Eröffnungsrede der Leiterin der kulturpolitischen Sektion des Außenministeriums Monika Kalista bei der Auslandskulturtagung 2000
31.08.2000
Sehr geehrte Damen und Herren!
I. Willkommen zur Auslandskulturtagung des Jahres 2000. Ich bedanke mich ganz besonders bei der Industriellen Vereinigung und dem Forum Schwarzenberg Platz für die Gastfreundschaft und Mitwirkung am Abendprogramm, bei Ihnen, Herrn Dr. Langthaler, für die Begrüßungsworte. Frau Bundesminister Dr. Benita Ferrero-Waldner ist auswärts und wird am Abend hier eintreffen. Ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen: den Künstlern und Wissenschaftern, den Vertretern der Ministerien, der Bundesländer, der Kulturinstitutionen, der ausländischen Vertretungsbehörden, den Kollegen aus dem In- und Ausland, den Referenten und Moderatoren des heutigen Tages - Ihnen allen, die Sie heute und das ganze Jahr hindurch Ihr Interesse an der Darstellung Österreichs im Ausland durch Kunst, Bildung und Wissenschaft dokumentieren. Namens der gesamten Kulturpolitischen Sektion darf ich Ihnen versichern, daß wir die gute Zusammenarbeit zu schätzen wissen. Mein persönlicher Dank gilt auch dem unmittelbaren Team in der Kulturpolitischen Sektion des Außenministeriums mit ihren sechs Abteilungen, und jenen, welche mit Ideenreichtum und Engagement diese Tagung vorbereitet haben, Abteilungsleiter Dr. Brix, Frau Mag. Moskart, und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Sehr geehrte Damen und Herren, im vergangenen Jahr stand die Auslandskulturtagung - so wie viele einschlägige Konferenzen - unter der Thematik des anbrechenden 21. Jahr-hunderts. Und damit einer dynamisch erwartenden Zukunft. Welche Rolle kommt der Kultur in der Außenpolitik des neuen Jahrtausends zu? Wir haben nicht geahnt, wie schnell diese Frage eine besondere Aktualität erhalten würde.
Als Anfang Februar die Sektionen der 14 EU-Staaten Platz griffen, haben wir natürlich auch in der Kulturpolitischen Sektion sofort Strategien zur Bekämpfung eines verzerrten Österreichbildnisses überlegt, und uns die Frage gestellt nach der Wirkung und der Sinnhaftigkeit der bisherigen Tätigkeit angesichts mancher Bilder, welche in bitterer Stärke über Österreich in Europa und in der Welt kursierten. Wir überlegten, welchen Weg wir nun unmittelbar beschreiten sollten:
* so schnell wie möglich Großveranstaltungen, so einen richtigen kulturellen Paukenschlag
* oder das Gegenteil, wozu uns auch einige wohlmeinende Freunde aus anderen Ländern rieten, nämlich sich ein wenig zurückzunehmen, low profile, und abwarten
* oder - und dazu haben wir uns entschieden, einen dritten Weg für die erste Zeit einzuschlagen, nämlich eine kontinuierliche Weiterarbeit, das Durchführen und Verteidigen der schon vorbereiteten Pläne, und die Aufrechterhaltung all dessen, was in oft mühsamer, jahrelanger Arbeit an Kontakten, Vertrauen, Verständnis, offenem Klima geschaffen wurde. Diese Fäden zu bewahren erschien uns in der ersten Zeit am wichtigsten. Ich glaube im Rückblick, daß diese Vorgangsweise richtig war. Nur dort, wo die politischen Reaktionen gegenüber Österreich am unerbitterlichsten waren, zog sich dies auch in den teilweise auch staatlichen Förderungen erhaltenden Kulturbereich hinein. In anderen Ländern ging die Zusammenarbeit weiter wie bisher, wenngleich die Frage nach der österreichischen Politik und Gesellschaft nirgendwo ausgeklammert werden konnte. Die Beobachtung unseres Landes gilt auch der Kultur und der damit verbundenen Aussage.
Nun ist es aber wieder an der Zeit, offensiver zu werden. Folgende inhaltliche Schwerpunkte sehen wir als notwendig an:
* Die aktuelle Situation Österreichs in Europa, und diese gilt es auch darzustellen in anderen Teilen der Welt.
* Österreich als Partner der Mitteleuropäischen Nachbarn,
* die Aufarbeitung der Österreichischen Geschichte im 20 Jahrhundert,
* Stärkung der Wissenschaft auch in der Auslandskultur,
* Konzentration auf zusammenfassende fachübergreifende Ereignisse,
* noch mehr Vernetzung auch mit anderen Institutionen und Programmen.
II. Vor sechs Jahren sagte der damalige Außenminister Dr. Alois Mock bei der Eröffnung der Auslandskulturtagung 1994 (die sich der Frage "Kultur und Nationalismus" gestellt hatte), was seiner Auffassung nach eigentlich Österreichisch heißt. Ich darf ihn zitieren: "Österreichisch bezeichnet immer diese einzigartige Mischung von Ost und West, Orientalischen und Abendländischen, vom Polnischen, Tschechischen, Ungarischen, Italienischen, Deutschen, von Jüdischen, Christlichen, Humanistischen und wer weiß wie viel anderen Komponenten, die eben in ihrer Summe jene unverwechselbare Identität geformt haben und ausmachen, die wir die Österreichische nennen. Für unser Land ergibt sich daraus eine Reihe ganz spezifischer Verpflichtungen....". Und ähnlich argumentiert auch Bundesministerin Dr. Benita Ferrero-Waldner, wenn sie eine strategische Partner-schaft mit den Staaten Mittel- und Osteuropas vorschlägt. In einem Interview am
5. August meinte sie, "Diese historische und auch kulturelle
Tradition kann uns niemand wegnehmen. Hier treffen sich eine spirituelle und eine praktische Schiene".
Wir müssen uns schon die Frage stellen, wie weit es uns gelungen ist, diese Vorstellung des Österreichischen in Europa und der Welt bekannt zu machen. Was verbinden beispielsweise Amerikaner und Chinesen heute mit dem Begriff nicht nur Österreich, sondern auch Österreichisch, was wissen sie über die kulturelle und geistige Vielfalt, über die verschiedenen Einflüsse, die Sprachkenntnisse noch zur Zeit der Generation unserer Großeltern, und die kulturelle Verbundenheit der Staaten Mittel- und Osteuropas. Wir müssen mehr von Österreich vermitteln als einzelne kulturelle Darbietungen. Gerade deshalb ist die Wissenschaft in einer so besonderen Weise gefordert, um deren Zusammenarbeit wir mehr denn je ersuchen. Alles ist aufzugreifen, was eine Langzeitwirkung erreichen kann! Es war beispielsweise sinnvoll, im Frühjahr ein Symposium über die österreichische Identität in Jerusalem abzuhalten, nachdem die Gründung eines Austrian Centres an der Hebräischen Universität festgelegt wurde. An einer Reihe ausländischer Universitäten und Hochschulen sind österreichische Studienzentren und Österreich-Lehrstühle eingerichtet, welche sich um die Einbindung Österreichs in die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit bemühen. Über Ihren wissenschaftlichen Beitrag hinaus präsentieren sie Österreich, seine Kultur, seine Wirtschaft und Politik im Gastland und beziehen seit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union auch europäische Themen mit einem Österreich Schwerpunkt in den Tätigkeitsbereich mit ein. Ihre Tätigkeit muß sowohl im Inland als auch im Ausland noch bekannter sein und zu einer stärkeren Kooperation führen.
Ein unschätzbarer Beitrag im Sinne einer Langzeitwirkung sind auch unsere derzeit 45 Österreich Bibliotheken in Mittel- und Osteuropa. In der letzten Zeit wurden drei neue eröffnet, nämlich im Kosovo, Albanien und Georgien. Sie sind Kultur- und Informationszentren außerhalb der Hauptstädte und in Verbindung mit Partnern aus den jeweiligen Ländern. Aber die Entwicklung in Technologie und Informationstechnik bleibt nicht stehen. Daher wird das Interesse Hand in Hand gehen mit einer modernen Ausstattung. D.h., daß es vielleicht eine Zeit lang noch wichtiger sein wird, Computer statt Bücher zu kaufen. Information über Österreich muß die Leitlinie sein, um einen Dialog überhaupt erst einmal zu ermöglichen und zu halten. Dazu dienen auch die professionellen Sprachkurse durch das Österreich-Institut.
In der letzten Zeit wurde über ein mögliches Zusammengehen der Auslandskultur mit Wirtschaftsinstitutionen und Außenhandelsstellen diskutiert. Die Auslandskultur hat keine Berührungsängste. Sie ist an der Zusammenarbeit mit allen Kräften interessiert, die sich als geeignete Partner erweisen, und muß dies auch sein, denn jede Kirchturmpolitik, jedes Denken in Scheuklappen, wären in der heutigen Zeit völlig sinnlos und kontraproduktiv. Aber sie kann nicht abgehen von ihrem Ziel in Abstimmung mit der österreichischen Außenpolitik: Wissensvermittlung, nicht kurzlebige Unterhaltung; Vertiefung einer oft oberflächlichen Sicht, nicht Förderung des Kommerzes; Vermittlung von heutiger Kreativität, nicht ausschließlich Reproduktion von Werken der Vergangenheit. Differenziertheit und Objektivität, weder schrankenlose Kritik noch ausschließliche unglaubwürdige Schönfärberei.
Das bittere Schwinden von finanziellen und personellen Ressourcen, zwingt zu einer verstärkten Konzentration und Überlegungen neuer Strukturen. Schon bisher wäre übrigens die gesamte Tätigkeit der Kulturinstitute und Kulturattachés nicht möglich gewesen ohne private Sponsoren, und die Kolleginnen und Kollegen haben in Findigkeit und Hartnäckigkeit immer wieder Hilfe und Unterstützung gefunden. Nun mehr muß aber auch von der Zentrale die Erarbeitung von Angeboten an die Wirtschaft ausgehen, um in Form von für beide Seiten interessanten Projekten Partnerschaften zu entwickeln.
Aber lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel sagen: Vor der Erstellung des Raumkonzeptes für das Österreichische Kulturinstitut in New York wurden alle Bundesländer eingeladen, sich an der Einmietung zu beteiligen. Auch einschlägige Institutionen wären uns willkommen gewesen. Trotz anfänglichen Interesses kam es jedoch zu keinem Abschluß. Das neue Kulturinstitut in New York wird am 4. Oktober 2001 eröffnet werden. Das Eröffnungsprogramm genauso wie die Folgeveranstaltungen sind aufgebaut auf einen Konzept der Offenheit und des Aufzeigens von Querverbindungen in den österreichischen Beiträgen zur Kunst dieses Jahrhunderts. Wenn Manfred Wagner in seinem Buch "Kultur und Politik - Politik und Kultur" es als eine historisch nachgewiesene Wahrheit bezeichnet, daß der letzte Beitrag Österreichs zur Weltkultur der Jugendstil war, so wird vielleicht mit den Veranstaltungen "Opening of the Austrian Mind", österreichische Kunst 1950-2000 eine Ergänzung diskutierbar sein.
III. Festivals, wie sie in London oder Berlin durchgeführt wurden und nun auch in Warschau geplant sind, brachten viele positive Reaktionen. Jede Veranstaltung muß daher auch auf ihre Synergieeffekte überprüft und allenfalls durch eine andere noch ergänzt und gestärkt werden. Es gilt auch von uns die Frage aufzuwerfen, was eigentlich die europäischen Werte und die europäische Wertegemeinschaft bedeuten, und welchen Beitrag Österreich in Geschichte und Gegenwart dazu leistet. Denn die österreichische Kultur in ihrer Gesamtheit ist nicht die Kultur eines Kleinstaates, sondern Ergebnis und Attribut zur europäischen Zivilisation durch Jahrhunderte. Es kann nicht oft genug gesagt werden, daß es die Kultur ist, welche Europa geformt hat und sie auch weiter formen wird. Sie zurückzunehmen, hieße auf die Mitwirkung bei der Neugestaltung unseres Kontinents zu verzichten. Vielleicht erkennen wir diese Aufgabe des 21. Jhdts. durch die Krise, in der sich das Österreichbild derzeit befindet, wieder stärker als sonst. Ingeborg Bachmann thematisiert durchgehend in ihrem Werk das existentielle Bedürfnis, die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis und der sprachlichen Erfaßbarkeit zu transzendieren, und formulierte einmal in "Der Fall Franza": "die Tatsachen, die die Welt ausmachen - sie brauchen das nicht Tatsächliche, um von ihm aus erkannt zu werden". Diese Diskussionen müssen auch im Inland geführt werden. Daher beteiligt sich das Außenministerium an Konferenzen und Tagungen mit einschlägigen Themen in Österreich selbst, wobei ich als Beispiel nur das Symposion über "Kultur und Nachbarschaft" im Mai an der Universität Klagenfurt erwähne. Im Bereich des Interreligiösen Dialogs werden wir uns nach wie vor engagieren. Deutlicher als zuvor gilt es noch herauszustellen, daß das Einbringen der eigenen Identität die europäische Vielfalt erst bewußt macht, und Ängsten entgegengetreten werden kann, welche die Auflösung der Identität durch Globalisierung befürchten.
IV. Angesichts des Vorwurfes, daß Österreich sich niemals mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hätte, haben wir die Auslandskultur der letzten 12 Jahre überprüft: Von Australien bis Venezuela haben uns diesem Bereich gestellt: in Ausstellungen, Filmen, Symposien, Begegnungen. Trotzdem ist es aber vielleicht wirklich zu wenig gelungen, in intensiver und griffiger und moderner Form das Bewußtsein weiter Teile des heutigen Österreichs erkennbar zu machen. Es mangelt nicht an Aktivitäten, aber vielleicht an ihren Darstellungsformen. Aber es gilt zumindest für die Auslandskultur nicht das Wort von Charlotte Teuber: "Wir Österreicher lieben unsere Geschichte, soweit sie uns nicht an unsere Vergangenheit erinnert".
Prof. Hanisch, wir kennen uns seit langem. 1983 haben wir zum ersten Mal Ihre wissenschaftliche Arbeit über den Nationalsozialismus im Alltag, in der Provinz, präsentiert und politische Bekenntnisse zur unverfälschten Weitergabe der gesamten Geschichte aus guten und aus bösen Zeiten an die jüngeren Generationen erreicht. Ein Erbe ist eine Einheit - das Erbe der Denkmäler, der Klassik, der Landschaft - das alles umfaßt unsere Verantwortung und Pflege, unsere Zeit und unsere Finanzen genauso wie die Auseinandersetzung mit dem Erbe der dunkelsten Geschichte dieses Jahrhunderts durch Erinnerung, Dokumentation, Brückenbau zu den Opfern und ihren Nachfahren. "Jede Zeit hat ihre Aufgabe, und durch die Lösung derselben rückt die Menschheit weiter", sagte Heinrich Heine. Möge dies auch durch die Bewältigung jener Herausforderungen gelingen, denen sich Österreich und seine heutige Kultur zu stellen haben.
