DIE GLOBALE DIMENSION DER AUSLANDSKULTURPOLITIK
15.09.2004
Rede von Generalsekretär Botschafter Dr. Johannes Kyrle anlässlich der Eröffnung der Auslandskulturtagung 2004
Liechtenstein Museum
Wien, 09.09.2004
Exzellenzen,
Herr Direktor Kräftner,
meine Damen und Herren!
Ich darf zunächst die herzlichsten Grüße von Frau Bundesministerin Benita Ferrero-Waldner überbringen, die sehr bedauert, dass sie nicht persönlich den Eröffnungsvortrag an der traditionellen Auslandskulturtagung halten kann. Ich freue mich, dass Sie mich ersucht hat, Sie bei dieser für das Außenministerium so wichtigen Veranstaltung zu vertreten.
Das Thema Ihrer Tagung lautet: „Zwischen Identität und Globalisierung“. Es scheint tatsächlich so, dass unsere heutige Welt in der Spannung zwischen diesen beiden Begriffen zu leben hat:
· Herkömmliche, lange für stabil gehaltene Grenzen verschwinden und jeder Einzelne, wie auch Staaten, wird immer stärker Teil und Betroffener von globalen Entscheidungsprozessen;
· Vor diesem Hintergrund nimmt die Bedeutung von und die Suche nach „Identität“ immer stärker zu. Anstelle aber das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen, wird Identität vermehrt als Ausdruck von Differenzierung verstanden und auch durch Abgrenzung hergestellt.
Meine Damen und Herren!
Die Frage nach Identität prägt naturgemäß jede Auslandskulturpolitik, auch unsere österreichischen Schwerpunktsetzungen:
· Mitteleuropa ist unsere kulturelle Heimat,
· Südosteuropa ist jene Region, die unsere größte Aufmerksamkeit verdient und in der heute österreichische Kultur- und Bildungsarbeit eine besondere Wirkung erzielen kann und
· die Europäische Union ist jener Raum, in dem wir mehr gemeinsame Öffentlichkeit und gemeinsames Bewusstsein, wenn sie so wollen, einen „Europäischen Traum“, anstreben.
Gleichzeitig ist die Globalisierung nicht so neu, wie es uns Medien und Globalisierungskritiker suggerieren. Im Bereich der Außenpolitik ist vor allem das System der Vereinten Nationen, wie es vor fast 60 Jahren nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs etabliert wurde, der Versuch, eine gerechte Ordnung in einer globalen Welt zu verwirklichen.
Die vollständige Globalisierung der Kultur halten wohl die meisten von uns weder für möglich noch für wünschenswert. Globalisierung hat eben zwei Seiten: Sie schafft Gemeinsamkeiten und zerstört Differenz. Das Wort „Gemeinsamkeiten“ klingt harmlos und sympathisch, aber dahinter steht die Gefahr einer Einheitskultur, in der alles gleich, das heißt gleichförmig ist. Und was in einer uniformen Weltkultur zählt, bestimmen dann Strukturen der Macht, geopolitische Akteure, seien es Weltmächte oder Weltkonzerne. Für Kultur ist demnach „Differenz“ das Schlüsselwort.
Aber nicht nur für die Kultur: Auch der „Human Development Report 2004“ der Vereinten Nationen nennt „managing cultural diversity“ eine zentrale Herausforderung unserer Zeit. Die Anerkennung von kultureller Diversität wird heute international wie national zurecht als Voraussetzung für eine stabile und erfolgreiche Gesellschaft erkannt. Dies gilt für alle unsere Gesellschaften und Staaten, insbesondere aber in aktuellen Europa- und weltpolitischen Problemzonen.
Gerade in Krisenzeiten werden von verschiedener Seite oft kulturelle Argumente vorgebracht, seien sie real oder nur vorgeschoben, um der eigenen Position Legitimität zu verschaffen. Selbst in der Frage, wie wir den internationalen Terrorismus bekämpfen, muss beachtet werden, dass Terroristen sich mit dem missbräuchlichem Argument der Verteidigung der eigenen Kultur Rechtfertigung verschaffen wollen.
Die zentrale Bedeutung von Respekt vor kultureller Vielfalt und die Einbindung aller Gruppierungen sowie die Berücksichtigung ihrer Partizipationswünsche ist auch insbesondere in Post-Konflikt Gesellschaften offensichtlich – zur Schaffung einer nachhaltigen Grundlage für eine an demokratischen Prinzipien ausgerichtete Gesellschaft. Dies gilt – für Österreich wohlbekannt – für den kriegs- und krisengeschüttelten Raum des West-Balkan ebenso wie für eine zukünftige positive Entwicklung im Irak oder in Afghanistan.
Meine Damen und Herren!
Auslandskulturpolitik ist lange Zeit der Vorstellung gefolgt, dass Staaten und Nationen für ihre Glaubwürdigkeit auch im Ausland werben müssen und insbesondere Kultur dafür das geeignete Mittel ist. Auch heute diskutiert sie weiterhin Identitäten, aber zunehmend jene, die nicht an staatlichen oder ethnischen Grenzen halt machen.
In Europa beschäftigt sich Auslandskulturpolitik mit regionalen kulturellen Räumen, die wiederentdeckt werden. Dies galt in den letzten Jahrzehnten für Diskussionen um die mediterrane Welt, um Mitteleuropa oder auch um den umstrittenen Begriff „Balkan“. Heute werden Räume mit gemeinsamer Geschichte oder Geographie als Möglichkeiten kultureller Dialogräume untersucht. In vielen Staaten ist die Kulturdiplomatie seit „Nine-Eleven“ mehr mit Projekten zum „Dialog der Kulturen“ beschäftigt als mit nationaler Kulturpräsentation.
Ein wirtschaftlich erfolgreicher Mitgliedstaat der Europäischen Union, der seit dem 1. Mai dieses Jahres in die Mitte dieser Gemeinschaft gerückt ist und ein kulturelles Erbe besitzt, das weltweit bekannt und geschätzt ist, versteht den Auftrag seiner Auslandskulturarbeit darüber hinaus global. Für Österreich geht es dabei auch um den Beitrag, den Kultur für Frieden und Gerechtigkeit in den internationalen Beziehungen leisten kann. Gleichzeitig geht es darum, Kulturschaffenden aus Österreich weltweit die Chance geben, an neuen künstlerischen und wissenschaftlichen Entwicklungen teilzunehmen. Schließlich geht es auch um den Wettbewerbsvorteil, den eine „Kulturnation“ im internationalen Markt um Aufmerksamkeit in einem immer vernetzteren Feld der Außenpolitik gewinnen kann.
Für die Außenpolitik ist daher Kooperation in Kulturfragen eine klassische Methode um zwischen Staaten, Kontinenten und Kulturen auch symbolisch Sympathie und Vertrauen zu steigern oder wiederherzustellen. Dies erscheint heute schwieriger denn je, insbesondere im Verhältnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt oder zwischen hochentwickelten Ländern und der Dritten Welt. Diesem Feld muss daher unsere verstärkte Aufmerksamkeit gelten! Ungleiche Lebenschancen als Folge einer Globalisierung der Märkte machen eine neue Form des Kulturaustausches notwendig. Es genügt nicht mehr einen „West-Östlichen Diwan“ von Goethe – als Anregung für westliche Intellektuelle – zu kennen, Projekte der Zukunft sind vielmehr Workshops, die europäische und arabische Kinder über das Geschichtenerzählen zusammenbringen.
Lassen Sie uns kurz beim Thema "Kulturnation Österreich“ auch aufgrund aktueller Debatten bleiben: Das Reden über eine "Kulturnation" löst oft Widerspruch aus und der Vorwurf einer provinziellen Identitätspolitik wird erhoben. Aber die Bilder und Vorstellungen, die international über Österreich bestehen, werden immer mehr zur wichtigsten Voraussetzung, um die Interessen Österreichs international erfolgreich vertreten zu können.
Wenn tatsächlich Globalisierung das kulturelle Bild von einander schafft, gleichzeitig die Unterhaltungsindustrie weltweit kulturelle Identitäten einebnet, so entstehen hier Freiräume um sich kulturell zu definieren. Gerade Österreich sollte diese Chance nützen! Die Auslandskulturpolitik kann diese Frage anlässlich von Jubiläen und Gedenktagen diskutieren, wenn sie das Bewahren und das traditionell Gängige nicht gegen das Widerständige und Innovative in der österreichischen Kultur ausspielt, sondern dies als zwei Seiten des Kulturschaffens vermittelt, die zutiefst aufeinander angewiesen sind. Das Österreich-Jahr 2005 sowie das Mozart- und das Freudjahr 2006 werden genug Gelegenheiten für viele Auseinandersetzungen zu diesem Thema bieten.
Lassen Sie mich nun 10 Aspekte formulieren, die für unser Verständnis einer österreichischen Identität in der Auslandskulturpolitik im globalen Umfeld von Bedeutung sein können:
I. ÖSTERREICH BESITZT KULTURELLE WELTMARKEN:
Globalisierung bedeutet im kulturellen Umfeld, dass Kultur auch als Ware wahrgenommen wird, als Konsumgut, das sich auf einem weltweiten Markt behaupten muss. Man mag diese Entwicklung kritisieren, wir müssen sie aber gleichzeitig zur Kenntnis nehmen und dazu beitragen, dass die kulturellen Weltmarken Österreichs, die Salzburger Festspiele, die Wiener Staatsoper, Ars Electronica, die Wiener Philharmoniker, das Kunsthistorische Museum im weltweiten Wettbewerb erfolgreich positioniert werden können und diese Position gestärkt und erhalten wird. Es geht dabei nicht um Nostalgie, sondern um ein historisch wichtiges Kapital, das weltweit interessiert.
II. KULTURELLE NACHBARSCHAFTSPOLITIK SOLLTE GLOBAL GENUTZT WERDEN:
Österreich bildet mit seinen Nachbarstaaten, die in diesem Jahr der Europäischen Union beigetreten sind, einen mitteleuropäischen Kulturraum, der global attraktiv ist, weil er beweisen kann, dass gemeinsame kreative Leistungen möglich sind, ohne auf Pluralität und nationale Differenzierung zu verzichten.
In diesem Sinn sind die über 100 kulturellen Projekte, die bereits von der „Plattform Kultur-Mitteleuropa“, also von Polen, der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarn, Slowenien und Österreich, gemeinsam durchgeführt wurden, Erfahrungen, die für den Kulturdialog innerhalb und außerhalb Europas eingesetzt werden sollen.
III. DEN DIALOG MIT „NEUEN“ GROSSEN AUSSEREUROPÄISCHEN STAATEN SUCHEN:
Wenn wir heute die internationalen Chancen und Kooperationsmöglichkeiten von Künstlern und Wissenschaftern unterstützen wollen, so muss die Auslandskulturarbeit – neben den traditionellen Schwerpunkten in der Nachbarschaft, in Südosteuropa und in den Vereinigten Staaten – auch Zugänge zu spannenden geographisch entfernteren Staaten wie China, Indien und Mexiko erleichtern.
Wir müssen zu diesen wichtigen Kulturräumen der Welt einen engeren Kontakt herstellen! Um diese Möglichkeit zu schaffen, wird das Außenministerium in diesem Oktober etwa ein Österreichisches Kulturforum in Peking eröffnen.
IV. MIT KULTUR AUCH FÜR EUROPA WERBEN:
Vordenker weisen darauf hin, dass das kulturelles Gedächtnis und kulturelle Dialoge unser wichtigstes Instrument darstellen, um für mehr Europa zu werben. Durch seine Geschichte und sein Vermächtnis hat Europa glaubwürdige Voraussetzungen, die Perspektive einer erfolgreichen regionalen Entwicklung bei Bewahrung kultureller Identitäten zu propagieren.
V. IN EINER GLOBALISIERTEN WELT SIND „GRENZEN“ THEMA VON AUSLANDSKULTURPOLITIK:
Gerade Österreich, dass im 20. Jahrhundert das Kommen und Gehen innerer und äußerer Grenzen erlebt, mitzuverantworten und zu erleiden hatte, und dass 1989 vom Ende des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West unmittelbar betroffen war, sollte in seiner Auslandskulturarbeit das Thema von Grenzen aktiv ansprechen. Wie Menschen und ihre Gemeinschaften mit Grenzen umgehen, ist eine zutiefst kulturelle Frage, die aber – wie wir in den großen Themen der aktuellen Außenpolitik von Migration, Terrorismus bis zur Frage der Grenzen Europas sehen – unmittelbare Auswirkungen auf politische Entscheidungen hat.
VI. KULTURELLE VIELFALT ALS POTENTIAL SICHTBAR MACHEN:
Österreich kann seine Erfahrungen mit Pluralität sowie sprachlicher und ethnischer Vielfalt in die internationale Diskussion einbringen. Darüber hinaus können wir darstellen, dass es trotz unterschiedlicher Sprachen und historischer Nachbarschaftskonflikte möglich ist, gemeinsam erfolgreiche mitteleuropäische Kulturprojekte durchzuführen. So planen wir derzeit eine Ausstellung über das Leben der muslimischen Bevölkerung in Österreich, die sowohl in Westeuropa als auch in der arabischen Welt gezeigt und von Diskussionsveranstaltungen über Migration und Identität begleitet werden soll.
VII. DEN DIALOG DER KULTUREN ALS AUFGABE VERSTEHEN:
Nicht wenige – auch österreichische – Kulturschaffende sind skeptisch, wenn Regierungen und internationale Organisationen heute ständig den „Dialog der Kulturen“ im Munde führen. Es geht aber dabei doch nicht so sehr um die Bezeichnung, sondern um einige wenige, aber wesentliche Prinzipien: Der Dialog muss im eigenen Land beginnen, er muss Eliten und Bevölkerungsmehrheiten umfassen und er muss gleichberechtigt stattfinden. Diese Prinzipien zu verwirklichen ist gerade in den Bereichen von Religion und von Medien, auf die Österreich seine Anstrengungen konzentriert, eine Herausforderung. Für Beginn 2005 planen wir etwa in Ägypten eine Medienkonferenz zum Thema, wie Populärmedien über fremde Kulturen sprechen.
VIII. KULTUR ALS CHANCE FÜR DIE ENTWICKLUNGSPOLITIK:
Die globale Dimension der Auslandskulturpolitik verlangt auch eine stärkere Abstimmung mit der Entwicklungszusammenarbeit. Kultur ist auch im Entwicklungskontext kein Luxus. Zu offensichtlich sind die Unterschiede in der heutigen Situation einzelner Entwicklungsländer und –Regionen bei oft vergleichbarer kolonialer, wirtschaftlicher oder ökologischer Ausgangslage.
Kulturarbeit in der Dritten Welt ist verbunden mit dem Einsatz, Netzwerke zu etablieren oder an ihnen teilzunehmen, Informationsstrategien zu entwickeln und damit auch Chancen für weniger Ungleichheit im Wissen zu eröffnen. Untersuchungen zeigen, dass oft moderne Kommunikationstechnologien nicht demokratische Strukturen stärken, sondern dass „die Macht der bereits Mächtigen“ noch weiter anwächst.
Wir müssen daher kulturelle Auslandsprojekte auch stets nach ihrem Nutzen für die „civil society“ im Partnerstaat beurteilen. Eine derartige „nachhaltige Auslandskulturpolitik“ kann eine wichtige Ergänzung entwicklungspolitischer Aktivitäten sein.
IX. MULTILATERALE KULTURPOLITIK TRÄGT ZUR SICHERUNG DES KULTURELLEN WELTERBES BEI:
Globalisierung ist gleichzeitig Gefahr und Chance für die Vielfalt des Weltkulturerbes, weil Traditionen und Bausubstanz in Frage gestellt werden, aber auch eine weltweite Öffentlichkeit für ihre Bewahrung geschaffen wird. Österreich beteiligt sich im Rahmen der UNESCO an Aktionsprogrammen, um in internationalen Krisengebieten Kulturgüter zu schützen und an den Vorbereitungen einer Konvention über kulturelle Vielfalt.
X. GLOBALE KOMMUNIKATION ERÖFFNET CHANCEN FÜR DAS SPEZIFISCHE:
Wir können diesen letzten Aspekt, den ich mit Ihnen ansprechen möchte, an einem Beispiel verdeutlichen: Ein slowenisch-österreichisches Literaturprojekt drohte zu scheitern, da die Kosten und der Zeitaufwand für die Übertragung der Textierung eines Originaldokuments aus der Frakturschrift in die heutige deutsche Schreibschrift den Rahmen zu sprengen schien. Erst das Internet und die Innovationskraft eines privaten chinesischen Kleinunternehmers konnte die Publikation retten.
Diese Erfahrung hat uns gelehrt, dass wir die globalen Kommunikationsmittel verstärkt nicht nur zur Datenübertragung nutzen sollten! Ein ungeheures Potential liegt dahinter verborgen, wir müssen lernen, uns an diese Möglichkeiten zu adaptieren und verstärkt in Anspruch zu nehmen.
Ich komme zum Schluss. In der internationalen Positionierung von Staaten wird Kultur heute in dem Maße wichtiger, in dem Integrations- und Globalisierungsprozesse die Spielräume für nationalstaatliches Handeln beeinflussen und verändern. Wir sind bereit, uns diesen Entwicklungen zu stellen und unsere Chancen zu ergreifen.
Österreich ist weltweit kulturell hoch angesehen. Dies ist eine hervorragende Ausgangslage, um erkennbare und gestaltende Beiträge für das 21. Jahrhundert zu leisten. Eine starke kulturelle Präsenz im Ausland ist daher im Sinne einer glaubwürdigen und nachhaltigen Außenpolitik unverzichtbar!
