Konferenz "Chancen kultureller Netzwerke"
03.09.2003

- Botschafter Dr. Emil Brix, Österreich-Bibliotheken Konferenz 2003Bild: BMaA
Rede von Botschafter Dr. Emil Brix anlässlich der Eröffnung der Österreich-Bibliotheken Konferenz 2003
2. September 2003
Meine Damen und Herren!
Herzlich willkommen in Wien. Im Namen der Bundesministerin für auswärtige Angelegenheiten freue ich mich heute Vertreter aus allen 50 Österreich-Bibliotheken hier in Wien begrüßen zu dürfen. Nachdem 1986 der erste österreichische Lesesaal gegründet wurde, damals in Krakau, in einem ganz anderen Krakau als heute, kommt es heute 17 Jahre danach, zum ersten Mal zu einer Gesamtkonferenz der Österreich-Bibliotheken im Ausland. Dies ist ein schöner Moment um über ein Erfolgsmodell österreichischer Kulturpolitik Bilanz zu ziehen und allen daran Beteiligten zu danken. Ich möchte ganz bewusst die nächsten drei Tage als eine Arbeitskonferenz sehen. Ich glaube, wir arbeiten an etwas, das Peter Esterhazy vor kurzem „Wie groß ist der europäische Zwerg?“ genannt hat. Was hat er dazu gesagt? Er hat gesagt, wir, die Mittel-Osteuropäer, und dort ist ja der eigentliche Beginn dieser Aktivität der Österreich-Bibliotheken gewesen, haben eine spezifische Rolle in Europa. Diese Rolle lässt sich nicht einfach zurückführen auf die Frage, ob wir jetzt zum Westen, Mitte oder Osten und ob wir zu Kerneuropa oder nicht zu Kerneuropa gehören, sondern immer auf die Frage „Wie viel und welches Gedächtnis können wir erstens speichern und zweitens vermitteln? Die Idee der Österreich-Bibliotheken, wie sie eben 1986 begonnen wurden, war genau diese. Wir müssen versuchen in Europa für die Zukunft möglichst viel von diesem Wissen weiter zu geben. Wir müssen versuchen zu übersetzen. Ich freue mich, dass dieses Modell, dass sehr klein begonnen hat und das ein Versuch war, die Rostflecken im Eisernen Vorhang für einen Aufbruch zu nutzen, damals waren es ungefähr 1.500 Bücher in einem relativ kleinen Saal der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau, heute zu einem Netz von 50 Bibliotheken mit insgesamt 270.000 Medien geworden ist. In einer Reihe unserer Bibliotheken gibt es eigene Publikationsreihen und ich freue mich, dass diese Aktivität ausgeweitet wird. Es gibt eigene Internet-Homepages, es gibt aber vor allem Nutzer, jährlich etwa 100.000 Leser in unseren Bibliotheken.
Der Hauptgrund für diese Konferenz liegt darin, dass wir real und virtuell die Vernetzung zwischen ihnen und uns fördern wollen. Seit dem Beginn in den Jahren 1986, 1989, 1990 und heute ist eine andere Situation eingetreten. Die andere Situation möchte ich vielleicht kurz damit beschreiben, was wir Österreicher hinter dieser Aktion, damals wie heute, sehen. Damals war es der Versuch in einer schwierigen politischen Lage ein Stück konkrete Mitteleuropa-Politik zu betreiben, mit vielen verbündeten Freunden hinter dem Eisernen Vorhang. Damals war es auch die Idee, wenn vielleicht andere Länder eher dazu neigen Waffen zu exportieren, dann sollten die Österreicher vielleicht Bücher exportieren. Es war der Anspruch, in der Nachbarschaft mit den Mitteln der Kultur Menschen zu Möglichkeiten neuer Information zu verhelfen. Es war damals wie heute auch die Idee, dass wir eine Chance bekommen, gemeinsame „Erinnerungsorte“ zu schaffen und ich weiß das klingt sehr abstrakt, aber für sie, die überwiegend als Germanisten, Bibliothekare in diesem Bereich arbeiten, ist das wohl nichts Abstraktes. Es ist eine österreichische Aufgabe, Menschen davon zu überzeugen, dass es Erinnerungsorte gibt in unserem geographischem Raum, die sich dem Nationalen entziehen. Gerade in diesem Raum lebten - und sie haben ihre Werke in den Bibliotheken - eben Literaten wie Kafka, Celan, Canetti, Lenau, die sich nicht so ohne weiteres einer einzigen Tradition, einer einzigen Nation zuschreiben lassen. Können wir daher nicht unsere Mittel dazu verwenden, um genau das zu einem Teil des neuen Europas zu machen. Diesen Zwerg Europa, den Esterhazy angesprochen hat, aus unserer Mitte etwas größer machen. Damit dies funktioniert, braucht es eine Reihe von überzeugten Verbündeten. Ein Ungarn, den wir am Donnerstag auch in Wien begrüßen werden, György Konrád, hat es mit Komplizenschaft bezeichnet. Ich begrüße Sie daher auch als Komplizen in dieser Kooperation und Zusammenarbeit und ich weiß schon, das Wort der Komplizenschaft, das hat auch immer etwas Subversives an sich. Aber ein bisschen, wenn man an den Beginn denkt, und denken sie auch teilweise an den Beginn Ihrer Bibliothek, hat es schon etwas Subversives, nicht sehr Koordiniertes, sehr Spontanes gehabt, zumindest wie ein Teil der ersten Bibliotheken entstanden ist. Dass dies möglich war, hängt auch damit zusammen, dass es damals Gründerväter gab. Ich möchte dies auch am Beginn dieser Arbeitskonferenz sagen. Hätte es nicht Menschen wie Wolfgang Kraus, Bernhard Stillfried, den damaligen Außenminister Alois Mock gegeben oder auch Peter Marboe als Leiter der Kulturpolitischen Sektion, wir würden heute nicht eine solche Konferenz mit Vertretern von 50 Bibliotheken durchführen können. Dies heißt auch, diese Gelegenheit zu nutzen um Dank zu sagen. Der Dank geht aber natürlich in erster Linie an all die Germanisten, Bibliothekare, die diese Arbeit tragen und mit denen wir sie gemeinsam auch weiterentwickeln wollen. Ganz wichtig ist und ich erwähne das gerne am Beginn, dass wir all dies auch nicht ohne Freunde in Österreich hätten machen können. Ich möchte mich hier bei der Eröffnung ganz herzlich bei der Österreichischen Gesellschaft für Literatur bedanken, die mit Ihrer Präsidentin Frau Prof. Marianne Gruber heute vertreten ist. Wenn man über Österreich spricht, dann genügt es nicht, nur die Literatur zu erwähnen. Daher ist es sehr sinnvoll, dass wir auch eine Betreuungsorganisation, wie der terminus technicus heißt, haben, die über historische Kompetenz verfügt. Ich freue mich, dass wir seit langem mit dem Ost- und Südosteuropa-Institut diese Aktivitäten gemeinsam betreiben können und ich begrüße die Direktorin, Frau Dr. Ilona Slawinski, sehr herzlich.
Was können wir heute mit diesen Bibliotheken in einer neuen Situation Europas tun? Ich möchte dazu ein kleines Beispiel an den Anfang stellen, um Ihnen zu zeigen, dass das, was Sie machen und was wir versuchen zu unterstützen, tatsächlich eine Zukunft hat. Ich darf Sie über ein neues Projekt informieren, dass vielleicht klein wirkt, aber für mich ein ganz wichtiges Beispiel ist. Ich möchte dies hier erwähnen obwohl es erst in einigen Wochen offiziell bekannt gemacht werden wird. Das Fürstentum Liechtenstein hat auf Grund der Erfolge der Bibliotheken an ihren 50 Standorten an Österreich die Frage gerichtet, ob man nicht auch Information, Wissen über Liechtenstein, Literatur aus Liechtenstein in die Österreich-Bibliotheken integrieren kann. Wir haben ein bisschen darüber geschmunzelt, aber andererseits haben wir uns gedacht, dies ist eigentlich ein Beweis dafür, das erstens dieses Modell offensichtlich als ein erfolgreiches angesehen wird und zweitens, dass auch die Idee verstanden wird, dass es uns nicht um ein Österreich in diesem nationalen Sinne geht, sondern dass es uns im wesentlichen darum geht, in deutscher Sprache Informationen über das, was in Europa Tradition und Gegenwart ist an Menschen zu bringen, die bisher nicht die Chance hatten, an diese Information heranzukommen. Wir haben daher sehr gerne und sehr rasch ja gesagt und ich freue mich auch, dass heute eine Vertreterin des liechtensteinischen Außenministeriums, Frau Mag. Carsten Appel, unter uns ist. Das Angebot des Fürstentums Liechtenstein besteht darin eine kleine Bücher-Grundausstattung allen Bibliotheken zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich um ein Buchpaket, das Ihnen in den nächsten Wochen zugehen wird und es besteht die Möglichkeit, sich das Buchpaket in einer der Konferenzpausen auch bereits anzusehen. Herzlich willkommen und herzlichen Dank für das Angebot.
Nun ich habe gesagt, wir brauchen in Europa Übersetzer und Orte, an denen die vielgepriesene kulturelle Vielfalt Europas realisiert wird. Das verstehe ich als den eigentlichen Sinn der Österreich-Bibliotheken. Sie sind also so etwas wie ein Gedächtnisspeicher mit Zukunft oder ein Erfolgsmodell, das sicherlich darauf beruht, dass Europa nach 1989 und 1990 eine neue Chance erhalten hat. Wie rasch nun immer die Integration neuer Mitglieder in die europäische Union erfolgen wird und wo immer jetzt die neuen Grenzen in Europa in den nächsten Jahren auch politisch gezogen werden, so kann ich derzeit nur feststellen, dass noch immer so etwas wie eine mentale Distanz zwischen den Teilen dieses Kontinentes besteht. Sie spüren das in Ihren Ländern stärker als wir. Wir in Österreich und in den westeuropäischen Ländern müssen es stärker öffentlich machen und darauf hinweisen, dass es gezielter Arbeit in die Zukunft bedarf. Gezielte Arbeit in die Zukunft kann nur bedeuten, mit jenen Möglichkeiten, die wir haben, das zu vermitteln, was Europa heute braucht: nämlich mehr Wissen voneinander, neue Chancen, die Erweiterung positiv zu sehen und Beiträge leisten, um diesen Brain Drain, den es natürlich in Europa gibt, abzubauen. Ich freue mich, dass wir auch das in diesen drei Tagen diskutieren können und erlauben sie mir einen letzten Satz, was wir Ihnen abverlangen wollen. Wir haben die unverschämte Erwartung, dass sie auf Grund Ihrer Erfahrungen und Ihrer Möglichkeiten bereit sind, mit uns zu diskutieren, wohin der Weg weitergehen soll. Was wir gemeinsam tun sollen? Wo die Schwerpunkte dieser Bibliotheken liegen sollen? Wo gibt es Probleme und wo können gemeinsame Ansätze entwickelt werden? Ich glaube, die Zeiten, als irgendjemand irgendwo im Westen gesagt hat, was für den Osten am besten ist, sind lange vorbei und wenn dies jemand begriffen hat, dann sind es die Österreicher oder zumindest jener überwiegende Teil der Österreicher, der überzeugt davon ist, dass dieses neue Miteinander nur auf einer gleichen und vor allem gleichberechtigten Ebene erfolgen kann.
Wir sind eigentlich ein wenig stolz auf diese Österreich-Bibliotheken und ich erlaube mir das, als Vertreter eines Landes zu sagen, in dem mehrheitlich eine Sprache gesprochen wird, die auch in einem anderen und größeren Land gesprochen wird. Wir haben früher mit dem Transport von Büchern in die andere Hälfte Europas begonnen als Deutschland und wir haben bis heute mehr derartige Einrichtungen als Deutschland. Eine Konkurrenz um Bücher und Wissen ist gut und ich erlaube mir diesen Hinweis auf einen österreichischen Vorsprung nur deshalb, weil er ein Ausdruck besonderer traditioneller Verbundenheit mit dem ehemals „anderen Europa“ darstellt. Es besteht in Österreich die Wahrnehmung, dass es in vielen Ihrer Städte, Länder ein besonderes Naheverhältnis zu kulturellen Traditionen, die mit meinem Land zu tun haben, gibt. Naheverhältnisse, kulturelle Traditionen, auch so etwas wie durchaus nostalgische Gefühle, können uns heute, wenn wir es vernünftig betrachten, verbinden und vielleicht mehr verbinden als mit anderen deutschsprachigen Ländern in Europa. Zumindest sehe ich das auch als einen Auftrag unserer Arbeit. Wo es hingeht, das wollen wir in den nächsten drei Tagen diskutieren. Ich freue mich jetzt die Leiterin der Abteilung für operative Kulturarbeit, die für alle Österreich-Bibliotheken im Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten zuständig ist, Frau Ges. Dr. Claudia Rochel-Laurich. begrüßen zu dürfen und dann gleich um die Einleitung zu bitten. Ein letzter Satz bevor es ans Arbeiten gehen soll. Ich hoffe, Sie werden am Donnerstag zum Abschluss dieser Konferenz ein bisschen mehr wissen, wohin es gehen soll. Es ist ein offener Arbeitsprozess. Den Abschluss haben wir bewusst dem Thema „Österreich in einem Europa der Kultur“ gewidmet. Unsere feste Überzeugung ist, dass die Zukunft der europäischen Integration den Weg über kulturelle Traditionen einschlagen wird und wenn es eine Rolle gibt, die Österreich hier einnehmen soll, dann ist es der Hinweis darauf, dass Europa, wenn es eine Bedeutung haben will, ein Europa der Kultur sein muss.
Herzlich willkommen und ich lade Sie herzlich ein, auch am Donnerstag bei unserem offiziellen Tag der Auslandskulturtagung dabei zu sein.
