Außenministerin Ferrero-Waldner bei der Auslandskulturtagung 2000: "Wir wollen unsere Geschichten erzählen. Der Beitrag der Kultur zum Österreichbild."
31.08.2000
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich freue mich, daß ich heute vor diesem traditionellen Forum der Auslandskulturtagung die Gelegenheit habe, meine Vorstellungen über die Grundsätze und Perspektiven der österreichischen Auslandskulturpolitik zu präsentieren. Gestatten Sie mir aber, daß ich mich zunächst bei Sir Peter Ustinov herzlich dafür bedanke, daß er als Freund Österreichs unsere Einladung zu dieser Veranstaltung angenommen hat.
VIELFALT ALS PRINZIP EUROPAS
Die Tagung findet heuer unter dem der Bundeshymne entnommenen Motto "Heiß umfehdet, wild umstritten" statt. Ich meine, dieses Motto ist gut gewählt, nicht deshalb, weil unsere Partner in der Europäischen Union einseitige Beschlüsse gegen Österreich getroffen haben, die in vielen Fällen der kulturellen Zusammenarbeit schaden, sondern weil es heute prinzipiell um die zukünftige Gestalt Europas geht. Wie soll Europa morgen und in zehn Jahren aussehen und wie soll unsere Rolle in der Welt aussehen? Welche Geschichten will Europa dann von sich erzählen können? Die traditionellen Geschichten der großen Staaten, die sich mit ihrer Größe und wirtschaftlichen Macht die Einflußsphären in Europa aufteilen oder die Geschichten der Kleinen, für die Europa, wenn sie es mittragen sollen, nur ein Ort der Vielfalt sein kann?
Als Beitrag zu diesem Nachdenken über die kulturelle Vision Europas hat der polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski kürzlich Albert Camus zitiert, der sagte: "Europa lebt durch seine Gegensätze, es blüht durch seine Unterschiede auf (...) und hat eine Zivilisation geschaffen, von der die Welt abhängig ist, selbst wenn sie diese ablehnt".
Wenn wir den kulturellen Beitrag Österreichs im Ausland vermitteln, dann müssen wir an diese Idee von Camus anschließen. Österreich selbst war immer dann kreativ und stark, wenn es der Vielfalt Raum gab, und es war immer dann gefährdet und schwach, wenn es nur einer Ideologie folgte. Wir haben Europa immer kulturell verstanden und sind auch mit dieser Überzeugung Mitglied der Europäischen Union geworden.
KULTUR VERBINDET DAS EIGENE UND DAS FREMDE
Kultur ist in einer globalisierten Welt mächtig. Sie definiert zunehmend das Selbstverständnis und das Fremdbild der Staaten und weist gleichzeitig darauf hin, daß jede Identität sich in Abgrenzung von Anderen definiert, die als Bereicherung oder als Bedrohung empfunden werden können. Für Österreich war dies immer selbstverständlich, weil unsere Identität vor allem kulturell bestimmt ist. Friedrich Heer hat Österreich ein Land mit der allergrößten Außenbezogenheit genannt.
Wir sind keine klassische ethnische Nation, keine Nation, die sich nur über die Sprache begründet, keine Nation, die aus einer Revolution entstanden ist. Dennoch haben die Menschen eine klare Vorstellung darüber, was zur österreichischen Kultur gehört. Dabei spielt es zurecht keine Rolle, daß Wolfgang Amadeus Mozart im salzburgischen Ausland geboren wurde und sich angeblich in Wien nicht sehr wohlgefühlt hat. Er mag damals von Salieri als Bedrohung empfunden worden sein, wir empfinden ihn bereits sehr lange als Bereicherung. Es ist aber nicht immer so einfach zwischen Bedrohung und Bereicherung zu unterscheiden.
Hier liegt bereits die erste Aufgabe der Auslandskulturarbeit.
Das Eigene (Österreichische) und das Andere (Ausländische) zusammenzubringen, um klarzumachen, daß erstens diese scheinbar klaren Unterscheidungen meist gar nicht stimmen und daß zweitens das Andere immer eine kulturelle Bereicherung darstellt - selbst wenn uns das bei modernen massenkulturellen Phänomenen manchmal schwerfällt zu glauben.
Wir haben eine große Zahl an kritischen Intellektuellen in Österreich, die nicht unpolitisch sind, um die uns andere Länder beneiden.
Die einen sagen, wir brauchen mehr Geschichte. Die anderen verlangen, daß wir uns von der Aufarbeitung der Geschichte verabschieden sollen. Für die einen ist die "Mozartkugel" das süße Gewicht, an dem wir ersticken. Für die anderen muß Österreich soviel Realitätssinn entwickeln, die weltweite Wirkung der klassischen Österreich-Klischées zu akzeptieren. Einig ist man sich nur darin, daß mehr Internationalität nicht schadet.
Wir wollen Kommunikationsebenen für die österreichische Kultur im Ausland schaffen und den Dialog fördern. Staaten berufen sich wieder mehr auf ihre kulturelle Differenz, aber tatsächlich spielen nationale und staatliche Grenzen weltweit in der wissenschaftlichen und künstlerischen Produktion und Vermittlung eine immer geringere Rolle. Dies bietet der Auslandskulturpolitik die Chance, kulturelle Vielfalt als Reichtum menschlichen Zusammenlebens darzustellen und Ängste vor kultureller Fremdheit abzubauen. Österreich, seine Identität, seine Kultur, seine Wirtschaft, seine Politik werden im Ausland nicht nur präsentiert, sondern kulturelle Prozesse, die Österreich betreffen, müssen im Ausland auch initiiert werden.
Dies beruht auf der Überzeugung, dass Kultur im Prozess der Kommunikation entsteht und damit österreichische Auslandskulturpolitik dezentral nach den Interessen und Voraussetzungen in den jeweiligen Partnerstaaten inhaltlich und organisatorisch unterschiedlich agieren können muss. Auslandskultur ist nicht die Exportabteilung des Unternehmens "Österreichische Kultur" oder ein Mittel zur Durchsetzung unserer Vorstellungen über eine gerechte Ordnung der Welt. Wir exportieren keine Demokratiemodelle, sondern der realistische Auftrag lautet, Prozesse der Begegnung und des Dialogs in Gang zu setzen.
Aufgabe der Auslandskulturpolitik ist es, eine Serviceeinrichtung für interessierte österreichische Personen und Institutionen zu sein, um die Möglichkeiten zu fördern, mit Partnern im Ausland in Kontakt zu treten, gemeinsame Projekte durchzuführen und Kooperationen zu entwickeln. Damit wird im Ausland das Interesse und Verständnis für Österreich als Partner in kulturellen Bereichen gefördert. Die bessere Kenntnis Österreichs trägt in den Außenbeziehungen zu mehr Sicherheit und zu besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten bei. Natürlich hat Kultur mit Werten und mit Wirtschaft zu tun. Es ist aber nicht unsere Zielsetzung, Kultur vor allem als ein Mittel für moralische Appelle oder wirtschaftliche Exportanstrengungen zu sehen.
KULTURNATION ÖSTERREICH
Österreich versteht sich selbst als Kulturnation und wird weltweit mit seinen reichen kulturellen Traditionen identifiziert. Wenn dies in einer raschlebigen Medienwelt in der Form von sympathischen Klischées und positiv simplifizierten Österreichbildern geschieht, so sollten wir nicht dagegen ankämpfen, sondern sie als "asset" sehen.
Auf dieser Grundlage ist es möglich, das heutige künstlerische und wissenschaftliche Schaffen in den Mittelpunkt der Auslandskulturpolitik zu stellen. Bei dieser Aufgabe müssen alle neuen Kommunikationsmethoden und Technologien genutzt werden, um Informationen über Österreich rasch und gezielt mit der gleichen Überzeugung bei Clubabenden österreichischer Emigranten und in Chatrooms von "cyber kids" diskutieren zu können.
DIE ZIELE DER AUSLANDSKULTURPOLITIK
An den Zielen der Auslandskulturarbeit ändern die neuen Methoden der Vermittlung wenig: Im Ausland unsere Geschichten erzählen zu dürfen, um das Österreichbild nicht nur den Zufälligkeiten von Klischees und den politischen und wirtschaftlichen Interessen anderer Staaten zu überlassen. Das anspruchsvolle Ziel muß es sein, einen Anteil an der Definitionsmacht über unsere eigenen Traditionen und kulturellen Vorstellungen zu erreichen. Wenn wir dies intellektuell nicht anstreben und kulturpolitisch nicht unterstützen, sondern zufrieden sind, daß von außen über unsere großen kulturellen Traditionen gesprochen wird, dann ist der Schritt zum Museum getan. Museumsobjekte sind völlig davon abhängig, wie sie von Kuratoren und Besuchern interpretiert werden. Dieser Vergleich mag übertrieben klingen, aber denken Sie an den hintergründigen Satz von Egon Friedell "Über Österreich zu schreiben ist schwer. Was wird das Ausland dazu sagen?".
Wenn es auch keine Patentrezepte der Auslandskulturpolitik gibt, so ist es doch interessant zu sehen, daß Staaten damit oft sehr unterschiedliche Ziele verfolgen:
Dies reicht vom ideologischen Wettbewerb, wie ihn etwa die DDR perfektioniert hatte, über Bemühungen die eigene staatliche Identität bekanntzumachen, wie dies die jungen Staaten Ostmitteleuropas seit ihrer Gründung in den Vordergrund stellen, die Absicht, das eigene Land weltoffener und internationaler zu machen, wie dies etwa in Ungarn und in der Schweiz verfolgt wird, bis zu wirtschaftlichen Überlegungen, die Standortpolitik, Tourismusförderung und Exportankurbelung betreffen. Kroatien, Irland und Großbritannien sind dafür Beispiele. In Großbritannien wird dies von der derzeitigen Regierung auch mit dem Ziel einer "ethischen Außenpolitik" verknüpft. Widersprüche zwischen dem Eintreten für Demokratie und den Interessen der exportorientierten Waffenindustrie sind dabei nicht selten. Ich erwähne dies, weil zum Beispiel auch in der Bundesrepublik Deutschland Überlegungen zu einem "ethischen" Auftrag der Auslandskulturpolitik angestellt werden. Neben der Förderung der deutschen Sprache soll dabei die Förderung von Demokratie und die Stärkung der Zivilgesellschaft angestrebt werden.
Das ambitionierteste Ziel setzt sich derzeit Kanada. Die Lage neben einem wirtschaftlich und politisch übermächtigen Nachbarn soll durch eine Neuorientierung der Kulturpolitik ausgeglichen werden. Das Ziel heißt "to tell our own stories" und umfaßt jenen Bereich, den ich auch für Österreich angedeutet habe: das Fremdbild Kanadas stärker mitdefinieren zu können.
In Österreich hat die Auslandskulturpolitik von allem etwas. Aber ich habe den Eindruck, wir scheuen uns manchesmal zu sagen, was denn die legitime politische Absicht ist. Ein britischer Journalist hat die Zielsetzung jeder Auslandskulturpolitik auf den Punkt gebracht: "winning friends and influencing people".
Es heißt, daß der Kalif Harun al-Rashid allen Botschaftern von Karl dem Großen jeweils einen Elephanten geschenkt habe, um am Kaiserhof Freunde und Einfluß zu gewinnen. Sie werden sich vielleicht erinnern, daß wir dies auf umgekehrte Weise auch versucht haben, als der damalige Präsident der Bundeswirtschaftskammer Rudolf Sallinger und unser damaliger Botschafter in den Vereinigten Staaten Thomas Klestil dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Ronald Reagan einen Lippizaner geschenkt haben. Natürlich war der Hengst "Maestoso" aus der Sicht der Marketingexperten nur die bewegliche Version der in den österreichischen Botschaften herumstehenden Porzellan-Lippizaner und das heutige Bemühen eines Gestütes in Slowenien um einen Anteil an dieser Pferderasse zeigt, daß in Mitteleuropa selbst bei Pferden die nationale Identität nicht so einfach festzumachen ist, aber letztlich ging es darum in dem großen Amerika zumindest für einen Moment die Medienaufmerksamkeit auf das kleine Österreich zu lenken.
DAS BILD ÖSTERREICHS SELBST ERZÄHLEN DÜRFEN
Als kleiner Staat ist es nicht einfach, das Bild des eigenen Staates überwiegend selbst erzählen zu dürfen. Österreich hat Spitzenleistungen in innovativen technischen Bereichen aufzuweisen, im Bild des Auslandes sind wir immer noch das Volk der Tänzer und Geiger.
Österreichische Schriftsteller werden in deutschen Museen und in Goethe-Instituten rasch zu deutschen Geistesgrößen. Von Hitler weiß man international eher, daß er in Wien großgeworden war, als daß er im damaligen Österreich keine Chance auf eine Umsetzung seiner politischen Ideen gesehen hat.
Wenn der deutsche Außenminister jüngst von der "besonderen historischen Erfahrung Österreichs und Deutschlands" gesprochen hat und damit beide Staaten gleichermaßen für den Nationalsozialismus verantwortlich machen möchte, dann ist das schlicht falsch. Unsere historische Erfahrung unterscheidet sich von der deutschen in wesentlichen Punkten. Insbesondere ist unsere historische Erfahrung, daß das damalige Hitler-Deutschland am 13. März 1938 Österreich militärisch überfallen und okkupiert hat. Hier kann es keinen Geschichtsrevisionismus geben, so kann das Wiedererwachen des Rechtsextremismus in Deutschland nicht weggeschoben werden.
Deshalb müssen kleine Staaten ihre Geschichten selbst erzählen dürfen. Sonst wird ihnen von den Großen nicht nur ihre Geschichte erzählt, sondern auch über ihre Zukunft entschieden.
Mit der Zeitenwende 1989, die ein Ende der geopolitischen Teilung Europas gebracht hat und Kultur zum Grundmuster internationaler Beziehungen gemacht hat, sowie dem österreichischen EU-Beitritt 1995 haben sich die Voraussetzungen und Möglichkeiten der Auslandskulturpolitik grundlegend geändert. Darauf müssen auch die Instrumente, Methoden, Zielsetzungen (das Fremdbild mitzubestimmen) und Schwerpunkte abgestellt werden. Europa ist dabei der geographische Schwerpunkt.
DIE SCHWERPUNKTE DER AUSLANDSKULTURPOLITIK
Es geht um Projekte, die die Vielfalt der europäischen Kultur vermitteln und damit einen Beitrag zur Qualität und zum Tempo europäischer Integration leisten.
So hat das österreichische Kulturinstitut in Warschau ein Festival der Kunst aus Südosteuropa initiiert, das diesen Herbst in Warschau auch zeigen soll, welchen Beitrag Künstler aus Südosteuropa für Europa leisten und daß Künstler aus Österreich daran mitwirken. Vor einigen Jahren habe ich in London ein von Österreich angeregtes und organisiertes großes Mitteleuropafestival eröffnet. Die Erweiterung der Europäischen Union nach Ostmitteleuropa ist heute ein zentrales kulturelles Anliegen Österreichs in Europa.
Österreich hat seine Lage in Mitteleuropa nie vergessen, aber vielleicht manchmal für zu selbstverständlich gehalten. Hier ist unser europäischer Standort und hier müssen wir unsere Freunde und Partner in einem neuen, größeren Europa suchen. Vor hundert Jahren kam das Neue aus diesem Raum nach Wien und trug die Namen Sigmund Freud, Theodor Herzl oder Gustav Mahler. Heute kann - wenn wir wollen - wieder ein europäischer Zentralraum entstehen. Kulturelle Kontakte sind keine Garantie dafür, daß wieder ein solches kreatives Milieu entsteht, aber sie können Gemeinsamkeiten schaffen, die das traditionelle Potential der Nähe nutzen.
Europäisch denken verlangt von der österreichischen Auslandskulturpolitik aber auch
weitere klare Schwerpunktsetzungen zu treffen: etwa Beiträge zur Stabilisierung Südosteuropas zu leisten, wie wir dies mit dem Ausbau des Netzes der Österreichbibliotheken an Standorten wie Pristina und Shkodra versuchen, und innerhalb der Europäischen Union einen wirklichen Diskurs über europäische Werte zu führen, der nicht von den Interessen von Regierungen dekretiert wird.
Wenn wir in unserer Auslandskulturpolitik die Strukturen der Zivilgesellschaft in unserer Nachbarschaft und in Südosteuropa stärken wollen, so geschieht dies auch, weil es positive Rückwirkungen auf und in allen 15 EU-Staaten haben wird.
Gleichzeitig müssen unsere kulturellen Beziehungen zu dem, was in so unterschiedlichen Ländern wie den Vereinigten Staaten und Rußland neu und innovativ ist, ausgebaut werden. In New York symbolisiert ein neuerrichtetes Kulturinstitut, das nächstes Jahr eröffnet wird, diesen Ausbau. In Moskau hat Österreich trotz der Sparnotwendigkeiten, die auch für die Auslandskultur gelten, seine kulturelle Präsenz verstärken können.
Wenn wir nicht einfach Bestehendes inhaltlich und strukturell fortschreiben und wenn es gelingt, die Vermittlung österreichischer Kultur zu einem nationalen Anliegen zu machen, so sollten diese Prioriäten auch finanzierbar sein. Bei der Erarbeitung neuer Strukturen und Methoden darf es aber keine Tabus oder geschützten Bereiche geben.
STRUKTUREN UND METHODEN MODERNISIEREN
Nicht immer braucht es Kulturinstitute und ihre Räumlichkeiten, um Menschen mit unseren kulturellen Anliegen zu erreichen. Wichtig sind Persönlichkeiten, die kulturellen Transfer glaubhaft und kreativ zustandebringen und die mit Partnerinstitutionen in allen Teilen des Landes im jeweiligen Empfangsstaat zusammenarbeiten. Es kann daher nützlich sein, wenn wir Institute als Kulturabteilungen in die Botschaften eingliedern. Für neue Strukturen und Methoden müssen wir offen sein: Brauchen wir für Schwerpunktthemen und Großprojekte Projektzentren auf Zeit?
Wäre es sinnvoll, solche Projektzentren für europäische Regionen statt für Staaten (z. B. für Südosteuropa, Skandinavien) einzurichten? Könnten persönliche Kulturbeauftragte in den EU-Beitrittswerberstaaten zusätzliche Impulse setzen? Sollten nicht Vernetzungen mit dem öffentlich-rechtlichen Radio/Fernsehen in Österreich aufgebaut werden? In den USA wird die "Voice of America" von den United States Information Agencies geführt und ist damit Teil der Auslandskulturarbeit. Wie können wir alle Möglichkeiten der neuen Informationstechnologien nutzen? Die französischen Kulturinstitute werden derzeit weltweit zu "Medienzentren" weiterentwickelt. Sollen wir prominente Personen aus Kultur, Wissenschaft und Medien als "kulturelle Sonderbotschafter" für konkrete Großprojekte und spezifische kulturelle Anliegen gewinnen? Wie können wir das österreichische Auslandslektorenprogramm professioneller machen? Sollten wir nicht die Wirkung der zahlreichen Österreichzentren und Österreichlehrstühle an ausländischen Universitäten evaluieren und besser mit anderen Initiativen der Auslandskultur koordinieren? Wie wichtig ist uns die Spracharbeit der Österreich-Institute im Ausland?
Sie sehen, wo es um Kulturpolitik geht, gibt es viele Fragen, die sowohl die Inhalte als auch die Strukturen betreffen. Wesentliche Bereiche möglicher Neupositionierungen wurden im Laufe des heutigen Tages von Experten konkret beraten.
KULTURPOLITIK ALS VERPFLICHTUNG DES STAATES
Für mich möchte ich eines festhalten.
Auslandskulturpolitik ist auch eine Verpflichtung des Staates gegenüber seinen Bürgern, der auf diese Weise für Künstler und Wissenschaftler die Chancen erhöht, sich mit dem Ausland zu vergleichen, internationale Erfahrungen zu gewinnen und der gleichzeitig das Bild Österreichs in der Welt vermittelt. Es kann sie daher nicht umsonst geben, sondern es braucht die öffentliche Förderung. Wenn wir uns selbst als "Kulturnation" verstehen, zu der ich mich bekenne, dann müssen wir dies kulturpolitisch im Inland fördern und international vermitteln. Dies schließt aber ein, daß wir die Strukturen der Vermittlung effizient gestalten und uns um eine Vernetzung aller Ressourcen bemühen: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst haben nicht leider miteinander zu tun, sondern gehören zusammen. Kultur schafft auch Arbeitsplätze, Unternehmen, Tourismus.
Für entscheidende Bereiche der Zukunftsfähigkeit Österreichs, etwa die Vorbereitung der EU-Erweiterung in Mitteleuropa, wird die Auslandskultur daher strategische Partner in der österreichischen Wirtschaft einbeziehen, um gemeinsame Projekte in den Beitrittsstaaten durchzuführen.
DIE AUFARBEITUNG DER GESCHICHTE
Erlauben Sie mir noch zwei Themen kurz anzusprechen, die Kultur und Außenpolitik auf das Engste verbinden. Wohl jeder österreichische Diplomat im Ausland hat in den letzten zehn Jahren regelmäßig zur österreichischen Geschichte Stellung nehmen müssen. Geschichte ist wieder zu einem Argument der Außenpolitik geworden. Für Österreich hat dies zumindest zwei Seiten. Einerseits sind die historischen kulturellen Gemeinsamkeiten im mitteleuropäischen Raum seit 1989 wieder aktuell und andererseits werden neue Fragen bezüglich der Auseinandersetzung mit den Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus gestellt werden.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die Welt wieder sensibler geworden für Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die österreichische Auslandskulturarbeit hat den kritischen Dialog aktiv gesucht. In den letzten zehn Jahren hat sich das Außenministerium in fast 1300 Projekten weltweit mit österreichischer Zeitgeschichte befaßt und mehr als 500.000 Menschen wurden mit Symposien, Vorträgen, Ausstellungen und Filmprojekten erreicht. Wir werden diesen Weg des Dialoges fortsetzen.
DIE GLOBALE AGENDA
Diese Themen sind Teil eines weltweiten Dialoges der Kulturen geworden, in dem alle Weltregionen und großen Zukunftsfragen plötzlich sehr nahe wirken. Wir agieren in einem globalen Netzwerk, in dem Geschichtsaufarbeitung, Krisenmanagement, Entwicklungszusammenarbeit, Kulturdiplomatie und Informationsgesellschaft Stichworte für neue Anforderungen sind. Wir sind Akteure und Betroffene einer "globalen Agenda".
Die globale Agenda ist ein Netzwerk, in dem der erfolgreich ist, der die Querverbindungen zwischen den Zukunftsfragen und Wissensdisziplinen - zwischen Kultur, Umwelt und Entwicklung, zwischen Bildung und Sicherheit, zwischen staatlichen Einrichtungen, internationalen Organisationen und den Vertretern der Zivilgesellschaft - fördert.
Um dies demokratisch zu verwirklichen, brauchen wir nach wie vor das Erfolgsmodell "Staat". Darum ist Kulturpolitik, die an der Sollbruchstelle zwischen Inland und Ausland agiert, wenn ich es zugespitzt formuliere, staatliche Sinnstiftung in einer Zeit, in der viele das Ende des Staates als zentrale Ordnungseinheit menschlichen Zusammenlebens ausrufen.
KULTUR PRÄGT DAS BILD ÖSTERREICHS IN DER WELT
Es ist die Kultur, die das Bild Österreichs in der Welt prägt. Das Spezifische und Besondere eines Staates wird zunehmend anhand seiner Kultur wahrgenommen. Menschen reagieren auf Globalisierung mit einer Sehnsucht nach kultureller Differenzierung.
Für viele ist dies meist sehr selbstverständlich und wir haben uns daran gewöhnt, daß Künstler und Wissenschaftler im Ausland unterstützt werden können, wenn sie spezifisch Österreichisches vermitteln. Mein Ministerium initiiert und unterstützt jährlich weltweit mehr als 4000 österreichische Kulturprojekte. Es ist mein Anliegen, diese Kontakte weiter zu intensivieren, weil hier abseits offizieller Positionen die Geschichten Österreichs erzählt werden können. An diesen Kontakten entscheidet sich die Frage der Friedensfähigkeit und der Konfliktträchtigkeit von Gesellschaften. Wir sehen heute am Balkan wie sehr Bildung und Kultur "harte" Themen der Außenpolitik sind, mit denen sich die OSZE genauso wie der Stabilitätspakt für Südosteuropa zur Konfliktvermeidung und zur Friedenssicherung befassen.
Dort kann nur eine Politik Erfolg haben, die das gesamte soziale, politische und auch kulturelle Umfeld beeinflußt. Solches versucht der Stabilitätspakt für Südosteuropa und Österreich beteiligt sich konkret daran. Im sogenannten "Graz-Prozeß" fördern wir durch eine gezielte Investition in die Jugend Bildungsmaßnahmen, die darauf gerichtet sind, den Haß zwischen den Völkern abzubauen. So werden in der Region Schulbücher vorbereitet, die den jungen Menschen nicht mehr nationalistische Geschichtsbilder und Vorurteile vermitteln.
Auslandskulturarbeit kann helfen, internationale Konflikte abzubauen und die eigene nationale Identität besser zu verstehen. Damit sehe ich für Österreich eine enorme Chance, daß wir "unsere Geschichten erzählen können":
Das Selbstverständnis Österreichs ist komplizierter als jenes vieler anderer Staaten, weil es nicht primär ethnisch bestimmt ist, sondern das Ergebnis historischer Erfahrungen ist, die mit der Vorstellung der produktiven Kraft kultureller Vielfalt aber auch mit den Versuchungen totalitärer Einfalt zu tun hatten. In einer Zeit der einfachen Botschaften ist es nicht leicht, die Worte Joseph Roths zu vermitteln, der, wie er einmal meinte, so gerne Österreicher war, weil ihm dies ermögliche, Patriot und Weltbürger in einem zu sein.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Nachdem "Patriot und Weltbürger" nun das bestmögliche Stichwort für Sir Peter darstellt, darf ich mich für Ihre Aufmerksamkeit bedanken und vor allem all jenen danken, die sich heute in Vorträgen und Arbeitskreisen mit den Perspektiven der österreichischen Auslandskulturpolitik befaßt haben.
Wenn mehr als 75 Prozent der Österreichberichterstattung in internationalen Medien der Kultur gewidmet sind, so heißt dies, daß Österreich vom Ausland vor allem kulturell wahrgenommen wird. Daher müssen wir die Chancen der Auslandskulturpolitik wahrnehmen.
