Wiener Deklaration zu Multikulturalität und Multiethnizität in Mittel-, Ost- und Südeuropa
30.09.1998
Wien, 30. September 1998
Vom 28. bis 30. September 1998 trafen im Rahmen des österreichischen Ratsvorsitzes in der Europäischen Union Experten aus 25 europäischen Staaten in Anwesenheit von Vertretern der Europäischen Kommission und der UNESCO in Wien zusammen, um eine Diskussion über verschiedene Aspekte der Multikulturalität und Multiethnizität in Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie über die Rolle der Kultur im europäischen Integrationsprozeß zu führen.
Die europäische Erweiterungsdebatte darf sich nicht nur auf Politik, Wirtschaft und Recht konzentrieren, sondern muß auch die gesellschaftlichen und kulturellen Aspekte wesentlich mit berücksichtigen. Die Wiener Deklaration faßt daher Standpunkte und Überlegungen zu Kultur, Sprache, Religion, Medien, Gesellschaft und Politik zusammen, deren Berücksichtigung für eine erfolgreiche Fortführung des europäischen Einigungsprozesses von größter Bedeutung ist.
Diese bedeutenden Themen und Problemstellungen sollten europaweit von "Akademien der guten Nachbarschaft" erforscht, gelehrt, diskutiert und für die praktische Anwendbarkeit aufbereitet werden. Dabei wird auf bestehende Netzwerke aufzubauen sein.
Kultur
- Europa als umfassendes Friedensprojekt bedarf der Kultur in allen ihren Ausformungen. Alle kulturellen Entwicklungen sind von den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen nicht zu trennen.
- Kultur ist sowohl Mittel des Dialogs als auch mögliches Instrument des Dissenses und Konfliktes zwischen Menschen und Völkern.
- Die Gestaltungskraft der Kultur muß für die Festigung von Toleranz und demokratischen Strukturen genutzt werden. In diesem Sinne haben in Europa sowohl nationalkulturelle Identität als auch kultureller Pluralismus - darunter sind auch Mehrfachidentitäten zu verstehen - ihren Platz. Diese kulturelle Vielfalt entspricht dem europäischen Erbe und ist in jeder Hinsicht weiter zu fördern.
- Die kulturelle "Cohabitation" ist krisen- und konfliktträchtig, da immer auch Ängste gegenüber dem Fremden und Neuen bestehen. Zugleich fördern Mobilität und moderne Kommunikationsformen den kulturellen Austausch. Daher ist das Nebeneinander- oder Zusammenleben immer wieder neu zu erlernen und einzuüben.
- Europa muß die Mittel der modernen Informations- und Kommunikationstechniken nützen, um den kulturübergreifenden Dialog zu intensivieren. Nur durch Kenntnis des Anderen kann man alte Feindbilder überwinden. Das Bewußtmachen des kulturellen Pluralismus als Bereicherung nicht als Bedrohung stärkt zugleich die Rolle Europas in einer sich globalisierenden Welt.
Sprache
- Sprache ist nicht allein Kommunikationsmittel, sondern zugleich wesentlicher Ausdruck von Identität und Kultur. Jegliche Ideologie und Politik, die von unterschiedlicher Wertigkeit einzelner Sprachen ausgeht, ist auf das Entschiedenste zurückzuweisen. Im Sinne der Normen der Europäischen Union ist die grundsätzliche Gleichberechtigung aller Sprachen sicherzustellen.
- Eine der wichtigsten Aufgaben Europas in den nächsten Jahren ist die Gewährleistung von Chancengleichheit aller Sprachgemeinschaften. Hierbei ist insbesondere auf die praktische Umsetzung bereits bestehender rechtlicher Rahmenbedingungen - in öffentlicher Verwaltung, Justiz- und Schulwesen - zu achten.
- Das Bewußtsein über den Wert weniger verbreiterter Sprachen muß europaweit entwickelt und gefördert werden.
- Zur Förderung der interkulturellen Verständigung ist verstärkt Mehrsprachigkeit zu propagieren und zu verwirklichen. Die Förderung des Fremdsprachenunterrichts, insbesondere von Nachbarsprachen, sollte - vom Grundschulalter an - aktiv betrieben werden.
- Die Übersetzung und Publikation wichtiger wissenschaftlicher und literarischer Veröffentlichungen auch aus weniger verbreiteten Sprachen ist zu fördern.
- Angesichts des steigenden Bedarfs an qualifizierten Übersetzern und Dolmetschern sowohl in den Internationalen Organisationen als auch auf den globalen Märkten ist dafür Sorge zu tragen, daß in allen europäischen Staaten reguläre Übersetzer- und Dolmetscherstudiengänge auf Hochschulebene einzurichten sind.
- Wegen der zentralen Bedeutung der Terminologie für die Fachkommunikation, im Informationswesen sowie beim Wissens- und Technologietransfer ist der Aufbau von Terminologiezentren auf der Grundlage bewährter Erfahrungen und harmonisierter Methoden in allen Staaten erforderlich.
Religion
- Die Religionen werden ihre Traditionen wahren, nicht jedoch in einem Konkurrenzverhältnis gegeneinander bestehen können. Vielmehr müssen sie ihre gemeinsame Aufgabe darin sehen, die gesellschaftlichen Kräfte und kulturellen Formen zu beeinflussen, ihnen Ziele und Wege zu zeigen, die der gegenseitigen Verständigung und dem Frieden dienen.
- Der ökumenische Dialog der christlichen Kirchen westlicher und östlicher Tradition ist für die Zukunft Europas ebenso wichtig wie der interreligiöse Dialog zwischen Christentum, Judentum und Islam.
- Kirchen und Religionsgemeinschaften können im ständigen Dialog mit Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur Orientierungen anbieten, dürfen jedoch nicht mißbraucht werden, um Gräben aufzureißen.
- Teil der kulturellen Vielfalt Europas ist ein unterschiedliches Verhältnis von Kirche und Staat in den Mitgliedsländern. Generell sollten in allen Teilen Europas auch die jeweils kleineren Kirchen und Religionsgemeinschaften anerkannt werden.
- Der autochthone Islam im östlichen und südöstlichen Europa ist integrativer Bestandteil der europäischen Kultur.
Medien
- Die Medien haben die kulturelle, ethnische und sprachliche Vielfalt Europas zu achten und zu berücksichtigen.
- Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und nationalistische Anschauungen sind zurückzuweisen.
- Verantwortlicher Journalismus übt Toleranz und ist wachsam gegenüber Diskriminierung in jeder Form. Insbesondere gilt dies bei Benachteiligung aus Gründen der ethnischen Zugehörigkeit, der Nationalität oder des Glaubens.
- Die Medien sind aufgerufen, das Verständnis für die Vielfalt und Besonderheiten anderer Kulturen, Gesellschaften und Lebensformen zu fördern.
- Grenzüberschreitende Medienprojekte tragen zum Abbau von Feindbildern bei und sind daher entsprechend zu unterstützen.
- Da auch in Schulbüchern intoleranter Nationalismus ganzen Generationen von Schülern eingepflanzt wird, ist dringend zu empfehlen, solche Lehrmittel überstaatlich bzw. multinational zu erarbeiten und zu verbeiten.
- Die gleichen Forderungen nach Toleranz gelten gegenüber der Popularliteratur, die Millionen von Menschen nachhaltig beeinflußt.
Gesellschaft
- Durch den Fall des Eisernen Vorhangs wurde ein tiefgreifender Transformationsprozeß in den Gesellschaften Mittel-, Ost- und Südosteuropas eingeleitet, der zu grundlegenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen führt. Diese Veränderungen beinhalten große Chancen, aber auch Probleme und Herausforderungen, die es im europäischen Kontext solidarisch zu lösen gilt.
- Wichtigstes Thema - nach der Erringung oder Sicherung der Eigenstaatlichkeit - ist für die meisten Bürgerinnen und Bürger die Sicherung des Lebensunterhalts. Deshalb hängt die Entfaltung von Zivilgesellschaften entscheidend von der ökonomischen Entwicklung ab.
- Wesentlich für die Gesellschaften ist nicht bloß der Aufbau, sondern vor allem die Festigung der Zivilgesellschaft. Dazu gehört auch die Ermunterung und Stärkung privater Initiativen sowie das Entstehen und die Einbindung von NGOs.
- Entscheidend für die Zukunft der Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas und ihre Beziehungen zur Europäischen Union ist die Verringerung bestehender ökonomischer und sozialer Ungleichgewichte wie auch die Schaffung einer klaren Integrationsperspektive. Nur so kann es gelingen, daß sich eine Mehrheit der Bürger Mittel-, Ost- und Südosteuropas aktiv am Projekt des Aufbaus einer Zivilgesellschaft beteiligt und die Chance auf eine gesicherte Zukunft im eigenen Land sieht und wahrnimmt.
Politik
- Politische Systeme müssen die kulturelle und ethnische Vielfalt widerspiegeln und berücksichtigen. Zur europäischen Demokratie zählt auch eine vielfältige Parteienlandschaft, die das Spektrum der gesellschaftlichen Vielfalt zum Ausdruck bringt und somit auch zur gesellschaftlichen Stabilität beiträgt.
- Diese demokratischen Standards sind zu gewährleisten und durch entsprechende nationale und internationale Kontrollmechanismen zu überwachen. Zur Entwicklung der demokratischen Standards ist es notwendig, Demokratie auf mehreren Ebenen zu verstehen und zu gewährleisten:
- Demokratie ist Mehrheitsherrschaft, aber ebenso ist Demokratie auch durch die Garantie von Individual- und Minderheitenrechten gekennzeichnet;
- Demokratie ist ein System der politischen Beteiligung (z.B. Wahlen) und ebenso ein System der politischen Ergebnisse (z.B. Befriedigung von gesellschaftlichen Bedürfnissen);
- Demokratie ist zunächst ein Prinzip des Staates (Verfassungsstaat, Rechtsstaat), dann aber ebenso auch ein Prinzip der Gesellschaft (Entwicklung der Zivilgesellschaft, z.B. in Form von NGOs).
- Demokratie ist gerade in Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowohl Produkt nationalstaatlichen Denkens als auch Ergebnis des Protestes gegen konkrete Formen des Nationalstaates. Mehrfachidentitäten gehören in mehreren europäischen Staaten zur Normalität.
- Je mehr diese kulturell pluralistische Gesellschaft Gestalt annimmt, desto mehr wird die Konzeption der Staatsbürgernation zur Notwendigkeit, die ihren Bürgerinnen und Bürgern mehrere Identitäten ermöglicht. Das schließt nicht aus, daß sich der Einzelne mit einer ethnischen, religiösen oder kulturellen Gruppe stärker verbunden fühlt. Pluralistische Staaten können indessen nur bestehen, wenn sie die politische Staatsbürgerschaft von der kulturellen und ethnischen Identität entkoppeln.
- Die europäische Integration kann in verschiedener Weise und durch verschiedene Institutionen zur demokratischen Gestaltung der Politik beitragen. EU, NATO, OSZE, Europarat und andere bilden einander ergänzende Angebote, die sowohl eine Friedens- wie auch eine Wohlstandsfunktion besitzen.
