"Über die Kultur als Auftrag österreichischer Außenpolitik"
04.09.2003
Rede von Dr. Benita Ferrero-Waldner Bundesministerin für auswärtige Angelegenheiten anlässlich der Österreichischen Auslandskulturtagung 2003
Es gilt das gesprochene Wort!
Exzellenzen, liebe Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren!
Ich freue mich, dass ich heute vor dem Forum der Auslandskulturtagung wieder Gelegenheit habe, meine Vorstellungen über die Kultur als Auftrag der österreichischen Außenpolitik zu präsentieren.
Ich möchte uns zwei grundsätzliche Fragen stellen:
· Wie sieht dieser Auftrag ist?
· Ist er Teil oder Methode unserer Außenpolitik?
Eine Reihe von Staaten, insbesondere manche größere, betreiben eine intensive Auslandskulturpolitik, weil sie darin eine Chance sehen, ihre kulturellen Standards global zu präsentieren und letztlich durchzusetzen.
Für Österreich geht es nicht um das Durchsetzen eigener nationaler Standards, sondern um den Beitrag, den Kultur für Frieden und Gerechtigkeit in den internationalen Beziehungen leisten kann. Es geht auch um den Wettbewerbsvorteil, den eine „Kulturnation“ auf dem internationalen Markt der öffentlichen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung gewinnen kann. Dies wird in Anbetracht eines immer vernetzteren Feldes der Außenpolitik und immer zahlreicherer Akteure auf der internationalen Bühne entsprechend wichtig.
Die weltweite Suche nach einer vernünftigen Balance zwischen Globalisierung und eigener Identität gibt der in Österreich seit 1945 offiziell vertretenen und geförderten Politik der "Kulturnation" eine neue Bedeutung in Bezug auf die Stellung unseres Landes in der Welt. Die Bilder und Vorstellungen, die jenseits unserer Grenzen über Österreich bestehen, werden immer mehr zum eigentlichen Thema, wenn es darum geht, die Interessen Österreichs im Ausland zu vertreten.
Weil die Präsentation eines umfassenden Österreich-Bildes im Ausland so wichtig ist, betreiben wir eine aktive Auslandskulturpolitik, die sich in Dimension und Zielsetzung nicht an vergleichbaren kleineren europäischen Staaten misst, sondern an der weltweiten Aufmerksamkeit für den kulturellen Standort Österreich.
Zum Beispiel: Wenn die „Ars Electronica“ in Linz die weltweit erste Adresse für elektronische Kunst ist, ein österreichischer Kinderbuchautor in China die Bestsellerlisten anführt und die Feuilletons aller großen europäischen Zeitungen über Neuinszenierungen bei den Salzburger Festspielen berichten, dann entspricht dies einem internationalen Interesse an Österreich, wie es in anderen Politikfeldern nur wünschenswert wäre.
Für die Außenpolitik ist Kulturaustausch eine klassische Methode um zwischen Staaten, Kontinenten und Kulturen Sympathie und Vertrauen zu steigern oder wieder herzustellen. Der Kulturaustausch transportiert Symbole der Freundschaft. Er sendet wichtige politische und zwischenmenschliche Signale und er schafft die Grundlagen für persönliche Kontakte und Netzwerke der Zusammenarbeit. Er hilft erstarrte Strukturen aufzubrechen, Vorurteile zu mindern und schafft gegenseitiges Verständnis. So bestanden etwa selbst in Zeiten des Kalten Krieges in Europa Möglichkeiten für Kooperationsprojekte im Sport- und Kulturbereich. Heute initiieren wir im Verhältnis zwischen dem sogenannten Westen und der islamischen Welt zahlreiche Vorhaben, um den Dialog der Kulturen nachhaltig zu unterstützen.
Hier ein paar aktuelle Beispiele von heute und jetzt:
· Wir haben im Juni in Graz mit einer Konferenz europäischer Imame eine neue Kommunikationsplattform für islamische Religionsführer in Europa mitinitiiert, die eine Erklärung der Toleranz und der Zusammenarbeit verabschiedet haben, die die Basis für ein gedeihliches Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in Europa bilden soll.
· Ich werde weiters im November dieses Jahres erneut führende Medienverantwortliche in Wien im Rahmen der Euro-mediterranen Partnerschaft zusammenbringen, um die Rolle der Medien im Dialog der Kulturen unter den konkreten Perspektiven ethischen Verhaltens in Kommunikationsprozessen zu diskutieren. Es geht darum diesen Dialog von der Ebene der Eliten herunterzuholen und die Bevölkerung einzubinden.
Wie gehen wir aber heute insgesamt damit um, dass im Grunde nicht mehr die kulturellen Inhalte, sondern die Kommunikation und die unterschiedlichen Chancen, sie zu nutzen, zum Anlass politischer, ökonomischer und kultureller Ungleichheit geworden sind? In einer Welt, in der die Gesellschaft zunehmend auf der Produktion und dem Austausch von Wissen und Information basiert, genügt für den Erfolg nicht mehr, dass ein österreichischer Jungfilmer einen hervorragenden Film produziert, sondern ob es gelingt, diesen Film in internationalen Produktions- und Distributionsnetzwerken zu placieren. Dies bedeutet, dass eine zentrale Aufgabe der Auslandskultur darin besteht,
· kulturelle Netzwerke zu etablieren oder an ihnen teilzunehmen und
· Informationsstrategien zu entwickeln, um bessere Chancen auf Zugang zum Wissen zu eröffnen.
Die amerikanische Soziologin Saskia Sassen spricht davon, dass heute moderne Kommunikationstechnologien nicht notwendigerweise die Demokratie stärken, sondern „die Macht der bereits Mächtigen“ noch weiter anwächst. Darüber kann man streiten. Für beide Aspekte – Technologie führt zu mehr oder zu weniger Demokratie – gibt es Argumente. Worum es daher geht, ist, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Wir konzentrieren uns daher darauf, kulturelle Auslandsprojekte auch stets nach ihrem Nutzen für die „civil society“ im Partnerstaat zu beurteilen. Eine derartige „nachhaltige Auslandskulturpolitik“ kann und - ich würde sogar sagen - muss eine wichtige Ergänzung entwicklungspolitischer Aktivitäten sein.
Unter den Gesichtspunkten einer kulturellen Außenpolitik, die nachhaltig wirkt und Kommunikation und Vernetzung auch als Inhalt künftiger Kulturpolitik versteht, müssen wir auch für Neue offen sein. Daher arbeitet Österreich bereits gemeinsam mit seinen Nachbarstaaten, die 2004 der Europäischen Union beitreten werden, im Rahmen der „Regionalen Partnerschaft“ in und außerhalb Europas auf der sogenannten „Plattform Kultur Mitteleuropa“ zusammen.
Auf dem Weg Europas zu einem geeinten Kontinent, auf dem wir gerade jetzt mit großen Schritten vorangehen, liegen Aufgaben und Chancen für Österreich. Der Schwerpunkt unserer Auslandskulturpolitik liegt seit 1989 ganz eindeutig in Mitteleuropa, in dem Bemühen, die neuen Möglichkeiten der Nachbarschaft kulturell erlebbar zu machen. Hier zeigt sich der kulturelle Auftrag österreichischer Außenpolitik wohl am stärksten. In einem Raum, reich an Traditionen des Gemeinsamen und des Trennenden, ist jeder außenpolitische Kontakt ein Stück Kulturpolitik und jedes gemeinsames Kulturprojekt ein Stück Außenpolitik.
In den künftigen EU-Partnerstaaten Polen, Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn und Slowenien haben wir die meisten Initiativen gesetzt, um kulturelle Netzwerke zu knüpfen, die geeignet sind, die Nachwirkungen einer jahrzehntelangen ideologischen Teilung Europas zu überwinden.
Als Beispiel für neue Formen österreichischer Außenpolitik möchte ich besonders die vor mehr als 10 Jahren gestartete Initiative zur Errichtung von Österreich-Bibliotheken in den mittel-, ost- und südosteuropäischen Staaten erwähnen. Wir haben in dieser Woche erstmals Vertreter aller 50 Bibliotheken und unserer österreichischen Partnerorganisationen nach Wien zu einer Konferenz über Bilanz und Perspektiven eingeladen. Ich darf mich bei dieser Gelegenheit bei den Bibliothekaren und Wissenschaftlern aus insgesamt 23 Ländern sehr herzlich bedanken, für das was Sie für die kulturellen Beziehungen mit Österreich unter sicher oft nicht einfachen Bedingungen geleistet haben.
Auch die Sprachschulen der Österreich-Institut-GmbH in den Nachbarländern, die noch heuer um eine Sprachschule in Ljubljana bereichert wird, gehören zu Initiativen, die das Außenministerium unterstützt und die wichtige Arbeit im Sinne der neuen Aufgaben in der Region leisten.
Mein Dank gilt auch den österreichischen Partnern und Förderern: vor allem der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und dem Österreichischen Ost- und Südosteuropainstitut. Ich darf Ihnen allen versichern, dass wir diese Form der kulturellen Nachbarschaftspolitik, die einen bleibenden Wert schafft, nach besten Möglichkeiten unterstützen wollen. Sie alle sind ein Teil europäischer Integration, Stützpunkte für ein Europa der Kultur, in dem auch Menschen in Chisinau, Poznan, Nishni Nowgorod oder Tuzla die Chance haben sollen, ihren Robert Musil oder Thomas Bernhard in die Hand zu nehmen.
Meine Damen und Herren!
Diese positiven Erfahrungen intensiver Kulturarbeit werden wir in den kommenden Jahren auch für die Zukunft Südosteuropas nutzen. Inhaltlich muss vor allem die Heranführung an die Europäische Union und konkret die Stärkung der zivilen Strukturen in den Staaten der Region Schwerpunkt unserer Auslandskulturpolitik sein. Hier müssen wir verstärkt mit den vorhandenen nationalen und internationalen Institutionen zusammenarbeiten.
Ich denke etwa an die Institutionen der EU und an den Stabilitätspakt, an Schwerpunktprogramme der Osthilfe und an die Aktivitäten des Bildungsministeriums. Für mich bedeutet in diesem Bereich dauerhafte Stabilisierung dieser Region, dass es gemeinsam gelingt, Kunst, Wissenschaft und Bildung zu einem positiven Faktor regionaler Zusammenarbeit und zu einem starken Argument für die volle europäische Integration zu machen.
Wenn ich mich damit der schwierigen Frage zuwende, was ist ein Europa der Kultur und wieso tauchen in den letzten Jahren immer wieder außenpolitische Stimmen auf, die die Grenzen Europas kulturell bestimmen wollen, gestatten Sie mir aber, dass ich mich zunächst bei dem Europäer György Konrád herzlich dafür bedanke, dass er unsere Einladung zu dieser Veranstaltung angenommen hat. In seiner Rede zur Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen 2001 hat György Konrád unter dem Titel „Vereinigung heißt nicht Verschmelzung“ die nicht nur rhetorische Frage gestellt „Was ist zu tun, damit nicht nur der Euro, sondern auch die europäische Kultur mit ihrem großen Reichtum zum Selbstbewusstsein der Europäer aller Nationen beiträgt?“
Seine Antworten sprechen von der Vielfalt und sie sind eigentlich auch so etwas wie die festen Ankerpunkte österreichischer Kulturpolitik: Er ruft unter anderem dazu auf, „den unvergänglichen und unübertrefflichen Werten, dem Seltenen und dem Persönlichen unsere Achtung“ zu bezeugen. Er spricht von einer kulturellen Geopolitik, die weit entfernt ist vom ethnischen Besitzstandsdenken früherer Epochen: „Ein Ort, wo wir schon einmal waren, gehört uns“. Europa wird unter anderem aus Texten konstituiert, „deren Autoren nur die Macht haben, dass ihre Leser das Gelesene nicht mehr aus dem Kopf bekommen“.
Die Tagung findet heuer unter dem Titel „Österreich in einem Europa der Kultur“ statt. Das Thema Kultur hat daher auch beim Konvent zur Zukunft Europas, dessen Ergebnisse im Juli präsentiert wurden, eine Rolle gespielt. Der erarbeitete Entwurf für einen europäischen Verfassungsvertrag nennt unter den Zielen der Union die Wahrung des Reichtums ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas. Dieser Punkt war, wie Sie wissen, für uns – wie auch für andere europäische Kulturnationen – bei den Verhandlung im Konvent sehr wichtig.
Auch die Grundrechtscharta, die durch den Verfassungsvertrag rechtlich verbindlich werden soll, bestimmt, dass die Union die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen achtet.
Die Union wird im Kulturbereich weiterhin eine ergänzende und unterstützende Kompetenz haben, die Hauptzuständigkeit wird bei den Mitgliedsländern verbleiben. Die Union fördert die Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten untereinander sowie mit Drittländern und internationalen Organisationen, wie dem Europarat.
Ich bin überzeugt, dass kulturelles Gedächtnis und kulturelle Dialoge unser wichtigstes Instrument darstellen, um für mehr Europa zu werben und um die „europäischen Werte“ nicht nur im möglichst gerechten Einsatz von Verfahrensregeln und Normen zu vermuten.
Künstler und Wissenschaftler sagen – und wir sind da einer Meinung -, dass sie keinen kulturellen europäischen Einheitsbrei wollen. Andererseits wollen wir uns nicht hinter unsere Grenzen zurückziehen, sondern streben sehr wohl die gegenseitige Befruchtung zwischen den Ländern und Kulturen an. Zwischen diesen beiden Extremen liegt für die Auslandskultur viel Gestaltungsraum.
Lassen Sie mich am Beispiel der diesjährigen 300-Jahrfeiern von St. Petersburg zeigen, wie unterschiedlich die kulturellen Präsentationsformen im Bereich der Außenpolitik sein können. Was sind die offiziellen Beiträge der drei Staaten Deutschland, Schweiz und Österreich? Deutschland hat mit viel Geld aus der Wirtschaft die Rekonstruktion des für den Mythos Russlands wichtigen „Bernsteinzimmers“ möglich gemacht. Die Schweiz hat als offizielles Geschenk – ich finde diese Idee sympathisch und typisch zugleich - Hunderte Parkbänke und Bahnhofsuhren übergeben. Österreich hat sich weder für die pragmatische Variante der Schweiz noch für die historisch-symbolträchtige Zugangsweise Deutschlands entschieden, sondern lädt die Bevölkerung von St. Petersburg im Oktober in ihrer eigenen Stadt zu einem Festival mit dem Titel „Traumlandschaften“, bei dem Sigmund Freud und die Bedeutung von Träumen für unser kulturelles Selbstverständnis das Thema ist. Nachdem vermutlich nichts so sehr die Geisteswelt und unsere Vorstellungen über die Moderne geprägt hat, wie Freud und die Psychoanalyse, ist dieser österreichische Beitrag - wenn ich es frei formulieren darf - ein Angebot an die Seele einer großen europäischen Stadt. St. Petersburg ist die einzige Stadt der Welt, in der nach dem Ende des Kommunismus ein „Traummuseum“ zu Ehren von Sigmund Freud errichtet wurde. Wir unterstützen darüber hinaus nun eine russische Übersetzung der Gesamtausgabe seiner Werke.
Wichtige kulturelle Prozesse, die in Österreich entstanden sind oder aus Österreich ihren Ausgangspunkt genommen haben, Menschen in anderen Ländern zugänglich zu machen, darin liegt ein wesentlicher Teil des kulturellen Auftrags der österreichischen Außenpolitik.
Mitunter ist das Kulturerbe Österreichs so stark, dass sich auch Menschen in anderen Ländern mit Leistungen von Österreichern und Österreicherinnen identifizieren. Ich denke da an die Debatte, ob sich nicht etwa Konsumenten deutscher Medien auch mit Mozart, Kafka, Freud, etc. identifizieren dürfen. Nicht selten - und darauf können wir durchaus stolz sein - wird österreichisches Kulturschaffen auch als europäischer Kultur oder gar als Weltkulturerbe empfunden.
Hierin liegt durchaus ein großes Potential - in der Sprache der Politologen heißt dies „soft power“. Ein mittelgroßes Land wie Österreich verfügt nicht über sehr viel „hard power“. Nützen wir daher unsere „soft power“ und machen wir diesen „sanften Einfluss“ zur Festigung der internationalen Position unseres Landes und zur Förderung von Frieden, Sicherheit und Zusammenarbeit in der Welt.
Dies ist unser Auftrag: In Anbetracht jüngster Ereignisse in der Welt, unseren Beitrag hiezu zu leisten. Keine leichte Aufgabe, gewiss, aber eine wichtige und lohnende.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
