31. Generalkonferenz der UNESCO
17.10.2001
Österreichisches Statement vor dem Plenum der Generalkonferenz der UNESCO
abgegeben von Hofrätin Dr. Monika Kalista
Leiterin der kulturpolitischen Sektion
im Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten
Einleitend beglückwünsche ich Sie, Herr Präsident Jalali zur Wahl zum Vorsitzenden der Generalkonferenz und wünsche Ihnen viel Erfolg bei dieser Tätigkeit. Ihrer Vorgängerin in diesem Amte, Frau Moserova danke ich für die hervorragende Arbeit, die sie geleistet hat.
Besondere Anerkennung gebührt Generaldirektor Koichiro Matsuura für die rasche Inangriffnahme eines umfassenden und konsequent umgesetzten Reformprozesses. Ich möchte Sie, Herr Generaldirektor, daher der vollen Unterstützung Österreichs bei diesem wichtigen Projekt versichern.
Herr Präsident!
Niemals in der Geschichte der Organisation war es wichtiger als heute, sehr rasch konkrete Strategien im Rahmen aller ihrer Zuständigkeiten zu entwickeln. Strategien zur weltweiten Verbesserung des Bildungsniveaus. Strategien, die den Menschen kulturelle Vielfalt als Chance und nicht als Gefahr begreiflich machen. Strategien, die die Wissenschaft weltweit in den Dienst der Menschheit stellen und nicht zu ihrem größten, existenzbedrohenden Feind werden lassen. Letztendlich Strategien, die deutlich machen, was "good governance" von "bad governance" unterscheidet.
Schon seit langem diskutieren wir intensiv und immer wieder auch kontroversiell die weltweiten Umwälzungen, auf die sich auch die UNESCO einstellen muss. Tatsächlich hat die Organisation auch schon Erfolge zu verzeichnen, die uns allen Mut machen müssen. Beispielsweise das Programm "Erziehung für Alle". Dieses erfüllt geradezu eine der Kernaufgaben der UNESCO, die Beseitigung des Analphabetismus. Neben dem unermesslich praktischen Nutzen, den Millionen von benachteiligten Menschen ebenso wie ihre Staaten von einer Grundbildung für alle erhoffen dürfen, ist die Bekämpfung der Unwissenheit auch ein wichtiger Baustein für mehr Toleranz und Verständnis in der Welt.
Ohne Toleranz wird eine friedliche Entwicklung zwischen Menschen, Völkern und Staaten kaum möglich sein. Unser Leben ist sowohl auf globaler, wie auch auf nationaler Ebene zunehmend von einer Vielfalt der Anschauungen, der Sprachen und der Kulturen geprägt.
Die geplante Deklaration zur kulturellen Vielfalt soll zu diesem Themenkreis, bei dem die UNESCO einen spezifischen Auftrag zu erfüllen hat und über besonders hohe Kompetenz, Sachwissen und Erfahrung verfügt, einen wichtigen Beitrag leisten.
Wichtige Gedanken konnten bereits im vorliegenden Deklarationsentwurf und Aktionsplan formuliert werden. Hier hat sich als wesentlich erwiesen, dass die UNESCO in ihrem weltweiten Netzwerk seit Jahren dieses komplexe und vielschichtige Thema behandelt.
Die Zeit drängt! Es wäre sehr wichtig für die künftige Tätigkeit der UNESCO, sehr bald mit einer fertigen Deklaration zur kulturellen Vielfalt an die Öffentlichkeit treten zu können. Dies wäre - sie werden mir alle zustimmen - ein Meilenstein in der Geschichte der Organisation.
Ich möchte GD Matsuura auch zu der Initiative zum Schutz immaterieller Kulturgüter beglückwünschen, von der wir mit Interesse Kenntnis genommen haben. Nach diesem Fortschritt in der Debatte um die Ausweitung des Begriffes des Kulturerbes auch auf das mündliche und immaterielle Erbe ist jetzt vielleicht der Zeitpunkt gekommen, auf Expertenebene Einigkeit über die wichtigsten Begriffe und über den Umfang des immateriellen Kulturerbes herzustellen. Jedenfalls befürworten wir eine Fortsetzung der begonnenen Arbeiten in diesem Bereich.
Meine Damen und Herren!
Zeiten großer Veränderungen verlangen besonders intensives Nachdenken und die fortgesetzte Diskussion darüber, welche Grundkonzeptionen das menschliche Zusammenleben in der Zukunft beeinflussen werden. Wir brauchen möglichst viele seriöse Szenarien, die Chancen und Gefahren aktueller Entwicklungen gleichermaßen aufzeigen. Bei der Entwicklung von Ideen, die über das heute und morgen hinausblicken, kommt der UNESCO auch künftig größte Bedeutung zu.
Österreich unterstützt die Organisation hiebei mit allen Kräften. Gestatten Sie mir, dass ich auf folgende Beispiele hinweise:
Im November 2001 wird an der Jagellionen-Universität in Krakau eine Internationale Konferenz zum Thema "Europäische Identitäten und Erweiterung" stattfinden, welche durch das Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten unterstützt wird. Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Staat, Nation und transnationalen Prozessen? Wie entstehen Identitäten, wie verändern sich diese? Welche Entwicklungen in den internationalen Beziehungen lassen sich seit Ende des Kalten Krieges feststellen? All dies wird auch zur derzeit wesentlichsten Aufgabe europäischer Politik in Beziehung gebracht: einer erfolgreichen Erweiterung der Europäischen Union.
Zu diesem Thema der Identitätenbildung und -änderung, das ja von globaler Relevanz ist, werden sich selbstverständlich nicht nur Europäer zu Wort melden. Referenten aus Asien, Lateinamerika und Afrika werden ebenso erwartet wie hervorragende Experten aus Kanada, den Vereinigten Staaten von Amerika und aus Australien.
Es wäre eine große Ehre für die Konferenz, wenn auch die UNESCO bei diesem Anlass hochrangig vertreten wäre. Die Organisatoren der Konferenz, die Krakauer Jagiellonen-Universität, die Karl-Franzens-Universität Graz, und das Österreichische Generalkonsulat in Krakau, werden die Ergebnisse dieser Konferenz publizieren.
Es ist Österreich ein besonderes Anliegen, regelmäßig internationale Zusammentreffen zu iniziieren, die große Themen von globaler Bedeutung behandeln, und dies über die oft kurzfristigen Aspekte der Tagespolitik hinausgehend. Erst Ende August dieses Jahres fand auf Initiative von Bundesministerin Dr. Ferrero-Waldner im Rahmen des Jahres des "Dialoges der Zivilisationen" der Vereinten Nationen in Salzburg ein Runder Tisch statt. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, rief bei diesem "Salzburger Dialog unter den Zivilisationen" gemeinsam mit eminenten Persönlichkeiten aus aller Welt sehr deutlich zum Kampf gegen falsche Feindbilder auf. Er hob hervor, dass Vielfalt als etwas Kostbares gesehen und nicht als etwas Furchtbares verdammt werden muss.
Schon im Jahr 1999 hatte Bundesministerin Dr. Ferrero-Waldner in Wien zu einer Internationalen Tagung zum Thema "Ethik global - Illusion oder Realität" eingeladen. In den damals verabschiedeten "Wiener Schlussfolgerungen zur globalen Ethik" formulierten die Tagungsteilnehmer elf konkrete Empfehlungen. So etwa die Intensivierung des Dialogs über Menschenrechte, nicht nur zwischen Staaten, aber auch zwischen Zivilgesellschaft, Religionen, der Geschäftswelt. Die Notwendigkeit besonderen Schutzes für die Schwachen und Verletzbaren in der Gesellschaft. Die Verbesserung internationalen Arbeitsrechts, der verstärkte Schutz der Arbeiter vor Ausbeutung. Ebenso die Entwicklung innovativer Maßnahmen zum verbesserten Schutz vor Missbrauch des Internets, zugleich zu einer besseren Nutzung seines Potenzials für Demokratie und Pluralismus, um nur einige Punkte hervorzuheben, die anlässlich der Wiener Tagung besonders betont wurden.
Wir haben das Buch in englischer Sprache, das aus dieser Konferenz hervorgegangen ist, allen Delegationsleitern dieser 31. Generalkonferenz zur Verfügung gestellt.
Selbstverständlich sind derartige Konferenzen, Symposien und Seminare nicht der Stein der Weisen, der umgehend die Lösung aller Probleme bewirkt. Dennoch glaube ich hier sehr an die bekannte chinesische Weisheit: "Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt". In diesem Sinne hoffe ich auch künftig auf möglichst viele Initiativen, die uns die Aufgaben und Herausforderungen der Zukunft besser bewältigen lassen.
Herr Generaldirektor!
Wie schon eingangs betont, steht Österreich voll zu den von Ihnen initiierten Reformen der UNESCO. Wir begrüßen ausdrücklich die Möglichkeit, die Mittelfriststrategie laufend an praktische Erfordernisse anzupassen. Dadurch wird es der UNESCO künftig noch schneller möglich sein, auf aktuelle Entwicklungen einzugehen.
Österreich ist auch bereit, weiterhin mittels erfahrener Experten aktiv an den wichtigen Aufgaben der UNESCO mitzuwirken. Besonders hinweisen möchte ich unter zahlreichen Persönlichkeiten auf Herrn Dietrich SCHÜLLER, der heuer für den Zwischenstaatlichen Rat des neugeschaffenen "Allgemeinen Informations-Programms" kandidiert, sowie auf Professor Friedrich EHRENDORFER. Er bewirbt sich für ein Mandat im Zwischenstaatlichen Rat des Programms "Man and Biosphere".
Was das Budget betrifft, weiß Österreich es ganz besonders zu schätzen, dass Sie ein nominelles Nullwachstum durchsetzen konnten, ohne dass die praktische Arbeit der Organisation dadurch gelitten hätte. Ich meine, dass die UNESCO durch die stärkere Konzentration auf ihre Kernbereiche heute zum Teil bessere Ergebnisse erzielt als zuvor.
Budgetäre Sparmaßnahmen sind immer schmerzhaft und natürlich ist uns bewusst, dass diese Vorgangsweise nicht unbeschränkt in die Zukunft fortgeschrieben werden kann. Unter den heutigen Umständen gibt es freilich keine sinnvolle Alternative für diesen Sparkurs.
Meine Damen und Herren!
Ich will abschließend betonen, welche Genugtuung wir darüber empfinden, dass die Bundesrepublik Jugoslawien erneut aktiv an der Arbeit dieser Organisation teilnimmt. Es ist ein klares Zeichen dafür, dass dieses Land wieder den ihm zustehenden Platz in der Völkergemeinschaft einnimmt. Was den Anspruch der Gründerväter der UNESCO auf Universalität dieser Organisation betrifft, so wird diese erst dann wieder erfüllt sein, wenn auch die Vereinigten Staaten von Amerika neuerlich in diesem Weltforum der Bildung, Wissenschaft und Kultur ihre Stimme erheben werden.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
