Ferrero-Waldner: "Die Kultur als Reichtum Europas"
21.11.2003
Es gilt das gesprochene Wort!
DIE KULTUR ALS REICHTUM EUROPAS
Eröffnungsansprache der
Bundesministerin für auswärtige Angelegenheiten
Dr. Benita Ferrero-Waldner
anlässlich der
Europäischen Kulturministerkonferenz
Linz, am 21. November 2003
Sehr geehrte Damen und Herren Minister!
Sehr geehrter Herr Staatssekretär!
Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Meine Damen und Herren!
Europa steht mit der Erweiterung der Europäischen Union am 1. Mai kommenden Jahres vor der größten Herausforderung seit der Wende des Jahres 1989. Die Europäische Union wird um 10 neue Mitglieder reicher und sie erhält im Osten und Südosten neue Nachbarn. Ich freue mich als österreichische Außenministerin zur Eröffnung der europäischen Kulturministerkonferenz zu sprechen. Ich danke Herrn Staatssekretär Franz Morak, dass er diese Konferenz zum Thema "Challenges of Enlargement" durchführt und mich um ein einleitendes Referat gebeten hat.
Oskar Kokoschka meinte einmal: "Europa ist kein geographischer sondern ein kultureller Weltteil."
In der Tat war und ist für Österreich Europa immer ein kulturelles Projekt. Für die Zukunft der europäischen Integration ist es ganz entscheidend, dass wir Europa auch als ein solches begreifen und verstehen, dass der Reichtum Europas in der kulturellen Vielfalt seiner Teile besteht.
Seit 1992 hat die europäische Kulturpolitik mit dem heutigen Artikel 151 des EU-Vertrages eine rechtliche Basis. Im Rahmen des Europäischen Konvents wurde die primäre Zuständigkeit der Mitgliedsstaaten für Kultur bestätigt und die künftige Verfassung wird der Europäischen Union so wie bisher nur "unterstützende Maßnahmen" zur Förderung der kulturellen Vielfalt gestatten.
Einen wesentlichen Erfolg für die europäischen Kulturwirtschaft sehe ich darin, dass in all jenen Handelsfragen, die eine Gefährdung der kulturellen Vielfalt bedeuten könnten, Einstimmigkeit vorgesehen ist.
Zu den für Europa entscheidenden kulturellen Fragen gehört auch das Wissen um die historische Kraft seiner christlichen Traditionen. Es ist mir daher ein Anliegen, dass die künftige Verfassung die christlichen Traditionen europäischer Geschichte nicht verschweigt.
Wir haben uns alle politisch und wirtschaftlich sehr gut auf die bevorstehende Erweiterung der Europäischen Union vorbereitet. Wie gehen wir aber mit Frage um, ob nicht das europäische Einigungsprojekt auch vor der größten kulturellen Veränderung seit seinem Beginn steht?
Die europäische Integration war durch Jahrzehnte davon geprägt, dass es zwei konkurrierende Entwürfe Europas gegeben hat. Der 1. Mai 2004 setzt einen Schlussstrich unter die ost-westliche Nachkriegsordnung und schafft neue Voraussetzungen. Der Eiserne Vorhang ist Geschichte. Wo er verlief, ist nicht mehr die Außengrenze der Europäischen Union. Die EU wird erstmals slawische Mitgliedsstaaten umfassen, die gesamte mitteleuropäische Lebenswelt wird wieder ein zentraler Teil Europas. Europa wird reicher. Ein Mehr an kultureller Vielfalt und unterschiedlichen kulturellen Traditionen verspricht, dass der gesamte Kontinent gemeinsame Zielvorstellungen entwickeln kann.
Diese kulturelle Dimension der bevorstehenden Erweiterung ist eine Chance auch für jene Staaten Ost- und Südosteuropas, die nicht im kommenden Jahr EU-Mitglieder werden. Diese Botschaft der EU-Erweiterung ist eine Hoffnung für Südosteuropa. Wir müssen aber gemeinsam diese Botschaft in Handlungen umsetzen.
Die Zielsetzungen müssen anspruchsvoll sein:
- Einer europäischen Öffentlichkeit den kulturellen Reichtum des früher "anderen" Europas vermitteln;
- Den kulturellen Austausch mit dem Osten und Südosten selbstverständlich und attraktiv machen;
- Den Kulturschaffenden in allen Teilen Europas Chancen in einem gemeinsamen
europäischen Kulturraum verschaffen; - Kultur und Wirtschaft als Motoren des Wandels verstehen; - Neue Formen der Kooperation schaffen, die verhindern, dass die künftigen
Außengrenzen der EU neue kulturelle Trennlinien bedeuten. - Eine Kultur der Bildung, der Kreativität und der Innovation schaffen, die dem Europa der Zukunft hilft, in der Globalisierung zu bestehen und mehr noch, sich an die Spitze der kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu setzen.
- Eine Kultur der Dialogbereitschaft entwickeln, und zwar in der Gesellschaft des eigenen Landes, im Umgang mit den europäischen Partnern ebenso wie mit den neuen Nachbarn der erweiterten Union sowie mit anderen Kulturen.
Nicht nur Geschichte und Geographie, sondern auch unsere Einschätzung künftiger europäischer Perspektiven, macht Österreich zu einem Verbündeten im Eintreten für mehr Kultur in Europa. Kultur zählt und sie zahlt sich aus. Mit der gemeinsamen Geschichte müssen wir leben. Das können wir, wenn wir uns offen mit ihr auseinandersetzen. Verändern können wir die Geschichte nicht. Aber die Zukunft können wir gestalten. Die Geographie kann man ebenfalls nicht verändern. Aber wir können sie nützen und gemeinsam das Beste daraus machen.
Für Österreich geht es nicht um das Durchsetzen eigener nationaler Standards, sondern um den Beitrag, den Kultur für Frieden und Gerechtigkeit in den internationalen Beziehungen leisten kann und um den Wettbewerbsvorteil, den eine "Kulturnation" im internationalen Markt um Aufmerksamkeit in einem immer vernetzteren Feld der internationalen Beziehungen gewinnen kann. Kultur hat in unserem Teil Europas oft als Vorwand und Anlass für Konflikte gedient. Dies darf keine Zukunft haben.
Die "soft skills" der Kultur machen die "soft powers" aus, den sanften Einfluss, den wir mittels Kunst, Kultur, Medien, Lebensart und sogar Tourismus ausüben können. Wir müssen gemeinsam die "soft powers" einsetzen, diesen "sanften Einfluss" in der Welt nützen, damit die "hard powers", die militärischen Auseinandersetzungen, gar nicht erst zum Zug kommen. Das ist ein wichtiger Auftrag für die europäische Kultur!
Für die Außenpolitik zwischen den Staaten Europas muss Kulturaustausch eine Methode sein, um zwischen Staaten, Regionen und Kulturen auch symbolisch Sympathie und Vertrauen zu steigern oder wieder herzustellen. So bestanden etwa selbst in Zeiten des Kalten Krieges in Europa Möglichkeiten für Kooperationsprojekte im Sport- und Kulturbereich.
Wie gehen wir aber heute damit um, dass im Grunde auch innerhalb Europas nicht mehr die kulturellen Inhalte, sondern die Kommunikation und die unterschiedlichen Chancen, sie zu nutzen, zum Anlass politischer, ökonomischer und kultureller Ungleichheit geworden sind?
In einer Welt, in der die Gesellschaft zunehmend auf der Produktion und dem Austausch von Wissen und Information basiert, genügt für den Erfolg nicht mehr, dass ein österreichischer oder ungarischer Jungfilmer einen hervorragenden Film produzieren kann, sondern ob es gelingt, diesen Film in internationalen Produktions- und Rezeptionsnetzwerken zu placieren.
Für mich bedeutet dies, dass eine weitere zentrale Aufgabe europäischer Kulturpolitik darin besteht, kulturelle Netzwerke zu etablieren oder an ihnen teilzunehmen, Informationsstrategien zu entwickeln und damit auch Chancen für weniger Ungleichheit im Wissen zu eröffnen. Ich habe eine einfache Formel für eine europäische Kulturpolitik, die gezielt die Integration der künftigen EU-Staaten und der neuen Nachbarn im Osten und Südosten bevorzugt: "Was weniger bekannt ist, braucht mehr Unterstützung".
Auf dem Weg Europas in den Osten und in den Südosten liegen Aufgaben und Chancen für Österreich. Als Beispiel für neue Formen österreichischer Außenpolitik möchte ich besonders die vor mehr als 10 Jahren gestartete Initiative zur Errichtung von Österreich-Bibliotheken in den mittel-, ost- und südosteuropäischen Staaten erwähnen. Wir haben vor wenigen Wochen erstmals Vertreter aller 50 Bibliotheken nach Wien zu einer Konferenz über Bilanz und Perspektiven eingeladen.
Diese Form der kulturellen Nachbarschaftspolitik schafft bleibende Werte, weil sie Stützpunkte für ein Europa der Kultur errichtet, in dem in allen Teilen des Kontinents die Chance bestehen soll, Robert Musil, Peter Handke oder Thomas Bernhard lesen zu können.
Der Schwerpunkt unserer internationalen Kulturkooperationen liegt seit 1989 ganz eindeutig in Mitteleuropa, in dem Bemühen, die neuen Möglichkeiten der Nachbarschaft kulturell erlebbar zu machen. In den künftigen EU-Partnerstaaten Polen, Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn und Slowenien haben wir die meisten Initiativen gesetzt, um kulturelle Netzwerke zu knüpfen, die geeignet sind, die Nachwirkungen einer jahrzehntelangen ideologischen Teilung Europas zu überwinden. Dies sind die Länder der Regionalen Partnerschaft, unter denen neben der bereits hervorragend eingespielten Verfolgung von gemeinsamen Anliegen auf der europäischen Ebene vor allem auch die Zusammenarbeit im kulturellen Bereich bereits große Fortschritte gemacht hat.
Von Bildungs- und Wissenschaftsprojekten, den Aktivitäten des Vereins KulturKontakt, den bereits erwähnten Österreichbibliotheken über die Sprachschulen der Österreich-Institut-GmbH in den Nachbarländern, die noch heuer um eine Sprachschule in Ljubljana bereichert wird, bis zur engen Kooperation im Kulturprogramm "Plattform Kultur Mitteleuropa", reicht die Kontinuität mitteleuropäischer Auslandskulturpolitik.
Die positiven Erfahrungen intensiver Kulturarbeit wollen wir in den kommenden Jahren auch für die Zukunft Südosteuropas nutzen.
Inhaltlich muss vor allem die Heranführung an die Europäische Union und konkret die Stärkung der zivilen Strukturen in den Staaten der Region Schwerpunkt kultureller Kooperation sein. Für mich bedeutet dauerhafte Stabilisierung dieser Region, dass es gemeinsam gelingt, Kunst, Wissenschaft und Bildung zu einem positiven Faktor regionaler Zusammenarbeit und zu einem starken Argument für die volle europäische Integration zu machen.
Wenn ich mich der schwierigen Frage zuwende, was ist ein Europa der Kultur und wieso tauchen in den letzten Jahren immer wieder Stimmen auf, die die Grenzen Europas kulturell bestimmen wollen, gestatten Sie mir, dass ich mit György Konrád antworte. Er fordert uns auf, die europäische Dialektik der unterschiedlichen Erfahrungen zwischen West und Ost zu erproben. Er spricht von einer kulturellen Geopolitik, die weit entfernt ist vom ethnischen Besitzstandsdenken früherer Epochen: "Ein Ort, wo wir schon einmal waren, gehört uns". Europa wächst zusammen. Wir waren schon dort. Es gehört uns.
Für Österreich bedeutet europäische Kultur eine möglichst gute und freundschaftliche Kooperationen mit den jetzigen und künftigen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Die EU bedeutet keine Gefahr für bestehende nationale Identitäten. Was wir nicht wollen, ist, dass mit einem Hinweis auf den "Schutz der kulturellen Vielfalt" nationale Politik ohne gemeinsames europäisches Bewusstsein gemacht würde.
Für Österreich ist es Ergebnis seines eigenen Selbstverständnisses, dass Europa nicht nur als Mosaik seiner nationalen Kulturen verstanden wird, sondern als ein kulturgeschichtlich verflochtener Raum, in dem eine Betonung seiner kulturellen Dimensionen und Werte die europäische Integration unterstützt.
Ich bin überzeugt, dass kulturelles Gedächtnis und kulturelle Dialoge unser wichtigstes Instrument darstellen, um für mehr Europa zu werben, um die europäische Identität in der Vielfalt zu festigen. Rudolf Bretschneider hat jüngst über Österreichs kulturellen Beitrag in Europa geschrieben: "Nicht die Betonung der nationalen Eigenschaften ist unser Mitbringsel in die europäische Wohngemeinschaft, sondern die Anerkennung der Verschiedenartigkeiten auf kleinstem Raum". Das könnte auch ein genuin europäischer Beitrag in der kulturellen und wissenschaftlichen Gestaltung der Welt sein, wenn wir mit der Erweiterung der Union eine Wiederentdeckung der kulturellen Verbindungen verknüpfen.
In diesem Sinne sind ihre Beratungen hier in Linz eine wichtige Standortbestimmung, wie ein erweitertes Europa seinen kulturellen Reichtum im Interesse aller einsetzen kann.
Stefan Zweig hat mit Bezug auf Österreich etwas sehr Europäisches gesagt: Er liebe Österreich, weil es ihm erlaube, zugleich Patriot und Weltbürger zu sein. In diesem Satz liegt für die europäische kulturelle Kooperation viel Gestaltungsraum.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
