freiheit selbst definieren. Sie hat in ihrem Selbstverständnis das Österreichische und das Europäische schon mühelos verwoben. Alle Möglichkeiten Europas stehen ihr offen.
Wenn unsere Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre der jungen Generation etwas mitgeben können, dann wohl dieses: Zuversicht und Vertrauen.
Lasst Euch ein darauf, dass es auf jeden von Euch ankommt!
Dass jeder seinen Beitrag leisten kann, zuhause und in der Welt.
Habt den Mut, Euch selbst und anderen zu vertrauen!
Danke, meine Damen und Herren.
