Eröffnungsrede von Sektionsleiterin Monika Kalista anläßlich der Auslandskulturtagung 1999 am 30. August 1999 in Wien
30.08.1999
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich heiße Sie zur Auslandskulturtagung 1999 herzlich willkommen. Mein Dank gilt allen, die mit ihrer Teilnahme ihr Interesse an der österreichischen Auslandskultur zeigen, mein Dank gilt den Referentinnen und Referenten, er richtet sich aber auch ganz besonders an unseren diesjährigen Gastgeber, die Creditanstalt, welche uns hier in einer so zentralen Lage das Octogon zur Verfügung stellt. Ich danke Ihnen, liebe Frau Dr. Kastner, für Ihre Begrüssungsworte und alle Ihre Vorbereitungen.
Ich habe den Herrn Bundesminister Vizekanzler Dr. Wolfgang Schüssel zu entschuldigen, der sich in Alpbach befindet und am Abend kommen und sprechen wird. Ich möchte jedoch selbst meine Ausführungen damit beginnen, ihn zu zitieren:
"Kunst und Kultur haben die schwierige Aufgabe, ihrer Zeit voraus zu sein. Dessen muß sich die österreichische Auslandskulturpolitik gerade an der Schwelle zum neuen Jahrtausend in besonderer Weise bewußt sein. Nicht das vorsichtige Nachvollziehen internationaler Entwicklungen ist gefragt, es kommt vielmehr auf ein mutiges Vorausdenken aktueller internationaler Möglichkeiten an."
Der rote Faden, welcher die österreichische Auslandskultur durchzieht, ist das Wissen und Handeln, dass die Aufgaben der Auslandskulturpolitik von Land zu Land, von Kulturinstitut zu Kulturinstitut, von Botschaft zu Botschaft verschieden sind. Seit der letzten Auslandskulturtagung vor zwei Jahren - im Vorjahr musste sie wegen der EU-Präsidentschaft ausfallen - hat sich die Welt schon wieder verändert. Die EU-Präsidentschaft hat Österreich in einen neuen internationalen Kontext gestellt, vom Krieg in Kosovo hatten wir 1997 noch keine Ahnung, die osteuropäischen Nachbarn drängen über NATO und Europäische Integration verstärkt in das politisch und wirtschaftlich institutionalisierte Europa, um nur einige Beispiele zu nennen. Auslandskulturpolitik muss flexibel reagieren, ihre Sensorien einsetzen und den Weg vorbereiten für weitere Massnahmen und Kontakte.
Lassen Sie mich daher unsere aktuellen Schwerpunkte und unsere heutigen Instrumente näher skizzieren:
I Die Schwerpunkte:
1. Wir müssen verstärkt nach Osteuropa! Ich darf hiezu das Büro für kulturelle Auslandsbeziehungen des Landes Oberösterreich zitieren, welches in nahem Verbund mit seinen Nachbarn Brücken in die Zukunft schlägt. "Der Osten ist nicht wilder als der Westen, er ist zur Zeit nur stärker in Bewegung." Die aktuellen künstlerischen und gesellschaftlichen Aufbrüche sind Folgen der politischen Umbrüche, die dort in den letzten 10 Jahren - oft erdbebenhaft - stattgefunden haben. Und ich nehme auch eine Anleihe bei Gerard Mortier - viel diskutiert - der vor etwa fünf Wochen in einem Interview meinte, daß die "Beschäftigung mit den kulturellen Traditionen und künstlerischen Entwicklungen in Polen, Ungarn, Tschechien, Rumänien und Rußland essentiell für die Zukunft der Salzburger Festspiele im nächsten Jahrtausend sein wird"!
Wir müssen nach Osteuropa, weil auch wir selbst unser Wissen dringend ergänzen müssen. Amerikanische und westeuropäische Künstler und ihre Werke sind uns vertraut - sie gehören zu unserem Bildungsniveau. Aber über die großen kreativen Leistungen des östlichen Teiles unseres Kontinents wissen wir vielfach zu wenig. Wir kennen einander nicht genug, und haben einen dringenden gegenseitigen Nachholbedarf, wenn die europäische Integration in einer Schnelligkeit weiter schreitet wie bisher. Sie fängt ja nicht erst an, sondern hat tatsächlich schon mit dem Fall des Eisernen Vorhanges vor 10 Jahren begonnen. Es ist in unserem ureigensten Interesse, den Dialog zu suchen - gar nicht so sehr in dem Sinne, dass wir Menschen dadurch Angst vor etwas Unbekanntem und Neuem nehmen, sondern dass ihnen in diesem geografischen Bereich Bekanntes und Vertrautes überhaupt erst einmal aufgezeigt wird.
2. Wir müssen in der westlichen Welt voll verankert sein: In New York, der Metropole des internationalen Kulturlebens, so wie in den europäischen Hauptstädten London, Paris, Rom, Berlin. Und natürlich nicht nur in den Hauptstädten, sondern in allen Teilen dieser Länder, in den Regionen, in den verschiedenen künstlerischen und wissenschaftlichen Zentren.
Unsere Aufgabe ist es nicht, dass Image Österreichs im Sinne von Johann Strauss und Sisi zu pflegen; unsere Verantwortung richtet sich auf die heutigen Leistungen unseres Landes. Aber wir dürfen uns auch nicht der Illusion hingeben, dass wir das so oft beschworene und positiv besetzte Sängerknaben- und Lippizanerimage überhaupt noch haben. Das Österreichbild in der Welt ist oftmals geprägt von Einzelereignissen, auf die sich die internationalen Medien konzentrieren. Es entspricht nicht der breiten Wirklichkeit Österreichs, und auch nicht dem Selbstgefühl der Österreicherinnen und Österreicher. Nur klafft eine Lücke zwischen diesen Erfahrungen und sie zu überbrücken und zu schließen durch Information und Präsenz in der internationalen Berichterstattung ist unsere verstärkte Aufgabe.
Das Kulturinstitut New York wird gebaut!!! 52ste Straße, direkt ums Eck bei Fifth Avenue. 11th East 52nd Street! Die Eröffnung ist für Oktober 2000 vorgesehen, und wir wollen sie mit einem großen mehrwöchigen Programm gestalten, aber auch in Zukunft den Ansprüchen gerecht werden, die an das laufende Angebot gestellt werden. New York war bisher schon eine große Herausforderung für uns und ist es nun noch mehr. Der Bau von Raimund Abraham ist ein Kulturprogramm, eine Aussage für sich, aber die Veranstaltungen im Haus und auch weiterhin an anderen Orten müssen in ihrer Qualität und ihrem Auffallen entsprechen
3. Wir haben insgesamt 11 Kulturinstitute - dies darf durch den Blickfang New York nun nicht in den Hintergrund geraten - und davon zwei im islamischen Raum: in Istanbul an der Schnittstelle zweier Kontinente und in Teheran. Die Auslandskultur bekennt sich zur Aufgabe des Dialogs, auch mit den Religionen und hat gerade auch in der Gesprächsbasis zwischen Christentum und Islam, die wir als Notwendigkeit für Europa ansehen, in den letzten Jahren durch wissenschaftliche Kontakte auf drei Dialogkonferenzen Akzente gesetzt. Österreich hat immer noch einen guten Ruf in der arabischen Welt. Wir wollen ihn erhalten und sichern, mit weiteren guten bilateralen Kontakten, in der Zusammenarbeit aber auch mit der europäischen Union und den Anrainerstaaten des südlichen Mittelmeeres im Rahmen des sogenannten EUROMED-Prozesses. Ich erwähne das vom Außenministerium unterstützte Projekt der Museumsstraßen im islamischen Raum oder jene kürzliche Jugendbegegnung von Israelis, Palästinensern, Iren, Nordiren und Österreichern, welche hier in Wien und in der Folge dann im Nahen Osten ein gemeinsam erarbeitetes Theaterprojekt aufführten.
Wir sind uns über diese drei genannten Schwerpunkte hinaus natürlich bewußt, daß die Welt größer ist, und Asien (mit Ausnahme Japans und teilweise auch Chinas), Lateinamerika, Afrika, Australien von uns viel zu wenig erhalten. Dennoch gibt es kaum Länder, wo wir überhaupt nicht präsent sind, Doch auch die Globalisierung der österreichischen Außenpolitik kann uns nicht ersparen, Schwerpunkte setzten zu müssen, um als kleines Land nicht der Gefahr der Verflachung und des Gießkannenprinzips zu erliegen.
4. Die multilaterale Auslandskulturpolitik mit ihrem Engagement in der Europäischen Union, im Europarat und in der UNESCO sichert die internationale österreichische Präsenz. Hier geht es nicht um bilaterale kulturelle Kontakte, sondern um die Mitwirkung in den internationalen Entscheidungsprozessen in der kulturellen Entwicklung. Ich bedanke mich bei der Kollegenschaft des Bundeskanzleramtes und des BM für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten für die inhaltlich und menschlich gute Zusammenarbeit während und nach der EU-Präsidentschaft im Kulturministerrat und in den Kulturausschüssen der Europäischen Union. In Wahrung der unterschiedlichen Kompetenzen hat das Außenministerium seine Bereiche eingebracht: Kultur als entscheidendes Mittel zur europäischen Integration, Kultur der EU gegenüber Drittstaaten, den für uns kann ja wohl kaum die Kulturpolitik Europas auf die EU allein beschränkt bleiben und Kultur in der Zusammenarbeit der drei großen internationalen Organisationen. Sie sollen trotz ihrer verschiedenen Aufgaben und Schwerpunkte nicht doppelt oder gar dreigleisig, sondern miteinander ihre kulturpolitische Stärke zeigen - dies wird sich gerade jetzt auch im Kosovo beweisen - und Europa als vielfältige gesellschaftliche und geistige Vorstellung und nicht ausschließlich als einen gemeinsamen Markt sichern.
II Unsere Instrumente
1. Die Gleichzeitigkeit im Kulturbewußtsein von Wissenschaft und Kunst, (wie es vor zwei Jahren in einem Arbeitskreis Prof. Manfred Wagner formulierte) ist Voraussetzung unserer Arbeit! Für uns ist der Prozess wichtiger als das einzelne Ereignis. In der Wissenschaft sehen wir in erster Linie eine Chance der kontinuierlichen Zusammenarbeit, des Heranbildens eines Interesses an Österreich, welches in einer Multiplikatorwirkung von Dauer sein kann. Das BM für Wissenschaft und Verkehr, dem ich ebenfalls für die gute Zusammenarbeit sehr danke, und die Universitäten in ihrer Autonomie haben eigene Programme. Unserer Meinung nach ist es für das Österreichbild auch wichtig, ausländische Studenten und Professoren zu interessieren, an unseren Universitäten zu studieren und zu lehren. Wie leicht und angenehm ist es, hier wissenschaftlich zu arbeiten, zu leben, integriert zu werden. Welch ein Bild Österreichs und der Österreicher nimmt eine Persönlichkeit, die einmal zu den Führungskräften ihres Landes gehören soll, mit.
2. Qualität ist das Motto unserer Arbeit! Qualität der die Auslandskultur vermittelnden Personen und Qualität der Inhalte! Das bedeutet, dass wir eine noch bessere Ausbildung im Außenministerium brauchen, schon in der Heranbildung der jungen Diplomaten, um in der Kulturarbeit in Theorie und Praxis Fuß zu fassen. D.h. auch, dass wir Fachleute in den einzelnen Bereichen heranziehen wollen, Kuratoren, Berater aus dem Musiksektor, um aus dem breiten Angebot das Beste und Geeignetste auszuwählen. Es muss jedoch vor Ort das Gefühl und Wissen entwickelt werden, was in einem Land ankommt und gesucht wird, wie die Situation im Kunstleben sich gestaltet. Die Ausschreibungen für Direktoren von Kulturinstituten und Kulturattaches sind offen für alle Bewerberinnen und Bewerber, welche die Kriterien erfüllen. Ich trete dafür ein, auch von auswärts geeignete Persönlichkeiten heranzuziehen, wie es ja bereits der Fall ist. Erstens ist es unser Anliegen, die besten zu gewinnen, und zweitens tut eine Mischung von innen und außen, wenn man das so sagen kann, immer gut. Ich möchte aber auch nicht übersehen und dies in diesem Rahmen festhalten, welch ausgezeichnete Persönlichkeiten das Außenministerium als Leiter von Kulturinstituten, Kulturräte und Kulturattachés hervorgebracht hat, und diese Chance eines diplomatischen Profils muss gesichert und erhalten bleiben!
3. Wir sind bemüht, geistige Ressourcen zu schaffen und Grundlagen für unsere Tätigkeit zu erarbeiten. Diesem Ziel entsprechen die vom Außenministerium mit Partnern veranstalteten Konferenzen, wie am 18. August das Europapolitische Symposion in Salzburg, wie die Tagung über Multikulturalität in Mittel-, Südost- und Osteuropa im vergangenen September und "Globalität und globale Ethik" im Juni d.J. in Wien. Darin suchen wir eine Basis für unsere Arbeit, um uns auch selbst immer wieder bewußt zu sein, welche Werte wir vertreten. Europäische Politik ohne Kulturpolitik ist ein Stückwerk! Globale Ethik, ein Thema, das auf großes Interesse stieß, ist immer wieder verbunden mit dem Dialog über Menschenrechte, Zivilgesellschaft und kulturellen Pluralismus, die auch wir zu prüfen haben, bevor wir uns in ein Projekt hineinbegeben. Anläßlich des österreichischen Vorsitzes in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa im nächsten Jahr soll ein Pilotprojekt unter dem Titel "Akademie der guten Nachbarschaft" jene Faktoren erforschen, lehren und diskutieren, die das friedliche Zusammenleben von Menschen und Völkern bedingen. In der ersten Phase werden akademische Institutionen aus Wien, Graz, München, Preßburg, Budapest, Bukarest sowie Krakau diese Idee entwickeln, die in weiterer Folge auch auf andere Partner ausgeweitet werden soll.
4. "Das Medium ist die Botschaft"! Dieses inzwischen berühmt gewordene Wort von Marshall McLuhan aus den Sechziger Jahren, dessen Vision von der Welt als einem "Global Village" sich durch die neuen Medien bewahrheitet hat, muss auch für die Auslandskultur gelten. Wir sind nun im Internet, unsere Kulturinstitute präsentieren sich dort mit ihrem Programm. Die ständige Erneuerung und laufende Beschäftigung mit diesen neuen Medien wird unsere Arbeit bestimmen. Wir können nicht Auslandskultur mit den Mitteln von gestern machen. Wir freuen uns daher sehr auf die Diskussion heute nachmittag, denn in allen Bereichen erwachsen durch die Neuen Medien veränderte Rahmenbedingungen und Perspektiven. Die neuen Technologien verändern die Struktur von Kunst und Kulturprozessen. In den Neunziger Jahren entstanden kulturelle Plattformen im Netz - ihre kulturpolitische Wahrnehmung fordert auch die Auslandskultur heraus!
5. Auch in der Auslandskulturpolitik haben wir uns einem Wettbewerb zu stellen, innerhalb Österreichs, weil auch andere Institutionen, Ministerien, vor allem aber auch die Bundesländer kulturelle Aktivitäten setzen, und außerhalb Österreichs, weil wir uns in einer mit kulturpolitischen Mitteln arbeitenden Welt behaupten müssen. Diesen Fragen soll der weitere heutige Vormittag gewidmet sein, wie setzen andere Länder kulturpolitische Instrumentarien hier in Österreich ein, wie sieht die Auslandskulturpolitik der österreichischen Bundesländer aus.
Erlauben Sie zum Abschluss meinen Dank an meine eigene Sektion, an die Kolleginnen und Kollegen für die gute Zusammenarbeit und für das Engagement bei dieser Tagung, vor allem aber auch meinen Dank an Frau MR Mag. Gertrude Kothanek, in deren bewährten Händen auch heuer wieder die Organisation der Auslandskulturtagung gelegen ist. Ich heiße Sie nochmals sehr herzlich willkommen und freue mich auf eine rege Diskussion!
