Ferrero-Waldner beim IPI Weltkongress und der 52. Generalversammlung
14.09.2003
Es gilt das gesprochene Wort!
Weltkongress und 52. Generalversammlung des IPI
"Pluralismus, Demokratie und Kampf der Kulturen"
Rede der Frau Bundesministerin
für auswärtige Angelegenheiten
Benita Ferrero-Waldner
Salzburg, 14. September 2003, Kongresszentrum
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Die Pressefreiheit ist der Sauerstoff der Demokratie. Ohne diese Freiheit kann die Demokratie nicht gedeihen. In diesem Sinne danke ich dem International Press Institute (IPI) für sein Engagement zur Förderung und zum Schutz der Pressefreiheit und zur Verbesserung der Bedingungen für den Journalismus weltweit.
Im Jahr 1992 beschloss das IPI, Wien als Standort seines Hauptsitzes zu wählen, und Österreich ist darauf sehr stolz. Erlauben Sie mir bei dieser Gelegenheit, Herrn Professor Johann Fritz, dem Direktor des IPI, meinen besonderen Dank auszusprechen, der diesen Kongress so rasch organisiert hat, nachdem er in Nairobi abgesagt werden musste.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Wenn wir an die Begriffe denken, die unsere Welt, in der wir im letzten halben Jahrhundert und besonders während des letzten Jahrzehnts gelebt haben, prägen, so fallen uns viele Stichworte ein. "Globalisierung", ein Wort mit vielen Bedeutungen, positiven und negativen, ist vielleicht der entscheidendste Begriff, denn er steht für die Tatsache, dass wir lernen müssen, politische und wirtschaftliche Fragen dahingehend zu betrachten, dass wir alle globalen Folgen in Betracht ziehen. Die Globalisierung hat uns allen stärker bewusst gemacht, wie sehr unsere Währungen, unsere Volkswirtschaften, unser politisches Schicksal, unsere Versuche, Krieg zu führen, und unsere Versuche, Frieden zu stiften, miteinander verwoben sind. Es ist nicht möglich, in einer Welt wie der unseren "im Alleingang" vorzugehen, denn es gibt kein "allein".
Durch die Globalisierung der Weltsysteme werden wir zunehmend mit Bewegungen von Menschen, die als Flüchtlinge und als MigrantInnen aus wirtschaftlichen und politischen Gründen ihre Heimat verlassen, konfrontiert. Die Demographie unserer Welt verändert sich und unser Blick auf eine Welt religiöser, kultureller und ethnischer Unterschiede muss nun beginnen, sich auf diese Veränderungen einzustellen.
Gerade die gegenseitige Durchdringung und Annäherung großer Kulturkreise werden prägend für das 21. Jahrhundert sein. Auf der Weltkarte können nicht farbige Bereiche der christlichen, muslimischen, hinduistischen Identität allein zugeordnet werden, denn jeder Teil der Welt stellt sich als bunt marmoriertes Gewebe dar. Menschen verschiedener religiöser Traditionen leben auf der ganzen Welt zusammen - wer an manchen Orten in der Mehrheit ist, kann an anderen in der Minderheit sein.
Seit der Publikation von Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" (siehe Fußnote), in dem vor zehn Jahren behauptet wurde, dass die Zeit nach dem Kalten Krieg vor allem aus einer Sicht des Zusammenprallens verschiedener Kulturkreise zu verstehen sei, ist es üblich geworden, bei politischen Diskussionen auf seine Theorie zu verweisen. Huntington kommt im Prinzip zu dem Schluss, dass die Weltpolitik ab nun zunehmend durch Zusammenstöße an kulturellen Bruchlinien gekennzeichnet sein werden, welche die Kulturkreise voneinander trennen.
Bei ihm heißt es, dass in dieser im Entstehen begriffenen Welt die Beziehungen zwischen Staaten und Gruppen verschiedener Kulturkreise nicht kooperativ, sondern häufig sogar feindselig sein werden. Dennoch seien manche Beziehungen zwischen Kulturkreisen konfliktanfälliger als andere. Auf Mikroebene verlaufen die schlimmsten Bruchlinien zwischen dem Islam und seinen orthodoxen, hinduistischen, afrikanischen und westlich-christlichen Nachbarn. Auf der Makroebene verlaufe die dominierende Trennlinie zwischen "dem Westen und dem Rest", wobei sich die Hauptkonflikte zwischen den muslimischen und asiatischen Gesellschaften einerseits und dem Westen andererseits abspielen würden. Die gefährlichen Zusammenstöße der Zukunft würden wahrscheinlich aus der Interaktion zwischen westlicher Arroganz, islamischer Unduldsamkeit und sinischem Auftrumpfen entstehen.
Trotz Huntingtons Behauptung eines Zusammenstoßes des Kulturkreises zwischen dem Westen und dem Rest der Welt zeigt die Weltwertestudie "World Value Survey", eine weltweite Untersuchung der soziokulturellen und politischen Veränderungen, die vom Institute for Social Research der University of Michigan durchgeführt wird, dass die Demokratie zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte auf der ganzen Welt ein überwältigend positives Image hat. In einem Land nach dem anderen stuft eine klare Mehrheit der Bevölkerung den Wert, "ein demokratisches System zu haben", als "gut" oder "sehr gut" ein. Die Demokratie ist tatsächlich das einzige politische Modell, das weltweit attraktiv ist, unabhängig davon, welchen kulturellen Hintergrund die Menschen haben.
Huntington hat jedoch Recht, wenn er behauptet, dass kulturelle Unterschiede eine neue Bedeutung angenommen haben und damit mögliche Bruchlinien für zukünftige Konflikte bilden. Auch wenn fast die ganze Welt ein Lippenbekenntnis zur Demokratie ablegt, gibt es nach wie vor keinen globalen Konsens über grundlegende Werte - wie etwa soziale Toleranz, Gleichberechtigung der Geschlechter, Redefreiheit und gegenseitiges persönliches Vertrauen - die für die Demokratie von zentraler Bedeutung sind.
Es ist daher keine Überraschung, wenn es an den Kontaktpunkten zwischen zwei oder mehr Kulturkreisen zu Reibungen auf Grund unterschiedlicher Werte kommt. Wir haben alle unsere persönlichen Erfahrungen mit privaten "Zusammenstößen": Streitigkeiten mit Nachbarn, Feste oder Konzerte, die wegen des elterlichen Verbots versäumt wurden usw. Die wichtigste Frage ist hier aber, wie wir mit diesen Differenzen umgehen. Es gibt im Grunde drei Arten, wie man sich bei "Differenzen" verhalten kann:
1) Ausschließungsverhalten: Es erfordert die Ausschließung derer, die anders sind, und verlangt, dass diejenigen, die anders sind, dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen sind - "was fremd ist, soll heimgehen".
2) Assimilierung oder Einschließungsverhalten: Differenzen werden in einem Schmelztiegel aufgelöst, sie bringen neue Würze, verlieren aber ihre Form - andere Menschen sind uns willkommen und sollen wie "wir" sein.
3) Pluralismus: Gruppen oder Gemeinschaften werden durch die Begegnung vieler, das Engagement vieler geprägt; "kultureller Pluralismus" bedeutet, dass jeder das Recht hat, anders zu sein, nicht nur in Kleidung und öffentlichem Auftreten, sondern auch in Religion und Glauben, geeint nur durch die Teilhabe an den gemeinsamen Bürgerrechte und -pflichten.
Wir müssen für den Pluralismus optieren - und arbeiten - und zwar für den Pluralismus nicht im Sinne einer Ideologie, sondern eines dynamischen Prozesses, durch den wir uns in und durch unsere tiefgreifendsten Differenzen miteinander beschäftigen. Ein "Pluralismus", der "Anderssein" nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung betrachtet, nicht als etwas, vor dem man sich fürchten muss, sondern als Chance zur Zusammenarbeit. Pluralismus ist nichts Gegebenes, er muss geschaffen werden. Er erfordert Teilhabe und aktive Bemühungen, die anderen zu verstehen. Die Sprache des Pluralismus ist die des Dialogs und der Begegnung, des Gebens und Nehmens, der Kritik und der Selbstkritik. - Es ist die Sprache des Dialogs, die wir weiter entwickeln müssen.
Diesen Dialog muss es nicht nur zwischen Religionen und Kulturen, sondern auch INNERHALB von Religionen, Gesellschaften und Kulturen geben. In diesem Dialog sollten wir nicht das unseren religiösen oder ethnischen Minderheiten inhärente Potenzial außer Acht lassen, als Brücken statt als Außenseiter zu fungieren, und sie ermutigen, an diesen Diskussionen teilzunehmen. Die christlichen Minderheiten und die jüdischen Minderheiten in den islamischen Ländern sollten solche Brücken sein - und umgekehrt. In Europa lebende Musliminnen und Muslime können uns zum Beispiel besser erklären, worum es im Islam geht, und ihren islamischen Brüdern und Schwestern, was es mit der westlichen Kultur auf sich hat.
Österreich hat eine lange Tradition in der Organisation von Dialogen zwischen den Kulturen und Kulturkreisen, mit der es sich einiges an greifbarem politischen Know-how erworben hat. Ausgehend von der Überzeugung, dass der Dialog zwischen Kulturen und Kulturkreisen auch die Medien einschließen muss, um die Öffentlichkeit und alle handelnden Personen in der Zivilgesellschaft erreichen zu können, veranstaltete das Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten im vergangenen Jahr ein internationales Seminar über die Rolle der Medien um Dialog zwischen Kulturen und Kulturkreisen. Ein weiteres Seminar wird im November diesen Jahres in Wien stattfinden, wo wir realistische Chancen für "ethisches Verhalten" in einer globalisierten Medienwelt diskutieren sollten. Ich freue mich schon sehr darauf, gemeinsam mit der jordanischen Sozialministerin, Frau Rowaida Al-Maaitah, als Gastgeberin dieses Seminars mit dem Titel "Kulturelle Vielfalt, das Streben nach einer gemeinsamen moralischen Basis und die öffentliche Rolle der Medien" fungieren zu können.
Alle politischen und religiösen Bemühungen zur Förderung eines Dialogs zwischen Kulturen und Kulturkreisen müssen eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Die Aufgabe, die uns als Regierungen, religiösen Führungspersönlichkeiten, LehrerInnen, SchriftstellerInnen und JournalistInnen gemeinsam ist, lautet, den Menschen eine faire Chance zu geben, wenn es darum geht, verschiedene Kulturen und Kulturkreise zu verstehen und zu schätzen. Um unsere Zivilgesellschaften in diesen Dialog einzubinden, brauchen wir die Medien, SchrifstellerInnen und DichterInnen, die uns helfen, die Botschaft des Verstehens weiterzutragen.
Wie wir alle wissen, gehören die Medien heute zu den mächtigsten Schöpfern und Verbreitern von kulturellem Image. Damit haben sie eine ganze besondere Stellung. Wir verstehen natürlich, dass die meisten Medien auch Unternehmen sind und daher bestimmten Gesetzen des Marktes folgen. Nur Medien, die ihr Produkt verkaufen, werden wirtschaftlich überleben und auf die öffentliche Meinung wirken können. Wir erkennen jedoch auch eine ethische Verantwortung für intellektuelle Ehrlichkeit, Wahrheit und Sensibilität, wenn es darum geht, wohlbegründete Bilder und Botschaften zu transportieren, die nicht absichtlich voreingenommen und parteiisch sind.
Im Zeitalter der Globalisierung spüren wir vielleicht die Bedrohung, dass alle unsere Taten und Handlungen globale Konsequenzen nach sich ziehen könnten, gleichzeitig fordere ich jedoch uns alle auf, zu erkennen, dass die Medaille auch eine Kehrseite hat - dass nämlich unsere positiven Bemühungen für einen gerechten Dialog ebenfalls globale Wirkung haben.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
(Fußnote: Das Buch spricht im englischen Originaltitel eigentlich von einem Zusammenstoß "Clash of Civilisations").
