Von Madrid nach Mexiko: Die Beziehungen der EU mit Lateinamerika und der Karibik
20.01.2004
Es gilt das gesprochene Wort!
"Von Madrid nach Mexiko: Die Beziehungen der EU mit Lateinamerika und der Karibik"
Festvortrag der
Bundesministerin für auswärtige Angelegenheiten
Dr. Benita Ferrero-Waldner
anlässlich der Generalversammlung des
Lateinamerikainstituts
Wien, am 20. Jänner 2004
Sehr geehrter Herr Präsident!
Sehr geehrter Herr Generalsekretär!
Exzellenzen!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Es ist mir eine große Freude, heute zu den Beziehungen der EU zu Lateinamerika und der Karibik zu Ihnen zu sprechen. Das Thema ist in vielerlei Hinsicht ein besonders wichtiges und aktuelles. Ich meine dies deswegen, weil sich die EU und Lateinamerika gerade in den kommenden Jahren an einem möglichen Wendepunkt ihrer gemeinsamen Entwicklung sehen werden, wie dies seit nahezu 200 Jahren nicht mehr der Fall war. Dies eröffnet für beide Regionen große Chancen möglicher Zusammenarbeit im wirtschaftlichen, im politischen und im kulturellen Bereich, von der beide Seiten nur profitieren können.
Lassen Sie mich an den Beginn meiner Ausführungen eine persönliche Bemerkung stellen:
Ich habe - und die Mitglieder und Freunde des Lateinamerikainstituts wissen dies - eine emotionale Nahebeziehung zur spanischsprachigen Welt. Auch wenn Lateinamerika geographisch fern ist, sind mir daher die Beziehungen zu dieser Region in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht immer sehr am Herzen gelegen.
Ich bin überdies in den bisher fast 9 Jahren meiner Amtszeit zunächst als Staatssekretärin und die letzten vier Jahre als Außenministerin vehement für eine globale Sicht der österreichischen Außenpolitik eingetreten und habe mich daher auch persönlich sehr für die Beziehungen zu Mittel- und Südamerika engagiert.
Die erste öffentliche Äußerung, die ich 1995 als Staatssekretärin getroffen habe, war genau dieser Frage, nämlich der Globalisierung der österreichischen Außenpolitik gewidmet. Ich habe dies - so glaube ich sagen zu dürfen - in den folgenden Jahren auch tatsächlich sehr ernst genommen. So habe ich mehrere Besuchsreisen nach Lateinamerika unternommen und dabei die meisten seiner Länder besucht (konkret: Peru, Kolumbien, Venezuela, Brasilien, Nicaragua, Mexiko, Argentinien, Uruguay, Paraguay, Kuba und Chile). Allein während der letzten UNO-Generalversammlung in New York hatte ich ca. 40 bilaterale Treffen mit Außenministerkollegen, darunter eine große Zahl von lateinamerikanischen Außenministern. Einige von Ihnen darf ich zu meinen persönlichen Freunden zählen, wie die chilenische Außenministerin Maria Soledad Alvear und den brasilianischen Außenminister Celso Amorim, den ich aus meiner New Yorker Zeit gut kenne.
Ich glaube sagen zu können, kein österreichischer Außenminister hat je so enge Beziehungen zu Lateinamerika unterhalten wie ich.
I. Allgemeines
Meine Damen und Herren!
Worum geht es mir?
- Ich möchte dazu beitragen, das Potential der bilateralen Beziehungen voll auszuschöpfen, und zwar in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. Unsere Anstrengungen auf dem Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit gehören da ebenfalls dazu.
- Ich trete für die verstärkte Zusammenarbeit, die - wie es im Fachjargon heißt - biregionale Zusammenarbeit zwischen der EU und Lateinamerika sowie den lateinamerikanischen Integrationsräumen ein
- Schließlich halte ich es in unserer Welt der immer engeren internationalen Vernetzung und der neuen internationalen Herausforderungen für wesentlich, mit den lateinamerikanischen Ländern in den multilateralen Foren und in der UNO möglichst eng zusammenzuarbeiten.
Bilateral
Ich habe bereits eingangs die durchaus intensiven Beziehungen Österreichs mit dem lateinamerikanischen Raum angesprochen.
Dabei ist es mir als jemand, der selbst ursprünglich aus der Privatwirtschaft kommt, wichtig, die Wirtschaftsbeziehungen zu fördern.
Für viele österreichische Betriebe, insbesondere auf dem Sektor Maschinenbau, vermehrt aber auch bei technologisch hochstehenden Produkten sowie auch bei Konsumgütern, stellt Lateinamerika einen wichtigen Absatzmarkt dar. Eine ganze Reihe von österreichischen Firmen unterhalten dort Produktionsstätten oder Niederlassungen.
Mit der wirtschaftlichen Erholung in wichtigen lateinamerikanischen Ländern, wie Argentinien und Brasilien, sehe ich in diesem Bereich ein interessantes Wachstumspotential.
Lassen Sie mich als pars pro toto auf die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit meiner chilenischen Amtskollegin zurückkommen, die sich natürlich auch in wechselseitigen Besuchen niedergeschlagen hat.
Ich möchte daran erinnern, dass ich mich im EU-Rahmen seinerzeit sehr für das Zustandekommen des Assoziationsabkommens mit Chile eingesetzt habe. Die durch dieses Abkommen verbesserten Rahmenbedingungen haben es übrigens österreichischen Firmen erleichtert, in Chile Fuß zu fassen. So ist heute eine österreichische Firma [GeoConsult] am U-Bahn-Ausbau in Santiago beteiligt und eine andere österreichische Firma am Aufbau eines Mobiltelefonnetzes [Siemens].
Meine chilenische Amtskollegin und ich haben aber auch im Rahmen des "Netzwerks für menschliche Sicherheit" eng zusammengearbeitet, einer Gruppe von 13 Staaten aus allen fünf Kontinenten, die Fragen der individuellen Sicherheit der Menschen ihre besondere Aufmerksamkeit schenken, um möglichst vielen Menschen ein Leben in Freiheit von Not und Freiheit von Angst zu ermöglichen.
Hier haben wir, die wir 2001 bis 2003 aufeinander folgend die Präsidentschaft des "Netzwerks" ausgeübt haben, gemeinsam in einem sehr innovativen Bereich internationaler Zusammenarbeit mit konkreten Auswirkungen für Menschen, die dringend der Hilfe bedürfen, einiges erreichen können. Als ich im Juli 2002 den Vorsitz von Chile bei der Außenministerkonferenz in Santiago übernahm, habe ich dies auch mit einem offiziellen Besuch in Chile verbunden, der einen kurz zuvor erfolgten Besuch der chilenischen Außenministerin in Wien erwiderte.
Der Amtssitz Wien der Vereinten Nationen trägt natürlich sehr dazu bei, dass Außenminister aus geographisch entfernten Ländern relativ häufig nach Wien kommen und dies dann selbstverständlich auch für bilaterale Begegnungen nützen. Das ist insbesondere deshalb auch wichtig, weil das auch unserer Arbeit in den Vereinten Nationen und Wien als Amtssitz zugute kommt.
Sehr wertvoll in weltpolitisch bewegten Zeiten gestaltet sich auch die Zusammenarbeit Österreichs mit den lateinamerikanischen Sicherheitsratsmitgliedern in New York, wie z.B. Chile, bis kürzlich Mexiko und nunmehr voraussichtlich auch mit Brasilien.
Oder lassen Sie mich auf die Zusammenarbeit der "Menschenrechtsstädte" hinweisen, von denen Graz die erste europäische und Rosario in Argentinien die erste lateinamerikanische ist.
Den Menschenrechtsstädten kam unter meinem Vorsitz des "Netzwerks für menschliche Sicherheit", für den ich Menschenrechtserziehung als einen Schwerpunkt unserer Arbeit gewählt hatte, große Bedeutung bei. Entsprechend eng und erfreulich gestaltet sich auch die Zusammenarbeit mit diesen und untereinander.
Die Menschenrechte haben übrigens bei meinen Kontakten mit Lateinamerika immer eine große Rolle gespielt. Ich trete für einen offenen und freundlichen Dialog ein.
Ebenso zählt das humanitäre Engagement zu unseren Schwerpunkten in Lateinamerika. Ich denke zum Beispiel noch heute mit Rührung an das SOS-Kinderdorf in Cochabamba in Bolivien, das ich bei meiner Lateinamerikareise 1996 besuchte und zu dem Österreich einen kleinen Beitrag leisten konnte. Zu dem Kinderdorf gehörte auch ein Sozialzentrum und ein Tagesheim für ledige Mütter, um es diesen zu ermöglichen, sich zumindest einen kleinen Unterhalt zu verdienen.
Dies bringt mich zu dem wichtigen Thema unserer Entwicklungs-Zusammenarbeit. Ich freue mich, dass wir am Anfang eines Jahres stehen, in dem es gelungen ist, das Budget für Entwicklungszusammenarbeit als Teil der in Monterrey vereinbarten Partnerschaft um 30 % zu erhöhen. Dies gibt uns viel weitreichendere Möglichkeiten als bisher.
Dazu kommt, dass wir den Einsatz der Mittel effizienter gestalten können: erstens weil es mir gelungen ist, nach zehnjähriger Anlaufzeit die Entwicklungszusammenarbeit auf eine gesetzliche Basis zu stellen und zweitens weil wir per 1. Jänner 2004 die Abwicklung der EZA-Projekte ausgegliedert und der in Selbstverwaltung stehenden neu gegründeten Austrian Development Agency anvertraut haben.
Eine Schwerpunktregion der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit ist Zentralamerika, mit dem Schwerpunktland Nicaragua. Unser neuestes Projekt dort ist Teil des Programms zur Entminung der Grenzgebiete. Wir fördern aber insbesondere auch die ländliche Entwicklung sowie die der Mikro-, Klein- und Mittelbetriebe.
Darüber hinaus gehören zu den Kooperationsländern:
Costa Rica: Förderung der lokalen Entwicklung der Gemeinde La Gamba der nördlichen Grenzregion am Rio San Juan
El Salvador: Kleinkreditprogramme (wichtig vor allem für Frauen), alternative Landwirtschaft
Guatemala: Förderung der indigenen Bevölkerung, von Maya-Institutionen, interkultureller Erziehung, Wasserversorgung in der Gemeinde Qeutzaltenango.
Im übrigen Lateinamerika versuchen wir, österreichischen NGOs mit Kofinanzierungen zu helfen, z.B. mit Regenwaldprojekten im Amazonasgebiet.
Aufgrund des ausgezeichneten Rufes Österreichs in Lateinamerika als europäische Kulturnation können wir Österreich immer wieder als Musikland präsentieren. In vielen Teilen Südamerikas spielen auch moderne Architektur und ästhetisches Design eine große Rolle, weshalb wir innovative österreichische Architektur und Design-Ausstellungen zeigen, z.B. 2003 "Junge Szene Wien" bei einem Architektenkongress in Rio, oder die Wanderausstellung "Innovative Austrian Architecture" in sechs Ländern.
Womit ich bei einem Rat wäre, den ich vor allem unseren jungen Menschen immer wieder mitzugeben versuche: nämlich unbedingt zusätzlich zu ihrer beruflichen Fachausbildung Sprachen zu lernen, und zwar wo nur immer möglich mehr als nur Englisch! Dabei bietet sich natürlich gerade für Lateinamerika die spanische Sprache besonders an. Ich möchte aber ausdrücklich auch die Sprache des größten Landes Lateinamerikas nicht vergessen und kann nur sagen, dass es wirklich sehr lohnend ist, das Portugiesische/Brasilianische zu erlernen. Ich habe - was vielleicht nicht so viele wissen - selbst einmal aus Interesse Portugiesisch gelernt und habe es nie bereut.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit dem Lateinamerikainstitut ganz besonders herzlich für sein ausgezeichnetes diesbezügliches Angebot danken, das in vielen Jahren schon so viele schöne Früchte getragen hat, auf denen wir nun in unserer intensivierten Zusammenarbeit zwischen EU und Lateinamerika weiter aufbauen können.
Ebenso herzlich bedanken möchte ich mich beim Lateinamerikainstitut für die bisherige gute Zusammenarbeit auch in anderen Bereichen, insbesondere bei der gemeinsamen Veranstaltung eines Networking-Seminars ("Networking Central-Eastern Europe and Latin-America") im September 2001 und bei der gemeinsamen Veranstaltung eines Guatemala-Seminars ("Begegnungen mit Guatemala") im November 2002.
EU - Lateinamerika
Meine Damen und Herren!
Was sind nun die Parameter einer zukünftigen möglichen Entwicklung EU - Lateinamerika, wie wir sie heute zwischen den Gipfeltreffen von Mexiko 2002 und Guadalajara 2004 vor uns sehen? Und warum werden gerade die nächsten Jahre so entscheidend sein?
Europa und Lateinamerika verbinden eine Jahrhunderte alte gemeinsame Geschichte und bis heute die für kulturelle Identitäten so wichtigen Sprachen, vor allem, aber nicht nur, das Spanische. Dass in dieser gemeinsamen Geschichte auch Österreich immer wieder eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, sollten wir dabei nicht übersehen, und ich bin auch in diesem Zusammenhang dem Lateinamerikainstitut dankbar dafür, dass auch dieser Aspekt in Ihrer Arbeit die ihm zukommende Berücksichtigung findet.
Was unseren beiden Regionen gerade heute so große Chancen eröffnet, in eine neue fruchtbare Phase gemeinsamer Entwicklung einzutreten, ist die Tatsache, dass beide Regionen sich in einem dynamischen Prozess vertiefter interner Integration befinden und dabei gleichzeitig als einen wichtigen Aspekt dieses internen Prozesses ALS REGION - und nicht mehr nur im Wege einer Summe einzelner bilateraler Beziehungen - die institutionalisierte Zusammenarbeit mit der jeweils anderen Region zu begründen und immer weiter auszubauen trachten.
Gerade in der EU als am tiefsten integrierter Region der Welt hat in den letzten Jahren eine gemeinsame Außenpolitik zunehmend an Gestalt gewonnen und stehen weitere, im wesentlichen unbestrittene Schritte vor uns. Ein ganz wesentlicher Aspekt dieser neuen gemeinsamen außenpolitischen Aktivität der EU wird in Zukunft die verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Regionen sein. Gleichzeitig bemüht sich eine wirtschaftlich selbst bereits völlig integrierte EU nicht nur um einen fairen Ausbau der Welthandelsordnung, sondern auch um die engere wirtschaftliche Kooperation mit anderen Regionen.
Auch die lateinamerikanischen Staaten sind bestrebt, in ihrer regionalen wirtschaftlichen und politischen Kooperation Fortschritte zu erzielen und die Integration zu verstärken. Wir vergessen oft allzu leicht einen Punkt, den der brasilianische Vordenker Darcy Rivero betont hat, nämlich dass Lateinamerika in ethnischer und sprachlicher Hinsicht die am stärksten integrierte Region der Welt sei.
In beiden Bereichen, im politischen wie im wirtschaftlichen, bietet sich Lateinamerika gerade aufgrund der gemeinsamen historischen und kulturellen Wurzeln, der sprachlichen Bande und der gemeinsamen Werte, denen wir uns verbunden fühlen, besonders für eine neue, intensivierte Partnerschaft mit Europa an.
Es muss natürlich eine echte Partnerschaft sein. Wir treffen bei unseren lateinamerikanischen Freunden sehr oft auf die Sorge, dass sich aus engerer Zusammenarbeit mit entwickelten Ländern neue Abhängigkeiten ergeben könnten. Diesen Eindruck dürfen wir erst gar nicht entstehen lassen. Es ist auch allen klar, dass Österreich derartige Überlegungen vollkommen fremd sind.
Nun geht es darum, die beiden Integrationszonen durch ihre geistig-kulturellen Bande, vor allem aber auch wirtschaftlich und durch persönliche Kontakte zu verknüpfen und sich - wenn Sie so wollen - gegenseitig auszutauschen.
Das sehe ich als die große Chance für die Zusammenarbeit unserer beiden Regionen in einer dritten Phase: nach jener der Kolonialzeit und danach fast 200 Jahren weitgehend getrennter Wege nunmehr - wenn wir die vor uns liegenden Chancen ergreifen - potentiell die beste unserer gemeinsamen Entwicklung, die der Partnerschaft.
Vieles bleibt dafür noch zu tun, viel liegt da vor uns, doch einiges - und nicht unwichtiges - ist gerade in den letzten Jahren schon geschehen, worauf es nun aufzubauen gilt. Begleiten Sie mich also ein wenig auf dem Weg von Madrid nach Mexiko.
Das dritte Treffen im Gipfelprozess in den Beziehungen der EU zu Lateinamerika und der Karibik wird (nach 2002 in Madrid und 1999 in Rio) im Mai 2004 im schönen Guadalajara in Mexiko stattfinden und die Zusammenarbeit zwischen den Regionen im politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich weiter vertiefen. Da es sich bei den lateinamerikanischen und karibischen Staaten um eine sehr große Gruppe von Staaten mit teilweise unterschiedlichen Interessen handelt, ist es nicht immer einfach, schnell konkrete Ergebnisse zu erzielen, die der Erwartungshaltung sämtlicher Partner entsprechen. Dennoch glaube ich, dass das bisher Erreichte für sich spricht.
Einen sehr wesentlichen rezenten Erfolg in der Umsetzung der Gipfelbeschlüsse von Madrid stellte im vergangenen November die De-Blockierung der Verhandlungen für ein Assoziationsabkommen EU - MERCOSUR dar, nachdem mit Mexiko seit dem Jahr 2000 ein Assoziationsabkommen besteht und mit Chile 2002 ein solches Abkommen der "vierten Generation" unterzeichnet werden konnte. Nebst anderen Faktoren wirkte sich die Wirtschaftskrise in Argentinien auf alle MERCOSUR-Staaten aus und damit auch bremsend auf den Verhandlungsfortschritt der letzten Jahre. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist daher die erfreuliche Erholung der argentinischen Wirtschaft eine wichtige Entwicklung.
Ebenfalls Ende letzten Jahres konnten im politischen Bereich - wieder in Umsetzung der Gipfelbeschlüsse von Madrid - die Verhandlungen über Abkommen über politischen Dialog und Zusammenarbeit sowohl mit Zentralamerika als auch mit der Andengemeinschaft abgeschlossen und am 15. Dezember 2003 in Rom unterzeichnet werden. Zu dem politischen Dialog gehören Fragen der Menschenrechte, der Drogen- und Terrorbekämpfung und nicht zuletzt die Zusammenarbeit in internationalen Foren.
Ich bewerte es auch als Fortschritt und Beweis des Vertrauens, dass beim Gipfeltreffen in Madrid vereinbart wurde, im Themenbereich "soziale Kohäsion" verstärkt auf biregionaler Ebene zusammenzuarbeiten. Ich glaube, dass das unsere lateinamerikanischen Partner letztlich überzeugt hat, dass die Armutsbekämpfung auch ein Thema ist, das Europa beschäftigt und von Europa ernst genommen wird.
Beide Seiten haben sich in diesem Rahmen darauf geeinigt, folgende Aspekte unter dem Blickwinkel der sozialen Kohäsion näher zu beleuchten: verantwortungsvolle Regierungsführung, Finanzwesen und Steuerpolitik, Sozialpolitiken, Arbeitsmärkte, Nationale Aktionspläne und Internationale Zusammenarbeit.
Globale Sicht
Meine Damen und Herren!
Dies führt mich abschließend noch kurz zur globalen Sicht unserer Beziehungen zu Lateinamerika.
Die Globalisierung lässt uns näher zusammenrücken, mit all den Vorteilen, die dies bringt, aber auch mit all den neuen Herausforderungen, die sich uns und der Welt stellen.
Eines steht aber fest: Was immer die vitalen Fragen sind, die uns im Dritten Jahrtausend beschäftigen, kein Land der Welt und eigentlich auch keine Region der Welt kann sie alleine lösen. Nur die multilaterale Zusammenarbeit, vor allem in der UNO und ihren Unterorganisationen, können uns helfen, gemeinsame Lösungen zu finden.
Dann wird es uns auch gelingen, neue Perspektiven zu eröffnen.
Nicht zuletzt auch in diesem Sinne bietet die EU Lateinamerika heute eine wichtige Ergänzung zur alleinigen Ausrichtung auf die USA an. Im wirtschaftlichen Bereich soll ja - zumindest nach den Wünschen der USA - in der westlichen Hemisphäre bis zum Jahresende 2005 eine gesamtamerikanische Freihandelszone (Free Trade Area of the Americas, FTAA) umgesetzt werden, wenn auch die Einhaltung dieser zeitlichen Vorgaben nach dem dieser Tage zu Ende gegangenen Amerika-Gipfel noch fraglich erscheinen mag.
Jedenfalls aber gibt es diese Pläne und für eine EU, die dem keinen eigenen positiven Verhandlungsabschluss an die Seite zu stellen hätte, könnte damit auch ein möglicher Verlust von Marktanteilen in Lateinamerika einhergehen. Dies wurde etwa nach Inkrafttreten der NAFTA überzeugend belegt. 1990 hatte die EU in Mexiko einen Marktanteil von 17%, 1999 nur mehr von 9%.
Und noch ein Aspekt ist hier zu beachten. Ich habe schon das Interesse der EU an einem weiteren fairen Ausbau der Welthandelsordnung erwähnt. In diesem Zusammenhang sind natürlich biregionale Abkommen, wie das zwischen EU und MERCOSUR, das wir anstreben, von einiger Wichtigkeit. Die WTO ist für uns in der EU aber als verlässlicher rechtlicher Rahmen eines geordneten Welthandels unerlässlich.
Ich möchte an diesem Punkt auch meine Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringen, dass die Verhandlungen um faire und annehmbare Handelsregeln bei der Ministerkonferenz in Cancun im Herbst vergangenen Jahres gescheitert sind. Ein Rückschlag dieser Größenordnung darf sich nicht wiederholen. Es ist dringend notwendig, dass wir innerhalb der WTO eine Reform des Entscheidungsfindungsprozesses in die Wege leiten und damit dem Trend zur Abkehr vom Multilateralismus und zur ausschließlichen Betonung des Bilateralismus im Handel entgegenwirken.
Dieses gemeinsame Bekenntnis zum Multilateralismus erscheint mir ein besonders wichtiger und aktueller Ansatzpunkt künftiger politischer Zusammenarbeit zwischen EU und Lateinamerika zu sein.
Gerade das vergangene Jahr hat wieder eine intensive Debatte um den Stellenwert der Vereinten Nationen gesehen. Ich möchte dazu nur folgendes sagen: viele haben im Frühjahr vorigen Jahres gemeint, die Auseinandersetzungen um den Krieg im Irak hätten die Vereinten Nationen geschwächt, sie hätten ihre geringe Relevanz aufgezeigt.
Ich bin nicht dieser Meinung. Heute, nur wenige Monate danach, sehen wir doch wohl so gut wie alle, dass es keine Alternative zum Multilateralismus, zur Zusammenarbeit im Rahmen der Vereinten Nationen gibt. Nur sie kann die Legitimität geben, derer jedes internationale Handeln letztlich bedarf.
Hier treffen einander EU und Lateinamerika, beide wichtige Gruppen in den Vereinten Nationen, die dort und in anderen internationalen Fora gemeinsam noch mehr bewegen können sollten.
So ist es sehr erfreulich zu sehen, dass trotz der geographischen Nähe und der traditionellen Beziehungen der lateinamerikanischen Staaten zu den USA, die dadurch nicht in Frage gestellt werden sollen, diesen auch verstärkte Beziehungen zu Europa besonders wertvoll erscheinen.
Und noch etwas ist erfreulich zu sehen. Wir wissen alle, dass Lateinamerika im letzten Jahr von verschiedensten Krisen betroffen war. Dennoch wurden bisher sämtliche dieser Situationen letztlich mit rechtsstaatlichen und demokratischen Mitteln gemeistert.
Auch zur Bewältigung von Krisensituationen kann übrigens die Unterstützung eines internationales Dialogforums, wie es der biregionale Mechanismus EU - LAC darstellt, einen positiven und oft wichtigen Beitrag leisten.
Österreich arbeitet aktiv in dieser EU-Arbeitsgruppe mit und hat sich zum Ziel gesetzt, die Erfahrungen der EU im Rahmen des Lissabon-Prozesses mit der offenen Koordinierung zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung zu nützen, um für Lateinamerika einen ähnlichen Plan zum Austausch von "best practices" zu erarbeiten.
Meine Damen und Herren!
Viele weitere Einzelbeispiele könnten noch genannt werden, aber ich glaube, meine zentrale Aussage ist klar: die Mitgliedschaft Österreichs in einer sich auch außenpolitisch immer stärker integrierenden und einer sich gerade erweiternden EU und das damit verstärkte Engagement in der EU bedeuten nicht ein vermindertes Engagement in den übrigen Teilen der Welt. Ganz im Gegenteil. Und die Beziehungen zu Lateinamerika sollen uns ein gutes Beispiel dafür sein.
Ich habe mich während meiner Jahre als Staatssekretärin und als Außenministerin darum bemüht, die Türen Österreichs zur Welt - und zwar zur ganzen Welt - im Interesse Österreichs noch weiter aufzutun, und Lateinamerika hat für mich dabei nicht zuletzt aus den Gründen, die ich am Eingang meiner Ausführungen genannt habe, immer einen besonderen Schwerpunkt gebildet: es ist für Europa ein geradezu natürlicher Partner.
Dieses Engagement für eine enge Kooperation Österreichs und der EU mit Lateinamerika und der Karibik sollte meiner Meinung nach unbedingt auch in Zukunft weitergeführt werden und ich würde dies auch gerne, wenn mir die Österreicherinnen und Österreicher dafür ihr Vertrauen aussprechen, in dem hohen Amt, für das ich mich dieser Tage bewebe, tun.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
