Traumlandschaften: Österreichfestival in St. Petersburg
06.10.2003
Rede von Botschafter Dr. Emil Brix anlässlich der Festivaleröffnung in St. Petersburg
Es gilt dasgesprochene Wort
04.10.2003
Sehr geehrter Herr Gouverneur,
verehrte Festgäste!
Ich überbringe die herzlichen Grüsse und Glückwünsche der österreichischen Aussenministerin. St. Petersburg feiert Geburtstag. Den 300. Geburtstag. Sie mögen einwenden, dass das nichts außergewöhnliches ist, denn schließlich gibt es in Europa bei weitem ältere Städte. Ja, man könnte sogar sagen, dass fast jede europäische Stadt, sei es Wien, Paris, London oder Prag mehr Jahre auf die Zeitschale bringt als St. Petersburg. Dennoch ist der 300. Geburtstag von Piter, wie diese Stadt von ihren Bewohnern liebevoll genannt wird, etwas Besonderes. St. Petersburg ist ein Symbol für die schöpferische Kraft Europas, für seine Träume und Alpträume.
Die Gründung von St. Petersburg im Jahr 1703 an einem menschenleeren und auch menschenfeindlichen Ort, den Newa-Sümpfen an der Ostsee, stellten sowohl einen eindeutigen politischen Akt als auch ein klares politisches und kulturelles Programm eines Monarchen dar, der bewusst ein "Fenster nach Europa schlagen" wollte. Dieser Monarch, Zar Peter der Große, hatte in den Jahren davor auf einer Reise durch Deutschland, die Niederlande, London und Wien erfahren, was europäische Kultur und Zivilisation ausmacht - und er hatte erkannt, dass Russland weit davon entfernt war. Und so holte er sich kurzentschlossen die Eliten Europas zur Planung und zum Bau einer Stadt, die eine Öffnung und Wendung seines Reiches nach dem Westen hin bilden sollte. Architekten, Baumeister, Ingenieure, Schiffsbauer, Festungsbauer, Handwerker und Bauleute - und in einem zweiten Schritt Komponisten, Musiker, Maler, Tänzer und Theaterleute kamen, sahen, arbeiteten, träumten - und blieben.
Mit dem Resultat, dass sich St. Petersburg, ab 1712 Hauptstadt Russlands, rasch zum kulturellen Zentrum entwickelte und einen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, der erst dann endete, als der 1. Weltkrieg und die bolschewistische Revolution (der Traum des Sozialismus) letztlich den gleichberechtigten Daseinszustand der Stadt mit den anderen europäischen Avantgarden wieder zunichte machten.
Aus Anlass des 300. Geburtstages von St. Petersburg begibt sich Europa nunmehr auf die Spuren von Zar Peter dem Großen und bringt sie wieder in die Stadt, diese „Eliten Europas“: mit einer Reihe von offiziellen Festakten, ambitionierten Projekten und gemeinsamen Veranstaltungen feiert Europa die Rückkehr von St. Petersburg nach Europa. In einer Zeit, in der sich Europa vereinigt, rückt auch St. Petersburg näher an das restliche Europa heran. Dabei sollten wir auch kritische Fragen stellen, denn die Spuren St. Petersburgs sind nicht nur die Spuren seiner Gründungsidee. Allzu oft ist Kultur auch ein Teil des Problems. In der frühen Sowjetzeit schrieb Ossip Mandelstam: „Alles, was ich bin, verdanke ich der Revolution“.
Im Rahmen der diesjährigen Feierlichkeiten lädt Österreich bis Ende Oktober die Bevölkerung von St. Petersburg in ihrer eigenen Stadt zu einem Festival mit dem Titel „Traumlandschaften“, bei dem Sigmund Freud und die Bedeutung von Träumen für unser kulturelles Selbstverständnis das Generalthema bilden. Nachdem wohl nichts so sehr die Geisteswelt und unsere Vorstellungen über die Moderne geprägt hat, wie Freud und die Psychoanalyse, soll in den „Traumlandschaften“ die Kulturlandschaft mit und nach Sigmund Freud erkundet werden. Und welche Stadt böte sich da besser an als St. Petersburg, das nach dem Ende des Kommunismus zu Ehren von Sigmund Freud ein eigenes „Traummuseum“ errichtet hat? Das Leben von Sigmund Freud ist auch ein Beispiel europäischer Wirklichkeit und europäischer Tragödien. Geboren wurde er in einer kleinen Stadt, die heute Teil der Tschechischen Republik ist, gestorben ist er im erzwungenen Exil in London. Und dennoch war er ein Österreicher.
In den kommenden Wochen werden bei fast 50 Veranstaltungen österreichische, russische, europäische Träume von Künstlern und Wissenschaftern zum Thema einer Stadt. Wichtig ist uns dabei, dass ein Großteil der Projekte Kooperationen von österreichischen mit russischen KünstlerInnen und WissenschafterInnen sind.
Nach einem Konzert der Wiener Philharmoniker im Frühjahr, den Präsentationen der diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt Graz und der Errichtung eines Johann Strauss-Denkmals in Pawlowsk nun dieses Festival des kulturellen Dialogs mit vielen Auftragsarbeiten. Für Österreich ist die Kultur ein Gradmesser der Qualität des Miteinanders. Für die österreichische Außenpolitik ist diese Form des Kulturdialoges von besonderer Bedeutung, da er zwischen Staaten, Kontinenten und Kulturen Sympathie und Vertrauen steigert und Symbole der Freundschaft transportiert. An die Stelle des Präsentierens ist der Prozess der gemeinsamen Arbeit getreten. Er schafft die Grundlagen für persönliche Kontakte und Netzwerke der Zusammenarbeit.
Ich möchte an dieser Stelle dem Österreichischen Kulturforum Moskau danken, das in über einjähriger Planungsarbeit diese Kooperationen ermöglicht und diese Netzwerke geschaffen hat – auch wenn das für die Beteiligten bestimmt die eine oder andere schlaf- (und traum)lose Nacht bedeutet hat!
Abschließend gilt mein Dank auch jenen Partnern und Sponsoren, ohne deren Hilfe dieser Traum wohl nicht geträumt werden hätte können: allen voran dem Sigmund Freud-Museum Wien, dem Traum-Museum St. Petersburg, sowie Austrian Airlines, VA-Tech und der Speditionsfirma Sobolak.
Verehrte Festgäste,
wir alle haben unsere eigenen, ganz persönlichen Träume; und wir alle wünschen uns, dass sich diese eines Tages erfüllen. Nun, ich kann Ihnen heute zwar nicht versprechen, dass Ihre Träume in Erfüllung gehen, aber ich kann Ihnen versichern, dass sich in unseren „Traumlandschaften“ die geistige Infrastruktur eines sicher komplizierten aber immer europäisch denkenden Landes verbirgt. Ich lade Sie daher ganz herzlich ein, sich auf die Suche nach diesen zu begeben und sich für einige traumhafte Momente verführen zu lassen!
