"Grosses Europa-Kleines Europa. Zwei Profile desselben Gesichtes - Schreiben hält Europa zusammen "
05.09.2003
Festvortrag von György Konrád anlässlich der Auslandskulturtagung 2003
4. September 2003
Österreichische Nationalbibliothek
Können wir sagen, daß aus der Europäischen Union eine Nation neuen Typs werden wird? Existiert Europa als ein vielköpfiges, denkendes Subjekt, das nach eigenem Profil und bestimmenden Werten sucht? Auf diese Fragen können wir, so glaube ich, eine bejahende Antwort geben. Alle miteinander erlernen wir jetzt unser neuartiges Selbst: Was bedeutet es eigentlich, daß wir gleichzeitig Staatsbürger nicht nur des eigenen Staats, sondern auch der europäischen Gemeinschaft sind? Was ist an diesem unseren Zustand im Vergleich zu dem, als was wir uns bisher gesehen haben, das Neue? Etwa die anerkannte Pluralität der Identitäten? Da die europäische Assoziierung derart verschiedene Elemente in sich vereint, ist es verständlich, wenn sie die Kunst des Ausgleichs zwischen Stärke und Verständigung praktiziert, zwischen Effektivität und Berechtigtsein, materiellen und geistigen Werten. Existieren kann die Europäische Union einzig dann, wenn sie nicht nur auf eine Interessengemeinschaft baut, sondern auf eine Gemeinschaft gewählter Werte und beständiger Sympathien. Was steht über allem, in welchen historisch-geistigen Errungenschaften stimmen wir axiomatisch überein? Das ist die Frage. Wir wählen, erfinden und dichten uns selbst: Wettstreit miteinander polemisierender Selbstbestimmungen der Weltgeschichte. Die Assoziierung zieht wachsende Mannigfaltigkeit nach sich. Die europäische Integration trägt zur Mehrung der kulturellen Identitäten bei. Innerhalb des räumlichen Gewinns an Ähnlichkeiten geht eine Gliederung in kleine Gruppen und Gemeinschaften vor sich, der Wettkampf der Besonderheiten, das sich gegenseitig übertreffende Selbstangebot der Individuen und Gemeinschaften. Daß sie alle etwas anderes zu sagen haben, ist erfreulich; das Unheil kommt aus dem homogenisierten, gleichgeschalteten, sich isolierenden Bewußtsein, daraus, daß irgendein Kräftezentrum innerhalb der europäischen Assoziierung etwa vorschreibt, was wir zu denken haben. Wenn wir uns gegenseitig als Feinde sehen, gibt es keine Person, gerät der Dialog ins Stocken. Eine Verständigung mit jemandem, der uns besiegen und erniedrigen will, ist schwierig. Die Gewinnung und Befriedung der anderen Länder, Erdteile und kulturellen Regionen liegen im Interesse Europas, ebenso die erfolgreiche innere Einstellung, das Überschreiten der Grenzen und die ständige Rede an die weite Welt, in deren Erkundung unsere Kinder weiter vordringen als wir, die Elterngeneration.
Da es zwischen Europa und Asien keine natürliche Trennungslinie gibt, leben wir auf der westlichen Halbinsel Eurasiens, und zwar innerhalb eines Territoriums, auf dem sich die Menschen und demzufolge die Mehrheit der politischen Gemeinschaften als Europäer betrachten und ihr politisches Verhalten entsprechend gestalten. Es ist kaum wahrscheinlich, daß äußere Mächte der Europäischen Union Länder und Territorien streitig machen würden. Größenordnung und die auf Freiwilligkeit basierende Assoziierung in einer derart dicht besiedelten Region sind bisher unbekannt. Für die Erkenntnis, daß es einen europäischen Zusammenschluß ohne Demokratie nicht geben wird, ist allein schon im vergangenen Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und fast einem dritten bezahlt worden. Eine herrschende Nation, einen herrschenden Staat, eine herrschende Person wird es in Europa nicht geben, dafür aber wird „der Wagen rollen”, denn das Verlangen nach dem Erlebnis der Zusammengehörigkeit ist ansteckend. Und jeder Reisende möchte gern ungehindert und ohne umständliche Verfahren die Grenzen passieren und auch außerhalb seines Landes in gewohnter heimischer Währung bezahlen, und was noch wichtiger ist, er möchte die relativ solide Lebensversicherung, zu einer großen Gesellschaft zu gehören, dank europäischer Loyalität erwerben. Die Europäische Union, dieses neuartige politische Subjekt, mit ihren tatsächlichen und potentiellen Mitgliedern, ist zum Wachsen verurteilt. Immer wird es eine chancenreiche Außenzone geben, die, wenn sie dem inneren Kreis beitritt, dem Nachbarn die Hand reicht, weil es größere Sicherheit gewährt, wenn auch dieser – zum Teil unter dem Geltungsbereich gemeinsamer Gesetze – dazugehört. Den Grenzländern kann nichts an einer scharfen Abgrenzung ihrer Interessen von denen des Nachbarn, mit denen sie durch vielerlei Fäden verbunden sind, liegen. Nicht zu wachsen ist für die Europäische Union ein Ding der Unmöglichkeit. Man könnte von einem periodischen und pulsierenden Wachstum sprechen. Die Union verschlingt einen großen Happen, verdaut ihn, bekommt Bauchschmerzen, ärgert sich über die eigene Gier und Unvorsichtigkeit; doch dann treten die Magensäfte erneut in Funktion, und die Aufnahme von des Nachbars Nachbarn scheint gar nicht mehr so verrückt zu sein. Denn wer dazugehört, vor dem braucht man keine Angst zu haben, der wird nicht gegen die anderen rüsten, bei dem kann man getrost absteigen und sich in Sicherheit fühlen. Europa ist dort, wo es einen Rechtsstaat gibt, wo die persönliche Menschenwürde als höchstes Gut zählt, wo die grundlegenden Bürgerrechte garantiert werden, wo sich Gedanken- und Meinungsfreiheit sowohl in den Print- als auch in den elektronischen Medien durchgesetzt haben. Europa ist dort, wo der Geist einer disziplinierten Staatsgewalt untrennbarer Bestandteil der Achtung vor der Freiheit und gleichberechtigten Integrität des einzelnen Bürgers ist.
Die Neigung, die Weltgeschichte mit der eigenen Geschichte, der Vergangenheit der eigenen Gemeinschaft gleichzusetzen, entspricht unserer natürlichen Fehlbarkeit. Würde ein katholischer Kardinal die zweitausendjährigen Strömungen des Christentums in der Geschichte Europas für bestimmend halten, wäre ich nicht sonderlich überrascht. Auch nicht, wenn ein Jude auf jenes Paradoxon aufmerksam machte, das durch die christliche Bibel zwischen der als Altes Testament bezeichneten Heiligen Schrift der Juden sowie der Verbreitung der prophetischen Lehren des Juden Jesus und dem Holocaust besteht, der faktischen Vernichtung von zwei Dritteln der europäischen Juden. Auch wenn ein Altertumswissenschaftler unsere heutige Kultur von der griechisch-römischen Antike herleitet oder ein Historiker, der sich mit der Neuzeit beschäftigt, das gegenwärtige Europa aus der zirka fünfhundertjährigen Geschichte der Befreiung und Blüte wissenschaftlicher Forschung oder ein Politikwissenschaftler aus der Geschichte der Souveränität der Macht oder ein Ideenhistoriker aus unserer Vergangenheit als Kampfarena der Mentalitäten und Ideologien, verwundert mich das alles nicht in seiner Einseitigkeit, da ich jedermann das Recht zugestehe, den eigenen Lebenslauf für die aus allem anderen herausragende wahre Geschichte zu halten. Verzeihliche Einseitigkeiten! Doch nicht einmal ihre Gesamtheit spiegelt erschöpfend die absolute Wahrheit wider, weshalb ich auch gegen mich selbst nachsichtig bin, wenn ich mein eigenes Handwerk, das Schreiben, in den Vordergrund rücke und den Abdruck der Vergangenheit Europas in der Geschichte der Texte suche und – um meine These noch provokanter erscheinen zu lassen – in der Geschichte der europäischen Literatur und durch jene in der Weltliteratur, die die heiligen Texte sämtlicher Religionen enthält und darüber hinaus die nicht-religiöse Literatur, ohne dabei die Grenzlinien zwischen sakral und profan, die einer willkürlichen, nachträglichen und jenseits des Autors stattfindenden Entscheidung entsprechen, zu berücksichtigen. Der weitere Begriff also ist die Literatur, innerhalb derer die religiöse Literatur eine kleinere Abteilung des Katalogs repräsentiert. Religiöser und weltlicher Humanismus als Bestandteil des geistigen Fundaments für ein neues Europa? Gegen diesen Gedanken habe ich nichts einzuwenden, dennoch würde ich statt des Humanismus den Begriff „Menschlichkeit” wählen, denn er beinhaltet jeglichen Humanismus und noch etwas mehr, was kein Ismus ist, kein Text, sondern alltägliche Praxis, langsam heranreifende Erfahrung menschlichen Zusammenlebens. Deren Summe ließe sich auch durch jenen Satz wiedergeben, mit dem der Schulgründer Meister Hillel nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels einem arroganten Jüngling antwortete, als dieser ihn darum bat, das Wesen der Thora zusammenzufassen, aber kurz und bündig, binnen einer Zeitspanne, in der er auf einem Bein zu stehen vermöge. „Dann kannst du deinen Fuß schnell wieder auf den Boden setzen”, sagte Hillel, „denn das Wesen der Thora erschöpft sich darin: Tue anderen nicht, was du nicht willst, daß dir geschieht! Alles andere ist nur Kommentar.” Menschlichkeit, würde ich sagen, Anständigkeit, denn menschlich kann auch ein Mensch sein, der von der Botschaft des Humanismus noch nie gehört hat und zur großen Mehrheit derjenigen Europäer zählt, die keine Kirchgänger sind. Seinen Nächsten nicht töten, nicht foltern, nicht auf andere Weise quälen, nicht verleumden, nicht in den Schmutz zerren – Menschlichkeit bedeutet etwas, was sich auch mit Worten der inneren Einstellung artikulieren läßt. Den europäischen Humanismus würde ich mit der Fähigkeit und der Normalität klarblickender Empathie gleichsetzen, mit einer Entwicklung in Richtung Sanftmut, die am ehesten in der Behandlung von Kindern und Alten wahrzunehmen ist.
Wodurch hat sich Europa erneuert? Durch 1989. Durch die Wende von Nicht-Demokratien zu Demokratien. Dadurch, daß es nicht mehr geteilt ist und zwei sich feindlich gegenüberstehenden Militärblöcken angehört, die sich gemäß der Logik und tödlichen Dramaturgie der Eskalation auch wechselseitig hätten vernichten können. Erneuert hat sich Europa dadurch, daß die Möglichkeit eines neuen Weltkrieges in der Art des Aufeinanderprallens von Militärkoalitionen, wie sie sich aus der nationalstaatlichen Expansion in Europa in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ergeben hatten, nicht droht. Erneuert hat es sich auch dadurch, daß es kein einziger Staat geschafft hat, die anderen Staaten zu unterjochen. Und dadurch, daß das Grundprinzip seiner politischen Einrichtung in einer freiwilligen Assoziierung besteht, in der Ebenbürtigkeit der großen und kleinen Staaten, in der gemeinsamen Beschlußfassung der Staats- und Regierungschefs, die in der Öffentlichkeit als eine nicht sonderlich kämpferische, demokratische Oligarchie in Erscheinung tritt. Was ist neu an Europa? Der Wille zur Vereinigung und der Wille, dies nicht im Zeichen des Nationalismus oder Kommunismus zu tun. Neu ist auch die Tatsache, daß den Europäern von niemandem irgendetwas diktiert wird, einzig von der eigenen Vernunft und dem eigenen Interesse. Augenscheinlich ein vorteilhafter Klub, in den viele eintreten wollen, aber niemand austreten möchte. Vermutlich behagt es den Mitgliedern, Europäer zu sein, wobei es den Wissenden, den Weitgereisten besser gefällt als den Unwissenden, die sich von ihrem Zuhause nicht fortbewegen. Die Bürger des neuen Europa sind eher Individualisten und Universalisten als Kollektivisten; den trennenden Staatsgrenzen bezeugen sie weniger Respekt als den verbindenden und gemeinsamen Momenten. Das Fundament des philosophisch-rechtlichen Gebäudes besteht aus Würde, Freiheit und Gleichheit des einzelnen und der allgemeinen Anerkennung der Menschenrechte. Das Fundament des neuen Europa ist das frühere Europa, zusammen mit allem, was dazugehört, allen Schönheiten und Abscheulichkeiten der gesamten europäischen Geschichte und allen Beziehungen der Europäer zu Bewohnern anderer Erdteile. Fundament ist all das, was christlich, aber auch all das, was nicht-christlich ist. Die Wirklichkeit ist immer mehr und umfassender als jedwede kulturell-religiöse Richtung und Institutionalisierung. Auch die gesamte prähistorische und die klassisch antike Tradition gehören zur Grundlage des neuen Europa: Angefangen bei Homer, sind die Klassiker der Weltliteratur sein Urquell. Bestandteile des Fundaments sind sowohl das weltliche Wissen als auch persönlichste Reflexion und Dichtung; doch Europa ist nicht nur Erbe, nicht nur vorausgegangene Vergangenheit, sondern auch Vision, Strategie, Entwurf, Forschungsrichtung, Ars poetica, denn Zukunftswahl geht mit entsprechender Vergangenheitswahl einher. Gegen alles, was der Freiheit und Achtung der Persönlichkeit keine Einschränkungen auferlegt, verhält sich der europäische Humanismus nicht ablehnend. In der wahren Persönlichkeit leben Hoffnung und Verzweiflung zusammen, der Glaube an das Höhere und das Wissen um unsere Natur des Staubkorns. Neugier, Wissensdurst, Gelehrigkeit, Verstehenwollen, Persönlichkeit, die sich selbst aus dem Stoff der Individualität erschafft, bilden die Grundlagen des neuzeitlichen Europa. Im Bücherregal gibt es keine Trennung zwischen Sakralem und Profanem, zwischen Religiösem und Weltlichem, einer neben dem anderen erwarten sie uns, die Denker. Wir stützen uns auf jene heiter stimmende Überraschung, daß wir Menschen, gleich welche Hautfarbe wir haben und welcher Herkunft wir sind, uns im Grunde genommen ähneln; wir wissen, daß wir sterben werden. Darin unterscheiden wir uns angeblich von den Tieren. Doch wer weiß das schon wirklich? Jedenfalls haben wir den priesterlichen Ritus oder die Kunst, Tätigkeiten und Berufe, mit deren Hilfe wir versuchen, den Tod zu überwinden. Oder, wenn wir uns des Erfolgs vielleicht doch nicht sicher sind, bemühen wir uns zumindest, uns auf das Ende der Geschichte vorzubereiten. Was Humanismus ohne jedes Attribut bedeutet? Achtung vor dem sterblichen Menschen – die er allein deshalb verdient, weil er sterben wird. Ein nicht geringer Teil derer, die sich für Jesus entschieden haben, verehren ihn wegen seines Verhaltens vor seinem Tode. Die Auferstehung ist eine andere Geschichte. Die menschliche Kultur und in ihr das Europäische lassen sich nicht von irgendeinem höherwertigen Prinzip herleiten. Eine beständige und sich erneuernde Eigenschaft europäischen Denkens besteht in der Wahrnehmung von Widersprüchen, Paradoxien, Diskrepanzen und Komplexitäten, in der Unterscheidung von Symptomen und dahinter stehenden Wirkungskomponenten, in der verständnisvollen Anschauung der Dialektik des Kampfes, der dialogischen Natur unserer Affekte und psychischen Wellenbewegungen. Da nun die Bereitschaft dazu in den verschiedenen Epochen voneinander abwich, sollten wir den Begriffen des Neuen und des Alten mit größerer Vorsicht begegnen. Böse kann das Alte genau so sein wie das Neue. Und ob etwas alt oder neu ist, ist hinsichtlich seines Wertes gleichgültig.
Unabhängig davon, welchem Götzen sie dienten, der Nation, der Rasse oder der Klasse, die Ideologien meiner Kindheit und Jugend haben – so oder so – allem einen abstrakten und ausschließenden Begriff übergeordnet, der festlegte, wer und was nicht dazugehörte, und aus dem folgte, wer und was als Feind zu betrachten sei. Von daher haben diese Ideologien als mögliche und gelegentlich zutreffende Option auch mit der Vernichtung der anderen Seite gerechnet. Eine solche Option, gewählt aufgrund von Überlegungen, bei denen viele Faktoren Berücksichtigung gefunden hatten, war 1944 die Vergasung und Verbrennung all meiner jüdischen Schulkameraden, was der Konsequenz einer Reihe unterschiedlicher Gesetze entsprach, an deren Vorlagen auch katholische und protestantische geistliche Würdenträger eine aktive Rolle gespielt hatten. Die ethische Grundlage eines neuen Europa besteht in der Abwehr jener Überzeugung, daß im Zeichen einer nationalen Idee getötet und gestorben werden müsse – ein Gedanke, dem im neunzehnten Jahrhundert, in der Zeit aufflammender nationaler Romantik, selbst edelste Geister anhingen. Das Pathos nationaler Kämpfe gehört der Vergangenheit an. Es bricht allerdings dort hervor, wo die Nationwerdung gerade vonstatten geht, wo man sich über die alte Integration hinweggesetzt hat und die Europäische Union noch in weiter Ferne zu liegen scheint. Dort, wo diese Entwicklung schon abgeschlossen ist, gibt es von einem Land ins andere keine Paßkontrollen mehr; wo jedoch viel von nationaler Identität die Rede ist, trampeln beim Eintreffen an der Grenze eine Menge mit Maschinenpistolen bewaffnete Posten durch die Zuggänge. Ein neues Europa befindet sich dort, wo es keine Zensur, dafür aber individuelle und kollektive Selbstdisziplin gibt, die auf der Achtung vor uns selbst und vor dem anderen basiert, wo es instinktive Höflichkeit und Hilfsbereitschaft gibt; europäischer Humanismus, das heißt auch politischer Pluralismus, Respekt vor den Spielregeln und Aufrichtigkeit als vertrauensbildende Maßnahme. Wessen bedarf es, um uns neue Europäer nennen zu dürfen? Vielleicht der Fähigkeit, nicht nur auf die edlen Taten unserer Ahnen stolz zu sein, sondern uns auch der Schändlichkeiten unserer Vorfahren zu schämen und der Verwüstungen, die von Europäern auf anderen Erdteilen angerichtet worden sind. Die Hypothese einer moralischen Ebenbürtigkeit des einzelnen und das Fehlen einer sanktionierten Machthierarchie, weiterhin die persönliche und kollektive Selbstironie, komplexes Denken, das imstande ist, auch mit sich selbst zu rechten, die Kunst des Dialogs und die Philosophie der Ambivalenzen: dies alles sind europäische Produkte. Bezeichnend für Europa ist eine reflexive Kultur, die die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu entwickeln, sowie die Praxis rationalen Verhandelns, die Vereinbarungen zustande bringt wie beispielsweise den Westfälischen Frieden nach dem Dreißigjährigen Krieg. Man könnte auch sagen, die Verbreitung der bürgerlichen Zivilisation, der Geist des Legalismus, der Rechtssubjekten von vornherein Würde zuschreibt, die mit den Prinzipien und der Praxis axiomatischer Unterordnung, bedingungslosen Gehorsams, auf Befehl zu verübender Verbrechen unvereinbar ist. Erkennen wir an, daß das Subjekt viele Millionen Köpfe hat, dann können wir den geistigen Grundlagen keine einseitige Bestimmung zuschreiben. Die oberste Stelle nimmt die Würde der Person ein, und es steht uns frei, diese auch als göttliches Geschenk zu begreifen. Die Würde des einzelnen ist die Grundlage der europäischen Kultur. Als Folge von 1989 gibt es unter den bibelkundigen Völkern von San Francisco bis Wladiwostok keinen Haß, der sich zu etwas gefühlsduselig Pathetischem, zu einer Ideologie schmieden ließe. Die tatsächliche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Reiche zerschlagen, die Hochmütigen beschämt und bewiesen, daß auch die Tyranneien vom Gesetz der Vergänglichkeit nicht ausgenommen sind, obschon sich die mit ihnen verbrachten Jahre ziemlich eintönig in die Länge gezogen hatten. Es ist eine bewundernswerte Leistung, daß es Europa und innerhalb seiner Grenzen Osteuropa geschafft hat, die vom Kommunismus zur Demokratie führende Wende im großen und ganzen ohne Blutvergießen herbeizuführen. Daß der Westen mit seinen Menschenrechtsforderungen und seinem Demokratiemodell über den Osten gesiegt und daß diese Strategie funktioniert hat, sollten wir zur Kenntnis nehmen. Von den Partnern in allen Himmelsrichtungen und allen Zivilisationen als Kriterium ihrer Zuverlässigkeit gesetzliche Garantien der persönlichen Freiheit einzufordern, ist rechtens und entspricht der Wirklichkeit Europas. Die Forderung nach Selbstbeschränkung, Selbstbeherrschung, Einhaltung von Verträgen, Offenheit und Gewaltverzicht richten die Europäer gegen sich selbst, und daran tun sie gut, aber sie wären gut beraten, würden sie diese Erwartungen auch allen anderen gegenüber anwenden. Ebenso wie sich die Demokratien den faschistischen und den kommunistischen Diktaturen widersetzt haben, so liegt es auch in ihrem Interesse, gegen die islamistischen Diktaturen vorzugehen, sofern sich die radikalen Bewegungen des Islam zur Anwendung von Gewalt und Terrormethoden entschließen. Auch die Völker Europas schafften es nicht, den langwierigen Weg von der Idee der Aufklärung bis zur bürgerlichen Freiheit zu überspringen. Ohne die blutigen und unblutigen Revolutionen zur Durchsetzung der bürgerlichen Gleichheit gibt es keinen freien Rechtsstaat. Diese Lektion haben alle in Europa lernen müssen. Die Glücklicheren sind von selbst darauf gekommen, die Begriffsstutzigeren sind in dieser Weisheit durch Niederlagen unterwiesen worden. Eine Organisation, die statt auf einen Verhandlungskompromiß nach wie vor auf bewaffnete Gewalt setzt, gehört in den Bereich des organisierten Verbrechens. Toleranz gegenüber gleich welcher Bewegung oder Organisation, die, um ihre Ideen zu verbreiten, Gewalt anwendet, ist als europafeindliche Haltung einzustufen. Philosophische Toleranz gegenüber einem aus Ideen abgeleiteten Töten von Menschen ist antieuropäisch. Es gibt moralische Normen, für die wir uns als Absolutes und Unantastbares entscheiden. Eine solche Norm kann beispielsweise die allgemeine Verabscheuung der Vernichtung oder des gewalttätigen Mißbrauchs von Kindern sein. Die persönliche Menschenwürde ist ein universelles Menschenrecht und hängt von keinerlei nationaler, religiöser, rassischer oder ethnischer Zugehörigkeit ab. Die Selbstverständlichkeit, die humorvolle Reflexion solcher und ähnlicher Gemeinplätze würde signalisieren, daß sich Europa tatsächlich auf dem Weg der Erneuerung befindet. Um die weisen Kombinationen von Stärke und Sanftmut zu vervollkommnen, wird eine gehörige Wegstrecke zu bewältigen sein.
Welche Rolle spielt nun die Kulturpolitik in der Zeit der europäischen Integration? Wir haben es mit einer Doppelrolle zu tun: Zu fördern sind gleichzeitig Integration und lokale Kulturen, das heißt sowohl die europäische wie auch die nationale, urbane Kultur. Im Zentrum wohlwollenden Interesses sollten das Umfassende und das Partikulare stehen, die Menge und der einzelne, beide Endpunkte des Pendelausschlags. Die Besonderheit Europas besteht in der großen Unterschiedlichkeit der Individuen, der persönlichen Geschichten, Anschauungen und Leistungen. Gerade diese Eigenart gilt es, in der europäischen Kulturpolitik zu stärken. Einiges funktioniert auch von selbst, manches wird vom Markt und den Medien erledigt und bedarf insofern nicht der Politik. Austausch und Kooperation, Entwicklung bilateraler Beziehungen, Schaffung eigener Netzwerke, all das kann getrost den Aktivitäten von Institutionen und Personen überlassen werden. Was durch eine auf Knopfdruck in Gang zu setzende Nachrichtenübermittlung zu erledigen ist, dazu ist keinerlei politisch-administrative Hilfe notwendig. Was also bleibt der Politik zu tun? Sehr viel. All das, was Markt und Medien nicht vermögen: Unterstützung, Initiativen, Beschleunigung, Verbindungen und vor allem Beiträge zum Unterhalt. An erster Stelle ist für den Unterhalt der Akteure der Kultur zu sorgen, beispielsweise für die Künstler und deren Institutionen. Und wovon sonst wäre das zu bestreiten, wenn nicht aus öffentlichen Mitteln? Lehre und Forschung sichern – irgendwie –, das Auskommen der Mehrheit der Intelligenz; die Existenz als Künstler hingegen ist vollkommen ungesichert. Wer im Unterricht den Zugang zum Gedicht vermittelt, der hat sein sicheres Auskommen, wer es schreibt, nicht. Schon vor zwanzig Jahren lebten dreihundert Universitätsprofessoren von James Joyce, er selbst aber konnte nicht von seinen Werken leben. Würden die europäischen Staaten den von Fachgremien anerkannten Künstlern, deren Einkommen unter dem der Lehrer liegt, einen Beamtenstatus zuerkennen, so wäre dies ein kühner Schritt. Sich selbst, die eigene Kultur würde Europa beschenken, gewährte es seinen Künstlern ein wenig Existenzsicherheit. Und die literarischen Übersetzer, dank derer das vielsprachige Europa hier und da zu einem kulturellen Gefüge wird, müßten geradezu die Lieblinge der europäischen Kulturpolitik sein. Darüber hinaus sollte in der europäischen Kulturpolitik unbedingt eine Stärkung des europäischen Selbstbewußtseins, eine wachsende Vertrautheit mit der gemeinsamen europäischen Heimat und eine zunehmende Liebe zu ihr Fuß fassen. Was mit dem wirtschaftlichen Zusammenschluß und der gemeinsamen Rechtsordnung begonnen hat, das gelangt über die Sphäre der Politik zu den gemeinsamen kulturellen Grundlagen und dringt vor in die unendlich komplizierte Vernetzung geistiger Entscheidungen, Einladungen und Studienreisen. Jene nahezu fünfhundert Millionen Menschen, die bald Bürger der Europäischen Union sein werden, werden nach der Entwicklungsperiode – beziehungsweise nach einer ersten Phase individuellen oder national-kollektiven Egoismus – wahrnehmen, daß auch sie ein europäisches Selbstbewußtsein besitzen, das im Nachdenken darüber, wer wir und was wir zusammen sind, wichtig sein wird. Was verbindet uns miteinander? Welches sind unsere gemeinsamen Ideen und Werte? Selbst die nüchternsten Pragmatiker werden erkennen, daß wir uns mit der Entscheidung für die Union auch füreinander entschieden haben, daß wir etwas uns Gemeinsames gutheißen, daß die Assoziierung auf lange Sicht so etwas wie eine Ehe ist, die uns allen mehr bedeutet als eine rationale Verknüpfung unserer Interessen. Mit wem wohnen wir im gemeinsamen europäischen Haus? Die nahen und fernen Nachbarn, unsere Landsleute in der Europäischen Union, sind für uns mehr geworden als ein touristisches Thema. Wir leben in einem Vertragsverhältnis mit ihnen: Achtzigtausend Seiten umfassendes juristisches Material macht uns zu europäischen Bürgern, die sich alle in einer ähnlichen Lage befinden. Diese achtzigtausend Seiten, die von unseren Staaten präzise übersetzt, in die heimische Rechtsordnung eingebaut und als höhere Souveränität akzeptiert werden, sind nicht nur ein Dickicht aus Rechtsvorschriften, sondern auch Philosophie, Mentalität, Denkweise und Stimmung. Ein jeder, der sich an ein Leben in dieser Rechtsordnung gewöhnt, wird dem anderen ein wenig ähnlicher werden. Mit der Assoziierung übernehmen wir sozusagen die Verpflichtung, den anderen Bürgern der Europäischen Union Interesse und Empathie entgegenzubringen und das, was wir versäumt haben, jetzt auf neue Grundlagen zu stellen und intensiver fortzusetzen. Wenn wir derart viele Institutionen gemeinsam haben, wenn unsere Währung und auch die Unterscheidung von Legalem und Illegalem gemeinsam sind, dann dürften wir schwerlich Gefangene irgendeiner voreingenommenen nationalen Schwärmerei oder Gehässigkeit werden. Dann werden sämtliche Aspekte – die unseres engeren Wohnortes, unseres Staates und der Union – zusammen ihren Platz in unserem Kopf finden, was keineswegs als Endstation zu begreifen ist. Daß wir dann unser eigenes Dorf genau so wie die fernen Erdteile als Europäer betrachten, läßt sich nicht vermeiden. Die Zusammengehörigkeit, ob wir es nun wollen oder nicht, drückt auch uns ihren Stempel auf und verändert uns. Wie im neunzehnten Jahrhundert Erforschung, Erdichtung und Lehre der eigenen Nationalgeschichte im politischen Interesse der Nationalstaaten gelegen haben, werden die europäische Geschichte und Literatur selbstverständlich Lehrstoff an unseren Schulen werden. Mit jedem Firmenzusammenschluß geht üblicherweise eine Bestandsaufnahme einher. Wir wollen wissen, was wir besitzen. Unsere natürliche Habgier treibt uns an, das, was wir bisher nicht als uns gehörig empfinden durften, nach der Assoziierung unserer Staaten als das unsere zu begreifen. Zu Recht dürfen wir als Bürger der Union wechselseitig auf die Städte, die Berühmtheiten und die Mythen des anderen Anspruch erheben. Ziehen wir beispielsweise in Betracht, welche bekannten Speisen und Getränke uns zugefallen sind. Ich spreche dabei von einer freundschaftlichen Inbesitznahme, die sich in kleinen Schritten in unserem Bewußtsein abspielt. Doch wenn es schon einmal so natürlich geworden ist, daß wir kreuz und quer durch Europa ziehen, dann möchten wir wissen, was auf dem Original der Bronzestatue steht, nach welchen Menschen die Straßen in der nun auch uns gehörenden Stadt benannt worden sind. Im Studium Europas werden wir gegenüber den Vorurteilen der eigenen Gemeinschaft klüger und unabhängiger; trotzdem bewahren wir die Fähigkeit, die eigene Straße jedes Mal wieder zu schätzen, wenn wir nach Hause zurückkehren. Unsere Besonderheiten sind allein schon durch die Sprachen, noch dazu durch die Vielfalt der Kultursprachen, gegeben; die babylonische Sprachverwirrung aber gilt es zu lindern. Uns um Einsprachigkeit zu bemühen oder die Existenz, die Einheit des Staates an eine sprachliche Homogenität zu knüpfen, wäre eine absurde Illusion. Eine der am wenigsten sympathischen Quellen der Nationalismen ist die Faulheit, die sagt, sie denke nicht im Traum daran, die Sprache des anderen zu erlernen, dieser solle sich doch die ihre aneignen. Hinter dem Sprachenstreit steht der primitive Egoismus der Einsprachigkeit. Als würden wir durch das, was wir nicht tun, was wir nicht lernen, unsere Stärke beweisen, statt daß sich gerade das Gegenteil davon als erfolgreiche Minderheitenstrategie bestätigt hätte. Wenn die Wortführer der umstrittenen Minderheitensprachen die Sprache der Mehrheit ausgezeichnet sprechen, dann können sie ihre Sache glaubwürdiger verteidigen. Mit einem Wort, Europa kann nichts anderes tun, als aus der Zwangslage eine Tugend zu machen. Es muß mehrsprachig, polyglott, werden. Es gibt Landstriche, in denen die Bevölkerung derart vermischt ist, daß durchschnittlich gebildete Menschen vier bis fünf Sprachen sprechen, die sie noch als Kinder während des Spielens erlernt haben, vorausgesetzt, daß es den Erwachsenen nicht gelungen ist, den Kindern die eigene nationale Isolation einzuimpfen. Was ein Beweis dafür ist, daß die Mehrheit der Menschen fähig ist, sich Mehrsprachigkeit anzueignen, mit anderen Worten: Babel kann überwunden werden. Deshalb bin ich der Meinung, die Natürlichkeit, mit der beispielsweise Übersetzer und Dolmetscher oder einfach nur sprachbegabte und vielleicht fleißige Menschen von einer Sprache in die andere wechseln, könnte für die europäische Unterrichts- und Kulturpolitik zu einem Ideal werden. Daraus folgt, daß Lehrer- und Schüleraustausch als erstrangiges Ziel anzusteuern wäre. Parallel zur staatlichen Förderung des Fremdsprachenunterrichts lohnt es, möglichst viele Anstrengungen zu unternehmen, um die eigene Sprache zu pflegen, deren Entwicklung zu betreiben, denn die Sprachkultur können wir als ein System kommunizierender Röhren betrachten, in dem die Beherrschung der einen Sprache die Kenntnisse in der anderen voranbringt. Wir haben eine mannigfaltige, plurale Kultur geerbt, und als solche, ohne ihre Vielfarbigkeit verblassen zu lassen, allerdings auch ohne sie von den anderen abzuschotten und zu isolieren, müssen wir sie weitergeben. Stolz sein auf etwas und etwas lieben können wir nur, wenn wir es kennen. Erfolgreich ist Kulturpolitik dann, wenn sie wechselseitiges Kennenlernen von Individuen über Staats- und Sprachgrenzen hinweg bewirkt, wenn persönliche Freundschaften unseren Erdteil kreuz und quer miteinander verweben und wenn die gegenseitigen Besuche in unseren Erinnerungen einen würdigen Platz einnehmen. Im Anpflanzen, im Hegen und Pflegen des edlen Setzlings, der Neugier, erkenne ich überall, wo es möglich ist, die Aufgabe der europäischen Kulturpolitik, weshalb es mich nicht verbittert, daß im Budget der Europäischen Union für den Kulturbereich eine so beschämend geringe Summe vorgesehen ist. Denn der Wagen rollt, auch wenn er nicht geschoben wird. Aber wenigstens zurückziehen sollte man ihn nicht!
Vom kommenden Jahr an werden Wien und Budapest die beiden fast am nächsten gelegenen Hauptstädte in Europa sein; ein kurzer Weg und eine lange Vergangenheit verbinden sie miteinander. Uns kennenzulernen, dazu hatten wir Gelegenheit. Wir haben Vorstellungen voneinander. Freundliche und spöttische. Illusionen über den anderen machen wir uns kaum, aber sollte einer von uns in Schwierigkeiten geraten, das wissen wir, können wir auf den anderen zählen. Sie, meine Damen und Herren, obgleich viele Menschen in Europa deutsch sprechen, gehen als politische Nation einen eigenen Weg, der vom Erbe der über Jahrhunderte bestehenden mitteleuropäischen Donaumonarchie, die Sie mit anderssprachigen Völkern in einem Staat miteinander verbunden hat, nicht zu trennen ist. Wir haben allen Grund, uns anerkennend an die fruchtbare Verbindung zu erinnern. Die Behauptung, daß die Monarchie ein produktiveres und flexibleres Gebilde gewesen sei als die Nachfolgestaaten, halte ich für berechtigt. Um ein moderner Nationalstaat zu werden, dazu allerdings genügte die dynastische Verbindung schon nicht mehr. Um sich jedoch in eine föderative Demokratie zu verwandeln, mangelte es den Beteiligten an Klugheit, und die nationale Rhetorik war allzu überschäumend. Infolge einer diesmal glücklichen Wende der europäischen Geschichte werden unsere Staaten in der Europäischen Nation alsbald assoziierte Mitglieder sein. Daß wir die zustandegekommenen neuen Rahmen mit echtem wechselseitigem Interesse füllen müssen, liegt auf der Hand. Zu etwas Internem zu machen, was bisher extern gewesen ist, zu etwas Selbstverständlichem zu machen, was gestern noch neuartig gewesen ist, solidarische und interessierte Nachbarn zu werden, im anderen oft uns selbst zu erkennen, diese Herausforderung blickt uns erwartungsvoll an. (Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke)
